[1] Abschied
Lange Zeit war vergangen, seitdem sie nun schon am Fenster stand und in die Landschaft blickte, die sich ihr auf der anderen Seite eröffnete. Kein Schlaf hatte sie erreichen können. Stattdessen war die Aufregung auf den heutigen Tag zu groß, würde Nala nicht mehr lange in ihrer Heimat weilen, in der sie ihre 19 Lebensjahre verbracht hatte. Nie hatten ihre Augen die lichte Welt erblicken dürfen, wie Mittelerde meist bei ihnen genannt wurde. Ihre Welt erschien im Gegensatz zu dieser dunkel. Dichter, dunkler Nebel und schwarze Wolken verhinderten, dass die Sonne ihnen ihr Antlitz zeigen konnte, während Stille, sowie Boshaftigkeit, Fäule und Gift an allen Ecken gedieh. Die Welt der Schatten war kein schöner Ort und doch war es ihre Heimat. Etwas anderes kannte sie nicht und genau aus dem Grund fühlte sie sich nur hier sicher und geborgen.
Dennoch war es schon länger ein Wunsch von ihr gewesen auch einmal warme Sonnenstrahlen auf der hellen Haut zu spüren. Den wohltuenden Geruch all der unterschiedlichen, bunten Blumen aufzunehmen, durch große, helle Wälder zu streifen und all die riesigen Städte zu erkunden. So viel hatte sie davon in ihrer Bibliothek gelesen, doch etwas mit eigenen Augen zu sehen, war noch einmal eine viel größere Freude. Genau aus diesem Grund hatte Nala auch nicht abgelehnt, als sie den Worten ihrer Eltern gelauscht hatte. So ganz verstand sie zwar nicht, wieso ausgerechnet sie ausgewählt wurde, jedoch stand es ihr nicht zu die Entscheidung des Königs und seiner Frau zu hinterfragen. Sie waren weise Magier und ihr zudem die besten Eltern, die sie sich jemals hatte wünschen können.
Während sie noch immer in Gedanken schwelgte, flocht sie gleichzeitig mit geschickten Fingern ihre langen Haare zusammen, die ihr wie flüssiges Pech die meiste Zeit über auf dem Rücken lagen. Für die Reise jedoch hatte sie es lieber praktisch. Kurz atmete die junge Frau daraufhin noch einmal auf, ehe sie ihren Blick vom Fenster abwandte und durch das große Zimmer schritt, das sie ihr Eigen nannte. Dunkel wie der Rest ihrer Welt lag es vor ihr, umgab sie und selbst hier schien man stets von den unsichtbaren Schatten umgeben zu sein, die überall verstreut waren. Man munkelte, es handelte sich dabei um die Geister der Verstorbenen, die in dieser Welt gefangen waren, gestorben durch die Tat eines einzigen Mannes. Alleine bei den Erinnerungen an die Geschichte ihres Volkes durchlief sie Zorn. Es hätte alles so viel anders werden können, doch durch den Verrat eines Einzigen hatte sich alles gewandelt. Doch die Vergangenheit hatte sie gezeichnet, denn egal wie sehr sie sich verändert hatten, die Völker Mittelerdes hatten ihnen dennoch den Rücken zugekehrt und es würde schwer werden, das damalige Vertrauen wieder zu gewinnen.
Um die restliche Zeit bis zu ihrem Aufbruch zu nutzen, verließ Nala das gewaltige Schloss mit schnellen Schritten und huschte leise wie ein Schatten durch das Tor, hinein in den vor vielen Jahren angelegten Schlossgarten. Als Kind hatte sie viele Stunden hier verbracht, hatte sich alle Blumen haargenau angesehen und sich an ihrer dunklen Schönheit erfreut. Die meisten Gewächse in dieser Welt waren zwar durchtränkt von Gift, die Schmerzen oder gar den Tod brachten, doch was die wenigsten wussten war, dass beinahe genau so viele auch Heilung brachten. Es gab nicht nur Schlechtes hier, doch dieser Fakt wurde von den meisten direkt verworfen, deren Glauben auf alten Erzählungen beruhte. Kurz nur blieb die junge Prinzessin hier und setzte ihren Weg in Richtung des kleinen Waldstückes fort, in dem Derek und Sie sich immer trafen. Der junge Krieger war zwar mit seiner impulsiven Ader das komplette Gegenteil von ihrem ruhigen Wesen, doch das kümmerte sie beide nicht. Es hatte sie damals nicht gekümmert und würde es auch in Zukunft nicht. Sie waren Freunde und deswegen würde es ihr auch schwer fallen ihn hier zurückzulassen.
Dennoch würde sie nun keinen Rückzieher mehr machen und ging weiter, bis ihr Ziel, die alte Eiche, in ihr Blickfeld trat. Der Wald um sie herum war wie immer still und nichts schien sich zu regen. Schwarze Blätter fielen vereinzelt neben ihr zu Boden, doch selbst wenn sie ihre Füße darauf setzte, raschelte es nicht. Es war eher wie eine Feder, die unter ihrem Gewicht beständig blieb und ihren Fall ohne den geringsten Laut hinnahm. Nebel hüllte die Prinzessin ein, deren Augen jedoch wie bei Tageslicht alles scharf erkennen konnte. Die Augen, die bei Freude funkelten wie leuchtende Smaragde, waren anders als die von Menschen oder Zwergen. Sie ähnelten denen der Elben, die mit ihrem Blick meilenweit in die Ferne sehen und dennoch ein deutliches Bild vor Augen haben konnten. Aus dem Grund erkannte sie auch schnell den jungen Mann, der sich auf einem dicken Ast des großen Baumes niedergelassen hatte und sie wohl noch nicht bemerkt zu haben schien, so gedankenverloren wie er in die Ferne starrte.
Flink wie ein kleines Eichhörnchen begab Nala sich zu ihm, saß sich neben ihren Kindheitsfreund und schwieg genauso wie er. Sie wollte ihn schließlich nicht aus seinen Gedanken reißen, die ihn wohl sehr zu beschäftigen schienen. Dann, nach einer langen Zeit, vernahm sie endlich die wohlbekannte, tiefe Stimme, durch die sie sich immer schon wohl und geschützt gefühlt hatte.
»Du wirst uns verlassen, ist es nicht so? Dein Vater hat es dir befohlen.«
Es waren weniger Worte als sonst, doch es reichte um die unbändige Trauer und den Schmerz zu hören, den er äußerlich nicht zeigen konnte. Etwas schuldbewusst, dass sie ihm davon nicht schon früher berichtet hatte, obwohl sie es bereits seit einigen Tagen wusste, senkte sie den Kopf.
»Ich hatte es dir noch sagen wollen … bitte verzeih. Aber wenn du scheinbar schon gelauscht hast, dann weißt du auch, dass es keine andere Wahl gibt. Die lichte Welt braucht unsere Hilfe und wir können uns glücklich schätzen, dass sie uns zumindest so viel Vertrauen schenken, dass sie uns mit dieser Situation behelligen … ob sie unsere Hilfe dann auch annehmen oder nicht ist die andere Sache«, murmelte die Schwarzhaarige gegen Ende leise, da sie in der Hinsicht selber sehr unsicher war. Doch von Unsicherheit war bei Derek keine Spur. Stattdessen schnaubte er abfällig.
»Diese Schweine sind allesamt nachtragende Arschlöcher, die einfach nicht kapieren können, dass wir alle unschuldig sind. Was einer getan hat, sollte nicht die Schuld von uns allen sein und doch ist in deren Augen jeder einzelne von uns ein Verbrecher. Unser Volk wurde zum Sündenbock für die Vergehen eines Mannes deklariert und jetzt auf einmal binden sie uns ihre Probleme auf!«
Sanft legte Nala ihrem Freund eine Hand auf die Schulter, sodass sie das leichte Beben unter seiner Haut regelrecht spüren können. Sie alle waren über diese Unvernunft erbost, aber dies schien schließlich wie der erste Schritt zur Besserung. Womöglich hatten die Völker Mittelerdes sich besonnen und zusammen könnten sie einer besseren Zukunft in die Augen sehen. Dies war es auch, was sie ihm sagte, doch zu beruhigen schien es den Mann nur wenig, dessen saphirblaue Augen, die sie nun endlich ansahen, dunkel wie ein stürmischer Nachthimmel blitzten.
»Wenn du das denkst, bist du wirklich naiv, Nala. Denk doch mal nach. Sie sind auch sonst ohne uns gut klargekommen, wieso sollten sie das jetzt so plötzlich nicht mehr? Jedes ihrer Völker hat andere Stärken und zusammen können sie selbst diesen angeblich so mächtigen Feind besiegen.«
»Aber was, wenn etwas anderes dahinter steckt?«, fuhr sie ihm dazwischen, worauf Derek für einen Moment stutzte. »Und was?«
»Ich weiß nicht, aber was, wenn wir indirekt wieder mit darin verwickelt sind? Ich weiß, ich weiß, uns ist es verboten auch nur einen Fuß in die lichte Welt zu setzen, aber es gibt genügend Regelbrecher.«
Daraufhin schlich sich ein etwas freches Grinsen auf seine Lippen, das die junge Frau sofort zu deuten wusste und amüsiert seufzte. »Wie du zum Beispiel«
Das Grinsen verging jedoch genauso schnell, wie es gekommen war, sodass beide wieder ernster wurden und im ersten Moment keiner etwas sagte, ehe Derek es war, der genau wie beim ersten Mal die Stille brach.
»Wieso du? Wieso schickt dein Vater nicht einen der anderen Krieger?«
Manche mochten diese Worte als Beleidigung angesehen haben, doch Nala lächelte leicht und legte einen Arm um die Schultern des Mannes, mit dem merkwürdigerweise weißem Haar, der genau aus diesem Grund als Einzelgänger herumgestreift war.
»Es scheint, als ob eine Prinzessin oder allgemein Jemand, mit hohem Stand, einen besseren Einfluss ausüben kann. Was es jedoch genau ist, weiß ich nicht. Aber ich stelle mich nicht gegen meine Eltern. Ich vertraue ihnen, also hab auch du Vertrauen, Derek. Du wirst sehen, ich werde den Zwist zwischen unseren Welten tilgen und dafür sorgen, dass wir wieder reisen können.«
Trotz der Unsicherheit in ihrem Inneren klang Nalas Stimme fest und selbstsicher, während sie mit ihrem Freund sprach. Dessen Körper hatte sich nun auch wieder etwas beruhigt und das warme Lächeln, welches sie so sehr an ihm liebte, trat auf seine Züge, ehe er sie umarmte.
»Komm einfach bald wieder zurück.«
»Ich verspreche es«, nickte sie, auch wenn sie Angst hatte dieses Versprechen womöglich zu brechen.








