Soraya und der schwarze Drache
Die letzten Strahlen der Spätsommersonne warfen ihr Licht auf den Wasserfall am See. Überall funkelten und glitzerten die Wassertropfen, zeichneten kleine, bunte Regenbögen in die Luft. Aus der Ferne näherte sich ein leises Donnergrollen, das langsam, aber stetig anschwoll, bis sich schließlich ein Schemen am Abendhimmel abzeichnete. Je näher der Schatten kam, desto dröhnender wurde auch das Donnern. Und je lauter das Donnergrollen wurde, desto mehr verstummten die Vögel, die rings um den See in den Bäumen saßen. Die schwarze Silhouette wurde stetig größer, die Konturen immer deutlicher und entpuppten sich schließlich als riesiger, tiefschwarzer Drache. In seinen Klauen trug das mächtige Tier eine kleine, mit Eisenbeschlägen verzierte Holzkiste. Das Donnergrollen des Flügelschlags war inzwischen so laut, dass es sogar das Rauschen des Wasserfalls übertönte. Pfeilschnell schoss der Drache auf die Wasserwand zu. Für einen Moment stellte er die Flügel auf, schien regelrecht in der Luft stehen zu bleiben. Dann durchstieß der massige Körper den Wasserfall und tausend und abertausende Wassertropfen stoben funkelnd wie Diamanten im Sonnenlicht. Stille kehrte ein, die erst nach und nach vom erneuten Zwitschern der Vögel gefüllt wurde.
Suchend wanderte Soraya durch den winterlichen Wald. Gekleidet war sie lediglich in eine blassblaue, ärmellose Tunika. Die Füße steckten in schlichten, dünnen Lederschuhen. Dennoch fror die junge Frau nicht. Arme und Beine waren überzogen von kleinen, hauchfeinen blauen Schuppen, die im Sonnenlicht irisierten und immer wieder ins Violette changierten. Als Halbdrachin, genauer gesagt als halbe Eisdrachin, konnte die Kälte Soraya nichts anhaben. Zwar würde sie nie über Berge und Täler fliegen, wie ihre Verwandten, die Eisdrachen, doch sonst hatte sie fast alle Vorteile. Nie fliegen? Soraya grinste und entblößte dabei ihre spitzen Zähne. Wenn sie erfolgreich war, wenn sie diese letzte Prüfung bestand, würde sich mit Glück auch das ändern. Neben einem großen, alten Baum blieb Soraya stehen und schloss die Augen. Aus der Ferne hörte sie ein leises Gluckern. Die junge Frau lächelte. Der See war nicht mehr weit entfernt. Mit neuer Energie schritt Soraya voran durch den Schnee, der ihr stellenweise bis fast zu den Waden reichte. Immer wieder wandte sie den Blick zum Himmel und suchte diesen ab, doch sie erblickte keinen anderen Drachen. Auch sonst schien kein Lebewesen in ihrer Nähe zu sein. Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, als die Halbdrachin endlich den Rand eines Abhangs erreichte. Weit breitete sie die Arme aus und sog die kalte Winterluft in ihre Lungen. Als sie ihn wieder ausstieß, tanzten kleine Eiskristalle im feinen Nebel ihres Atems, in denen sich das Licht brach und bunte Lichtpunkte in die Luft zauberte.
Ein letztes Mal suchte Soraya den Himmel und ihre Umgebung ab, bevor sie einen großen Schritt nach vorne trat. Mit weit ausgebreiteten Armen und jauchzend vor Freude schlitterte sie den steilen Abhang hinunter. Erst kurz vor der Ebene rollte sie sich ab und kam wieder auf die Füße. Vor ihr breitete sich zugefrorene See aus. Still lag er da, nichts schien sich zu rühren. Doch nicht für Soraya. Deutlich hörte sie das Gluckern des Wassers, das sich unter der dünnen Eisschicht bewegte. Langsam hob die Halbdrachin den Kopf. Der Blick aus ihren blauen Augen mit den schlitzförmigen Pupillen ruhte auf dem gefrorenen Wasserfall, der in allen Farben des Regenbogens schillerte. Dahinter lag ihr Ziel. Dorthin zog es sie. Dort würde ihre Reise endlich ein Ende finden - und sich ihr Leben mit etwas Glück nach langem Warten ändern.
Soraya setzte den Fuß aufs Eis, wich fluchend zurück und verbarg sich hinter den ersten Bäumen. Von Süden her näherte sich das nur all zu bekannte Donnern von Flügelschlägen. Am Himmel erschien die Silhouette eines rot schimmernden Feuerdrachen, der direkt auf den See und den Wasserfall zuhielt. Lautlos fluchend zog Soraya sich tiefer in die Schatten zurück. Wenn er sie sähe, wäre alles verloren. Direkt über dem See verharrte der Drache in der Luft. Er setzte zum Sturzflug an, um zum Fuß des Wasserfalls zu fliegen, doch schrie vor Schmerz auf und bremste seinen Flug.
Vom Grund des Sees schossen blendend weiße Lichtblitze empor, durchstießen die Eisfläche und brannten sich in die dicke Schuppenhaut des Tieres. Erneut stieß der Drache in Richtung Boden. Dieses Mal schossen nicht nur neuerliche Lichtblitze vom Grund empor, die den Drachen schmerzhaft trafen, auch die Luft unter ihm begann einer Kuppel gleich zu flimmern, sandte weitere Blitze aus.
Sorayas Pupillen weiteten sich, als sich Erkenntnis in ihr breitmachte. Das musste einer der Schutzzauber sein, die der alte Drachenkönig gewebt hatte, um den geheimen Ort vor Unwürdigen zu schützen. Zeitgleich schien auch im Feuerdrachen diese Erkenntnis zu wachsen. Fliegend war die Höhle nicht zu erreichen. Sichtlich frustriert stieß der Drache einen Schrei aus und stieß im Sturzflug zum Ufer des Sees herab. Kaum gelandet, krümmte sich sein Körper, verformte sich, bis er schließlich in menschlicher Gestalt am Rand der Eisfläche stand. Anders als bei Soraya war sein Körper von leuchtend roten Schuppen überzogen.
Ein überhebliches Grinsen lag auf seinem Gesicht. Während er sich noch mit seiner Klauen besetzten Hand durch die Haare fuhr, machte er einen beherzten Schritt nach vorne. Gepeinigt schrie er auf, als ihn eine unsichtbare Wand zurückwarf. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht lag er am Boden und krümmte sich, während immer noch weiße und blaue Blitze über seinen Körper zuckten, die seinen ganzen Körper beben ließen.
Soraya runzelte die Stirn. Erst jetzt bemerkte sie, dass alle Vögel, dass alle Tiere des Waldes verstummt waren und sich eine fast gespenstische Stille über den See legte.
Erneut ließ Soraya ihren Blick zu dem Feuerdrachen wandern, der sich auf einmal mit panisch aufgerissenen Augen die Hände auf die Ohren presste. Doch bis auf das Gluckern des Wasser, das Soraya bereits zuvor gehört hatte, und das auf einmal fast schon unangenehm laut wirkte, konnte die Halbdrachin nichts hören.
Gleich darauf hörte auch Soraya die donnernde Stimme, die direkt aus den Tiefen des Sees zu kommen schien. „Nur wer reinen Herzens ist, kann die Höhle erreichen und ist würdig, den Schatz in Empfang zu nehmen.“ Verwundert zog Soraya die Stirn kraus. DAVON hatte in der geheimen Prophezeiung ihrer Urgroßmutter nichts gestanden. Dann stockte sie auf einmal und stürmte im nächsten Moment auf den am Boden liegenden Feuerdrachen zu, der inzwischen regungslos am Ufer des Sees lag und nur stoßweise atmete. Sie kam gerade schlitternd neben dem jungen Mann zum Stehen, als seine Schuppen anfingen, zu verblassen.
Soraya fluchte herzhaft. Feuerdrachen waren seit jeher die Feinde der Eisdrachen. Doch dieser Mann brauchte ihre Hilfe, sonst würde er den Sonnenuntergang nicht mehr erleben. Noch immer fluchend beugte sich Soraya zu dem Drachen hinunter, packte ihn an den Armen und zog ihn vom Ufer weg. Je mehr Abstand sie zwischen sich und den See brachte, desto friedvoller wurde seine Atmung. Erschöpft ließ sich Soraya neben dem Mann auf einen großen Stein sinken. Ihr Blick glitt nachdenklich zum Ufer. Das Gluckern hatte seltsamerweise nachgelassen. An seine Stelle war ein Leuchten getreten, das aus der Tiefe des Sees kam und die dünne Eisfläche in allen Farben des Regenbogens schimmern ließ. Der Mann neben ihr stöhnte leise. Sofort wandte Soraya ihren Blick wieder ihm zu und sog scharf die Luft ein, als sie die blauen Linien sah, die sich rankenförmig um den ganzen Körper wanden und selbst das noch immer blasse Rot der Schuppen überdeckten. Reflexartig legte sie ihre kalten Hände auf den überhitzten Körper, schloss die Augen und begann Formeln in der alten Sprache zu murmeln. „N‘gang tolet sar‘tan verok.Parin evole‘t sudisse. Fartan m‘bolet edugan.“
Immer wieder wiederholte sie diese Worte und immer lauter wurde sie dabei, bis ihre Stimme über den ganzen See schallte. Je lauter Soraya wurde, desto mehr schienen sich die Ranken vom Körper des Bewusstlosen zurückziehen und sich um ihre eigenen Arme zu winden, wo sie zuerst leuchtend blau aufleuchteten und dann von den Hautschuppen regelrecht aufgesogen wurde. Immer dunkler und intensiver wurden Sorayas Schuppen und immer ruhiger und entspannter wurde der Mann unter ihren Fingerspitzen. Als auch die letzten Ranken verschwunden waren, löste die Halbdrachin ruckartig ihre Hände vom Körper des Feuerdrachen.
Sie taumelte kurz, dann leuchteten ihre Hautschuppen ein letztes Mal hell auf, bevor sie wieder ihre ursprüngliche Farbe annahmen. Erschöpft sank Soraya zurück und ließ sich in den angenehm kühlen Schnee sinken. Erst eine ganze Weile später richtete sie sich erneut auf und musterte den noch immer bewusstlosen Drachen. Seine Schuppen hatten ebenfalls wieder ihre eigentliche Farbe angenommen und von den Ranken, die noch vor kurzem seinen Körper überzogen hatten, war nichts mehr zu sehen. Auch sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Langsam wandte Soraya ihren Blick wieder dem See zu. Das Gluckern schwoll abermals an, schien sie regelrecht zu rufen. Wie in Trance erhob sich die Frau und schritt erneut auf den See zu. Erst direkt an der Uferkante wurde ihr Blick wieder klarer. Und jetzt hörte sie deutlich die Stimme, die sie in der alten Sprache zu rufen schien. „Bal‘tarok tiéss odi‘tur. Kara‘ntan ferot‘ntis.“
Ein letztes Mal warf Soraya den Blick zurück zu dem Bewusstlosen, der unverändert regungslos am Boden lag. Lediglich der Schnee in seiner Umgebung war geschmolzen. Soraya stieß erleichtert den Atem aus. Der fremde Drache würde überleben. Sie sprach sich selbst Mut zu und machte einen Schritt auf die dünne Eisfläche. Sofort sprang sie zurück, als das Eis unter ihr zu Knirschen und zu Knacksen begann. „Tàl barék soltan‘ntar.“ - „Das Eis ist zu dünn, junge Kriegerin.“ sprach die Stimme zu ihr. Nachdenklich sank Soraya auf die Knie.“ „Talin‘dàn repòtek indran‘tàn.“ - „Nutze Deine Kräfte, Halbdrachin.“ Soraya atmete tief durch. Dann legte sie ihre Hände auf das Eis und schloss die Augen, doch bis auf ein leichtes Kribbeln unter ihren Handflächen geschah nichts. Frustriert öffnete Soraya die Lider. „Lat‘nis para‘ntati goran‘tin fre‘ntàn?“, fragte die Stimme beinahe amüsiert. „Tak‘lok tar‘nat berk‘ltat!“ erwiderte Soraya leicht gereizt. Doch dann schloss sie erneut die Augen und atmete tief ein, wie die Stimme es ihr befohlen hatte. Je tiefer sie einatmete, desto mehr kribbelte es in ihrer Brust. Ein Gefühl, wie ein tiefer Atemzug in eiskalter Winterluft, voll mit Eiskristallen. Überrascht öffnete sie die Augen und hielt für den Moment die Luft an. Jetzt verstand sie, was die Stimme gesagt hatte: Fre‘ntàn. Der kalte Atem - oder auch der Eisatmen. Soraya beugte sich tief nach unten, bis ihre Lippen fast das Eis berührten. Ganz langsam ließ sie den angehaltenen Atem entweichen und tausend und Abertausende Eiskristalle, klein wie Staubkörner, tanzten über den zugefrorenen See und legten sich auf das Eis. Einem Weg gleich leuchtete und funkelte ein schmales Band auf der Eisfläche, das direkt auf den Wasserfall zuführte. „Kal‘dràn métok g‘dran“ forderte die Stimme. „Und jetzt komm zu mir.“
Behutsam setzte Soraya erst den einen Fuß, dann den anderen, auf die Eisfläche. Und dieses Mal schien das Eis sie zu tragen. Langsam, Schritt für Schritt, ging sie das Band entlang, während die Stimme sie weiter lockte und rief. Erst direkt vor dem Wasserfall blieb sie stehen. Noch immer funkelte das gefrorene Wasser in allen Regenbogenfarben. Doch jetzt, aus der Nähe, sah Soraya den schmalen Spalt, der sich mitten im Wasserfall vor ihr auftat und zuvor durch das Glitzern nicht aufgefallen war. Soraya zögerte. Sie war schon so weit gekommen. Doch war sie auch bereit, diesen letzten Schritt zu gehen? Ihre Finger legten sich sanft auf den Wasserfall. Obwohl zu Eis erstarrt, nahm sie die Kraft des Wassers spürbar wahr. Nein. Es war nicht die Energie, die durch den klirrenden Frost gefesselt war. Es war der Durchgang, der sich langsam vor ihren Augen zu schließen begann. Ohne zu zögern, zwängte sich Soraya durch den schmalen Spalt. Doch anstatt in der Dunkelheit einer Höhle zu stehen, fand sie sich in einem langen, von glasklaren Kristallen erhellten Gang wieder. Die Kristalle fingen die letzten Strahlen der Sonne ein und warfen sie tausendfach an die Wände zurück. Ehrfürchtig folgte Soraya dem steinernen Korridor immer tiefer in den Berg hinein, bis es vor ihr auf einmal noch heller wurde. Gleich darauf stand sie in einer großen Höhle, komplett von Eis überzogen. In ihrer Mitte lag ein riesiger, schwarzer Drache. In seinen Vorderklauen hielt er eine kleine, mit Eisenbeschlägen verzierte Holztruhe. Als Soraya vor ihn trat, hob der alte Drache langsam den Kopf. Dann begann er zu sprechen. Doch anstatt dass er den Mund bewegte, erklangen die Worte direkt in Sorayas Gedanken. Es war dieselbe Stimme, die sie zuvor gehört hatte, die gleiche, die mit ihr gesprochen hatte. Noch bevor sie zu einer Antwort ansetzen konnte, lachte die Stimme in ihrem Kopf amüsiert auf. „Ich weiß bereits, warum du hier bist…“ „Wie kann er das wissen?“ dachte Soraya und erneut hörte sie ein leises Lachen in ihrem Geist. „Jedes Wort, das du denkst, kann ich hören, als ob du es laut aussprichst.“ Soraya runzelte die Stirn. „Ihr wisst also, dass ich Euch um Euren Schatz bitten will?“, formulierte sie in Gedanken. Der alte Drache neigte den Kopf. „Ja, mein Kind. Doch wie ich bereits sagte: Nur wer reinen Herzens ist, ist würdig, meinen Schatz in Empfang zu nehmen. Bist du reinen Herzens?“ Betreten senkte Soraya den Blick. „Ich weiß es nicht“, gab sie dann aufrichtig zu. Der alte Drache schien zu lächeln. „Das habe ich mir bereits gedacht. Und deshalb habe ich dich geprüft.“ Fragend legte Soraya den Kopf schief. „Ihr habt mich geprüft?“ Der Drache nickte. Dann hob er die rechte Klaue und wies den Gang entlang in Richtung Wasserfall. Soraya wandte sich um. Dort, weit hinter dem gefrorenen Wasser, schien etwas rot zu leuchten. Langsam schritt die junge Halbdrachin den Gang zurück bis vor den Wasserfall. Das Eis veränderte sich, wurde durchsichtig und gab den Blick auf das gegenüberliegende Ufer frei.
Dort lag, an der gleichen Stelle, an der sie ihn zurückgelassen hatte, der Feuerdrache, den nun jedoch ein intensives Leuchten überzog. Das Strahlen wurde immer stärker und schien den Mann regelrecht zu verzehren. Auf einmal wurde der Körper immer durchscheinender, bis er sich schließlich als roter, hell leuchtender Nebel in die Luft erhob und direkt auf den Wasserfall zu schwebte. Mühelos durchbrach er den Wasserfall, bevor er sich in den Kristallen im Korridor verfing und dabei immer schwächer wurde. Lediglich ein letzter kleiner Funke schwirrte den Gang entlang zurück in die Höhle und Soraya folgte ihm.
Schließlich blieb der Funke direkt über dem Kopf des schwarzen Drachen schweben. „Ich habe dich geprüft und du hast die Prüfung bestanden. Du BIST reinen Herzens, denn du hast einem Drachen eines anderen Stammes, eines Stammes, der mit deinem Volk im Krieg liegt, geholfen und ihm so das Leben gerettet. Seit Jahrhunderten bist du die erste Drachin, die diese Prüfung bestanden hat. Daher gewähre ich dir einen Wunsch. Doch wähle weise, denn du hast nur den Einen.“
Für einen Moment verharrte Soraya in ihrer Position. War es wirklich das, was sie ersehnte? Es gab so viel anderes, was sie erbitten konnte. Doch schließlich sah sie den schwarzen Drachen an. „Ich möchte ein vollwertiger Drache werden.“ Mit Bedauern hob dieser den Kopf. „Das habe ich befürchtet. Doch das ist leider der einzige Wunsch, den auch ich dir nicht erfüllen kann. DeinVater war ein Mensch. Daran kann selbst ich nichts ändern.“
Enttäuscht senkte Soraya den Blick. War etwa alles vergebens? Die ganzen Strapazen der Reise, die sie auf sich genommen hatte? Plötzlich hörte sie den alten Drachen in ihrem Geist milde lachen. „Ich kann dich nicht in einen Drachen verwandeln, mein Kind. Aber ich kann dir die Gabe des Fliegens schenken. Nimm diese Kiste. So es dir vorbestimmt ist, wirst du sie öffnen können.“ Behutsam rückte der alte Drache die Kiste näher zu Soraya. Die Halbdrachin kniete sich auf den Boden. Mit vor Anspannung zitternden Fingern griff sie nach der Truhe und schob langsam den Riegel zurück, klappte lächelnd den Deckel auf. Dort, im Inneren der Kiste und gebettet auf schwarzen Samt, lag ein goldenes Amulett mit einem glasklaren Kristall.
Der Drache hob den Kopf und unter seinem stechenden Blick sank der rote Funke nach unten, verfing sich in dem Kristall und wurde von diesem als kleiner, leuchtender Funke in der Mitte eingeschlossen. „Nimm dieses Amulett“ forderte er Soraya auf. Kaum, dass die Frau den Schmuck um den Hals hängen hatte, spürte sie, wie eine neue Kraft sie durchdrang. Während Soraya noch mit geschlossenen Augen in sich hinein horchte und merkte, wie sich ihr Körper langsam verformte, hörte sie die Stimme des alten Drachen, der zu ihr sprach. „Der Funke soll dich an dein reines Herz erinnern. Lasse dich stets von ihm leiten.“ Soraya öffnete die Augen. Sie wollte dem schwarzen Drachen danken, doch das Letzte, das sie von ihm sah, war ein dunkler Schemen, der langsam verblasste. „Flieg. Flieg hinauf!“ hörte sie eine Stimme wie aus weiter Ferne.
Soraya hob den Kopf und sah, wie sich hoch über ihr die Decke öffnete und den Blick auf den vollen Mond freigab. Als hätte sie nie etwas anderes getan, breitete Soraya die Flügel aus und ließ sich von ihnen nach oben tragen, immer dem Vollmond entgegen. Als sie zurück nach unten blickte, sah sie, wie sich das Loch in der Höhlendecke schloss. Einen Moment lang blieb sie in der Luft stehen und warf einen letzten Blick auf den gefrorenen See, wo noch immer das Band im Mondschein glitzerte. Dann trugen ihre Flügel sie davon in die Ferne.