Kapitel 1: Sonnenlicht trifft Schatten
Liva tanzte durch das morgendliche Rom, als würde die Sonne nur für sie scheinen. In ihrer Hand schwenkte ein Coffee-to-go, ihre langen blonden Haare fingen das Licht ein wie Goldfäden, und ein Lächeln zierte ihre Lippen, das ansteckender war als jede Melodie aus den offenen Fenstern der Cafés.
Sie liebte das Leben in all seiner chaotischen Schönheit. Ihre Freunde nannten sie liebevoll „Il Sole“ die Sonne. Immer positiv, immer voller Energie. Dass sie sich mit einem Nebenjob als Floristin über Wasser hielt, störte sie nicht. Die kleinen Dinge machten sie glücklich: frischer Lavendelduft am Morgen, das erste Lächeln eines Kunden, das Zirpen der Vögel in der Stadt.
Doch an diesem Tag war etwas anders.
Liva hatte sich verlaufen nicht im klassischen Sinne, sondern in einem Moment der Unachtsamkeit, weil sie einem streunenden Kätzchen gefolgt war, das panisch durch eine enge Seitengasse flitzte. Ohne groß zu überlegen, war sie ihm nachgeeilt.
Was sie in jener Gasse sah, hätte sie nie sehen dürfen.
Zwei Männer. Einer kniete am Boden, blutend, flehend. Der andere stand darüber groß, in einem maßgeschneiderten Anzug, die dunklen Haare perfekt zurückgestrichen. In seiner Hand: eine Waffe.
Und dann passierte es.
Ein Schuss. Kurz. Präzise. Tödlich.
Liva schlug sich die Hand vor den Mund. Ein leises Keuchen entwich ihr gerade laut genug.
Der Mann mit der Waffe drehte sich langsam zu ihr um.
Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen eisgrau und durchdringend bohrten sich in ihre Seele. In ihnen lag keine Reue. Keine Überraschung. Nur kühle Berechnung.
„Bleib stehen“, sagte er mit ruhiger, tiefer Stimme.
Aber Liva konnte nicht. Sie rannte. Ihre Beine trugen sie durch enge Gassen, über rissiges Pflaster, bis sie nicht mehr konnte.
Sie hatte etwas gesehen, das sie nie hätte sehen sollen.
Und er hatte sie gesehen.
Matteo de Luca.
Der Name war ihr unbekannt. Noch.
Aber schon bald würde sie lernen, dass man sich nicht ungestraft mit einem de Luca einlässt.
Nicht einmal, wenn man das Licht in der Dunkelheit ist.