Leandro
»Leandro! Verdammt, beruhig dich!«, rief Eleonora und saß dabei ernsthaft völlig entspannt auf dem Sofa.
Ich starrte meine kleine, nervige Schwester an.
Mein Blick brannte, mein Herz donnerte, mein ganzer Körper bebte vor innerer Unruhe.
Ich knurrte erneut. Tiefer diesmal. Dunkler.
Ein Laut, der alles im Raum vibrieren ließ.
»WO IST MEINE GEFÄHRTIN?!«, brüllte ich schließlich.
Meine Stimme riss durch das Zimmer wie ein Gewitter.
Ich griff nach dem nächstbesten Stuhl – riss ihn hoch und schleuderte ihn gegen die Wand. Das Holz splitterte, krachte auf den Boden, als hätte ich gerade ein Möbelstück exekutiert. Ein Metalltablett auf dem Nachttisch flog im nächsten Moment ebenfalls durch die Luft. Es traf die Wand mit einem kreischenden Aufprall, fiel polternd zu Boden und verteilte sich in Einzelteilen über den ganzen Raum.
Ein leeres Glas stand noch auf dem kleinen Tisch neben dem Bett. Ich packte es, warf es ohne zu zögern gegen die nächste Wand.
Das Geräusch von berstendem Glas zerschnitt die Luft.
Splitter regneten auf den Boden wie ein Funkenregen.
Doch ich nahm das alles nur am Rande wahr.
Ich war nicht mehr ganz hier.
Nur diese eine Leere.
Diese unerträgliche Abwesenheit.
Sie war weg.
Elena.
Mein Wolf raste.
Er rüttelte an Ketten, die ich kaum halten konnte.
Eleonora stöhnte genervt.
Langsam stand sie auf, verschränkte die Arme vor der Brust und stemmte demonstrativ eine Hüfte nach außen, als stünde sie mitten in einem Shoppingcenter und nicht in einem demolierten Krankenhauszimmer.
»Verdammt noch mal, wie kannst du dich wie ein wütender Wolf benehmen, wenn du deinen verdammten Wolf noch nicht mal aktiviert hast?«, fauchte sie mich an.
Amaro saß auf dem Sofa.
Zurückgelehnt, ein Bein locker über das andere geschlagen, als wäre das hier kein Krankenhauszimmer, sondern ein entspannter Netflixabend.
Sein Gesicht wirkte völlig ungerührt.
Sein Blick glitt langsam zu mir.
Ohne Eile. Ohne Wertung.
Einfach nur ruhig.
Ich starrte zurück.
Kein Wort. Keine Bewegung.
Meine Wut kochte immer noch unter der Oberfläche, aber sein Gleichmut – seine unfassbare Ruhe – ließ mich für den Bruchteil einer Sekunde innehalten.
Dann fiel mein Blick auf die Tür.
Sie stand jetzt offen.
Elías war da.
Sein Blick ruhte auf mir.
Keine Angst. Keine Überraschung.
Nur dieses stille, durchdringende Beobachten.
Er sagte nichts.
Aber sein Blick sprach Bände.
Und dann – ein weiteres Knurren.
Es rollte tief aus meiner Brust, vibrierte durch meine Zähne, zog durch meine Knochen.
Der Duft von Blut, Desinfektionsmittel und Panik hing noch immer in der Luft.
Ich atmete schwer.
Schweiß lief mir über den Nacken.
Meine Hände zitterten. Nicht aus Angst – aus Raserei.
Eleonora schnaubte, als hätte sie es langsam satt.
Dann schüttelte sie leicht den Kopf, trat näher und murmelte mit zusammengekniffenen Augen:
»Typisch Alpha-Energie. Keine Kontrolle, nur Chaos.«
Mein Blick schnellte zu ihr.
Für einen Moment war ich sprachlos.
Dann schloss ich die Augen.
Versuchte zu atmen.
Aber wie soll man atmen, wenn alles in einem schreit?
»Hast du dich jetzt beruhigt?«, fragte meine Schwester, als wäre das hier irgendein harmloser Wutanfall.
»Nein!«, brummte ich sofort zurück.
»Mein Gott, Leandro! Beruhige dich endlich!«, knurrte sie, und ihre Augen funkelten in einem goldbraunen Ton, der wahrscheinlich einschüchternd wirken sollte. Tat er aber nicht.
»Eleonora… mich beeindruckt dein Wolf im Moment nicht!«, knurrte ich zurück, völlig unbeeindruckt.
Sie lachte. Tatsächlich. Diese Frau lachte einfach.
»Wir gehen jetzt alle in Elenas Strandhaus. Und dort wirst du sie orten, Bruder!«, sagte sie dann mit Nachdruck.
Ich schaute sie an, doch sie sprach einfach weiter, ohne meine Reaktion abzuwarten.
»Ich hoffe doch sehr, dass du Elena oder Flavia irgendwo einen GPS-Chip in die Kleidung geschmuggelt hast?«
Ich stöhnte genervt. »Natürlich habe ich das, Eleonora! Aber meine Sachen liegen im Hotel, und mein Auto? Ist ein Totalschaden! Es liegt im verdammten Wald!«
»Wir haben alles geholt und in Elenas Strandhaus untergebracht«, erklärte sie nun mit eindeutig genervtem Tonfall.
Ich starrte sie nur wortlos an.
»Als du hier noch friedlich – und ich meine wirklich friedlich – geschlafen hast, haben wir alles finden können. Wir haben dein Hotelzimmer aufgespürt, alles eingepackt. Und während dein Auto geborgen wurde, haben wir es gleich mit erledigt«, fügte sie hinzu, als wäre das alles nichts weiter als eine kleine Besorgung gewesen.
Ich nickte nur knapp, drehte mich zur Tür, bereit zu gehen.
»Äh, Leandro? Kannst du dich jetzt vielleicht mal zusammenreißen? Ich will dir Amaro und Elías vorstellen«, rief sie mir nach und schüttelte dabei den Kopf, während sie sich mit der Hand gegen die Stirn schlug.
»Hallo«, brummte ich mürrisch in die Runde und verließ das Zimmer einfach.
»LEANDRO!«, donnerte Eleonoras Stimme mir hinterher.
Ich blieb stehen, schnaubte. »Ich muss Elena und Flavia finden! Ich kann hier jetzt nicht Kaffee trinken, verdammt, Eleonora!«
Elías gluckste leise und meinte trocken: »Euer Humor liegt wohl in der Familie.«
Ich ignorierte ihn und lief weiter.
»Wo ist das Strandhaus von Elena?«, fragte ich, nun endgültig genervt.
Eleonora trat neben mich, seufzte tief und zog mich einfach am Arm mit sich. »Komm.«
Amaro und Elías folgten uns. Still. Doch ich war mir zu 100 % sicher, dass sie über die Rudelverbindung miteinander sprachen. Diese stille Kommunikation zwischen Alpha und Beta – zum Kotzen.
Wir liefen aus dem Krankenhaus hinaus. Das Gebäude lag wie eine Festung im Wald. Alles war still, fast schon zu friedlich. Und dann erreichten wir ein großes Haus, das aussah wie eine verdammte Villa.
»Darf ich dir vorstellen: das Rudelhaus«, sagte Eleonora liebevoll. Ich nickte einfach, kommentarlos.
Wir traten ein. Und sofort spürte ich die Blicke. Jedes einzelne Rudelmitglied, das uns sah, starrte mich an, als wäre ich der personifizierte Wahnsinn.
Na ja… verrückt war ich schon immer.
Wir liefen weiter bis zu den Aufzügen, stiegen ein – zu viert. Enge Kabine. Viele unausgesprochene Gedanken.
»Mein Gott, was für ein Monat«, murmelte ich, während ich mir durchs Gesicht fuhr.
Eleonora drückte einen Knopf. Der Aufzug setzte sich langsam in Bewegung.
Dann öffneten sich die Türen und plötzlich standen wir direkt im Strandhaus.
Ich blinzelte. »Das ist das Strandhaus von Elena?«, fragte ich verwirrt.
Ich ließ meinen Blick schweifen. Die Räumlichkeiten wirkten wie aus einem Designer-Katalog. Alles war stilvoll, luxuriös, geschmackvoll eingerichtet. Und dann sah ich sie – eine elegante Wendeltreppe.
Ich blieb stehen, zeigte auf die Treppe und schüttelte langsam den Kopf.
»Ernsthaft? Ihr habt hier eine Wendeltreppe?«, sagte ich und musste plötzlich lachen.
»Ja! Verrückt, oder? Ich hatte mal einen Anfall und war auf 180, hab mir einfach einen Koffer geschnappt und wollte abhauen. Weißt du, wie anstrengend das war? Mit einem Koffer diese verdammten Treppen!«
Ich starrte sie wortlos an.
Amaro stöhnte genervt auf, als würde allein die Erinnerung an ihr Drama ihm Kopfschmerzen bereiten.
Elías dagegen gluckste leise, sein Blick glitzerte vor amüsierter Neugier.
»Warum, bei allen Göttern, hassen deine Zwillingsschwestern eigentlich jede Treppe auf dieser Welt, Leandro?«, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
Ich drehte den Kopf langsam zu ihm, fixierte ihn mit einem starren Blick und sagte trocken:
»Ich habe meine Schwestern trainiert. Und sie mussten mit trainieren. 50 Kilo Gewichtswesten. Treppenläufe. Jeden verdammten Tag.«
Amaro und Elías starrten mich an, als wäre ich gerade aus einem Militärlabor entlaufen.
»Was?«, brummte ich. »Eleonora und Catalina haben ganz andere Sachen in meinem Training erlebt. Die Gewichtswesten waren noch harmlos.«
Eleonora stöhnte nun ebenfalls – diesmal allerdings theatralisch – und packte mich am Arm.
»Komm, Kommandant. Runter mit dir.«
Sie zog mich zur Treppe, und wir gingen gemeinsam hinunter.
Unten angekommen, blieb ich einen Moment stehen.
Das Strandhaus war stilvoll eingerichtet.
Beige. Gold. Edel. Ruhig. Egal ob Wandfarbe, Deko oder Möbel – alles war harmonisch aufeinander abgestimmt.
Ich runzelte leicht die Stirn, drehte mich zu den anderen um.
»Elena liebt Gold und Beige?«, fragte ich, diesmal wirklich neugierig.
Ich wollte alles über sie wissen. Jedes Detail. Jedes noch so kleine Stück.
»Ähhh … ja, das sind ihre Lieblingsfarben«, sagte Amaro, während er mich prüfend anschaute.
Ich erwiderte seinen Blick, nickte dann und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen.
Und da – auf dem Couchtisch im Wohnzimmer – lagen sie.
Mein Laptop. Mein Handy. Meine Verbindung zur Welt.
»Gott sei Dank«, murmelte ich, sprang nach vorn und schnappte mir das Gerät.
Ich ließ mich in die Kissen des Sofas fallen, der Stoff fühlte sich fremd an unter meinen Fingern.
Egal.
Ich klappte den Laptop auf, drückte den Power-Button – gedrückt halten, bis die Hintergrundbeleuchtung aufflammte.
Der Bildschirm flackerte kurz, dann leuchtete er auf.
Mein Herz schlug schneller. Nicht vor Freude. Vor Fokus.
»Los… los…«, murmelte ich, während meine Finger über das Touchpad glitten.
Login. Sicherheitscode. Biometrische Prüfung.
Das kleine grüne Licht blinkte, scannte meine Iris.
»Bestätigt«, sagte die elektronische Stimme, und der Desktop erschien.
Hinter mir trat jemand näher. Ich spürte Eleonoras Präsenz, bevor sie etwas sagte.
»Du denkst, du kannst sie finden?«
Ich antwortete nicht.
Ich öffnete das Programm.
»Obsidian-Core-Tracking?«, las Amaro laut. »Das ist dein System?«
Ich nickte knapp, klickte auf das Icon.
Ein dunkles Interface öffnete sich, blau-schwarz, Linien zogen sich über den Bildschirm, ein leises Surren drang aus dem Gerät.
»GPS-Verbindung wird hergestellt«, sagte das System automatisch.
Ich lehnte mich vor. Meine Finger schwebten über den Tasten, als würde ich das Programm mit Gedanken steuern.
»Los. Zeig mir, wo ihr seid«, murmelte ich.
Ein digitales Rauschen. Datenströme.
Zwei blinkende Punkte erschienen auf der Karte –
… dann verschwanden sie.
»Was?«, knurrte ich und klickte erneut.
Die Koordinaten zuckten über den Bildschirm, als würden sie sich ständig verändern.
»Störung im Signal«, meldete die Stimme aus dem Laptop.
Ich schlug mit der flachen Hand gegen das Gehäuse.
»Nein, verdammt! Das kann nicht sein! Das sind meine Geräte. Meine Chips. Meine Codes. Warum finde ich sie nicht?«
Ein weiteres Fenster poppte auf.
»Verbindung instabil. Standort wechselt.«
Ich atmete durch die Zähne.
»Sie bewegen sich…«, murmelte ich.
»Oder jemand bewegt sie«, sagte Elías leise hinter mir.
Ich starrte auf den Bildschirm.
»Das ist kein Zufall. So schnell springt kein Signal. Entweder sind sie in Bewegung oder jemand versucht, sie zu verschleiern.«
Mein Kiefer spannte sich an. Mein Herz pochte wie ein Rammbock gegen meine Brust.
Der Bildschirm flackerte.
»Verbindung zu Flavia: unterbrochen. Verbindung zu Elena: instabil.«
»Nein!«, brüllte ich und schlug die Faust gegen den Couchtisch.
Das Holz vibrierte, das Glas auf der Oberfläche wackelte.
»Nicht. Schon. Wieder.«, knurrte Eleonora und verdrehte dramatisch die Augen.
Ich ignorierte sie.
Ich spürte, wie mein innerer Wolf erneut aufbrüllte.
Heiß. Unkontrollierbar.
»Komm schon«, flüsterte ich heiser. »Komm schon… gib mir was. Irgendwas.«
Das Signal zuckte erneut auf. Ein Punkt leuchtete. Kurz.
Ich richtete mich auf, zog den Bildschirm näher an mein Gesicht.