Sherazade
„Bismillah", murmelte sie und trat mit gesenkten Kopf ins Gemach ein. Dieser Raum war luxuriös eingerichtet, aber wurde von nichts außer zwei Laternen beleuchtet. Die eine Laterne lag auf das Nachttisch neben das Bett und die andere auf den Schreibtisch. Sie widmete sich zu Schahrirar, der erschöpft am Schreibtisch saß. Er war dabei beschäftigt staatliche Dokumente fertig zu versiegeln, was Sherazade ungeduldig werden ließ, aber sie musste abwarten. Anders konnte sie nicht. Normalerweise sollte sie hoffen dass er sich so viel Zeit lässt wie möglich, aber sie war eine hartnäckige Person, die selbstverständlich wollte dass ihr Plan funktioniert. Durch die Nervosität kam die Ungeduld, denn sie wollte es so schnell wie möglich hinter sich haben.
„Setz dich.", gab er von sich und stützte sich an Tisch um aufzustehen. Er legte seine Turban auf den Tisch und drehte sich zu ihr. Stumm musterte sie ihn und das gleiche tat er bei ihr. Nur grinste er dann zufrieden als er sie sah.
Sie hatte einige Beschreibungen des Königs gehört, aber ihn persönlich zu treffen gab ihr bereits ein unangenehmes Bauchgefühl. Er hatte schwarze mittellange Haare, einen kurzen Vollbart und olivfarbene Haut. Er trug ein rotes mit Stein verzierten Gewand. Sie schaute weg von ihm und setzte sich wie befohlen zum Bett. Ein Bett das mit verschieden Tüchern bedeckt war und dekoriert war. Sie seufze tragisch und er fragte mit einen schlecht gelaunten Ton: „Was ist los?" während er sich neben sie setzte, weshalb sie sich verkrampfte. All die Jahre hat sie sich rein gehalten und die Gesetze Allahs eingehalten nur damit am Ende ein Tyrann sich an sie sowie all die anderen unschuldigen Frauen vergreift.
„Ich liebe meine Schwester so sehr und würde mich so gerne von ihr verabschieden.", antwortete Sherazade. Als er nichts antwortete wusste sie nicht genau ob sie anfangen sollte zu betteln oder abzuwarten. Sie brauchte ihre Schwester. Sollte sie einfach aus dem Nichts anfangen Geschichten zu erzählen?
„Du wirst sie schon morgen vor der Hinrichtung verabschieden können."
Sherazade biss sich auf die Unterlippe und tippte sich nachdenklich mit den Zeigefinger auf den Knie. „Und...was macht Ihr in Eurer Freizeit?", fragte sie und schluckte. Er stützte seine Unterarme auf die Oberschenkel und schaute auf den Boden während er antwortete: „Reiten."
„Ah."
„Ja."
Nun kam wieder die Stille und dies wollte Sherazade vermeiden, da es sonst zum weiteren Teil der Nacht kommen würde. „Ich...ehm..."
„Leg dich hin.", befahl er, da er ihre Verzögerungen merkte. Er wollte ihr ihre Versuche nicht gönnen. Wen wollte sie für dumm verkaufen?
Ihr Rücken wurde gerade und sie schaute zum König. Dann antwortete sie fest überzeugt „Nein."
„Nein?", wiederholte er. Was glaubst du wer du bist!?", schrie er nun lauter und stand auf. Er baute sich vor sie auf, doch gerade verunsichert er sie kein Stück. Sie hob den Kinn und antwortete: „Eine Dienerin Allahs und Allah sagt im Qur'an
„Und kommt der Unzucht nicht nahe. Das ist fürwahr etwas Schändliches und ein übler Weg." 17:32"
Als er sie zornig an den Schultern packte schaute sie plötzlich lachend zu Seite und meinte: „Das erinnert mich an-."
„An was soll dich mein Befehl erinnern!? Bist du nicht rein?", fragte er aufgebracht und sie weitete wegen dieser Behauptung die Augen. Sie schüttelte den Kopf und meinte: „Das erinnert mich an ein Buch, das ich gelesen habe."
Ehrlich gesagt erinnerte sie dieses Szenario an kein Buch, da sie angemessene Bücher las, aber sie musste irgendwie ein Gesprächsthema über Geschichten führen. Der Mann fürchtete sich nicht vor Allah, das war ihr klar.
„Aha. Und was genau erinnert dich daran?", fragte er und hob die Augenbrauen. Die Hebungen und Sekungen seiner Brust verlangsamten sich und er sah sie geduldig an. Sie schaute immer noch nicht zu ihm, aber spürte seinen durchdringenden Blick auf ihr. Nervös fummelte sie an den Stoff ihrer wertvollen Kleidung, die man ihr zur ehren ihres Opfer mitgab. Immerhin war sie eine Freiwillige, aber schöne Kleider werden ihr weder beim Plan noch nach ihren Tod weiterhelfen.
Sie meinte sanft: „Verschiedenes. Es gibt viele Bücher über Sultane, Könige und sogar über Magie. Meine Lieblingsgeschichte war Aladdin."
„Aladdin?"
„Sein echter Name war Ala ed Din, aber man nannte ihn Aladdin. Er hatte eine Lampe mit ein paar Wünschen."
Der König nickte neugierig und fragte: „Wie hat er sie gefunden?"
Jetzt hab ich dich, dachte sie zufrieden und schloss die Augen.
„Es fing alles so an..."
...
„Und...", Sherazade schaute durch das Fenster, wo die Sonne langsam auf ging. Wird er sie sterben lassen? Es war so schwer die ganze Nacht durch Geschichten vorzulesen und sich genau an sie zu erinnern, während sie beide kurz vorm einschlafen waren. Naja, nicht ganz. Der König war so neugierig, dass es ihn wach hielt.
Sie log beim Ende von Ali Baba und die vierzig Räuber: „Der Räuberhäuptling konnte flüchten und plante seine nächste Rache, die er mit...Datteln durchführen würde."
„Vergiftete Datteln?", fragte er amüsiert.
„Nein, er war sehr kreativ mit seinen Plan und...ja.", gab sie von sich und stand auf. Sie streckte müde die Arme und meinte: „Die Nacht ist vorbei...Ich...Ich gehe mich dann von meiner Schwester verabschieden..."
Bevor sie gehen konnte packte er ihren Unterarm und stand auf. „Sollte sie sich für dich interessieren wäre sie von selbst kommen.", log er und ließ sie los. Er strich ihr über die Wange und hinzufügte: „Aber erzähle mir erstmal wie es weiter geht."
„Mein König, Ihr habt die ganze Nacht Geschichten gehört und Ihr habt sicher viel zu tun...", begann sie und wich zurück. Er seufze und hielt sich genervt die Stirn. Dann sagte er: „Gut, dann lese ich das Buch eben selbst."
Oh.
Sie nickte unsicher und überlegte sich bereits einen Fluchtversuch. Sie hatte schon daran gedacht falls ihr Plan scheitern sollte, dass sie flüchten könnte. Genau deshalb hatte sie ein Taschenmesser im Schuh versteckt. Sie schluckte und fragte: „Wohin muss ich denn zur Hinrichtung?"
Er starrte sie an. Dann hob er grinsend den Kopf und antwortete amüsiert:
„Sie findet hier statt."
Sie blinzelte nur überrascht und wollte es gerade hinterfragen.
„Für gewöhnlich töte ich persönlich die Frauen", antwortete er und sie erkannte die Finsternis in seinen Augen. Eine Finsternis, die ein kleinen Funken Freude besaß. Schadensfreude.
Selbstverständlich, es machte ihm Spaß Frauen jeden Nacht bei sich zu haben, ihnen Angst zu jagen und sie dann zu töten...Das ist nicht normal. Seine Frau ist ihm fremdgegangen, das wissen alle aus dem Königreich, aber war das tatsächlich der Grund dass er mehrere Frauen hintereinander umbringt? Hinterfragungswürdig. Da wäre die Frage ob er nickt vorher so eine Besessenheit nach den Töten hatte. Möglicherweise war seine verräterische Frau auch sein Ansporn dafür den ganzen Wahnsinn begonnen zu haben...Das weiß Allah am Besten.
Ohh, ein persönliche Mord ist unpraktisch für eine Flucht.
„Mit was?", fragte sie und hielt sich schüchtern ihren Arm. „Ein Messer?"
„Nein, das macht zu viel Sauerei", antwortete er und schaute auf seine Hände. „Ich mag das Blut nicht an meinen Händen."
Welch Ironie.
Trotzdem schlug ihr Herz schneller.
„Aber ich hab gehört dass die Frauen geköpft werden. Wir haben ihre Köpfe am Tor hängen sehen."
„Danach."
Schahrirar musterte sie ein letztes Mal und trat näher. Sie trat zurück und fragte: „Fürchtet Ihr nicht Allah?"
„Mit so einem Gespräch fangen viele der vorherigen Damen an, aber daraus wird nichts.", meinte er grinsend mit einen Kopfschütteln. Sie antwortete: „Das meine ich nicht. Ich fürchte Allah und würde gerne das Morgensgebet beten."
„Die Antwort heißt Nein.", antwortete er und griff nach einen durchsichtigen Schal, das das Bett dekorierte. Sie wusste bereits was er plante und blieb dennoch an der selben Stelle stehen.
Ya Allah, zu dir gehören wir und zu dir kehren wir zurück...
Hätte sie ihren Messer doch lieber im Ärmel versteckt statt im Schuh. Da hätte sie das Königreich von einem Mörder geschützt. Er widmete sich ihr zu und hob ihren Kinn um ihr in die Augen zu sehen. Als er den Schal langsam um ihren Hals legte biss sie sich nervös auf die Unterlippe und überlegte ob ein Kampf sinnvoll war. Er könnte sie so schnell besiegen. Immerhin war er größer und stärker als sie. Er würde sich aufgrund ihrer Angst, darum hab sie einen letzten düsteren Blick und schaute zu an ihn vorbei. Dann hielt er kurz Inne, da er sich an den Vorfall erinnerte als er ihr nur einen Befehl gab. Sherazade weigerte sich ihn anzusehen, aber trotzdem war ihr erste Reaktion zu ihm hochzusehen. Er sah ihr in die Augen und sagte: „Vor allem darum weil du eine auf Heilige getan hast gönne ich dir diesen Sieg nicht."
Er ließ das Tuch los. „So wirst du nicht sterben. Sicher nicht rein."
Er zuckte mit den Schultern. „Die nächste Nacht wird deine Letzte sein und du wirst genau das durchführen was die Frauen vor dir mussten. Nicht alle Frauen taten es, aber es ist tatsächlich ungewöhnlich dass du mir für eine Nacht nur Geschichten erzählt hat und nichts anderes. Vor allem eine ungehorsame Frau wie du hast es nicht verdient."
Mit diesen Worten lief er an ihr vorbei und lief zur Tür. „Wir sehen uns heute Abend." Dann knallte er die Tür zu.
Sie zog die Augenbrauen zusammen und ballte ihre Hände zu Fäusten. Diese verdammte Esel!
Sherazade wartete einige Minuten bis sie dann zur Tür lief und versuchte sie zu öffnen, aber abgeschlossen.
Nein...
Sie lief zum großen Fenster aufs Balkon, doch es war zu hoch...
Langsam schaute sie zum Bett, das mit mehreren Decken bedeckt war und dann runter zum Boden.
Würde sie all die Decken zu einem Seil zusammen knoten wäre ihr die Flucht möglich.
Ach Alhamdulilah, dass sie die Bücher gelesen hatte...
Und Alhamdulilah dass sie trotz dem Druck zur ihren Glauben stehen konnte.
Wenn sie flüchtet, was sollte sie denn dann tun?
Immerhin bat sie ihren Vater persönlich darum sie zum König zu schicken um mit ihren Geschichten ihn für die nächsten Nächte zu unterhalten, aber Schahrirar war anscheinend kein dummer Mann, trotz seinen psychisch kranken Genuss nach Mord.
Was sollte sie tun? Ihr Plan ist misslungen, aber was sollte ihr zweiter Plan sein? Wenn er sie tötet dann ist sie ein Opfer wie jeder vorherige und das töten weiterer Frauen nimmt weiter zu.
Wenn sie ihn tötet, dann...
Astarghfirullah, wäre das als Muslimin angebracht?
Darf sie jemanden zu Wohle anderer töten? Oder gäbe es da eine andere Lösung?
Welch ein Dilemma.
Ich hoffe euch hat irgendwie diese Kurzgeschichte gefallen.
Was hättet ihr an ihrer Stelle getan? Wie hättet ihr euch entschieden?








