So etwas wie ein Vorwort
Irgendjemand hat mal den klugen Spruch vom Stapel gelassen: Man lebt sein Leben zwar vorwärts, aber verstehen kann man es erst rückwärts. Ich muss zugeben, dass ich das nie so wirklich verstanden habe. Doch erst jetzt da ich auf alles zurückblicke, merke ich, wie ich tatsächlich erst heute mein Leben zu begreifen beginne. Jahre später verstehe ich plötzlich die Zusammenhänge.
Natürlich frage ich mich dann auch, was bedeutete dieses Leben eigentlich? War die Geschichte, die es so sehr verändert hat, einfach nur ein Drama, wie es derer so viele gibt? Also im Grunde nichts Besonderes? Könnte man es sogar auf eine simple Bettgeschichte reduzieren? Oder war das, was mir damals passiert ist, womöglich die große Liebe, auf die man ein ganzes Leben wartet – und wenn sie einem begegnet ist man oft genug zu blind, um sie zu erkennen?
Nun, was immer es auch gewesen sein mag, ich habe auf jeden Fall nie daran gedacht, daraus ein Buch zu machen. Wozu auch? Selbst hat man immer einen verzerrten Blickwinkel auf das, was einem widerfährt und ich bin mir nicht sicher, ob jemand überhaupt eine so unrühmliche Geschichte wie die meine lesen möchte. Wissen Sie, ich komme da nämlich nicht so gut bei weg – zumindest wenn man den moralischen Standpunkt betrachtet. Ich bin eine Ehebrecherin, so würden einige Leute das nennen.
Aber ich will meiner eigenen Geschichte nicht vorgreifen, um Himmelswillen. Wo war ich? Ach ja, warum ich diesen Teil meines Lebens nun doch niederschreibe. Da kann ich ganz klar sagen, das liegt an meinen beiden Freundinnen, die in gewisser Weise doch einen erheblichen Anteil an den Geschehnissen damals hatten. Von Anfang an habe ich ihnen alles erzählt, was passiert ist, und die sind nun der Meinung, das muss aufgeschrieben werden.
Nur, was soll ich niederschreiben? Wie geht man so ein Thema überhaupt an? Auf der einen Seite verlangen die Fakten, dass ich schonungslos offen über das berichte, was sich ereignet hat – auch wenn es vielleicht empörend und schamlos ist. Auf der anderen Seite aber steckt so viel mehr hinter der Geschichte, weil es eben nicht nur um Sex und einen außerehelichen Fehltritt geht. Und das hat alles ganz viel mit unglücklich sein zu tun, mit dem Frust, der sich nach einigen Ehejahren so gerne einstellt. Und eben auch damit, dass egal wie sehr man denkt, alles sei gut und schön, es in Wirklichkeit dann doch nicht ist.
Sonst wäre man für solche Versuchungen ja nicht so anfällig, wie ich es damals war, oder?
Einigen wir uns also darauf, dass es um eine Geschichte geht, die das Leben geschrieben hat. Ich bin jetzt sozusagen nur die Sekretärin und tippe das in den Computer ein. Über das Warum schweige ich mich mal aus, vielleicht gefällt mir einfach der Gedanke, wenn andere meine Geschichte lesen. Ein wenig steckt natürlich auch die Überlegung dahinter, dass es noch andere Frauen gibt, die heute in einer ähnlichen Situation stecken wie ich damals, mit unendlich vielen Träumen voller Sehnsucht und heimlichem Kummer. Wenn auch nur eine von ihnen durch mein Buch den Mut fasst, aus der Spur zu treten und sich ein wenig Glück zu stehlen – ja, dann habe ich meine Mission erfüllt!
Soll jetzt aber nicht bedeuten, dass ich einen Ratgeber zum Fremdgehen schreiben werde. Ganz sicher nicht. Ich bin gar nicht in der Position, irgendwem Ratschläge zu erteilen. Wer bin ich denn schon? Einfach nur jemand, der das Glück hatte, einem wunderbaren Mann zu begegnen. Eine, die im richtigen Moment dann nicht nein gesagt hat, sondern einfach ja!
Meine Lehre aus dem Ganzen ist eine sehr einfache: Wenn man schon stolpert und fällt, dann soll man es auch verdammt noch mal so richtig von ganzem Herzen genießen! Das ist mein Ratschlag an meine lieben Geschlechtsgenossinnen.
***
Ja, jetzt werden Sie sich bestimmt fragen, wer ist das denn überhaupt, der hier so altkluge Reden schwingt, und deshalb will ich mich gleich mal vorstellen.
Ich heiße Sabrina Berger, doch von meinen Freunden werde ich Bree genannt. Das hat irgendwer mal von Brina, der Abkürzung meines Namens, abgeleitet. Mit meiner Familie lebe ich in der Nähe der kleinen Stadt Wasserburg am Inn ein beschauliches Leben im schönen Oberbayern. Ich bin diejenige – wie Sie sicher schon vermutet haben - die Ihnen diese Geschichte erzählen wird. So erfahren Sie aus erster Hand was passiert ist, obwohl mir das immer noch nicht leichtfällt. Denn eigentlich bin ich ein Mensch wie jeder andere, und in meinem normalen Alltag weder auffällig noch irgendwie exzentrisch. Ich habe natürlich meine kleinen Macken, aber bitte – wer hat die nicht?
Im Grunde bin ich einfach eine normale Hausfrau, Ehefrau und Mutter – weil mein Mann es am liebsten hat, wenn ich bei den Kindern daheimbleibe und eben nicht arbeiten gehe.
Mein Leben ist dennoch ausgefüllt, könnte man sagen. Von morgens bis abends stecke ich in meinem Trott fest, und bei all den Verpflichtungen und Aufgaben, die mir mein häuslicher Alltag stellt, scheint sich noch für viele Jahre kein Ende abzuzeichnen. Gerade mal zweiunddreißig Jahre alt, bin ich schon seit dreizehn Jahren verheiratet. Ziemlich glücklich sogar, wie ich finde. Aber das behauptet wohl jeder von sich, wenn man ihn danach fragen würde. Ich habe also gleich nach dem Abschluss meiner Lehre geheiratet, und da dann auch ziemlich schnell die Kinder kamen, besteht mein Lebensinhalt seither nur noch aus einem: Familie.
Familie morgens. Familie abends. Eigentlich tagein, tagaus. Es ist immer das Gleiche.
Und noch während ich das hier schreibe, liest es sich so verdammt langweilig und mir fällt selbst auf, wie viele Widersprüche doch in dem stecken, was ich hier zu vermitteln versuche. Das gefällt mir überhaupt nicht!
Aber ich bin glücklich!
Ich würde niemals von mir behaupten, unglücklich zu sein. Und selbst wenn ich es wäre, würde ich es vermutlich nicht zugeben, so bin ich nun mal. Außerdem habe ich ja eigentlich alles, was Frau sich nur wünschen kann. Einen liebevollen, zärtlichen Ehemann, der brav zur Arbeit geht und eine ganze Stange Geld dafür heimbringt. Sein Verdienst ermöglicht uns ein Leben im Überfluss und den Kauf etlicher Extras, für den so manch anderer lange sparen müsste. Geldsorgen haben wir also nicht. Mein Mann Rico vergöttert mich und nimmt mich tatsächlich so, wie ich bin – stinklangweilig und nur manchmal ein bisschen schräg drauf. Das ist eine Tatsache, die von einigen unserer Verwandten und Bekannten gar nicht so recht verstanden wird, denn wie kann man eine Frau so sehr lieben, die diesen tierischen Fimmel hat, wie ich ihn habe? Aber Rico erträgt tapfer meinen Heimzoo, bestehend aus Pferd, Hund, Katzen und den Hamstern und Meerschweinchen der Kinder.
Darüber hinaus stellt er mir einen Zweitwagen zur Verfügung, damit ich flexibel bin, wenn er auf einer seiner langen und häufigen Geschäftsreisen ist. Ich soll unabhängig sein, sagt er, und er ermöglicht mir auch so manch anderen Spleen, den mir ein anderer nie durchgehen lassen würde. Er ist ein anständiger und ehrlicher Mann, geht nicht mit diversen Kumpels saufen, und er liebt unsere Kinder. Also, was unsere zwei Racker betrifft, steht er voll dahinter, er ist ein absoluter Familienmensch. Viel mehr, als ich es bin sogar. Andrè ist unser elf Jahre alter Stammhalter und Monique unsere neunjährige Tochter. Und bevor hier die Frage auftaucht, ja, bei deren Geburt hatte ich gerade eine französische Phase, ich fuhr voll auf alles aus dem Nachbarland ab und auf die Namen sowieso!
Eine Bilderbuchfamilie, so nennen die meisten es.
Nun, bis jetzt habe ich auch immer geglaubt, wir wären das. Bis die ersten Zweifel auftauchten und ich angefangen habe mich zu fragen, ob ich nicht einfach nur ein sehr eintöniges, langweiliges Leben führe.
Ich muss es vielleicht noch genauer erklären: Ich bin jemand, der sehr viel persönlichen Freiraum braucht um sich zu verwirklichen, und den bietet mir unsere Ehe mehr als genug. Rico ist aus geschäftlichen Gründen sehr viel auf Reisen. Wenn er weg ist, habe ich also genügend Zeit für all meine Hobbys, mit denen ich mich so gerne beschäftige. Ich kann mich in seiner Abwesenheit mit meinen Freundinnen treffen, die, wie ich auch, riesige Tiernärrinnen sind, gehe tanzen oder ins Kino. Und ich tue, was immer mir gerade einfallen mag. Man könnte sagen, als Strohwitwe tobe ich mich immer so richtig aus, sodass ich dann nach Rückkehr meines Mannes wieder in die Rolle des braven Hausmütterchens schlüpfen kann, die er so gerne an mir mag. Das ist eine Regelung, wie sie sich nun seit Jahren bewährt und die zu aller Zufriedenheit funktioniert.
Eigentlich.
Ah ja, da ist es schon wieder, dieses furchtbare Wort: EIGENTLICH.
Also, eigentlich hat uns diese Regelung immerhin durch dreizehn Jahre Ehe kutschiert, so schlecht kann es doch gar nicht sein, denke ich mir.
Auch im Bett klappt es zwischen uns beiden gut. Eigentlich. Selbst noch nach all den Jahren ist Rico immer noch ganz vernarrt in mich und versteht es sehr gut, mir das Gefühl zu geben, ich sei für ihn die tollste Frau schlechthin. Selbst die paar überflüssigen Pfunde, die nach der Geburt unserer Kinder auf den Hüften geblieben sind, stören ihn nicht wirklich. Sein Verlangen nach mir scheint nie zu versiegen, er will mich heiß und innig – und oft.
Und jetzt kommen wir langsam zum Kern der Geschichte, warum ich mir die Mühe mache, alles aufzuschreiben. Denn ich weiß genau, es liegt an mir, wieso ich mich von Rico und seinem Hunger nach mir in letzter Zeit ein wenig distanziert habe. Es ist eben für mich einfach nicht mehr so wie früher. Oft ertappe ich mich dabei, dass ich nach Ausreden suche, wenn er was von mir will. Ausgerechnet Ausflüchte, über die ich bei anderen oft so gerne gelästert habe. Und jetzt gebrauche ich sie selber, um mich dem Sex mit ihm zu entziehen. Okay, ich habe zwar noch nie auf die obligatorischen Kopfschmerzen zurückgegriffen, aber mir ist schon auch selbst klar, dass ich mich langsam auf demselben Niveau bewege! Und auch das gefällt mir überhaupt nicht!
Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, es hat sich einfach Langeweile und Routine ins Ehebett eingeschlichen. Zumindest ist das in meinen Augen so. Wie lange mag es wohl her sein, dass Rico mich mit einem seiner pikanten kleinen Rollenspielchen überrascht hat? Wann hat er mich das letzte Mal einfach genommen, ohne lange vorher abzusichern, ob ich auch bereit für ihn bin? Und wann war es das letzte Mal soweit, dass ich vor Verlangen nach ihm ganz heiß und schwach war, und ihn stürmisch und raffiniert verführen wollte?
Eine Ewigkeit, das sage ich Ihnen!
Statt leidenschaftlichen, fieberhaften Vereinigungen stehen nun mehr oder weniger lahme Pflichtübungen auf dem Programm. Ja, und auch das ist zum größten Teil meine Schuld, darüber bin ich mir schon im Klaren. Aber ich frage Sie, ist es denn tatsächlich zu viel verlangt, sich etwas mehr Pepp und Raffinesse von dem eigenen Mann zu wünschen? Himmel, Rico merkt es doch nicht einmal, wenn ich ihm einen Orgasmus vorspiele und ich sage mir, hat man diesen Punkt erreicht, Leute – dann fehlt es aber echt weit!
Dennoch, ich muss ehrlich zugeben, dass ich kein einziges Mal daran gedacht habe, mir einfach einen Liebhaber zu nehmen, der all diese ehelichen Defizite ausgleicht. Dieser Gedanke ist für mich abwegig und absurd. Anständige Frauen tun so etwas nicht. Warum sollte ich so etwas Empörendes auch nur in Erwägung ziehen, wenn es überall diverses Spielzeug zu kaufen gibt? All die kleinen, versauten Wonnespender, die mir mit einem diskreten Summen höchste Erfüllung schenken, die nie müde werden und die immer bereit für mich sind, wenn mir danach ist, die aber auch keinerlei Ansprüche an mich stellen. Bin ich fertig, dann reinige ich sie und packe sie einfach weg, in die kleine diskrete Kiste unter meinem Bett. Bis zum nächsten Mal.
Kein Liebhaber könnte meine Bedürfnisse so unproblematisch befriedigen!









…so etwas wie Vorwort- der erste Absatz ist einfach Lebenserfahrung, bin immer wieder erstaunt, wenn mich diese Erkenntnis trifft….. Danke für deine Worte…