Göttliche Begierde

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Summary

Pfarrer Andreas Kreutzer ist ein engagierter Seelsorger, ein vorbildlicher Ehemann. Als seine Beziehung zur jungen Sophie Brandt ans Licht kommt, stürzt er in einen Abgrund aus Scham und Schuld. Strafversetzt, von seiner Frau verlassen, steht er vor den Trümmern seines Lebens. Doch was empfindet Sophie? Ist sie das naive Opfer eines übergriffigen Geistlichen – oder eine junge Frau, die bewusst Grenzen austestet? Und dann ist da noch Moritz... Was weiß er wirklich? Und warum hat ausgerechnet er einen Schlüssel zu den Geheimnissen, die besser im Dunkel geblieben wären? Eine Geschichte über Sehnsucht, Verlangen und der fragilen Grenze zwischen Neugierde und Todsünde – erzählt in flackerndem Kerzenlicht, mit dem Anklang zerbrochener Glaubenssätze im Ohr.

Status
Complete
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
18+

Verschollen

„Es ist alles meine Schuld!“

Seit heute hatte Sophie Gewissheit. Es war keine Vermutung mehr, kein vages Gefühl – es war eindeutig.

Andreas war weg.

Sie allein kannte den wahren Grund, warum er heute nicht am Altar stand. Nicht predigte. Nicht einmal unter den Gemeindegliedern saß.

„Pfarrer Kreutzer wird künftig eine andere Aufgabe innerhalb unserer Landeskirche übernehmen“, erklärte die Personalreferentin des Oberkirchenrats kühl und sachlich. Auch wenn sie äußerlich gefasst wirkte, konnte sie eine gewisse Unruhe nicht verbergen. Sophie spürte ihn – diesen Tonfall, diesen unterschwelligen Hauch von Skandal, der zwischen ihren Worten lag.

Die Kirche war voll. Voller als an Weihnachten oder an Ostern.

Auf den ersten Blick wirkte alles wie immer. Nur die ungewohnt hohe Besucherzahl ließ erahnen, dass dieser Sonntag kein gewöhnlicher Sonntag war.

Als Sophie die Kirche betrat, begrüßte der Mesner sie freundlich mit Namen und drückte ihr ein Gesangbuch in die Hand.

„Guten Morgen, Sophie. Wie schön, dass du heute Morgen wieder in die Kirche kommst! Die meisten jungen Leute verschwinden nach ihrer Konfirmation und kommen erst wieder… zu ihrer Hochzeit!“

Sophie nahm das Gesangbuch schweigend entgegen. Ihre kalten, verschwitzten Finger umschlossen es krampfhaft, und Sie fühlte eine unendlich schwere Last, die ihr gerade aufgebürdet wurde und die sie von nun an zu tragen hatte. Stumm und mit einem gequälten Lächeln nickte sie dem Mesner zu, schlug die Augen nieder und ging langsam den Mittelgang entlang, bis sie einen freien Platz fand, ganz am Rande einer Bank.

Zaghaft wagte Sophie einen Blick zur Seite. Da saßen sie wieder: Gesichter, die ihr bekannt vorkamen – dieselben wie immer, die mehr wegen ihrer Sonntagskleidung in die Kirche kamen, als um Gottes Wort zu hören. Nicht zum Beten zog es sie hierher – sondern um zu beobachten und ihre unstillbare Neugier zu befriedigen. Was würde die Gemeinde wohl heute zu hören bekommen? Welches Geheimnis würde ihr offenbart werden? Die volle Kirche war kein Zufall. - Es gab einen triftigen Grund dafür…

Kirchheim war nicht gerade der Nabel der Welt. Eingebettet zwischen sanften Hügeln, umgeben von Wäldern und Feldern, war es eine jener Kleinstädte, in denen die Zeit langsamer zu vergehen schien als anderswo. Die meisten kannten einander beim Namen. Man grüßte sich auf der Straße, traf sich beim Bäcker, im Sportverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Und natürlich wurde viel geredet. - Immer.

Erst vor ein paar Tagen, als Sophie nach Hause kam, hatte sie ihre Mutter am Gartenzaun bei einem scheinbar harmlosen Schwätzchen mit der Nachbarin belauscht. Mehr als ein paar Wortfetzen konnte Sophie nicht aufschnappen – doch die reichten, um ihre Welt ins Wanken zu bringen.

„Pfarrer Kreutzer? Eine Affäre?“ Sophies Mutter schüttele ungläubig den Kopf.

Sophie unterließ es, die Nachbarin freundlich zu grüßen, wie sie es sonst immer tat. Fluchtartig rannte sie zur Eingangstür des kleinen Einfamilienhauses, in dem sie mit ihrer Familie wohnte. Angst überkam sie. Mit großen Sätzen sprang sie die Treppe hinauf in den ersten Stock und riss die Tür zu ihrem Zimmer auf. Hastig kramte sie ihr Handy aus dem Rucksack und hämmerte wild auf das Display.

„Verdammt noch mal! - Geh ran!!!“

Doch niemand nahm ab. Schweißperlen traten ihr auf die Stirn. Hatte er ihren Namen preisgegeben? Zwischen den monotonen Klingeltönen – bedrückende Stille. Und genau diese Stille war, was sie am meisten fürchtete.

Die Sache war aufgeflogen.

Die ganze Stadt würde sich bald das Maul darüber zerreißen. Kirchheim war schnell, wenn es ums Reden ging. Besonders dann, wenn es sich um Dinge handelte, die eigentlich niemanden etwas angingen – und von denen niemand eine Ahnung hatte.

Regungslos starrte Sophie ihr Handy an, bis das Display sich wieder verdunkelte. Dann schloss sie die Augen. Ein paar Sekunden lang - um nicht zusammenzubrechen.

Sie wusste, was sie zu tun hatte: Nichts.

Absolut gar nichts.

Immer, wenn es passiert war, flüsterte Andreas eindringlich: „Verhalte dich einfach wie immer. Tu so, als ob nie etwas gewesen wäre…“

Die Hölle hatte ihre Pforten geöffnet. Würde sie jetzt brennen?


Lange würde es nicht mehr dauern, bis der Gottesdienst begann. Bedächtig rückte Sophie in die Kirchenbank und legte ihr Gesangbuch auf die Ablage.

Eine alte Dame saß rechts neben ihr und verströmte einen herben Geruch von Lavendel und Naphthalin. Sophie kannte sie nicht - darum hatte sie sich den Platz neben ihr ausgesucht. Sie wollte nicht angesprochen, nicht ausgefragt werden. Wenn der Gottesdienst vorbei war, würde die Gerüchteküche erst richtig aufbrodeln. Und sie wollte dieses Feuer keinesfalls anfachen.

Wie benommen stand sie da und versuchte, sich ihre Furcht nicht anmerken zu lassen. Angespannt blickte sie auf das Kreuz, das die beiden Daumen ihrer gefalteten Hände bildeten. Sie erinnerte sich an die Worte, die sie einst im Konfirmandenunterricht gelernt hatte: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid…“ Kein Mensch auf dieser Welt konnte ihr jetzt noch helfen. Wenn es jemanden gab, dem sie sich anvertrauen wollte - dann war es Gott. Sophie schloss die Augen und atmete tief ein – dann begann sie, still zu beten:

„Lieber Gott,

ich wollte das nicht.

Wo ist er jetzt? Irgendwo - weit weg?

Stimmt es, was man sagt? Dass letzte Woche ein großer Möbelwagen vor dem Pfarrhaus stand? Es muss ziemlich schnell gegangen sein… Hat seine Frau ihn verlassen?

Wie haben sie herausgefunden, dass er mich...? Hat er mich in die Sache mit hineingezogen? Hat er meinen Namen genannt?

Ich habe niemandem etwas davon erzählt, das weißt du.

Ich weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll! - Ich bin so verzweifelt!!!

Lieber Gott - bitte hilf mir! - Irgendwie.

Amen.“

Andächtig und gefasst sank Sophie auf die hölzerne Kirchenbank. Es war ein Wunder, dass sie noch nicht in Tränen ausgebrochen war, aber sie bemühte sich, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Niemand sollte ihr anmerken, dass etwas nicht stimmte.

Sie war eine Meisterin darin zu verbergen, was niemand sonst wissen durfte: Das wilde Chaos aus naiver Hingabe und innerer Zerrissenheit, das in ihr tobte, ihre stummen Schreie, als es zum ersten Mal passierte – einmal, und dann immer wieder.

Als der Pfarrer der Nachbargemeinde die Sakristei verließ und sich in die erste Bankreihe setzte, wurde die Kirche plötzlich von Unruhe erfüllt.

„Wo ist denn Pfarrer Kreutzer?“, hörte man gedämpfte Stimmen überall fragen. Ein unheilvolles Raunen ging durch den Raum.

„Ist er krank?

Vielleicht etwas Ernstes?

Im Krankenhaus?

Ausgezogen? Ein Möbelwagen? Am Donnerstag?“

Dann fiel ein Wort, das Sophie traf, wie ein Donnerschlag: „Suspendiert.“

Auf einmal spürte sie die Kälte der forschende Blicke, die sie streiften.

Lautes Glockengeläut übertönte alle weiteren Spekulationen über das Verschwinden von Pfarrer Andreas Kreutzer, 42 Jahre alt, verheiratet, ein Sohn.

Auf der Straße hätte man ihm nicht angesehen, dass er Theologe war. Mit seinem Aussehen gehörte er zu jenem unauffälligen Personenkreis, der nicht weiter aus der Masse der Durchschnittsgesichter herausstach. Erst sein Talar und sein Beffchen machten ihn zu dem, was er war - ein Mann des Glaubens, ein Diener der Gemeinde.

Schon als Jugendlicher hatte er sich vorgenommen, Pfarrer zu werden. Voller Idealismus engagierte er sich in der kirchlichen Jugendarbeit, bis er sein Abitur in der Tasche hatte. Sein Werdegang unterschied sich kaum von dem vieler anderer.

Nach dem Theologiestudium trat er sein Vikariat in einer kleinen, unscheinbaren Gemeinde an – so unscheinbar wie er selbst.

Auf einem Wochenendseminar lernte er seine Frau Eva kennen. Beide entdeckten schnell, dass sie dieselben Ideale hatten. Beide wollten etwas bewegen und Gottes Wort lebendig machen. Sie wollten die Welt verbessern und ein Stück lebens- und liebenswerter gestalten. Beide waren voller Enthusiasmus und voller Tatendrang – wie die meisten jungen Menschen – und sie waren bereit für ihre Ideale zu kämpfen.

Andreas und Eva heirateten und Andreas nahm die Pfarrstelle in Kirchheim an – mitten in der charmanten, aber eintönigen Provinz. Als sie dort ins Pfarrhaus eingezogen waren, kam nur wenig später ihr Sohn Johannes auf die Welt.

Alles schien perfekt, doch schon bald bestimmten Diskussionen über den Blumenschmuck auf dem Altar Andreas‘ Tagesablauf. Gemeinsame Stunden mit Eva gehörten schnell der Vergangenheit an - stattdessen füllten Abendveranstaltungen, Kirchenvorstandssitzungen und andere Pflichttermine ihren Alltag.

Schon bald nach Johannes‘ Geburt blieb keine Zeit mehr für Ideale und Fantasien. Erste Priorität galt der Versorgung der Familie.

„Pfarrers Kinder, Müllers Vieh, geraten selten oder nie...!“

Eva war gezwungen, dieses Sprichwort zu widerlegen. Sie musste zeigen, dass sie durchaus dazu in der Lage war, einen Haushalt zu führen, Kinder zu erziehen und nebenher noch den Frauenkreis zu leiten. Schließlich erwartete das die Gemeinde von ihr. Kinder, Kirche und Küche hatten Priorität – vor allem anderen. Auch vor Andreas.

Gemeinsame Aktivitäten gab es kaum noch. Unter der Woche musste Eva Johannes versorgen und sich um den Haushalt kümmern. Am Wochenende schrieb Andreas an seiner Predigt für den Gottesdienst und versah seinen Dienst am Altar und hoch oben auf der Kanzel. Trister Alltag bestimmte ihr Leben.

Immer und immer wieder wünschte sich Eva, das Rad der Zeit noch einmal zurückdrehen zu können. Noch einmal jung zu sein. Unbeschwert in den Tag hinein zu leben. Ohne Verpflichtungen. Ohne Zwang.

Wie schön waren doch die Zeiten, als sie mit Andreas geistliche Konzerte besuchte oder am Kirchentag zwischen Gebeten und Gesprächen zusammen lachten. Wie unendlich wertvoll schien ihr heute jede dieser gemeinsamen Stunden – allein ihr galt damals seine alleinige Zuneigung.

Doch jetzt galt seine Aufmerksamkeit der Kirchengemeinde. Eva hatte mit Andreas den Bund fürs Leben geschlossen. Sie hatte „Ja“ zu ihm gesagt.

Vor Gott.

Zu einem Leben an der Seite eines Mannes, dessen Amt mehr war als Beruf: Berufung. Sie hatte gewusst, worauf sie sich einließ. Und dennoch hatte sie gehofft, dass neben all seiner Liebe zu Gott auch Platz für sie bleiben würde.

Innerlich verspürte sie ihn noch – den Drang nach etwas ganz Neuem, etwas Aufregendem, das sie erleben wollte. Doch diesen Wunsch musste sie vor der Welt verbergen. Vor der Welt, vor der Gemeinde - vor allem aber vor Andreas. Eva musste die Rolle erfüllen, die man ihr auferlegt hatte: die stille, verständnisvolle Pfarrersfrau. Doch genau das fiel ihr von Tag zu Tag schwerer.

War es da ein Wunder, dass sie sich mehr und mehr zurückzog, dass ihr Lachen verstummte und der Glanz in ihren Augen verschwand? Oder schlummerte irgendwo ein Schmerz, der Eva von Andreas immer mehr zu trennen schien?

Eva funktionierte. Eva funktionierte so gut, dass Andreas sie irgendwann nicht mehr wahrnahm. So hatte es zumindest den Anschein.

Zwischen Beerdigungen, Trauungen, Abrechnungen für den Kindergarten, Schuldienst und den Besuchen des Sicherheitsbeauftragten vergaß er die Fürsorge für dieses kleine Rädchen im großen Getriebe aus Familie, Kirche und Gemeinde. Das zentrale Rädchen im Getriebe seines Lebens. Vor Kurzem war sie 38 geworden, und wenn er sich ihren Geburtstag nicht in seinem Terminkalender notiert hätte, dann hätte er ihn glatt vergessen.

Eva bekam Blumen. Wie jedes Jahr. Einen großen Strauß Frühlingsblumen - bunte Tulpen und Narzissen. Die Pfarramtssekretärin hatte ihn besorgt, denn Andreas hatte mal wieder keine Zeit dafür gefunden.

„Ist der so recht?“, hatte sie ihn noch gefragt, als sie ihn in einer Vase auf seinen Schreibtisch stellte.

„Schon…“

Andreas war in Eile und schnappte sich seinen kleinen schwarzen Koffer, als er an seiner Sekretärin vorbeieilte und das Büro verließ. Mit seinen Gedanken war er schon ganz wo anders. Er hastete aus dem Pfarrhaus zu seinem nächsten Termin. Den Blumenstrauß hatte er noch nicht einmal eines Blickes gewürdigt.

„Wenn der so weitermacht, dann passiert bald ein Unglück!“, prophezeite seine Sekretärin und machte sich an ihre Arbeit.

Sie sollte recht behalten.



Als das Orgelvorspiel begann, war noch eine ganze Weile ein lautes Gemurmel im Kirchenschiff zu hören. Für den heutigen Gottesdienst schien der Organist mehr geübt zu haben, als das normalerweise der Fall war - zumindest hatte es den Anschein. Vielleicht lag es am Besuch der Personalreferentin, dass heute gar nicht so viele falsche Töne zu hören waren wie sonst, doch Sophie konnte gerade keine Freude am mächtigen und triumphalen Getöse der Orgel finden.

Als die letzten Takte des Vorspiels verklungen waren, erhob sich die Personalreferentin und trat vor die zahlreich versammelte Gemeinde. Alles schien wie immer. Doch kurz darauf kehrte gespenstische Ruhe ein.

Gedämpftes Licht fiel durch die buntverglasten Kirchenfenster in den Altarraum und die Gemeinde wartete gespannt auf eine Stellungnahme der Personalreferentin, warum ihr Gemeindepfarrer heute nicht vor ihnen stand, wie normalerweise an jedem Sonntag.

„Liebe Gemeinde, Herr Kreutzer hat uns mitgeteilt, dass er seinen Dienst als Pfarrer in Kirchheim nicht mehr versehen kann, weil er eine außereheliche Beziehung eingegangen ist…“, teilte die Personalreferentin des Oberkirchenrats den Gottesdienstbesuchern mit.

In der Kirche war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

„Der Oberkirchenrat wie auch Herr Kreutzer selbst sehen die Glaubwürdigkeit seines Pfarrdienstes in der Kirchheimer Gemeinde in dieser Situation nicht mehr gegeben. Bitte beten sie für die betroffenen Familien in der Fürbitte und helfen sie aktiv mit, ihre Privatsphäre zu schützen…“

Sophie zuckte zusammen. Wusste der Oberkirchenrat, dass sie es war, mit der er seine Frau betrogen hatte? Hatte Andreas ihm ihren Namen verraten?

Niemand nahm Notiz davon, dass Sophie ihre zartgliedrigen Finger mit aller Kraft in die Kirchenbank krallte. Ihr Puls begann zu rasen.

Die Personalreferentin setzte sich wieder in ihre Bank und der Pfarrer, der heute die Vertretung übernahm, trat vor die Gemeinde und begann mit der Liturgie.

„Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. - Amen...“

Halb ohnmächtig versuchte Sophie dem Verlauf des Gottesdienstes zu folgen, doch die Worte der Personalreferentin verwoben sich in ihren Ohren mit den widerhallenden Stimmen der Gemeinde zu einem bedrohlichen Chor, der ihr zurief: „Da ist sie ja, die Ehebrecherin! Sie war es, die dem Pfarrer den Kopf verdreht hat! Steinigt sie, so will es das Gesetz!“

„Als Eingangslied singen wir die Nummer 168 – Du hast uns Herr gerufen…“

Wieder erklang die Orgel. Mit verschwommenem Blick tastete Sophie nach ihrem Gesangbuch. Krampfhaft hielt sie es in ihren zitternden Händen. Der Liedtext vor ihr verschwamm zu bedeutungslosen Zeichen, denn schon lange standen ihr Tränen in den Augen. Ihre Lippen bewegten sich zwar, sie brachte jedoch keinen Ton hervor. Unbarmherzig und quälend zog sich der Gesang in die Länge. Dann endlich die letzte Liedzeile, die mit den Worten schloss: „Er hat mit seinem Leben gezeigt, was Liebe ist…“

Leise schluchzend legte Sophie das Gesangbuch zur Seite.

Ja, er hatte ihr gezeigt, was Liebe ist. Doch warum bestraften sie ihn jetzt dafür? Wohin hatten sie ihn verbannt?

Dies war seine Kirche. Sein Ort. Und trotzdem war hier für ihn kein Platz mehr.