Kapitel 1
Das Licht der Laterne
Der Himmel ist verräterisch heute Abend. Ich fange an, mich in dem tiefen Blau zu verlieren, welches langsam aber gewiss in das dunkle Schwarz der Nacht übergeht. Doch das Licht wird jeden Moment angehen. Ich sehe sie durch mein Fenster. Die Laterne. Sie ist schon immer dort gewesen, und doch scheint sie nur für mich allein dort errichtet worden zu sein. Es ist eine Straßenlaterne. Eine schwarze Laterne aus kaltem Metall. Leicht verziert wie jede Laterne in unserem Viertel, aber sie ist besonders. Wenn ich mit Mutter die Straßen zur Schule hinabwandere, sagt sie mir „lebe wohl“, und wenn ich voll Vorfreude wiederkomme, steht sie dort. Treu ergeben hat sie geduldig gewartet und freut sich, wenn ich ihr einen verstohlenen Blick zuwerfe, während mich meine Mutter ins Haus zerrt. Und wenn die Nacht einbricht und das Licht des Lebens in meinem Freund entfacht, können wir endlich sprechen. Des Nachts, lange nachdem meine Mutter mich ins Bett geschickt hat, schleiche ich mich leise unter den weichen Federn meiner Decke hervor und erklimme die Fensterbank, von welcher ich sie sehen kann. Ihr Licht gleitet in Schlieren und Funken durch die Abendluft und erzählt mir von fernen Orten, alten Helden und lange vergessenen Königreichen.
Einmal erzählte sie mir von dem Helden Radd Prohtus, einem kühnen Kämpfer, welcher mit nur einem Schlag einen Pass durch einen Berg schlug, nur um zu beweisen, dass er es wert sei, zu Größe zu gelangen. Oder von den unendlichen Meeren Sorions, einer Welt, welche weit, weit im Himmel liegt und wo jede Erinnerung irgendwann landet und in den Tiefen der Flüssigkeit verschwimmt. Von goldenen, leuchtenden Bären erzählte sie mir, welche über die Sterne wachen und durch die kosmischen Weiten wandern, bis sie irgendwann selbst zu Sternen werden. Mutter will nicht, dass ich aufbleibe, und schimpft, warum ich in der Schule so müde bin und nicht aufpasse, aber meine Gedanken hängen, wie ein Käfer im Netz einer Spinne, am Licht der Laterne. Ich sage es ihr nicht, aber manchmal träume ich schlecht. Sie will mich nicht erschrecken, doch als sie mir von dem Monstrum des Fleisches erzählte, hatte ich einen Alptraum davon. Sie erzählte mir von dem alles und jeden verschlingenden Monster, das keinen echten Namen hat. Niemand weiß, was es will, was es ist oder wohin es geht. Ich habe Angst gehabt, dass es zu mir kommt, mein Haus zerstört, mich im Ganzen verschlingt, aber die Laterne versicherte mir, es sei unerreichbar weit weg und es könne uns nicht zu uns gelangen.
Meine Freunde verstehen es nicht, und ich will auch gar nicht, dass sie es tun. Sie sind auch gar nicht wirklich meine Freunde. Mit niemandem will ich es teilen. Nicht mit den Lehrern, meinen Eltern, meinen Großeltern und nicht einmal mit meinem Bruder. All diese leeren Hüllen, welche Einsicht und Verständnis derer Dinge, die es zu beantworten gilt, vortäuschen. Obgleich sie nicht mehr sind als die Summe ihrer Triebe, ihrer Dummheit, Kleinsicht und Ignoranz. Sie ist nur für mich da und sie will auch nicht, dass sich jemand anders zwischen uns drängt. Alles ist gut so, wie es ist, und ich lasse nicht zu, dass Jemand das Licht meines Freundes erlischt.
Mutter will, dass ich nach der Schule draußen etwas mit Freunden unternehme, aber ich bleibe lieber zuhaus, wo ich nicht allzu weit von ihr weg bin. Die Tage werden wärmer und die Stunden vergehen langsamer. Die Zeit zieht sich wie ein zäher Schleim durch die Unendlichkeit meines Wartens. Es dauert so unglaublich lange, bis die Nacht einbricht, und ich kann mich kaum ablenken. Schaue ich fern mit Vater, langweile ich mich und kann mich nicht wirklich auf das Gezeigte konzentrieren. Irre ich mit Mutter durch die Gänge des Einkaufsladens, zerre ich meinen Wunsch, woanders zu sein, stets hinter mir her. Die Hitze fühlt sich an wie eine zusätzliche Strafe. Als solle meine Geduld getestet werden. Schule ist auch nur ein weiteres Medikament, welches das Symptom der Ungeduld nicht lindern kann.
Ich werde zum Laufen gezwungen, und während die Schweißperlen langsam meine Stirn herabgleiten, blicke ich auf die Straßenlaternen, welche am Rande des Sportplatzes aufgestellt sind. Sie sind bei weitem nicht so schön wie meine Laterne, grau und aus Blech. Rein zweckdienliche Hüllen, genau wie die Geschöpfe um mich herum. Das Geheul und Geschrei der anderen verstummt für einen Moment und ich denke voll Vorfreude an heute Abend, wenn die wunderschönen Muster, welche das Licht der Laterne durch die Nachtluft zieht, wieder vor mir zu sehen sind. Es ist, als würde das Licht auslaufen, nein, gleiten, verschwimmen, sich vermischen. Ja, so ist es.
Als ich endlich wieder zuhause bin, spüre ich ein Maß an Erleichterung. Es ist, als würde es meine Seele aussaugen, jeden Moment, den ich warten muss, aber der Fakt, dass ich sie nun sehen kann, lindert meine Last. Mein Bruder will draußen mit mir Ritter spielen. Ich kann mich so etwas ablenken und das Warten fühlt sich weniger lang an, also lasse ich mich darauf ein. Ich kann nicht anders, als ein bisschen zu offenbaren, und ich wage es, kleine Dinge aus den Legenden in unser Spiel mit einzubauen. Ich erzähle meinem Bruder, dass er der kühne Edelritter Nyx ist, welcher eins mit der Kraft des Äthers wurde, um die Bestie Randul zu erschlagen, welche sein Volk und seine Lande schon seit Jahrtausenden tyrannisierte. Ich sage ihm, dass ich einer der Sirlium bin. Ein Wesen, welches über den Engeln steht, welches Nyx in seinem Kampf der Befreiung zur Seite stand und Weisheiten mit ihm teilte, welche nur der Kosmos selbst zu wissen schien. Mein Bruder ist eher damit beschäftigt, sein Holzschwert auf das meine zu schlagen, und hört mir nur mit einem Ohr zu. Doch es stört mich nicht und ich lächle, glücklich, in dem Besitz des Wissens zu sein, welches nur mir allein vorenthalten bleibt. Wir spielen im Garten weiter, bis Mutter uns zum Abendessen hineinruft.
Endlich fängt die Sonne an zu verschwinden und ich stehe glücklich neben meinem Bruder, während Mutter ihm die Zähne putzt. Nur noch ein bisschen und dann ist es soweit. Das letzte Licht des Tages, welches unter der Jalousie hindurchscheint, wird immer schwächer, während ich zugedeckt im Bett liege und warte, dass meine Eltern endlich schlafen gehen. Ich höre den Fernseher laufen, während Vater mit Mutter über etwas diskutiert. Als das Dunkel der Nacht endlich die Oberhand gewonnen hat, klettere ich leise unter meiner Bettdecke hervor. Ich weiß inzwischen, welche Dielen des Fußbodens quietschen und auf welchen ich gefahrlos laufen kann. Mit leisen Schritten nähere ich mich dem Fenster und erklimme die Fensterbank, von welcher ich meinen Erlöser sehen kann. Und er hat mich bereits erwartet. Das Licht schwindet in schwebenden Schlieren aus dem Kopf der Laterne und ein Schleier, welcher das Bild einer kosmischen Unendlichkeit darstellt, zeichnet sich vor mir ab. Es macht zwar keine Geräusche, aber es ist, als könnte ich unbekannte Gesänge, ferner Mystiken hören, welche nur darauf warten, sich mir zu enthüllen.
Sie erzählt mir von den 2000 Engeln Dahliums, welche die ferne Welt Pnytonia vor Unglücken bewahren. Sie erzählt mir, dass es seit Äonen so gewesen ist und bis in alle Zeiten so sein wird. Die Engel sind zwar Beschützer, aber grausam sind sie doch. Einmal erschlugen sie 100.000 Mann auf einmal, welche sich von dem König Pnytonias abwandten. Ihre unerfüllten Wünsche nach Selbstbestimmung füttern eine Entität, welche ein Tor baut. Die Laterne will mir ihren Namen nicht verraten und trotz meines wiederholten Fragens lenkt sie davon ab. Als ich frage, wofür das Tor denn sei und wohin es führe, sagt mir die Laterne, es sei kein Tor aus Marmor oder Gold, sondern ein Tor aus reinem Licht. Sie sagt, es sei ein Tor zur Verdammnis und zum Untergang allen Lebens, welches es je gab und je geben wird. Meine Hände zucken leicht. Ich frage nach dem Warum und dem Wie, aber die Laterne sagt, sie könne es nicht beantworten. Sie sagt mir, unser nächstes Treffen sei von hoher Wichtigkeit, ich müsse schnell wiederkommen und sie würde mir mehr zur Entität und zum Tor erzählen. Als langsam die ersten Sonnenstrahlen die Finsternis durchbrechen und ich merke, dass ich vielleicht zu lange mit ihr gesprochen habe.
Mutter weckt mich mürrisch aus meinem zu kurzen Schlummer und ich spüre die Spuren des Schlafentzugs. Doch ich kann mir nichts anmerken lassen und versuche, meine schweren Augen offen zu halten. Mutter und Vater streiten sich, doch ich bin zu müde von geistiger Nacht, um ihnen zuzuhören. Und ehe ich es mir versehe, bin ich bereits wieder im Klassenraum. Stimmen und Geräusche gleiten an mir vorbei und ich werde erst wacher, als meine Mathelehrerin mich anschreit, ich solle gefälligst aufpassen. Die Stunden gleiten dahin und ich sitze nun in einem anderen Raum. Es ist, als würde ich in einer Flut aus Kleinsichtigkeit und Dummheit ertrinken, welche meine Mitmenschen über mich ergießen. Kreischend und Papier werfend, bin ich mit diesen Affen in einem Raum gefangen. Das Bild, das ich malen soll, ist fast fertig und ich bin nicht mehr ganz so müde. Die Last, die Geräusche zu ertragen, wird etwas leichter, als ich auf mein Werk blicke und lächle. Die Laterne, welche das Licht ausströmt, geschickt versteckt in dem niedlichen Bild eines kleinen Kindes. Eine kleine, versteckte Botschaft, welche meine Lippen kräuseln lässt und mir etwas freudige Aufregung in meinem so seelenzerbrechenden Alltag bringt. Die Uhr schlägt eins und ich beginne, meine Sachen hastig in meinen Ranzen zu stopfen, doch ich werde aufgehalten.
Die blöde Frau, sie fragt mich, ob alles in Ordnung bei mir ist und ob zuhause alles gut sei. Dass ich mit ihr reden könne, sagt sie mir, und ob mein Vater mich schlägt, fragt sie mich. Meine falsche Fassade eines Gesichts antwortet ihr, dass alles in Ordnung sei und ich nur nicht gut schlafen könne, weil unser Nachbar den Plattenspieler oft laut, bis spät in die Nacht, laufen lasse. Ich kann nicht sagen, ob sie es mir glaubt, aber ich kann eine zweite Frau, welche sich abseits von meiner Mutter über meine Augenringe beschwert, nun wirklich nicht gebrauchen. Während ich rausgehe, merke ich, wie ihr besorgter Blick wieder willens an mir haftet, doch es ist nicht weiter von Bedeutung, solange meine Noten gleichbleiben.
Mutter redet mit mir auf der Heimfahrt, doch ich könnte, selbst wenn mein Leben davon abhängen würde, nicht wiedergeben, was sie mir gesagt hat. Die Müdigkeit versucht, mich in ein Reich der Träume zu zerren, und es wird mit jeder Sekunde immer anstrengender, ihr nicht nachzugeben. Die Geräusche der Straße, das Ruckeln der Räder und das Gerede von Mutter gleiten einfach durch meinen Kopf hindurch. Die Welt zieht einfach vorbei, während ich mit meinem Blick aus dem Fenster gerichtet meinen Kopf gegen die Scheibe lehne, und das Einzige, woran ich noch denke, ist, das Licht der Laterne wiederzusehen.
Als ich zuhause bin, werde ich immer müder. Es ist zwar keine Schule mehr, aber ich sitze genauso sinnlos und ungeduldig wartend im Haus, wie ich es auch in der Schule getan hätte. Die Schreie meiner Mitschüler sind durch die dröhnenden Geräusche des Fernsehers ausgetauscht worden. Ich sitze mit Vater und meinem Bruder im heißen Wohnzimmer und schaue Fern, während Mutter in der Küche Limonade macht. Schweiß sammelt sich langsam auf meiner Stirn, während sich das HB-Männchen über irgendetwas idiotisches aufregt. Die Geräusche des Fernsehers dröhnen in meinem Schädel, als würden sie zu einer sich windenden Masse zusammenschmelzen und sich immer weiter und weiter ausdehnen, bis mein Schädel bricht. Während ich meinen Kopf in den Nacken zurücklehne und meine Augen schließe, stelle ich mir heute Abend vor, wie ich an dem offenen Fenster sitze und die Köstlichkeiten der Einsicht verzehre, welche mein Freund mir so freudig erzählt. Ich kann jedoch nicht länger gegen die Müdigkeit ankämpfen und schließlich bin ich gezwungen, nachzugeben. So entschließe ich mich, auf mein Zimmer zu gehen und etwas zu schlafen. Mein Bruder kommt mir auf halbem Weg in die Quere und will mir freudig etwas erzählen, doch ich stoße ihn zur Seite und bahne mir meinen Weg in den so notwendigen Schlaf. Als ich aufwache, ist es bereits dunkel. Ich habe einen Schlafanzug an, welchen Mutter mir wohl angezogen hat, während ich schlief. Der Mond erleuchtet die Nacht und ich kann Vögel zwitschern hören. Aufregung zieht sich durch meine Glieder hoch und ich habe Angst, zu spät zu sein. Jedoch stelle ich beruhigt fest, dass mein Schlaf mich keinen zu hohen Preis gekostet hat, als ich sehe, dass ihr Licht noch nicht angesprungen ist.
„Es muss jeden Augenblick so weit sein“, sage ich zu mir selbst, in Gedanken versunken.
Leise und vorsichtig klettere ich die Fensterbank hoch. Mücken fliegen surrend um mich herum und ein angenehmer Wind weht mir entgegen, während ich am offenen Fenster warte. Ich hatte den Schlaf bitter nötig gehabt und ich muss mir eingestehen, dass es so nicht weitergehen kann. Meine Gedanken rasen bereits unkontrollierbar, im Zentrum die Entität, welche mich schon den ganzen Tag nicht mehr loslässt. Ich lasse den Wind durch meine Haare gleiten, während ich ihm mein Gesicht mit geschlossenen Augen entgegenstrecke und den Moment der Ruhe genieße. Doch als ich meine Augen wieder öffne, glüht das Licht der Laterne bereits. Die sich windenden Schwaden funkelnden und glitzernden Lichts verteilen sich in der warmen Nachtluft und leichte Euphorie steigt in mir hoch. Die Laterne eröffnet unser Gespräch heute damit, dass sie mir Lieder vorsingt. Während es am Anfang noch Lieder über Seefahrer, Abenteurer oder angebetete Frauen sind, werden sie nach und nach immer trauriger und düsterer.
Die Lieder handeln von einem Volk oder einem Stamm, welcher seit Äonen in einem Tal lebt. Sie leben im Einklang und Frieden, und selbst die ältesten ihrer Rasse haben die Schlacht noch nie erfahren, geschweige denn gesehen. Eines Tages kamen geflügelte Wesen aus dem Himmel herab, welche wohl Engel gewesen sein müssen. Sie gaben den Bewohnern Geschenke und köstliche Speisen, so viel sie nur essen konnten, doch sie forderten etwas im Gegenzug. Sie sagten, dass sie von nun an unter der Obhut eines Herrschers leben würden. Es würde ihnen gut gehen, doch sie müssten ihr geliebtes Tal verlassen. Das Volk weigert sich und der Hass der Engel wütet über ihre Städte. Im Lied selbst heißt es „die Verherrung, welche uns ereilte“, doch die Laterne sagt mir, die Engel hätten alle, bis auf das letzte Kind, erschlagen, ihre Häute abgezogen und als Tribut an ihren Herrscher gegeben. Ein kaltes Schaudern überkommt mich und ich merke, wie Angst in mir hochsteigt. Ich frage die Laterne nach dem Herrscher, wer er sei und warum er all diese Leute hat töten lassen, und die Laterne erwidert mit einer nicht ganz zufriedenstellenden Antwort. Sie sagt, dass der Herrscher keinen Namen hat und dass er im Dienste der Entität stehe, von welcher sie mir in der gestrigen Nacht erzählt hatte. Ich umklammere den Rahmen des Fensters etwas fester und frage sie erneut nach der Entität. Die Laterne hat mich hingehalten und weicht mir aus, woraufhin ich ungehalten werde. Ich sage ihr, dass ich morgen nicht wiederkommen würde, wenn sie es mir nicht sagen würde, woraufhin die Laterne mir verspricht, mir morgen zu erzählen, was sie weiß.
Die Worte von letzter Nacht hallen immer noch in meinen Gedanken. Die Entität lässt mich nicht los und auch wenn ich jetzt keine Angst mehr habe, erinnere ich mich gut an das Gefühl von gestriger Nacht. Die Entität scheint meine schweifenden Gedanken zu umklammern und sich mit jeder verstreichenden Stunde an ihnen näher zu mir zu ziehen. Irgendwie fühle ich mich gerädert und erschöpft. Obwohl ich genug schlafen konnte, fühle ich mich, als wäre ich nicht ganz wach. Als meine Mutter mit mir an der Hand zur Schule läuft, kreisen meine Gedanken immer noch um die Entität und die Antworten, die ich heute Abend bekommen werde. Was wird sie mir wohl erzählen? Was könnte so schlimm sein, dass sie es mir vorenthält? All die Antworten. Wie wird sie aussehen? Warum baut sie das Tor? Was will sie und wie ist ihr Name?
Der Tag vergeht zu langsam und ich komme mir vor wie in einer nie endenden Schleife meiner eigenen Kausalität. Ich kann kaum einen Gedanken fassen, meine Ohren nehmen Geräusche nur dumpf wahr und Nadeln scheinen auf meinen Kopf einzustechen. Die Uhr des Klassenraums tickt wütend und schlägt stetig auf mein zartes Gemüt. Meine Finger schlingen sich um die Metallstangen, welche dem vollgekritzelten Holztisch, auf dem meine Blätter und Stifte verteilt liegen, als Beine dienen. Ich kann es nicht mehr aushalten. Ich muss das Licht sehen, ich muss gehen. Ich erbreche mich über meinem Tisch und die Uhr hört endlich auf, gegen meinen Kopf zu schlagen. Ich liege mit dem Gesicht auf dem Inhalt, welcher sich gerade noch in meinem Magen befunden hatte, aber ich kann es mir nicht verkneifen, zu lächeln. Die dumme Frau rennt panisch zu mir und ehe ich es mir versehe, bin ich im Auto meiner Mutter, die mich mit besorgtem Blick nach Hause fährt. Doch ich liege auf der Rückbank und weiß, wo ich gleich sein werde. Auch wenn ich noch warten muss, kann ich mich so ausruhen und bin in unmittelbarer Nähe zu ihr.
Als die Nacht langsam den Tag verdrängt und ich erwartungsvoll und angespannt am Fenster sitze, geht das Licht endlich an. Dünne, umherwehende Bänder von Licht brechen aus dem Haupt der Laterne und beleuchten die in dem Licht glänzenden Blätter der umliegenden Bäume und Büsche. Ich stelle gespannt meine Fragen und die Laterne antwortet. Die Entität habe tatsächlich keinen Namen, aber sei unter der Beschreibung Noklyus bekannt, was so viel bedeutet wie „der Verschlinger“. Sie sei schon immer da gewesen und sei älter als es viele Welten und Sterne des Universums sind. Eine Kraft, welche sich durch die unendlichen Weiten bewegt und alles um sich herum zu verschlingen scheint. Ein Wesen, das keine Gnade kennt, keine Rechtfertigung braucht und auf keine Stimme der Vernunft hört. Ich zucke leicht zusammen, als sie mir das erzählt. Ich habe mir bereits schlimme Dinge ausgemalt, aber trotzdem bin ich erschreckt. Die Laterne fährt fort. Die Kreatur habe ein Auge, das alles und jeden sieht. Man kann sich nicht vor ihr verstecken und sobald man über sie spricht, kann es passieren, dass sie auf einen aufmerksam wird. Die Anspannung in mir wird stärker und ich frage, ob es uns bereits gesehen hat. Nein, sagt die Laterne. Doch gerade als sie fortfahren will, höre ich, wie schnelle Schritte die Treppe herauf eilen. Ich habe keine Wahl und muss das Gespräch widerwillig abbrechen.
Ich schaffe es gerade noch so, mich zurück in mein Bett zu legen und vorzugeben, dass ich schlafe. Mit einem leisen Quietschen öffnet sich langsam die Tür meines Zimmers. Ich spüre den Blick des Eindringlings förmlich, wie er mich durchbohrt. Ich kann nicht sagen, ob es Mutter oder Vater ist, aber Missmut bildet sich in meinem Körper über die so unpassende Unterbrechung, die mir einer von beiden beschert hat. Ich schlafe die Nacht nicht viel und träume von dem Auge des Monsters, welches mit einer riesigen, schrecklichen Iris nur auf mich und mich allein zu blicken scheint. Der Tag gleitet überraschend schnell dahin und es kommt mir früher vor als sonst, dass ich bei Mutter im Auto sitze. Mutter will nicht, dass Vater weiß, wo wir nach der Schule hinfahren. Sie hat sich bestimmt deshalb mit ihm gestritten, aber ich habe nicht wirklich die Kraft, der Sache Denkkraft zu widmen. Sie hat mir versprochen, mir ein Eis zu kaufen, wenn ich Vater nichts davon erzähle. Das Eis ist eine schwache Bestechung, und ich erwäge es, es ihm zu sagen, weil mich die Besuche bei dem Mann mit dem idiotisch aussehenden Hemd anfangen zu nerven. Jedoch würde ich zuhause wahrscheinlich auch nichts Bedeutenderes machen als zu warten, also belasse ich es erstmal dabei.
Der Mann fragt mich alles Mögliche. Von unbedeutenden Dingen wie was für Spiele ich mag, was meine Lieblingsmusik ist oder was ich am liebsten im Fernsehen schaue bis hin zu spezifischeren Fragen. Sachen wie, wie mein Schlaf ist, ob ich zuhause zufrieden bin und ob mich Kinder in meiner Schule ärgern. Ob Vater mir wehtut oder ob meine Großeltern mich anfassen, obwohl ich es nicht will. Er wirkt so, als ahne er etwas, aber er kann unmöglich von der Laterne wissen. Meine Augenringe sind nicht mehr zu verstecken, also sage ich ihm, dass mich die Mücken nachts wachhalten und ich deshalb nicht schlafen könne. Ich erzähle ihm irgendetwas, damit er mich in Ruhe lässt. Er glaubt mir nicht, und auch wenn er sich noch soviel aufschreibt, kann und wird er mich niemals durchblicken. Egal wie sehr er es versucht. An das Wissen in mir wird er nie gelangen. Meine Einsicht, meine Weisheit.
Mutter sieht nicht zufrieden aus, jedoch hält sie ihren Teil der Abmachung ein und ich fahre, den Rücksitz mit Eiscreme besudelnd, nach Hause. Als Mutter den Käfer in der Einfahrt unseres Hauses parkt, sind die Wolken von einem bläulichen Grau gezeichnet und es ist windig draußen. Ich sitze mit meinem Bruder im Wohnzimmer und spiele mit ihm, während ich warte. Meine Gedanken sind wieder etwas klarer und ich denke an die Offenbarung, welche sich mir heute Abend bieten wird. Ich bin von Neugier und Wissensdurst, aber auch von Angst und Anspannung durchzogen. Draußen nieselt es und obwohl es warm ist, weht der Wind stärker als sonst. Mutter und Vater diskutieren wieder in der Küche, doch es dringt nicht an mich heran. Die Zeit wird vom Nichts des Äthers verschlungen und ich stehe schließlich bereit in meinem Zimmer und schließe mit meinem Blick, bereits auf das Fenster gerichtet, die Tür hinter mir. Ich bin von einem Gefühl durchzogen, welches nur erlebt und nicht beschrieben werden kann. Ich liege, an die Decke starrend, in meinem Bett und warte, bis die Geräusche verstummen.
Als ich mir schließlich sicher bin, dass niemand mehr wach ist, steige ich leise aus dem Bett und schleiche, wie ich es schon so oft getan habe, zum Fenster. Das Licht meiner Quelle des Wissens bricht schlagartig in mehreren dicken Schwallen aus ihr heraus. Der Wind weht mir entgegen und ich merke, wie mein Gesicht vom Nieselregen nass wird. Das Licht reflektiert sich in der feuchten Luft und es sieht aus wie eine riesige Blase aus einer goldenen Masse, welche vor mir schwebt. Ich kann nicht warten, und ehe ich mich für gestern entschuldigen konnte, platzt es bereits aus mir heraus. Ich frage hastig, was es mit dem Tor auf sich hat und ob ich in Gefahr bin und was sie mir gestern noch habe sagen wollen, ehe wir unterbrochen wurden. Die Laterne schweigt und sagt in einem Ton, welchen ich noch nie von ihr gehört habe, dass es keine Worte mehr geben würde, welche ich verstehen könnte, die zur Beschreibung der Dinge, die ich wissen will, nötig wären. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, während ich mich aus dem Fenster lehne, um dem Licht näher zu sein.
Die Laterne sagt, sie könne es mir nicht sagen, jedoch könne sie es mir zeigen. Ich gehe vorsichtig zu meiner Zimmertür und passe auf, nicht auf die falschen Dielen zu treten. Ich spähe durch den Schlitz meiner Tür und schreite langsam durch den dunklen Flur. Leise schleiche ich die Treppe hinab und bewege mich lautlos über den gefliesten Boden am Zimmer meiner Eltern vorbei. Ich gehe durch die Trassentür nach draußen, da ich sie nur aufschieben muss und sie wesentlich leiser ist als die Vordertür.
„Wenn ich jetzt erwischt werde … Ich kann jetzt nicht erwischt werden“, denke ich, während ich mit leisen Schritten laufe.
Ich schaffe es und laufe barfuß durch das nasse Gras unseres Gartens in Richtung Bürgersteig vor dem Haus. Draußen ist es zwar warm, aber ich merke deutlich, wie meine Kleidung von dem Wasser durchnässt wird. Ich laufe über die kalten Steine des Weges und sehe sie nun. Dort steht sie in all ihrer gänzlichen Pracht. Das schwarze Metall, welches sich kühl, symmetrisch als Hexagon bis zu ihrem Kopf nach oben zieht. Wie das Wasser an den kleinen Verzierungen heruntertropft, welche überall, dezent, kunstvoll an ihr angebracht sind. Und dann natürlich das strahlende Licht, welches sich funkelnd und glitzernd leuchtend ausbreitet und die Dunkelheit bekämpft. Ich stelle mich unter die Laterne und blicke nun genau in den Ursprung ihres Lichtes. Ich stehe dort für eine unbestimmte Zeit, bis das Licht anfängt, herauszulaufen. Die Welt um mich herum scheint sich zu krümmen und zu verzerren, und der Kopf der Laterne und das Licht, das er ausstrahlt, kommen meinem Gesicht immer näher. Ich sehe Dunkelheit. Ich fühle mich leicht. Ich fühle überhaupt nichts mehr. Kein Schmerz, keine einzige Empfindung. Aber ich fühle mich nicht schlecht. Und dann sehe ich es. Unendliche Weite, Sterne und Lichter, welche kein Ende zu nehmen scheinen. Wunderschöne Farben, welche sich in unbeschreiblichen Mustern durch die Leere des Weltraumes ziehen.
Doch der beeindruckende Anblick hält nicht ewig und es ist schließlich auch nicht der Grund, weshalb ich gekommen bin. Ich sehe schließlich das Tor. Ein riesiger Bogen aus gelbem Licht, welcher größer als unser ganzer Planet sein muss. Um das Tor versammelt ist eine unzählbare Menge an Kreaturen, von denen ich die Namen nicht kenne. Humanoidaussende Wesen, tierartige Kreaturen und fliegende Biester, welche ich kaum beschreiben kann. Ich kann nicht glauben, was ich dort sehe. Auf einen Schlag jedoch fühle ich wieder. Kälte, Angst und Verzweiflung. Ich merke, wie der Blick von etwas auf mir ruht. Eine Schwelle zu etwas. Eine Wand, welche sich aufwölbt, eine Iris, welche so groß wie ein Planet ist. Ich denke an nichts mehr, ich kann mich nicht bewegen, ich bin nichts. Die Wand wölbt sich weiter und zentriert ihren Blick auf mich, doch ich gleite davon. Ich falle ein paar Meter auf den Boden, aber ich bin froh über den Schmerz. Ich bin zwar erleichtert über die Wärme meines eigenen Blutes, welches an meinem Bein hinabläuft. Auch wenn die Angst und der Terror, welcher jede Faser meines kleinen Körpers durchzieht nicht mal annähernd von ihr verdrängt werden könnte. Es ist, als würden die Gedanken, die wie ein Kugelhagel gegen die Innenwand meines Schädels schlagen, jeden Moment aus mir herausbrechen. Ich atme schwer und schnappe nach Luft. Inzwischen regnet es etwas stärker und ich liege komplett durchnässt auf dem steinigen Boden. Funken sprühen aus dem Fuße der Laterne und mit einem lauten Krachen schlägt sie neben mir auf den Boden und zerschellt. Sie verfehlt mich dabei nur knapp und Erde, welche aus der Verankerung gerissen wird, schlägt mir ins Gesicht. Die Glühbirne zerspringt in tausende Teile, Kabel reißen aus der Erde und das schwarze Metall zerbricht in einem lauten Klirren auf den gepflasterten Steinen des Weges.



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