Kapitel 1 - Liebster Feind
Der Wind rauschte sachte durch das Fenster des kleinen Raums. Es war warm hier drin, deshalb machte Kitty der kleine Luftzug überhaupt nichts aus. Sie hatte ihre Augen noch geschlossen und ließ den Wind sanft mit ihren langen, leicht gewellten Haaren spielen.
Schon stundenlang lag Kitty auf diesem Bettchen. Sie wusste nicht genau, ob sie während dieser Zeit mal eingeschlafen war, oder die ganze Zeit über wach war und nachdachte. Wenigstens hatte Kitty keinen seltsamen Traum mehr gehabt.
Als Kitty einfiel dass sie in den letzten Stunden nicht geträumt hatte, musste sie plötzlich wieder an ihren Traum von der letzten Nacht denken. Der Traum, über den Lina sagte, es sei gar kein Traum gewesen. Noch immer schien Kitty reichlich durcheinander gewesen zu sein. Sie wusste noch immer nicht genau, was nun wahr war, und was nicht. Dass sie ihn nun hatte, den Stein der Wahrheit, beruhigte sie jedoch etwas. Auch wenn er mit einer Antwort auf sich warten ließ. Aber Kitty war sich sicher, dass er ihr eines Tages die Wahrheit sagen würde.
Plötzlich rumpelte es vor der Türe, die zu Kittys kleiner Hütte führte, in der sie die letzten Stunden verbrachte. Und keine zwei Sekunden später sprang die Türe auf.
„He, Kitty“, sagte Jojo, die ihren Kopf vorsichtig durch die Türe hinein steckte. „Hast du die ganze Zeit nur da gelegen?“
Fast unmerklich nickte Kitty.
„Weißt du, was du alles verpasst hast?“ Jojo fuchtelte mit ihren Armen herum, während sie Kittys Hütte betrat. „Das ist eine richtig tolle Gegend hier. Voll die schönen Irrwege, lauter Verstecke, und man kann hier wunderbar mit dem Tajuna-Ball spielen.“
„Schön“, sagte Kitty teilnahmslos.
Jojo blickte sie an, und als sie merkte, dass offenbar mit Kitty etwas nicht stimmte, setzte sie sich neben sie auf die Bettkante.
„He, komm schon, Kitty“, sagte Jojo. „Komm, rappele dich hoch. In weniger als einer Stunde werden wir sowieso aufbrechen.“
Kitty hätte Jojo gerne vom Stein der Wahrheit berichtet. Aber irgendetwas in Kitty wollte, dass sie das nicht tut. Irgendwie hatte Kitty so ein Gefühl, dass es momentan besser wäre, Jojo zunächst nichts über den wundervollen Stein zu sagen, den sie von Lina bekommen hatte.
„Ich muss noch immer an diesen seltsamen Traum denken“, sagte Kitty stattdessen.
„Du meinst den Traum mit dem Jahrmarkt? Kitty – du wolltest das doch vergessen.“
„Weißt du, Jojo“, begann Kitty, „manchmal weiß ich nicht mehr so genau, was Wirklichkeit ist, und was nicht. Ich meine, was passiert, und was ein Traum ist. Es fühlt sich zeitweise so merkwürdig an, so als würde sich das alles irgendwie vermischen.“
„Ich weiß“, sagte Jojo. „Das Gefühl haben mehrere aus der Karawane. Das muss wahrscheinlich mit den physikalischen Gesetzen dieser Gegend zusammenhängen.“
„Ich denke nicht, dass das einfach nur physikalische Gesetze sind.“
Jojo zog Kitty dann am Arm, und so stand Kitty schließlich aus ihrem Bett auf.
Als Jojo und Kitty aus der Hütte herauskamen, hatten die meisten Leute bereits ihre Kutschen neu beladen. Die, deren Kutschen dem Feuer zum Opfer fielen, hatten neue Kutschen erhalten. Die Bewohner dieses Tals, die Shor’zéen, gaben der Karawane neuen Proviant, neue Zelte und Schlafsäcke.
Als Kitty und Jojo an der kaiserlichen Kutsche ankamen, waren Dennis, Sydney und Natalie bereits fast fertig mit dem Einräumen. Torok, der Wortführer der Shor’zéen, stand bei ihnen.
„Unsere Berechnungen sind nun abgeschlossen“, sagte Torok zu Dennis. „Wir werden in wenigen Minuten aufbrechen können.“ Dann entdeckte er Kitty. „Ah, Kitty, da bist du ja.“
„Was meinst du damit, eure Berechnungen seien nun abgeschlossen?“, interessierte sich Kitty.
„Wir sagten dir ja, dass wir eine weite Reise erheblich verkürzen können. Dank unserer hohen Mathematik sind wir in der Lage, die kürzesten und unmöglichsten Wege zu berechnen“, erklärte Torok. „Das hat mit den physikalischen Gesetzen zu tun.“
„Aha“, machte Kitty, obwohl sie fast nichts verstand. „Torok, ich glaube, es wäre gut, wenn du mit uns im ersten Wagen reisen würdest.“
„Nun“, sagte Torok, „Tuvar, Taljum und ich hatten eigentlich eine eigene Kutsche für uns reserviert. Aber Tuvar und Taljum werden auch gut alleine zurechtkommen. Gerne nehme ich die Ehre an, in der kaiserlichen Kutsche reisen zu dürfen.“
Kitty nickte ihm zu. Dann stiegen nach und nach alle Mitreisenden in ihre Wagen und warteten, dass Kitty das Signal gab, die Karawane in Gang zu setzen.
„Mäuslein, alles in Ordnung bei dir?“, fragte Dennis.
Kitty lehnte wortlos ihren Kopf an seine Schulter.
„Auf geht’s, Troi!“, rief Jojo dem Kutscher zu, nachdem auch Torok, Sydney und Natalie in dem Wagen, der die Karawane anführte, Platz genommen haben. Und dann fuhren sie los.
Zunächst konnte man nichts Ungewöhnliches bemerken. Die Wagen fuhren auf einem breiteren Weg hintereinander her, und die Gegend änderte sich nicht sehr.
Monoton schallte das Geräusch der klappernden Hufen von den Bergen und Hügeln wieder, die das Tal umrandeten. Es war offenbar doch viel größer, als es Kitty oder Jojo zunächst vermutet hatten. Oder sie haben das Tal der Shor’zéen bereits hinter sich gelassen und wussten es nur noch nicht. Auf jeden Fall waren sie bereits seit vielen Stunden unterwegs, und mittlerweile war es auch schon bereits mitten in der tiefen Nacht. Kitty dachte wieder nach.
„Was ist?“, fragte Jojo in die Stille hinein.
„Nichts“, sagte Kitty knapp.
„Was grübelst du? Sieht doch ganz gut aus bis jetzt“, sagte Jojo voller Tatendrang.
„Ich weiß nicht“, sagte Kitty. Sie blickte aus dem Fenster. „Draußen verändert sich gar nichts. Wenn wir schneller weiter kommen, müssten wir es doch merken, oder nicht?“ Kitty wandte sich mit dieser Frage an Torok, der ihr gegenüber saß.
„Wir werden noch merken, wie schnell wir voran kommen“, sagte Torok stolz. „Ihr werdet staunen, wozu unsere Mathematik fähig ist.“
„Kitty, das gefällt mir nicht“, sagte Jojo plötzlich streng, worauf Kitty sie fragend ansah. „Das gefällt mir überhaupt nicht“, setzte Jojo fort. „Du lässt die Mission völlig außer Acht.“
„Was? Spinnst du?“ Kitty schüttelte verständnislos ihren Kopf.
„Du redest die ganze Zeit von deinen Träumen, darüber, wie es dir geht, und was dich beschäftigt“, warf Jojo ihr vor. „Du denkst gar nicht mehr an die anderen. Soll ich dir mal was sagen, Kitty? Das finde ich voll egoistisch und gemein.“
„Aber Jojo... das ist doch gar nicht wahr, was du da sagst“, meinte Kitty mit verzweifelter Mine. „Ich will mehr als alles andere die Mission für uns und unsere Karawane erfüllen. Für alle Menschen in Lantyan. Für ganz Naytnal. Wie kannst du sagen, ich sei egoistisch?“
„Jojo! Kitty!“, versuchte Dennis, die beiden Mädchen zu beruhigen.
„Was ist los?“, stammelte Natalie, die sich gerade verschlafen die Augen rieb.
„Du ziehst dich immer weiter zurück“, meckerte Jojo. „Du sagst nichts mehr, du redest mit niemandem mehr, außer mit Dennis. Neulich sagtest du, du hast das Gefühl, dass ich dich nicht mehr mag. Kitty, weißt du, was ich glaube? Du bist es, die mich nicht mehr mag. Vielleicht magst du ja niemanden mehr. Du mit deinem Alleingang...“
„Was um alles in der Welt redest du da, Jojo? Du bist diejenige, die sich in letzter Zeit so seltsam verhält. Du sagst merkwürdige Sachen. Deine Launen verändern sich im Minutentakt. Eben bist du noch lieb und nett, dann brüllst du herum...“
„Lasst das!“, mahnte Dennis beide Mädchen. „So kommen wir nicht weiter.“
Aber Kitty zeigte sich unbeeindruckt. Jetzt war sie richtig in Fahrt und konnte Jojo endlich mal sagen, was sie die ganze letzte Zeit sie betreffend so beschäftigt hatte.
„Und dann deine Freundschaft zu Mik“, schrie Kitty Jojo an. „Er ist zweifelhaft. Ich weiß nicht, was du an ihm so toll findest.“
„Eifersüchtig bist du, jawohl“, brüllte Jojo.
Sydney, die in der Zwischenzeit auch aufgewacht ist, schüttelte ihren Kopf und blickte Natalie fragend an. Diese zuckte jedoch nur mit den Schultern.
„Ich und eifersüchtig?“, sagte Kitty. „Jojo, es ist mein Ernst. Wir müssen wegen Mik aufpassen.“
„Das kannst du ja gerne machen“, sagte Jojo laut. „Ich vertraue ihm. Ich weiß, dass er uns dorthin bringt, wo wir hin müssen.“ Jojo stand auf und hielt die Hand an den Türgriff. „Weißt du was, Kitty?“, fragte sie nun plötzlich mit einer ganz ruhigen Stimme. „Vielleicht bist du ja nicht die Richtige, um diese Mission zu leiten. Vielleicht hat Naytnal die falsche Kaiserin.“
Dann huschte Jojo, ohne eine Reaktion von Kitty abzuwarten, während der Fahrt aus der Kutsche heraus. Und Kitty vergrub heulend ihren Kopf in Dennis’ Schulter.
„Ist ja gut“, versuchte Dennis, sie zu trösten. „Sie wird sich schon wieder einkriegen.“
„Was ist mit ihr?“, stammelte Kitty. „Sie ist gegen mich. Warum?“
Dennis hielt seine Freundin einfach fest. Er wusste, dass es jetzt nicht viel bringen würde, mit Kitty darüber zu philosophieren, was in Jojos Kopf wohl vorgeht. Momentan konnte auch er diese Situation nicht ändern.
Es war nicht das erste Mal, dass Jojo in der letzten Zeit einen Ausraster bekam. Und wenn sie dann aus der kaiserlichen Kutsche abhaute, zog es sie meistens zu ihrem neuen Schwarm, zu Lord Mik Harrow, der in der zweiten Reihe direkt hinter der kaiserlichen Kutsche ritt.
Kitty konnte Jojo beobachten, wie sie zu ihm ging. Sie sah, wie sie auf sein Pferd sprang, und er sie hoch zog, während die kaiserliche Kutsche plötzlich einen am Boden liegenden Baumstamm umfahren musste. Kitty sah, wie Jojo die Zügel des silbernen Pferdes von Mik in ihre Hände nahm, um sich dann auf den Sprung über den Baumstamm zu konzentrieren. Offenbar wollte sie ihn nicht umgehen, wie es Troi mit der kaiserlichen Kutsche machte. Offenbar wollte Jojo mit Mik und seinem Pferd darüber hinweg springen.
Und dann sprang sie. Und plötzlich schien das Bild anzuhalten. Jojo, Mik und auch das silberne Pferd hingen für einige Sekunden lang in der Luft. Kittys Augen wurden groß vor Schreck. Sie hingen mitten in der Luft, einfach so. Ohne dass sie irgendetwas oder irgendjemand festhielt. Kitty sah genau hin. Die anderen Kutschen fuhren weiter. Es war nur das eine Pferd, welches still in der Luft hing, mit Jojo und Mik auf seinem Rücken.
Nach einigen Sekunden vollendete dann das Pferd von Mik seinen Sprung. Und alles lief plötzlich wieder seinen gewohnten Gang, so als sei nichts gewesen.
„Habt ihr das gesehen?“, stammelte Sydney, die ebenfalls diese Sache verfolgt hatte. Sie wandte sich an Torok. „Was ist das, was das geschehen lässt?“, fragte sie ihn. Aber er schüttelte nur stark verwundert den Kopf.
„Das ist das gleiche Phänomen wie damals mit den Tonschalen. Oder das mit der Schiffstaufe...“, stellte Natalie nachdenklich fest.
„Nein“, sagte Kitty dann leise. „Diesmal ist es anders.“ Sie machte eine Pause und streifte sich Haare von ihrer Stirn. „Als die Tonschalen hinfielen, und bei der Schiffstaufe, da waren nur Dinge betroffen. Leblose Dinge. Jetzt sind zwei Menschen mittendrin gewesen, in etwas, das wir nicht kennen.“
Sydney und Natalie sahen Kitty verwundert an. Troi wollte die Kutsche anhalten, denn er hatte ebenfalls bemerkt, was passiert ist, aber Dennis gab ihm ein Zeichen, dennoch weiterzufahren.
„Versteht ihr nicht?“, setzte Kitty fort. „Diesmal hat sich die Zeit plötzlich um Jojo und Mik herum irgendwie verlangsamt. Und sie schienen es nicht mal gemerkt zu haben.“
„Oh, je...“, machte Natalie.
„Was ist, wenn das noch häufiger passiert?“, fragte Sydney ängstlich.
„Wir müssen herausfinden, wo dieses Phänomen herkommt“, sagte Dennis schließlich. „Und ich vermute, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis wir darauf eine Antwort erhalten.“
Dennis hatte offenbar wieder eine seiner Vorahnungen. Kitty kannte das an ihm sehr gut. Sie wusste auch, dass sie ihm vertrauen konnte, deshalb musste sie nicht weiter fragen, worüber Dennis grübelte. Sie wusste, er würde es ihr sagen, sobald es an der Zeit dazu sei.
Während Kitty und die anderen in der kaiserlichen Kutsche noch immer wegen dem Phänomen zitterten, welches ihnen nunmehr bereits zum dritten Mal begegnet war, schienen Jojo und Mik tatsächlich gar nicht bemerkt zu haben, was gerade eben vor sich ging. Schritt für Schritt ritten sie weiter.
„Na, Jojo, gab es wieder Schwierigkeiten in der kaiserlichen Kutsche?“, lächelte Mik. Er war sichtlich froh darüber, dass Jojo nun wieder bei ihm auf dem Pferd ritt.
„Kitty nervt“, sagte Jojo gereizt.
Aber schon in der nächsten Sekunde, als Mik, der hinter ihr saß, die Arme von hinten um sie legte, huschte ein Lächeln über Jojos Gesicht.
„Jojo, Kitty ist aber deine Schwester“, sagte Mik dann. „Wenn sie nervt, müsst ihr darüber reden.“
„Mit Kitty kann man nicht mehr reden“, sagte Jojo. „Ich verstehe das auch nicht. Früher konnten wir uns immer alles sagen. Wir konnten über alles miteinander reden. Und jetzt?“
Jojo spielte sachte mit ihrem Gewand. Vorsichtig strich ihre Hand immer wieder über das wundervolle Naytnal-Wappen, während sie sich zurück lehnte.
„Weißt du“, sagte sie schließlich lächelnd zu Mik, „ich bin sowieso viel lieber mit dir zusammen. Bei dir fühle ich mich viel...“ Jojo überlegte, aber ihr fiel das Wort nicht ein, welches ihr momentan fehlte.
„Wichtiger?“, fragte Mik schließlich.
„Ja“, flüsterte Jojo. „Bei dir fühle ich mich so wichtig...“
„Jojo, Süße“, sagte Mik zu Jojo, während er ihr sanft über ihr hellbraunes, schulterlanges Haar strich. „Weißt du, dass du eine tolle Kaiserin wärst?“
„Was meinst du damit, Mik?“, fragte Jojo verwundert. „Kaiserin über welches Reich?“
„Über ganz Naytnal“, antwortete Mik. „Du wärst eine tolle Kaiserin für den Stern der Reiche.“ Stolz blickte er Jojo an.
Jojo war sehr beeindruckt davon, aber auch realistisch genug.
„Mik, das ist sehr lieb, dass du das sagst“, entgegnete sie. „Aber du weißt doch, dass nur die Schöpferin des Sterns der Reiche seine Kaiserin sein kann. Und das ist Kitty. Sie baute das Mobile, welches die Türe in diese Welt öffnete. Sie ist die Schöpferin.“
„Sicher ist sie das“, sagte Mik lächelnd. „Aber wem hat sie den größten Anteil ihrer Träume, ihrer Ängste und ihrer Wünsche gewidmet? Wer spielt seit jeher die wichtigste Rolle in Kittys Träumen?“
„Unsere Mom?“, fragte Jojo nachdenklich. „Dennis?“
„Jojo, du bist es“, erklärte Mik. „Stets, und von Anbeginn an, warst du der größte Teil von Kittys Träumen, Ängsten und Wünschen. Du hast das Meiste von dem Stoff ausgefüllt, aus dem sie ihr Mobile baute.“
„Aber dennoch ist sie die Schöpferin.“
„Ja, das schon“, sagte Mik. „Aber wer sagt denn, dass sie immer die Kaiserin bleiben muss? Du hast ein ihr ebenbürtiges Potential für diese Aufgabe. Du verfügst über die gleichen Träume, Ängste und Wünsche wie Kitty. Du hast zu Naytnals Existenz einen großen Teil beigetragen. Es wäre dir angemessen, dass du Naytnals Kaiserin werden würdest.“ Mik klopfte stolz auf Jojos Schulter. „Sei mal ehrlich, hast du noch nie daran gedacht, wie es wäre, wenn nicht Kitty, sondern du die Kaiserin des Sterns der Reiche wärst?“
„Na ja...“, gab Jojo zu, „schon manchmal dachte ich daran.“
„Siehst du?“ Mik lächelte sie an.
„Aber ich kann es doch nicht wirklich werden... oder?“, fragte Jojo.
„Wer weiß?“, lächelte Mik zurück.
In der kaiserlichen Kutsche war es nun wieder sehr ruhig. Kitty war mal wieder am Nachdenken. Nur gut, dass sie nicht mitbekommen hatte, worüber Jojo und Mik sich gerade unterhielten. Oder hatte Kitty vielleicht eine Vorahnung? Sie schaute sehr traurig, sehr müde und mit ihren Nerven am Ende aus dem Fenster hinaus. Wann bloß würde es wieder besser werden?
Plötzlich, und zwar genau in dem Moment als es niemand mehr erwartet hatte, geschah das Merkwürdige: Wie durch Zauberkraft schwebte die kaiserliche Kutsche plötzlich in die Höhe. Kitty, Dennis, Sydney und Natalie schauten verwundert und blickten ängstlich aus dem Fenster hinaus. Und Torok lächelte.
„Es ist schon in Ordnung“, beruhigte er die anderen.
Und dann entdeckten Kitty und die anderen es: Nicht bloß die kaiserliche Kutsche schwebte in die Höhe, auch das Pferd, auf dem Mik und Jojo saßen. Auch die dahinter fahrende Kutsche der Shor’zéen Tuvar und Taljum und auch alle anderen Pferde und Kutschen schwebten auf einmal. Die gesamte Karawane schnellte wie von Geisterhand hoch hinauf. Jetzt schwebte die Karawane circa 1000 Meter über dem Boden. Und mit einem Mal begann sie, sich irre schnell fortzubewegen. Schneller als ein Vogel glitt sie durch die Lüfte. Schneller als ein Flugzeug schwebten alle Wagen und Pferde voran. Schneller als der schnellste Wind schoss nun die ganze Karawane in Richtung Morgen hinein, während am Osthorizont langsam die Sonne wieder aufging.
In weniger als zwei Tagen schaffte es die Karawane, bestückt mit mittlerweile immerhin über zwanzig Kutschen, mindestens doppelt so vielen Pferden und mehreren silbernen Rittern, einen Weg von über zehntausend Kilometern im Flug zurückzulegen. Dafür hätte man auf die herkömmliche Art und Weise garantiert wochenlang gebraucht.
Es war schon helllichter Tag, beinahe schon Abend, als nun erst die Letzten sich langsam an den Flug mit ihren Kutschen gewöhnt hatten. Insbesondere Sydney und Natalie hatten Schwierigkeiten, sich dieser Sache anzupassen. Nun hatten sie es aber geschafft, erst jetzt wo die Flugreise sich beinahe schon ihrem Ende näherte.
Kitty bemerkte es als Erste, wie sie plötzlich wieder langsamer wurden. Sie konnte fühlen, dass die kaiserliche Kutsche an Höhe verlor.
„Was bedeutet das?“, fragte sie an Torok gerichtet. „Werden wir wieder angegriffen?“
„Nein“, beruhigte Torok sie. „Wir werden nur langsamer, weil wir gleich herunter gehen werden.“
„Sind wir am Ziel?“, wollte Dennis dann wissen.
„Wir sind ganz in der Nähe des Ortes, zu dem ihr wolltet“, berichtete Torok. „Wir können nur leider nicht genau dort landen. Das letzte Stück müssen wir zu Fuß gehen.“
„Du... du meinst“, stammelte Kitty, „unter uns ist das Reich der Träume? Einer der geheimsten aller Orte?“
„Es ist unweit von hier“, erklärte Torok.
Aufgeregt sahen Kitty, Dennis, Sydney und Natalie aus dem Fenster. Immer tiefer sank die kaiserliche Kutsche, und die anderen Wagen und Pferde machten es ihr wie durch magische Kraft nach.
Und Kitty bekam dann riesengroße Augen von dem, was sie unter sich sah: Da war eine Ebene, die irgendwie in einem Tal hing. Das Ungewöhnliche daran war, dass die Ebene von dem Bergmassiv exakt kreisrund umrandet wurde.
Kitty sah näher hin. Und erst jetzt, beim zweiten Hinsehen, konnte sie es erkennen: Unter ihnen befand sich keine Ebene, auch kein Tal. Das Ganze war nichts als ein riesiger, großer Krater, der sich kreisrund über eine Felslandschaft erstreckte. Ein Meteorit von der Größe einer Kleinstadt musste ihn verursacht haben. Ohne weiteres war der Krater so groß, das in ihm ein ganzes Land, vielleicht sogar ein ganzes Meer Platz gehabt hätte.
Kitty versuchte Einzelheiten auszumachen. Im Krater schienen mehrere Farben bunt heraus. Bei näherem Hinsehen erkannte sie kleine, merkwürdig aussehende Objekte – vielleicht Häuser – die von der Abendsonne angestrahlt wurden. Kitty konnte auch andere, seltsame Formen entdecken, die ebenfalls bunt leuchteten. In der Gesamtform bildeten die einzelnen Objekte dort unten möglicherweise etwas, das einer Stadt glich. Es schien jedoch völlig aus Glas zu sein. Es musste Glas sein, so wie es das Licht der Abendsonne so reflektieren und brechen konnte, dass es bunt strahlte.
Die Karawane flog langsam über diese seltsamen Gebilde im Krater hinweg und flog über den Rand des Kraters. Gute zehn Kilometer entfernt setzte die Karawane dann schließlich auf.
Als Kitty, Dennis, Sydney und Natalie, gefolgt von Torok, dann die kaiserliche Kutsche verließen, waren bereits alle anderen Mitreisenden schon ausgestiegen, beziehungsweise von ihren Pferden abgestiegen.
Eilig kam Jojo zu Kitty gerannt.
„Wahnsinn!“, rief sie aus. „Das war ja irre, so zu fliegen, nur auf einem Pferd.“
„Wie geht es dir, Jojo?“, fragte Kitty gleich. Sie wollte unbedingt sofort wissen, wie Jojo zu ihr stand. Ob sie ihren Streit zu Beginn dieser Etappe schon wieder vergessen hatte. Sie wollte sich so gerne mit ihr versöhnen.
Aber Jojo blickte Kitty nur kühl an. Dann wandte sie sich sofort Dennis zu.
„Wo sind wir, Dennis?“, fragte sie, und plötzlich wirkte sie sehr sachlich.
„Wir sind mehr als zehntausend Meilen gereist“, sagte Dennis.
„Ich bin sicher, dass ganz in der Nähe der Ort ist, nach dem wir suchen“, sprach Mik, der gerade hinter Jojo zu den anderen angelaufen kam. „Die Gegend, das vermeintliche Tal – alles passt zusammen. Es trifft genau die Beschreibungen, die mir von einem Reich bekannt sind, welches sehr geheim ist. Man nennt es das Reich der Träume.“
„Das hier ist es?“, wunderte sich Jojo. „Sieht etwas trostlos aus dafür – nur Felsgestein, keine Pflanzen...“
„Mir gefällt es“, warf Mik lachend ein. Natürlich gefiel es ihm. Es erinnerte ihn hier vieles an das Silberne Ritter Reich, welches er bewohnte und beherrschte.
„Das Reich der Träume ist nicht hier oben“, verkündete Torok dann. „Das, was sich in dem großen Krater befindet, dies ist das Reich der Träume.“
Dennis trat nachdenklich an Torok heran und schüttelte seine Haare. „Bist du sicher, Torok, dass es dort unten liegt?“, fragte er.
„Ja“, sagte Torok. „Nach unseren Berechnungen muss es dort unten liegen.“
„Und wie kommen wir jetzt dorthin?“, fragte Jojo aufgeregt. Nervös hüpfte sie hin und her. Dann drehte sie sich um, und gleich darauf fand sie selbst die Antwort darauf. „Da ist ein Weg“, sagte sie, als sie einen kleinen Weg sah, der scheinbar an den am Horizont liegenden Rand des Kraters führte. Und zugleich machte sie sich auf.
„Warte, Jojo“, sagte Kitty. „Was ist mit den Kutschen und allem?“
Jojo drehte sich grimmig schauend wieder um.
„Kitty hat Recht“, stellte Torok fest. „Wir müssen die Kutschen und Pferde hier lassen. Bevor wir hinunter gehen, werden wir sie sichern. Außerdem sollten einige Leute als Wachmänner hier bleiben.“
„Das übernehmen wir“, stellte einer der Matrosen klar. Torok nickte ihm zu.
„Meine silbernen Ritter könnten auch Wache halten“, sagte Mik. „Aber aus taktischen Gründen halte ich es für besser, sie in diesen Krater mitzunehmen.“
„Da muss ich Mik Recht geben“, stellte Dennis fest. „Die Gefahr dort unten könnte wesentlich größer sein als hier oben.“
„Gefahr? Welche Gefahr?“, sagte Kitty nachdenklich.
Dennis legte tröstend einen Arm um ihre Schulter. Er musste Kitty nichts sagen. Sie spürte, dass er etwas ahnte, das sehr wichtig war. Und auch Kitty hatte eine seltsame Vorahnung, und je näher sie diesem seltsamen Ort waren, desto mehr Angst bekam sie.
Die meisten der Mitreisenden, außer denen, die bei den Wagen und Pferden blieben, machten sich nun auf den Weg. Langsam schritten sie den schmalen Weg hintereinander entlang, Schritt für Schritt.
Kitty fasste sich immer wieder an ihren geheimnisvollen Schlüssel der Macht. Auch wenn Dennis sie die ganze Zeit über festhielt, wurde ihr Gefühl mit jedem Schritt mulmiger. Kitty erinnerte sich, dass sie sich bei ihrem ersten Arztbesuch so ähnlich gefühlt hatte, bevor sie ihre aller erste Spritze bekommen hatte.
Jojo schien offenbar ein ganz anderes Gefühl zu ereilen. Je näher sie dem Rand des Kraters kamen, desto euphorischer, freudiger und voller Tatendrang wurde Jojo. Sie schien es kaum mehr erwarten zu können, diesen Krater zu betreten.
Nach einem Fußmarsch von etwa einer Stunde kamen die Mitreisenden der Karawane endlich am Rand des immens großen Kraters an, genau rechtzeitig zum Sonnenuntergang.
Was Kitty dann sah, ließ ihr das Herz aufgehen: Der Krater glich von hier oben, wenn man sich direkt am Kraterrand befand, einem riesigen Canyon. Die scheinbar Kilometer hohen Felswände leuchteten zärtlich in der Abendsonne. Einzelne Bäume, Büsche und Pflanzen, die an den steilen Wänden wuchsen, leuchteten ebenso.
Links neben Kitty, Jojo und den anderen stürzte ein mächtiger Wasserfall in die Tiefe. Kitty wunderte sich, dass sie die ganze Zeit sein Tosen nicht hörte. Eigentlich begann er erst zu tosen, als Kitty ihn entdeckte. Aber das majestätische Aussehen, und wie sich das Licht im Wasser brach, ließ Kitty nicht weiter grübeln.
„Es ist irre hier“, hauchte Kitty leise. „Es sieht so schön aus.“
„Wir sollten langsam dort runter gehen“, forderte Jojo vorsichtig.
Plötzlich geschah wieder etwas sehr, sehr Seltsames. Weder Kitty noch Jojo wussten, ob es die ganze Zeit schon da war, oder ob es ihnen nur einfach nicht aufgefallen war. Es sah jedenfalls von hier oben auf einmal so aus, als sei der größte Teil des Kraters von einer seltsamen Glaskuppel überdacht, die alles sich darunter Befindliche halbrund abdeckte.
„Siehst du das?“, fragte Kitty Jojo dann, während sie sich dicht neben sie stellte und auf die seltsame Kuppel zeigte.
„Ich sehe da eine Stadt oder so“, meinte Jojo.
Unter der Kuppel leuchteten die vielen Objekte, die zusammen genommen eine große Stadt oder so ähnlich ergaben. Man konnte jetzt auch mehr Einzelheiten erkennen als vorhin vom Flug aus. Die Gebäude waren fast alle kreisrund. In der Mitte des Kraters war ein spitzer Hügel, auf dem die meisten der runden Gebäude angeordnet waren. Fast sah es aus, als dass sie übereinander hängen würden, so dicht war der Hügel bebaut.
Zwischen den Gebäuden auf dem Hügel – und tatsächlich sahen alle Gebäude so aus, als seien sie Türme aus Glas – zogen steile schmale Treppen ihre Wege ganz nach oben hinauf.
Und nun erblickte Kitty das schönste und am meisten leuchtende Gebäude – das größte runde Haus dieser Stadt, mit den zwei höchsten Türmen. Das Herzstück dieser Stadt stand ganz oben auf dem spitzen Berg, und es schien ein Schloss zu sein, mächtig, majestätisch und wundersam. Es gehörte mit Sicherheit zu den schönsten Schlössern, denen Kitty und Jojo in Naytnal bereits begegnet sind.
„Kommt, Gebieterin“, sagte Mik dann, während er etwas entdeckt zu haben schien. „Hier ist eine Vorrichtung. Daran können wir hinunter gleiten.“
Mik entdeckte dicht neben dem tosenden Wasserfall eine Art Lift. Es gab dort einen Wagen, und der hing an einem silbernen Stahlseil. Man konnte mit dem Wagen ähnlich wie ein Aufzug in die Tiefe fahren. Mik konnte zwar nicht ausmachen, wo der Wagen unten landen würde, aber er vertraute der Sache.
„Ich weiß nicht“, meinte Kitty, als sie dann sah, was Mik entdeckte. „Was ist, wenn es kaputt geht?“
„Aber es ist der einzige Weg“, drängelte Mik. „Die Felswände sind zu steil, um daran herunter zu klettern. Wir sollten es hiermit versuchen.“
„Komm schon, Kitty“, sagte Jojo. „Risiko gehört zum Spiel. Das hast du selbst gesagt.“
Damit hatte Jojo natürlich Recht. Und das überzeugte Kitty dann schließlich.
Der Wagen – eine Art Seilbahn ohne Dach, nur mit einem Geländer zum Festhalten – war groß genug, dass alle auf einmal damit in die Tiefe fahren konnten. Kaum haben alle die Vorrichtung bestiegen, setzte sie sich auch schon von ganz alleine in Bewegung.
„Das läuft ja von alleine“, stammelte Sydney.
„Bestimmt ist unten jemand, der das Ding steuert“, vermutete Kitty.
Das Seil führte dann weiter unten sogar direkt über den riesigen, tosenden Wasserfall. Langsam fuhr der Wagen so dicht darüber, dass einige Wasserspritzer die Mitreisenden trafen.
Auf einmal teilte sich der Wasserfall. Wie durch Zauberkraft ging er plötzlich auseinander. Und schon in der nächsten Sekunde löste sich das Seil, an dem der Wagen hing, in Luft auf, und der Wagen stürzte in die Tiefe.
Es war für die meisten Leute nicht Zeit genug da, um einen Schock zu bekommen. Denn nicht mal zwei Sekunden darauf landete der Wagen völlig weich und sicher irgendwo in einer Grotte. Es war zumindest dunkel hier drin. Das Getöse des Wasserfalls wurde merklich leiser, und nur ein leichter Lichtschein schimmerte von irgendwo her hinein.
„Uff!“, machte Natalie.
„Hat sich jemand etwas getan?“, rief Dennis.
Ein leises Gemurmel entstand, woraus Dennis schloss, dass wirklich alle sicher hier unten gelandet waren.
„Krass!“, meinte Sydney dann. „Wie viel Meter waren das? Das muss endlos gewesen sein. Wie konnten wir dennoch so sicher landen?“
Sydney schaute auf Kitty. Diese jedoch lächelte zurück.
„Ich war es nicht“, sagte Kitty. „Obwohl ich nicht ausschließe, dass hier Zauber im Spiel ist.“
„Wir sollten einen Ausgang finden“, drängelte Mik.
Niemandem schien aufzufallen, dass Mik immer nervöser wurde, fast so als würde er auf etwas warten.
„Da drüben!“, rief Jojo plötzlich.
Jojo hatte ein kleines Tor oder so ähnlich entdeckt. Eigentlich war es nur ein Torbogen, ohne das Tor, welches normalerweise darunter sitzen sollte. Eilig lief sie voran und stapfte, gefolgt von Kitty, Dennis, Sydney, Natalie und Mik, sowie all den anderen aus der seltsamen Grotte heraus.
„Ist dies nun das Reich der Träume?“, fragte Sydney, die neben Dennis lief.
„Noch immer nicht“, sagte Dennis. „Die Grenze befindet sich wahrscheinlich unter der Glaskuppel.“
„Diese Glaskuppel soll uns nicht hindern müssen, zu finden wonach wir suchen“, sprach Mik stolz.
Dennis machte eine viel sagende Geste ihm gegenüber. „Da bin ich mir nicht so sicher“, sagte er leise zu Kitty. Und Kitty nickte ihm zu.
Beide, sowohl Kitty als auch Dennis, hatten seit längerem diese seltsame Vorahnung. Irgendetwas sagte ihnen, dass unter der Glaskuppel eine Gefahr lauern könnte.
Nachdem sie eine Weile weiter liefen, kamen Jojo und Mik zuerst direkt an der Glaskuppel an, dicht gefolgt von Kitty und all den anderen Mitreisenden.
Kitty fühlte ganz vorsichtig über das Glas. Es war kühl. Es fühlte sich kühl an, aber angenehm. Gleichzeitig aber strahlte es irgendwie etwas aus, das Kitty ängstlich werden ließ. Kitty sah nach oben. Die Glaskuppel fand anscheinend kein Ende. Sie musste immens hoch sein. Und hätte Kitty nicht vorhin schon von weitem gesehen, dass es eine Kuppel ist, dann hätte sie es vielleicht für eine endlose Glaswand gehalten.
Jojo, die einige Schritte vor Kitty war, tastete ebenfalls über die Wand.
„Eingang...“, flüsterte Jojo. „Wir brauchen einen Eingang.“
Fragend blickte Jojo an der Wand entlang. Nirgends schien eine Möglichkeit zu sein, hineinzugelangen.
„Zaubere doch einen Eingang“, forderte Mik sie auf. Aber Jojo schüttelte den Kopf.
„Ich weiß keinen Zauber“, sagte sie.
„Und wenn du dein Schwert nimmst?“, überlegte Mik. „Schneide doch einfach ein Loch mit deinem Schwert in die Wand.“
Kitty, Sydney und Dennis waren nun etwas weiter von Jojo und Mik weg und suchten in der anderen Richtung nach einem Eingang, während Natalie gerade zu Jojo und Mik herüber lief, um zu sehen, was sie bis jetzt fanden.
„Ich denke, das ist ein Signal“, sagte Dennis. „Wenn uns die Kuppel nicht hinein lässt, sollten wir vielleicht draußen bleiben.“
„Aber es gibt wichtige Antworten da drin“, überlegte Sydney.
„He, Leute!“, rief Jojo plötzlich. „Hier ist ein Eingang! Genau hier! Wir können rein!“
Eilig machten sich Sydney, Dennis und Kitty auf den Weg zu Jojos Standort.
Natalie war bereits da. Sie sah, was Jojo tat. Jojo versuchte, schnell zu sein, so dass es niemand merkt, außer Mik natürlich. Aber sie war nicht schnell genug. Natalie hatte noch gesehen, wie sie gerade wieder ihr Wasserschwert in der Zaubertasche verstaute.
„Jojo... was hast du getan?“, fragte Natalie leise.
„Wehe, du sagst etwas!“, warnte sie Jojo. „Du bekommst den größten Ärger.“ Sie blickte finster drein, machte eine längere Pause. Dann sprach sie weiter: „Du hast nichts gesehen, hast du verstanden? Die Öffnung war die ganze Zeit schon da gewesen, kapiert?“
Noch bevor Natalie irgendwie antworten konnte, kamen Kitty, Dennis und Sydney an, und hinter ihnen kamen die silbernen Ritter, gefolgt von den anderen Mitreisenden.
„Also“, sagte Jojo. „Dann wollen wir mal.“
„Nicht, Jojo“, sagte Dennis. „Bleibt draußen. Glaubt mir, es ist nicht gut, dort hinein zu gehen.“
„Ach, Dennis, du Angsthase“, lachte Jojo. „Schließlich haben wir die ganze Zeit danach gesucht.
„Jojo, nicht!“, rief Kitty. „Hör auf Dennis. Bitte! Mik, sag ihr doch was.“
Aber weder Jojo noch Mik hörten auf Kitty und Dennis. Eilig und entschlossenen Schrittes marschierten sie durch die Öffnung hinein. Entschlossen betraten sie durch die Öffnung schließlich das Innere der seltsamen, mysteriösen Glaskuppel. Und Kitty sah Jojo hinterher, und sie sah, dass sie kein bisschen Angst hatte.
„Jojo!“, rief Kitty verzweifelt. „Komm zurück!“
Die silbernen Ritter folgten Jojo und Mik dann unter die Glaskuppel. Und wenig später – vielleicht wusste sie gar nicht, warum – lief Natalie ebenfalls hinein. Sie wollte eigentlich bei Kitty, Dennis und Sydney bleiben. Aber irgendwas zog sie einfach mit Jojo und Mik und den silbernen Rittern mit.
Kitty schaute Jojo hilflos hinterher. Jojo drehte sich zu ihr um. Sie lächelte. War es vielleicht doch nicht so gefährlich? Jojo winkte. Sie rief etwas, aber der Ton wurde von dem dichten Glas regelrecht verschluckt. Man konnte nichts verstehen.
Plötzlich kam Torok angelaufen. „Wo sind sie? Wo sind Jojo und der Lord?“, rief er aufgeregt.
„Sie sind hinein gegangen“, sagte Kitty verzweifelt, auf die kleine Öffnung in der Wand zeigend.
„Oh, nein“, sagte Torok.
„Was? Was ist?“, stammelte Kitty sichtlich nervös.
„Wir erfuhren gerade von der Gefahr, die von dieser Glaskuppel ausgeht. Ihr müsst wissen, das Reich der Träume befindet sich normalerweise nicht unter einer solchen Glaskuppel. Es ist diese Kuppel, die es so gefährlich macht.“
Kitty blickte wieder auf Jojo. Noch immer stand sie da und winkte. Kitty rief ihr ängstlich nach: „Jojo! Komm wieder da raus, bitte!“
Aber Jojo schien nichts zu hören. Langsam hob sie ihren Arm an, bewegte ihn langsam zu ihrem Ohr. Dann schien Jojo etwas zu sagen, aber man konnte nicht verstehen, was sie sagte. Auch von innen drang kein Ton nach draußen, genauso wenig wie von außen nach innen.
Kitty blickte Jojo verwundert an. Plötzlich sah sie auf Mik. Er stand offenbar die ganze Zeit an derselben Stelle. Aber warum? Kitty blickte genauer hin. Dann entdeckte sie, dass Mik einen Schritt machte. Ganz langsam lief er.
„Ist da Wasser drunter? Die bewegen sich in Zeitlupe“, stellte Sydney plötzlich fest.
„Nein“, sagte Torok tief betroffen. „Es ist zu spät. Wir können sie nicht mehr retten.“
„Was?“ Jetzt bekam es Kitty richtig mit der Angst zu tun. Heftig klopfte sie an die Scheibe. Aber Jojo reagierte nicht. Ganz, ganz langsam hob sie ihren Arm von ihrem Ohr hinunter. Ganz, ganz langsam drehte sie sich um, und nachdem sie dann minutenlang für den nächsten Schritt brauchte schien das Bild beinahe anzuhalten.
„Es ist die Zeit“, sagte Torok mit sehr betroffener Mine. „Die Zeit hält jeden gefangen, der sich unter diese Kuppel begibt. Es ist die Zeit, die dort drunter so langsam läuft, dass alles zum Erliegen zu kommen scheint. Und Jojo und Mik und Natalie, sowie die silbernen Ritter, sind nunmehr Gefangene der Zeit. Unwiderruflich.“
„Nein...“, stammelte Kitty. Tränen liefen ihr über die Wangen. „Das darf nicht sein. Das darf nicht passiert sein. Jojo, komm da raus, bitte...“