Prolog
Raven
Schmatzende Schritte kamen durch den Schlamm auf mich zu. Durch den Schlamm, der noch immer unter meinen Nägeln klebte. Meine beschriebene, helle Haut verbarg. Er umschloss meine dunklen, langen Haare und trocknete in meinem Gesicht. Die nasse Erde war mehr als ein Gewand. Sie war mein einziger Schutz. Die einzige Barriere zwischen meinem nackten Körper und den Händen der alten Frauen, die vor mich traten. Doch er würde mich nicht verstecken oder tarnen können.
Knochige, starke Finger griffen wortlos und unnachgiebig nach meinen Oberarmen und zerrten mich auf die Beine. Zitternd und wimmernd folgte ich ihnen. Ließ mich von ihnen über das klatschnasse Feld zurück zum Wald zerren.
Zwischen den Bäumen konnte ich das steinerne Tor ausmachen. Kalt und starr stand es unter den mächtigen Tannen. Schon von weitem spürte ich die Macht. Die Macht von der ich mich absichtlich jahrelang ferngehalten hatte. Doch jetzt steuerten sie genau darauf zu. Gnadenlos zerrten sie mich hindurch, bis uns ein grelles Licht mit sich nahm.
Die Bäume lichteten sich. Vor mir tat sich eine Tribüne aus Naturstein auf. Die Ränge waren jedoch leer.
„Was ist das?“, rief eine Frauenstimme angewidert. Ihre Schuhe gaben einen hallenden Ton von sich als sie über den Steinboden auf mich zu kam. Ihr langer dunkler Rock schlug um ihre Beine und fegte mir fast ins Gesicht, als sie ruckartig stehen blieb.
„Wir haben sie so gefunden“, sagte die eine der Frauen an meiner Seite.
Die Fremde legte ihre Hand an mein Kinn und zerrte meinen Kopf in die Höhe. Grob strich sie mir mit der anderen die schlammigen Haare aus dem Gesicht und musterte mich dann abschätzig.
„Rusałka, sie ist abartig. Wühlt auf den Schlachtfeldern nach Leichen“, zischte die Frau auf meiner anderen Seite.
Rusałka jedoch löste nur ihre Hände von mir und strich sich die dreckigen Hände an dem langen dunklen Kleid sauber. Dann warf sie die langen grau, weißen Haare zurück und sagte: „Ich nehme sie mit mir.“ Niemand widersprach ihr. Die knochigen Finger verschwanden von meinen Armen und die Frauen traten zurück.
Ein Schnipsen hallte von den leeren Rängen über uns. Dann wurde ich ruckartig von den Füßen gerissen.
Große Steinplatten fingen mich auf und kollidierten schmerzhaft mit meinen Knien. Wimmernd presste ich meine Beine an meine Brust und zog meinen ungeschützten Körper zusammen. Kalte Luft schlug auf meine schlammbedeckte Haut und ein modriger Geruch stieg mir in die Nase. Jegliche natürliche Lichtquelle war verschwunden und wich dem Flackern eines Feuers.
„Steh auf“, befahl sie kühl und stieß mir im Vorbeigehen den Fuß in den Rücken. Ein erschrockener Schrei ging über meine Lippen.
„Aufstehen!“, donnerte sie und ein unerträgliches Brennen fuhr über meine nackte Haut. Trotz der getrocknete Schlammschicht fühlte es sich an, als würde meine Haut brennen.
Mit aller Kraft kämpfte ich mich zurück auf meine Beine und atmete erleichtert durch als sofort auch das Brennen verschwand.
Meine Augen huschten unsicher durch den Raum. Sie erblickten eine Grotte. Naturstein hielt die Erdmassen und bildete in einer Ecke eine Feuerstelle.
„Wie heißt du?“, fragte sie und trat wieder auf mich zu.
„Raven“, hauchte ich leise und versteckte meinen Körper hinter meinen Armen.
„Und weiter?“, fragte sie und strich erneut durch mein Haar.
„Nox“, flüsterte ich und beobachtete zitternd, wie ihre Hand mit den langen Nägeln über meine Schulter zu meinem Brustbein wanderte. Dann schlug sie fest auf meinen Arm, welchen ich schützend über meine Brust gelegt hatte. Sofort zog ich ihn weg und sah ängstlich in ihr Gesicht auf. Ihre eisblauen Augen fanden meinen und sahen mich starr an.
„Nox“, wiederholte sie und legte ihre Hand flach an meinen Brustkorb. Wieder stieg Hitze in mir auf. Diesmal riss sie an meiner Kraft. Viel stärker als ich mich fühlte. Doch ich ließ sie machen. Jede Gegenwehr würde sicher meinen Tod bedeuten.
„Ich kann mich an die Schreie deiner Eltern erinnern“, hauchte sie und stellte sich ganz dicht neben mich. Sofort loderten die Flammen in meiner Erinnerung auf. Ich sah meine Eltern, meine Geschwister. Fest gebunden an Pfählen um unser Haus herum aufgestellt. Flammen griffen von dem Reetdach hinab, während die Pfähle angezündet wurden. Die Schreie hallten noch lange durch die Nacht und ich stand dort. Stand dort, bis ihre Leichen zu Asche zerfielen und niemand mehr dort war.
„Nox“, flüsterte sie an meinem Ohr und griff dann nach meinen Schultern. Die ersten Tränen liefen über meine Wangen, als ich die Augen wieder öffnete. Sie war hinter mich getreten und führte mich bestimmt in eine Ecke dieser Höhle. Eine Fackel erhellte die Ecke, in der ein Waschzuber stand.
Freiwillig stieg ich in das viel zu warme Wasser und ließ mich von ihr in die Knie zwingen.
„Mach keine Dummheiten und ich lass dich am Leben. Schweig und sag niemandem, wer du bist“, flüsterte sie bedrohlich und griff nach einem Schwamm.
Ergeben nickte ich und beobachtete, wie sie begann meinen Körper zu reinigen. Mehr und mehr von meinen Mahlen kamen zum Vorschein. Der Rest meiner Haut wurde rötlich von dem aggressiven Reiben. Zuletzt wusch sie meine Haare aus. Spülte sie mit klarem Wasser, das nach Kräutern roch und half mir dann aus dem Zuber.
Grob trocknete sie mich ab und sah mich dann wieder an. Diesmal glitt ihr Blick über meinen gesamten, entblößten Körper. Unwohl holte ich zitternd Luft und versuchte gegen den Drang anzukämpfen mich zu bedecken.
„Viel zu hübsch für eine Leichenschänderin“, flüsterte sie und verdrehte leicht die Augen. So sahen sie mich. So sahen sie auch meine Eltern. Hexen, die ihre Kraft aus dem Tod und dem Leid zogen.
Erneut griff sie nach mir und zerrte mich in einen angrenzenden Raum dieser Grotte. Hier waren Schädel in der Wand verbaut. Fackeln ließen die leeren Augen wieder zum Leben erwachen und Kondenswasser ließ sie weinen.
„Ich kann verschwinden“, hauchte ich unsicher. Ich wusste nicht, was sie von mir wollte. Ich fühlte nur wieder ihre Hand an meinem Arm. Sie schob mich auf einen Stuhl und stellte meine Beine auf.
„Was du tust, ist mir scheißegal. Wärst du mächtig genug mich in frage zustellen wärst du nicht hier. Du hättest die dummen Gänse getötet und wärst erneut geflohen“, erwiderte sie und trat zwischen meine Beine. Ihre Hand legte sich flach auf meinen Bauch und wieder kroch die unangenehme Wärme unter meine Haut. „Aber deine Kinder könnten es sein“, fügte sie hinzu.
Damit fuhr ihre Hand in meinen Körper. Schreiend griff ich in die Armlehnen und versuchte dem Schmerz auszuweichen. Versuchte diesen Schmerzen zu entgehen.
Vorher hatte ich nicht darüber nachgedacht Kinder zu bekommen. Dafür war ich noch viel zu jung. Doch jetzt konnte ich mir ungefähr vorstellen, wie eine Geburt sich anfühlen musste und spätestens jetzt hätte ich ihr sagen können, dass ich nie Kinder bekommen würde. Doch ihre Hand fuhr immer tiefer in mein Becken.
„Bitte. Stopp“, hörte ich mich schreien. Doch das führte nur dazu, dass sie mit ihrer freien Hand mein Becken ruhigstellte. Ich fühlte, wie sie in mir eine Faust ballte. Dann flüsterte sie ein paar fremde Worte. Nicht die alten Worte, die ich gelernt hatte. Gänzlich andere. Wenig später fühlte ich es zwischen meinen Beckenknochen lodern. Tränen füllten meine Augen und liefen über. Ein Schrei saß mir im Hals, den ich nicht schreien konnte. Meine Beine fingen an zu beben. Doch jede Bewegung, um den Schmerzen zu entkommen, machte es nur noch viel schlimmer.








