Kapitel 1
Er sah sich ein paar Mal um, bevor er die Packung Zigaretten heraus holte. Als er sich eine heraus zog, sah er sich sicherheitshalber noch ein Mal um, aber vor ihm erstreckten sich nur die weiten Felder der Bauern in Täufeld. Niemand war hier. Ihre Häuser waren so klein, wie die, die Jasper früher aus Lego gebaut hatte. Ein Stechen fuhr ihm bei den Gedanken an die Vergangenheit durch den Magen. Seine Hand zitterte etwas, als er sich die Zigarette mit dem pinken Feuerzeug anzündete. Aber nach dem ersten Zug waren die schlechten Gefühle und Gedanken verdrängt. Zumindest für einen herrlich langen Moment. Er ließ seine Beine baumeln. Sein Po wurde etwas kalt von den Steinen der niedrigen Mauer auf der er saß. Hinter sich musste er nicht sehen. Dort führte der Garten, dessen Abgrenzung die Mauer war, auf der er saß, einen Hang hinauf. Und am Ende des Hangs stand das kleine Hexenhäuschen, wie sie es in Täufeld alle nannten. Er saß nicht ohne Grund hier, um allein zu sein und die Ruhe zu genießen. Alle hatten Angst vor diesem Ort. Nicht nur vor dem leerstehenden Haus, sondern auch vor dem Wald, der sich um das Haus wickelte und sich Kilometer weit um Täufeld erstreckte. Manchmal fühlte sich Jasper wie in einem Kessel, in dem die merkwürdigsten Dinge brodelten. Und tatsächlich auch passierten. Aber das war so normal für ihn geworden, wie ein Schmetterling, der mit den ersten warmen Frühsommerstrahlen heraus kam. Nun war es mitten im Sommer. Das Schwitzen mochte er nicht unbedingt, aber es waren Ferien. Er seufzte in sich hinein und schloss für einen Moment lächelnd die Augen, bevor er den nächsten Zug von der Zigarette nahm. Ferien..
“Unsere letzten, bevor die Hölle los geht.”
Jasper zuckte zusammen und sah über seine Schulter. Leise fluchend drehte er sich wieder um und sah dem Sonnenuntergang entgegen.
“Kannst du meine Gedanken lesen?“, murmelte er und wollte genervt klingen, schließlich wurde er an seinem geheimen Ort gefunden und in seiner Ruhe gestört. Aber insgeheim war er froh, dass er jetzt nicht mehr allein war, sondern seine aufkommenden verwirrenden Gefühle mit seinem besten Freund teilen konnte. Alex. Er schwang sich neben ihn auf die Mauer und nahm Jasper die Packung Zigaretten und das Feuerzeug aus der Hand.
“Du solltest nicht rauchen.”
Jasper sah zu seinem braunäugigen Lieblingsmenschen hinüber, der sich grade mit dem genüsslichsten Gesichtsausdruck eine Zigarette anzündete. Seine dunklen Locken leuchteten fast golden im Sonnenuntergang.
“Du siehst aus, als hättest du einen Heiligen Schein.“, lächelte er.
Alex erwiderte sein Lächeln. “Ein Engel bin ich nicht.”
“Huh?“, Jasper hätte es für eine Scherz gehalten, wenn Alex dabei nicht so sicher gewesen wäre. Ohne eine Spur der hohen Stimmlage, die er immer hatte, wenn er einen Scherz machte oder irgendetwas anderes, außer die Wahrheit sagte.
Alex schüttelte nur den Kopf und sah jetzt auch dem Sonnenuntergang entgegen. “Was machen wir im nächsten Sommer, Jasper?”
“Keine Ahnung.“, brummte er, “Du wirst dich an einer hochrangigen Uni einschreiben, schätze ich. Und... der König der... Welt!” Er machte dabei eine ausholende Geste. Alex lachte.
“Die hochrangige Uni ist glaube ich eher dein Gebiet.”
“Wenn das jemand schafft, dann Thea.”
“Thea..“, wiederholte Alex und sah ihn schmunzelnd und mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Jasper konnte es nicht vermeiden, breit zu grinsen. Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Bauch breit. Das kannte er nur zu gut. Seit über 5 Jahren hatte er es fast täglich.
“Du wirst sie nächstes Jahr heiraten.”
Jasper lachte laut auf. “Dafür sollte sie aufhören, mit mir über die Probleme ihres Freundes zu reden, oder?”
“Alex!“, rief es hinter ihnen und sie fuhren herum. Ein großer, breiter Typ kam aus dem Wald hinter dem Häuschen hervor. Er sah verärgert aus.
“Wer is’n das?”
“Samuel!“, rief Alex ihm breit lächelnd entgegen und winkte ihn zu ihnen beiden heran.
“Was tust du?“, zischte Jasper, “Er sieht nicht aus, als hätte er Bock, ein nettes Gespräch zu führen.”
“Wie sieht er dann aus?“, lachte Alex.
Jasper sah in die braunen, lodernden Augen, bemerkte die zusammen gezogenen schwarzen Brauen, den mürrisch zusammen gekniffenen Mund. Er bemerkte auch den Drei-Tage-Bart und die Muskeln, die kaum in das schwarze T-Shirt passten.
“...als würde er mir eine rein hauen wollen.”
“Vielleicht. Mein Cousin kann wirklich schlecht gelaunt sein. Aber heute hat er einen guten Tag.”
“Er hat einen guten Tag? Er...warte.“, er sah zwischen Alex und dem Typen, der nur noch ein paar Meter von ihnen entfernt war, hin und her. Sie hatten die gleichen Augen. “Dein Cousin?”
“Aus der Schweiz.“, sagte der, bevor er bei ihnen angekommen war, “Du musst Jasper sein.”
“Du musst ein beschissenes Leben haben, wenn das dein glückliches Gesicht ist.“, kam es viel zu schnell über seine Lippen.
“Jasper!“, Alex schlug ihm gegen den Arm, “Sei nett.”
Er hatte irgendeine Reaktion von Samuel erwartet. Vielleicht schlug er ihm jetzt wirklich ins Gesicht, aber der starrte ihn einfach nur an. Atmete tief ein und aus, bevor er Alex ansah: “Du bist einfach los gerannt.”
“Ich hatte Lust, zu rennen.”
“Ich kenne diesen Wald nicht.”
“Diesen?“, mischte sich Jasper ein, aber wurde nicht gehört.
“Setz dich zu uns Samuel.”
“Warum wolltest du denn rennen?“, wollte er von Alex wissen. Er konnte sich schlecht vorstellen, warum ein 16-jähriger einfach so los rennen wollte. Das passte zu 5-jährigen.
“Wir haben Pläne, Alex.“, brummte Samuel und verschränkte die Arme.
Alex seufzte und wandte sich um. Jasper konnte Samuel nicht aus den Augen lassen. Sicher war sicher.
“Gerade ist es mein Plan, den Geburtstag nächste Woche zu planen.”
Jetzt lag Jaspers Blick wieder voll auf Alex. “Auf gar keinen Fall!”
Alex grinste breit und zog nur an der Zigarette.
“Ich.. nein!“, protestierte Jasper.
“Du hast keine Wahl..“, Alex’ Grinsen wurde breiter.
“Nein! Warum zum Teufel sollte ich meinen Geburtstag feiern wollen. Wer würde auf die Idee kommen, in diesem Kackdorf eine Par-..“, dann wurde es ihm klar, “Thea.”
“Und Frieda.”
“Nein.”
“Doch.“, lachte Alex.
“Nein.”
“Doch.”
“Ne-”
“Oh mein Gott!“, fuhr ihnen Samuel dazwischen, bevor er vor sie trat und ihnen die Zigaretten aus den Händen schlug.
“HE!“, riefen sie beide.
“Starker move von jemandem, den ich erst seit ein paar Sekunden kenne.“, Jasper sah hinauf in die dunklen Augen und wollte ihn den schlechten Eindruck, den Jasper von ihm hatte, spüren lassen. Aber dem war das offenbar egal, falls ihm überhaupt aufgefallen war, dass Jasper ihn nicht mochte.
“Ihr solltet nicht rauchen. Du schon gar nicht, Alex.” Samuel zog eine Augenbraue hoch und Jasper sah seinen Kumpel erwartend an. Er wartete auf eine entsprechende Widerrede. Dieser Samuel tat gerade so, als wäre er Alex’ Vater. Aber Alex sah seinen Cousin nur ernst entgegen und nickte.
“Was zur Hölle..“, brachte Jasper hervor.
“Wir gehen.“, sagte Samuel und Alex rutschte tatsächlich von der Mauer.
“Können wir bitte selbst über unsere Zeit bestimmen?“, langsam wurde Jasper ernsthaft wütend.
“Er hat Recht, wir hatten noch Pläne.“, warf Alex ein und lächelte ihn an, “Kommst du mit?”
“Alex..“, brummte dieses Arschloch.
“Jasper kommt mit, wenn er das will!“, jetzt schwang endlich die Wut in Alex’ Stimme mit, auf die Jasper gewartet hatte. Samuel blieb stumm.
Jasper rutschte von der Mauer und lächelte Samuel übertrieben freundlich an. “Und was machst du hier in unserer Stadt?”
Samuel brummte nur und steckte seine Hände in die Hosentasche.
“...schweigen?“, lachte Jasper.
“Er macht hier eine Ausbildung bei meinem Vater.“, bemerkte Alex.
Sie liefen schon über das Feld, Alex lief in der Mitte, sodass Jasper sich etwas vorbeugen musste, um Samuel noch ein Mal von oben bis unten zu betrachten. “Mechatronik?”
“Ja.“, sagte der nur.
“Wie alt bist du? Solltest du nicht schon irgendetwas in der Tasche haben?”
“Ich bin 20.“, sagte der nur.
“Die letzte Ausbildung musste er abbrechen.“, erklärte Alex.
“Bodybuilding?“, fragte Jasper leise lachend.
“Es war ein Studium.“, korrigierte Samuel. “Jura.”
Jasper hatte so wenig damit gerechnet, dass er keinen passenden Kommentar dazu fand. Jura? Niemals hätte er das erwartet.
“Was..“, er räusperte sich und wollte ganz ehrlich wissen: “Was kam dazwischen? Das ist ja ein sehr.. beachtenswertes Studium.”
“Dinge.”
“Oh mein Gott.“, seufzte Jasper, während Alex neben ihm lachte. Und als Jasper über einen großen Stein im Acker fiel, lachte der noch lauter auf. Er hörte gut hin, aber Samuel lachte selbst jetzt nicht.