Kapitel 1: Freier Fall
Kennt ihr das Gefühl, wenn man im Traum fällt? Die Welt ist schwerelos, leicht. Der Boden kommt näher, das Adrenalin schießt durch die Decke. Kurz bevor man aufkommt, öffnet man die Augen auf und liegt in seinem warmen Bett. Tja, bei mir nicht.
Der Wind rüttelt an meiner Kleidung. Ich stürze unkontrolliert in die Tiefe, die Organe scheinen in den letzten Winkel meines Körpers zu rutschen. Ein lauter Schrei entfährt meiner trockenen Kehle, doch er wird ungehört von der rasanten Geschwindigkeit verschluckt.
Ich reiße die Augen auf, doch der Luftzug schneidet in sie und Tränen verschleiern meinen Blick. Der Druck auf meiner Brust macht das Atmen schier unmöglich, dennoch pumpt das Herz auf Hochtouren. Orientierung ausgeschlossen.
Scheiße, ich falle wirklich! Wie lange noch? Wann werde ich mein Leben als menschlicher Pfannkuchen beenden? Scheiße, scheiße! Ich hatte doch noch so viele Träume und Gedanken, welche ich aufs Papier bringen wollte!
Der Puls rauscht so laut wie der Wind in den Ohren, als ich etwas bemerke. Da ist was um mich geschnallt. Mit den Fingern taste ich es ab, doch sie werden immer wieder von der Kraft des freien Falls weggezogen.
Ich versuche es noch mal, packe den Gürtel mit einem eisernen Griff und erfasse tatsächlich eine dünne Leine! Ist das ein Fallschirm? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.
So kräftig wie möglich ziehe ich an der Schnur und tatsächlich, ein starker Ruck erfasst mich und presst sämtliche Luft aus den Lungen. Ein Bein hat sich in der Leine verfangen und ich hänge kopfüber, doch ich falle nicht mehr! Ein scharfer Schmerz zieht durch meine Nervenbahnen, aber ich lebe noch.
Ich gebe ein fassungsloses Lachen von mir, doch das nächste Problem macht sich gleich bemerkbar. Eine starke Böe erfasst den gelben Fallschirm und ich steuere ohne Lenkmöglichkeit direkt auf einen dichten Wald zu!
„Das kann doch nicht wahr sein!", fluche ich und versuche mich aus dem Netz aus Fäden zu befreien, doch keine Chance. Hilflos starre ich auf die grünen Baumwipfel, welche in rasanter Geschwindigkeit näher kommen. Im letzten Moment verstecke ich den Kopf unter den Armen. Klasse Sarah. Nun endest du nicht als Pfannkuchen, sondern als menschliche Christbaumspitze. Wer braucht schon den Stern von Betlehem? Und wieso sind das deine letzten Gedanken?
Der Aufprall ist hart. Spitze Zweige kratzen über meine Haut und hinterlassen schwere Prellungen. Ich falle erneut, schreie unentwegt, doch plötzlich geht ein kräftiger Ruck durch mich und ich komme zum Stillstand.
Schwerer Atem rasselt durch meine schmerzende Brust. Bin ich Tod? War das das Ende? Langsam öffne ich die fest zusammengepressten Lider und erkenne, dass ich gut drei Meter über einem Tümpel in der Luft hänge. Kopfüber.
Ich recke den Kopf angestrengt nach oben und erkenne, dass der Fallschirm sich in den Ästen des Baumes verfangen hatte. Mein Leben hängt im wahrsten Sinne am seidenen Faden.
„Scheiße, scheiße, scheiße! Okay Sarah, ganz ruhig. Du bist zwar gerade aus dem verdammten Himmel gefallen und hängst kopfüber fest, aber es könnte immer noch schlimmer sein. Es könnte sich, na ja, noch ein wildes Tier unter dir befinden!" Wo nehme ich nur diesen Optimismus plötzlich her?
First step first, ist noch alles an mir dran? Ich atme tief durch die Nase ein und aus dem Mund wieder aus. Ich schließe die Augen und führe erst mal einen Bodyscan durch. Fange damit an mit den Zehen zu wackeln, gehe weiter hoch und bewege die Finger. Der linke Arm ist in den Leinen verfangen, aber auch diesen spüre ich noch sehr deutlich, vor allem, da durch die kontrollierte Atmung das Adrenalin abflacht. Erleichtert lasse ich einen Schwall Luft aus. Alles noch dran!
Doch nun zur offensichtlichsten Frage, wo zum Teufel bin ich? Das letzte, woran ich mich erinnere ist, dass ich an meinem Roman geschrieben habe. Dann plötzlich der freie Fall!
Langsam aber sicher steigt mir das Blut in den Kopf. Wie auch immer, wenn ich nicht bald handle, werde ich als schmackhaft abgehängte Zwischenmahlzeit für Wildtiere enden!
Mit der freien Hand taste ich meine Kleidung ab. Auch nicht meine. Es handelt sich um eine robuste feste Hose mit vielen Taschen und ein schlichtes schwarzes Top. Angesträngt taste ich die Taschen ab und finde tatsächlich etwas Hartes!
Ich stöhne erschöpft und zwinge meine zitternde Hand, an der versperrten Hosentasche zu reißen, bis sich ein kleines Loch auftut. Als ich es endlich greifen kann, halte ich mir den kleinen Gegenstand vors Gesicht. Ein Messer!
Das Atmen fällt mir immer schwerer, doch ich nehme alle Kraft zusammen und öffne die lederne Scheide mit den Zähnen, welche achtlos nach unten fällt. Ich versuche mich an den Schnüren nach oben zu ziehen und bin froh, sportlich stets aktiv gewesen zu sein. Ein Muss in meiner disziplinierten Familie, auch wenn ich mich letztendlich von meinen Eltern distanziert hatte.
Ich beiße die Zähne vor Schmerz zusammen und beginne damit, eine Leine nach der anderen zu durchtrennen. Das scharfe Geräusch von reißendem Nylon erfüllt die Luft und bei jeder losen Schnur rutsche ich ein Stück weiter herunter. Meine Glieder zittern unkontrolliert, teils von Anstrengung, teils vor Angst.
Plötzlich ertönt ein tiefes Grollen direkt unter mir. Sofort halte ich mitten in der Bewegung inne und lasse den Blick ganz langsam nach unten wandern. Ein fremdartiges Riesenvieh steht direkt neben den Tümpel und fixiert mich aus schwarzen Augen. Es hat die gigantischen spitzen Reißzähne gefletscht und wartet gespannt auf sein Fast Food. Mich.
„Scheiße", murmle ich. Das einzige Geräusch, welches in dieser Situation noch schlimmer ist als das Knurren des Raubtiers unter mir, ist das langsame aufreißen des Fallschirms. „Nein nein nein nein nein!", schreie ich panisch, doch es ist zu spät. Ich falle. Schon wieder.
Ein schrilles Geräusch betäubt meine Ohren, bevor das seichte Wasser über mir zusammen schwappt. Ich kämpfe mit der Leine, welche mich noch immer fest in ihrem Griff hält. Ruhe, ich muss Ruhe bewahren!
Die begehrte Atemluft entkommt in kleinen Bläschen, als ich mit aller Kraft die restlichen Seile durchtrenne. Meine Lunge beginnt zu schmerzen. Der Atemreflex kämpft um die Vorherrschaft, doch ich darf nicht nachgeben!
Als ich die Arme endlich bewegen kann, folge ich dem Licht zur Oberfläche. Mit fahrigen Bewegungen tauche ich endlich auf und hole tief Luft!
Hastig blicke ich mich um und halte inne, als ich anstatt des seltsamen Tieres eine Gruppe Männer am Ufer stehen sehe. Sie sind alle schwer bewaffnet, stecken in verschiedenen Uniformen und begutachten mich aus scharfen Augen. Ich glaube, ich versuche mein Glück lieber mit den Wildtieren ... Andererseits haben sie Waffen und wissen eventuell mehr als ich.
„Komm endlich raus Süße, du erkältest dich noch!", lacht einer der Männer und kassiert von seinem Kameraden einen Stoß in die Schulter. Na klasse. Aber was bleibt mir schon übrig?
Zögerlich schwimme ich zu ihnen und ziehe mich aus dem Wasser, das Messer fest in der Hand. Voller Schlamm schneide ich mich letztendlich aus den letzten Schnüren. Ich spüre ihre Blicke auf mir ruhen.
Ich atme tief durch und stehe auf wackeligen Beinen auf, solange das Adrenalin noch anhält. „Wisst ihr, wo wir sind?", frage ich endlich, doch sie sehen sich genauso ratlos an.
„Wir sind vom Himmel gefallen, genau wie du. Aber zu deinem Glück", ein von Muskeln besetzter Riese deutet auf das leblose Tier, welches mich noch vor Kurzem auf dem Speiseplan hatte „waren wir schneller, als das da."
Ich betrachte, was von dem Vieh über ist, und erkenne eine knochige Struktur, glatte schwarze Haut und ein furchtbares Maul mit drei Reihen Rasiermesserschafen Zähnen. „Scheiße, was ist das?", frage ich angewidert, aber auch zu einem kleinen Teil fasziniert.
Einer der Kerle, welcher unentwegt auf Kaugummi herumkaut, schnaubt verächtlich auf. „Keine Ahnung, aber eines ist sicher. Wir sind nicht mehr zu Hause."
„Wir haben etwas gemeinsam", erklärt der Mann, welcher den Blick noch immer auf den Tümpel gerichtet hält. „Ivan hier ist ein Spetsnaz, James von den Navi SEAls," er deutet auf den Typen mit dem Kaugummi „Mikkel ist beim Huntsman Corpse und Louis aus der französischen Antiterror-Einheit." Besagter Franzose zwinkert mir vielsagend zu.
Während er spricht, nehme ich den bisher unentdeckten nassen braunen Rucksack von den Schultern und reiße ungeduldig den Reißverschluss auf. Überrascht halte ich inne.
Er dreht sich um und verschenkt die muskulösen Arme vor der Brust. „Ich bin Chefinspektor Lukas Pichler, EKO Cobra."
Alle Augen sind erwartend auf mich gerichtet. Zögerlich nehme ich das Kindle aus dem Rucksack und sehe langsam auf. „Ich bin Autorin."