Stille - Die Stimme, die ich dir gab

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Summary

Seit Jahren raubt Thea diesen Verbrechern ihre Stimmen, an ihrer Seite ihre drei Roten Wächter. Jeder auf seine Weise besonders. Unerbittlich kämpfen sie im Namen des Königs gegen die anhaltende Kriminalität in Orothemia. Überfälle, Menschenhandel und Luftpiraten. Hinterhalt, wo sie nur hinsieht. Doch wann bemerkt Thea, dass diese Korruption schon längst in den Mauern der Burg schlummert?

Genre
Fantasy
Author
BieneM
Status
Ongoing
Chapters
23
Rating
n/a
Age Rating
18+

1

Ich lasse das Messer in meiner Hand über den Hals des schweißgebadeten Mannes vor mir gleiten. Seine panischen Augen starren in meine leeren, kurz blickt er an mir vorbei.

Zins Präsenz macht sich hinter mir breit, aber ich beachte ihn nicht. Meine Aufmerksamkeit gilt diesem kleinen Wicht vor mir.

Wie ich sie verabscheue.

Sie machen mich so wütend!

Die ganze Zeit hat er uns angeschrien. Gefragt, wer wir sind.

Oh, wie ich es hasse, wenn sie rumbrüllen. Das ist so primitiv!

Zin und Tore haben ihm erstmal ein bisschen was gegeben, damit er endlich sein dreckiges Maul hält. Da sind jetzt nur noch wenig Zähne in dem Kerl und seine Nase sieht aus wie eine zerquetschte Pflaume.

“B-Bitte…” Krächzt dieser Wurm verzweifelt. Er hat es nicht verdient, um Gnade zu winseln, dieser Dreck eines Menschen.

Was erlaubt der sich?

Meine Klinge ist immer noch an seinem Hals, Wut steigt in mir auf. Die Luft in dem dunklen Raum ist dick und angespannt. Es riecht unangenehm und nach Pisse. Bis auf das schwere Atmen des Mannes ist es totenstill, ich durchbrechen das Schweigen mit scharfem Ton “Wo sind die anderen?”

Das Messer bewegt sich, als er schwer schluckt “Ich weiß es nicht…”

Seine Stimme ist nur ein Hauch.

Diese kleine Made!

Ich lasse mein Messer sinken und drehe mich zu den drei Männern hinter mir. Mit einer kurzen Handbewegung löst sich die Gestalt von Tore aus der Gruppe. Still geht er auf den winselnden Mann zu, Metall blitzt zwischen seinen Fingern auf.

Das wird ein qualvoller Tod.

Was anderes hat er auch nicht verdient.

“Bitte n-” Bevor er seinen Satz beenden kann, nehme ich es mir. Ich sauge die Luft ein, tief in meine Lungen und damit auch seine Stimme. Seine Schreie, sein Wimmern und sein Heulen.

Alles gehört jetzt mir und nur mir allein.

Das Messer saust durch die Luft und einmal quer über den Hals des Mannes. Schnell, präzise und still.

Er kann nichts sagen, denn ich hab es. Seine Stimme gehört für immer mir.

“Ach man, ich wollte doch noch ein bisschen Spaß mit ihm haben.” Raunt Zin neben mir, sein Fuß tritt wie ein Kleinkind den harten Steinboden unter uns.

“Beim nächsten Mal Großer.” Schmunzelt mein Bruder Tore den Riesen neben mir an, während er das blutverschmierte Messer an einem Lappen säubert und es zurück in die Scheide steckt.

Seine Worte hinterlassen ein Stechen der Hoffnungslosigkeit in mir.

Wann hört es verdammt nochmal auf?

So oft habe ich gebetet, dass es kein nächstes Mal gibt. Doch Orothemia war noch nie sicher, weder früher noch jetzt.

“Wenn wir einen töten, tauchen irgendwo zwei neue auf.” Flüstere ich leise, meine drei Begleiter nehmen diese Aussage wortlos an. Sie wissen, dass es stimmt. Schweigend stehen wir da, sehe zu wie dieser Abschaum vor uns zittert. Sein Leben schwindet nach und nach aus seinem wertlosen Körper.

Wie viele noch?

Wie oft muss ich das alles noch tun?

Jedem Einzelnen habe ich sie gestohlen. Ihre kleinen flehenden Stimmen. Niemand wird sie je wieder hören, außer ich lasse es zu.

Das wird aber nie passieren.

Erbärmlich.

Alle miteinander sind sie so erbärmlich, dass mir schlecht wird. Galle vermischt mit rasender Wut steigt in mir auf, doch ich wende meinen Blick nicht ab. Ich sehe ihm zu, wie er langsam in seinem eigenen Elend ertrinkt.

Es tut so gut. Es ist so befriedigend die Oberhand zu haben.

Als ob Tore meine Gedanken gelesen hätte, wispert er mit angespannter Stimme “Wir werden sie alle finden.” Und wie recht er da hat, denn bis jetzt haben wir es immer. Egal wie sicher sie sich gefühlt haben, in einer Nacht standen wir da und haben ihnen alles genommen. Genau so wie sie es damals bei uns taten.

Ein Klopfen an der Tür hinter uns reißt unsere Gruppe aus der Stille, die Stimme eines Soldaten redet stumpf durch das Holz “Alle wurden eingesammelt, wir sind startklar!”

Ich atme tief ein, nehme den metallischen Geruch ein letztes Mal in mir auf, bevor ich mich zu meinen Jungs drehe “Lasst uns einen gewonnen Kampf feiern!”

Zin und Tore zaubern meine Worte sofort ein Lächeln ins Gesicht, Seph sehe ich nicht richtig durch den Schatten seiner Kapuze, aber auch bei ihm kann ich mit ein kleines Grinsen denken. Mein Bruder stößt dramatisch die Tür hinter sich auf und mit einer kleinen Verbeugung lässt er mir den Vortritt “Nach dir liebe Chefin.”

Er ist so ein Idiot.

Ich lasse einen kleinen, aber liebevollen Klaps auf seinen Hinterkopf nieder und er zieht scharf die Luft ein, beschwert sich aber nicht. Alle drei wissen es besser, als sich in der Öffentlichkeit über mich und meine Handlungen zu äußern. Das könnte ganz schnell in ein paar Stunden Stummheit enden. Vielleicht auch Tage wenn es, wie jetzt, vor den Soldaten des Königs passieren würde. Aber Tore war da schon immer etwas herausfordernd…

Es herrscht eine gewisse Ruhe im Raum. Hier und da klappert eine Rüstung, ein paar Männer stöhnen vor sich hin, als sie die endlosen Leichen aus der Tür tragen.

Überall liegen sie rum. Auf den Tischen, den Tanzflächen, der Bar und am roten Teppichboden verstreut. Keine Oberfläche ist sauber, überall haben sich Lachen aus verschiedenen Flüssigkeiten und Sekreten gebildet. Dementsprechend riecht es auch ziemlich ekelhaft.

Man haben wir ein Massaker angerichtet.

“Entschuldigt Milady.” Ein kahler Kopf taucht vor mir auf und ich erkenne die Stimme des Soldaten von vorher. Ich senke meinen Blick fragend auf diesen etwas klein geratenen Menschen und verschränke meine Arme vor meiner Brust.

Hat der im Ernst gerade Milady gesagt?

Die Jungs werden mich doch nur wieder damit aufziehen!

Er schluckt schwer, als ich ihn prüfend beobachte und nichts sage. Der scheißt sich ja gleich ein…

“Der König verlangt nach euch.” Bringt er letztendlich doch noch raus. Das war mir schon fast klar, schließlich hat er uns ja auch hergeschickt.

“Danke.” Ich mache bereits einen Schritt vor, als der Soldat wieder etwas einwirft, seine Stimme ist unsicher “Milady, es ist dringend, ihr solltet sofort zu ihm reiten.”

Uhhh!

Jetzt werden sie mich damit aufziehen.

Ich presse die Lippen zusammen um nicht gleich wieder Ärger zu bekommen. Der alte Kautz, auch bekannt als unser König, hat mir schon oft genug eine Standpauke gehalten, dass er mit stummen Soldaten nichts anfangen kann. Mein Argument, dass sie dann effektiver als Spione eingesetzt werden können, hat er nicht zählen lassen.

Naiver alter Mann!

Sieht das Potenzial einfach nicht.

“Na dann, lassen wir unseren König mal nicht warten, Milady.” Höhnt Tore grinsend neben mir und mit schnellen Schritt verschwindet er im Getümmel vor uns.

Dieser dreckige kleine Sack.

Der Soldat macht einen Satz nach hinten, als sich Seph aus den Schatten der Wand löst. Er legt mir eine beruhigende Hand an den unteren Rücken und drückt mich sanft nach vorn. Es kribbelt sofort an der Stelle, an der er mich berührt hat. So schnell wie sie da war, ist sie jedoch auch schon wieder weg. Mit Seph und Zin an meiner Seite setze ich mich in Bewegung und folge meinem Bruder durch die Menschenmenge. Ein Spalt der Furcht lässt uns schneller vorankommen und ich kann es auch niemandem verübeln.

Ich selbst bin 1,80 groß und dank meines täglichen Trainings mit Zin muskulös, er ist ziemlich unbarmherzig, wenn es um das Training geht. Er duldet keine schwachen Wesen. Tore, mein Zwillingsbruder, ist nur etwas größer als ich. Im Gegensatz zum Rest der Gruppe hält er nicht viel von Kraft, er legt viel Wert auf Ausdauer und Beweglichkeit. Seine akrobatischen Künste hat er mit dem Messerwurf perfektioniert. Seit er das erste Mal mit sechs ein Messer in der Hand hatte, habe ich die große Ehre, Modell bei seinen Würfen zu stehen. Das ist jetzt aber fast 20 Jahre her und zum Glück braucht er mich nicht mehr. Wir haben beide lange schwarze Haare. Meine sind meistens in zwei große Zöpfe gebunden, während Tore, für seine Dramatik, offene Haare oder einen losen tiefen Zopf trägt.

Zin, unser Riese, ragt zwei Meter über den Erdboden und seine erdrückenden Muskeln sind ein nur allzu gutes Zusammenspiel mit den unendlichen Narben, die seinen Körper schmücken. Er ist so furchteinflößend, dass sich erwachsene Männer schon eingepisst haben.

Das waren gute Zeiten.

Seph ist der Letzte im Bunde. Er ist…

“Milady, du sollst endlich aufsteigen!” Tores theatralische Stimme klingt neben mir von seinem Pferd. Eine wunderschöne weiße Stute, er hat sie schon seit letztem Sommer. Seine alte hat ihm in die Eier getreten und ist weggelaufen. War eine wilde Geschichte, mit der wir ihn gern im betrunkenen Zustand aufziehen. Lange Haare fallen ihm ins Gesicht, als er grinsend zu mir runter sieht. In seiner Hand hält er die Zügel meines dunklen Hengstes, er ist etwa genau so groß wie Tores Stute, aber um einiges kräftiger.

“Wenn du mich nochmal Milady nennst, kann dich deine kleine Freundin heute stumm ficken.” Drohe ich meinem Bruder und er lässt sofort ab, denn was ist die größte Bestätigung eines Männeregos?

Genau, eine stöhnende Frau.

Mit einem kleinen Grunzen und einen Fluch von Tore, steige ich auf mein Pferd. Zin und Seph tuen es mir gleich. Ihre Tiere sind um einiges größer als unsere, da sie beide Mannsbilder aus dem Märchenbuch sind.

Manchmal frag ich mich schon, wie die Menschen nicht jedes Mal schreiend vor ihnen weglaufen. Obwohl sie das auch manchmal machen.

Ich blicke zurück auf das Haus hinter uns. Eine Zufriedenheit umgibt mich, als ich den Karren voll mit Leichen sehe. Es gibt ein lautes knarksen, als die Soldaten noch einen Mann ohne Kopf drauf werfen. “Elendige Wichser.” Zin spuckt auf den Boden, sein Blick ist wohl meinem gefolgt.

“Ja, sie haben es nicht anders verdient.” Meine monotone Stimme klingt leise, aber entschlossen. Der Schmerz in meiner Brust lässt etwas nach. Die Erinnerungen werden schwacher.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich die Pferde meiner Gefährten in Bewegung setzen und mit einem letzten Blick sehe ich zu den kleinen Gestalten am Rande des Waldes. Sie sind zusammengepfercht und in Decken gehüllt, ein paar weinen leise vor sich hin und andere starren mit ausdrucksloser Miene auf den Steinweg. Die Angst und die Wut wird noch lange in ihnen sein, aber jetzt haben sie die Chance auf ein anderes Leben. Unser König gibt sie ihnen, so wie er sie uns damals gab.

“Thea.” Zins Ruf hallt durch den Wald, die Kinder zucken merklich zusammen und rücken noch enger zusammen. Ihr Schluchzen wird lauter. Ich seufze tief, bevor ich mich endlich abwenden kann. Sie haben das alles nicht verdient. Das haben wir damals schon nicht und sie ebenfalls.

Langsam lasse ich mein Pferd durch den Wald gehen, ich habe es nicht eilig zum Palast zurückzukehren. Dort ist es immer so laut und trubelig. Hier draußen ist es so schön still. Irgendwo zwitschern ein paar Vögel fröhlich vor sich hin, während der Wind sanft das Laub der Bäume zum Rascheln bringt. In einem rhythmischen Takt stampfen die Pferde über das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße. Es ist hypnotisierend, es entspannt mich. Ich lasse meinen Kopf nach hinten fallen und blicke durch die Baumkronen in den gelb-orangen Abendhimmel. Eine angenehme Frühlingsluft umgibt uns und ich bin froh, meinen roten Ledermantel und eine lange schwarze Hose angezogen zu haben.

Zin lässt sich etwas zurückfallen, um mit mir aufzuschließen. Sein eisblaues Auge mustert mich von der Seite, als er mit tiefer Stimme erklärt “Den kannte ich von früher.”

Den Mann.

“Damals war er noch für die Entführungen zuständig.” Mein Blick trifft seinen hasserfüllten, ich kann es ihm nicht verübeln.

Dieser Mann.

Er war so böse.

Tore und ich kannten ihn auch von früher, Tore wahrscheinlich mehr als ich, weil dieses Ekel auf kleine Jungs stand.

“Hat er dir das angetan?” Mit einem Kopfnicken blicke ich auf die rechte Seite seines Gesichts. Eigentlich ist Zin ein attraktiver Mann, die Frauen umgarnen ihn auch wie die Fliegen. Aber es zieht sich eine riesige Narbe von seiner rechten Augenbraue, senkrecht bis zu seinem Schlüsselbein. Dort, wo sein anderes blaues Auge stecken sollte, glänzt mir mittlerweile ein blutroter Rubin gefährlich entgegen. Den hat er sich mit unserem ersten Gehalt damals anfertigen lassen. Schaut verflucht gut aus.

Mein Freund schüttelt seinen blonden Lockenkopf, sagt aber nichts weiter dazu. Bis auf das Summen von Tore, liegt eine angenehme Stille über uns. Keiner redet über das, was in dem kleinen Haus vor sich gegangen ist. Wir alle haben schließlich unser Päckchen zu tragen und keiner hat Bock, alte Wunden wieder aufplatzen zu lassen.

Der Wald zieht ruhig an uns vorbei und langsam steigen uns die Häuser des Vorortes entgegen. Es sind ansehnliche kleine Dinger. Gut gepflegt, verziert mit Pflanzen und Blumen. Im Gegensatz zu ländlichen Gegenden, ist es in der Hauptstadt üblich, in Steinhäusern zu leben. Farblich passen sie perfekt zur Burg. Ein Anblick, an dem ich mich nie satt sehen werde.

Ich setze mich wieder gerade hin, gebe meinem Pferd einen sanften Stoß an die Flanken, um so zu meinem Bruder aufzuschließen. Wie sieht es denn aus, wenn die Anführerin der Gruppe nicht vorne reiten würde?

Als ob ich es gerochen hätte, stecken die Leute neugierig die Köpfe aus den Fenstern. Keiner will die Attraktion verpassen.

“Sind sie das?”

Jap.

“Die sind ja alle riesig!”

Normal, würd ich sagen?

“DER HAT BLUT AM GEWANDT!”

Und du Scheiße am Arsch.

“Was grinst der vorne denn so dumm.”

Tore grinst jetzt nicht mehr.

Nach und nach strömen die Menschen aus ihren Häusern, beäugen uns misstrauisch oder mit purer Ehrfurcht. Ich spüre, wie sich meine Gruppe verspannt, bleibe aber selbst gelassen. Zumindest versuche ich, diesen Schein zu wahren. Wir alle hassen es, dass sie uns so sehen. Dass von uns so erzählt wird. Für diese Menschen sind wir blutrünstige Attentäter, die vom König für seine Drecksarbeit angeheuert wurden. Wir sind es, die auf brutale Weise Menschen ins Dunkle stürzen, sie in Stücke reißen, ihnen Messer auf grausamste Art und Weise in ihre Körper rammen und ihnen dabei jeden letzten Ton ihrer Stimmen rauben.

Und ja, das tun wir.

Aber nicht aus den Gründen, die sie alle denken.

Wir sind keine geldgierigen Söldner.

Wir sind das, was ich vorhin am Waldrand gesehen habe.

Wir sind zitternde, traumatisierte und gebrochene Kinder.

Herangewachsen zu den Roten Wächtern.

Bestimmt, die zu retten, die wir selbst mal waren.

Ein Schauer läuft mir über den Rücken, als ich eine Mutter entdecke, die ihr kleines Baby fester an sich drückt, als sie uns ansieht. Gänsehaut macht sich breit und mit ihr auch Wut. Meine Finger greifen Fester um die Zügel.

“Schau, der Schattenmann!” Ein kleiner Junge zeigt mit großen Augen auf Seph, der nicht gerade entzückt von seinem nicht sehr einfallsreichen Spitznamen ist. Ich höre ihn laut schnauben, aber er sagt nichts. Er sagt nie etwas, sondern nimmt alles einfach hin.

Je näher wir der Burg kommen, umso unruhiger werden die Straßen, mit ihnen auch ich. Die ganzen Stimmen machen mich total verrückt, ich hasse es wenn es so viele sind! Eine tiefe, eine hohe, eine alte, eine junge, ein Husten, ein Niesen. Irgendwo kreischt eine den Namen von Tore, der sich wie ein Erdmännchen aufstellt, um nach der Quelle zu suchen.

Verdammter Idiot.

Die hohen Mauern der Burg ragen uns empor. Ein Glück.

Mit einem Pfiff signalisiere ich den Jungs, dass wir uns schneller fortbewegen müssen. Die Schaulustigen werden immer mehr und ich will nicht in ihnen und ihren Lauten eingekesselt sein. Das wäre kein Spaß für mich und erst recht nicht für die Anwohner.

Die massiven Steinhäuser gleiten an uns vorbei, als wir das Galoppieren anfangen. Menschen springen uns aus dem Weg, fluchen uns nach oder kreischen den drei Männern hinterher. Mir ruft da niemand hinterher, was auch gut so ist. Endlich erreichen wir das geöffnete Tor, ein paar mehr Wachen haben sich heute an diesem flankiert. Das passiert, wenn der König uns offiziell einberuft. Meistens ist es nämlich eher heimlich und leise, wenn wir zurück in die Burg kommen, weil wir alle genau das vermeiden wollen, was jetzt passiert.

Ein Tore, der sich in den offen gelegten Busen der Frauen aus den Freudenhäusern suhlt. Ein Zin, welcher wegen seiner Größe und seines Erscheinungsbildes gefürchtet wird. Eine Thea, ich, bei der Leute sich nicht mal zu Atmen trauen. Und ein Seph, der wegen seiner Magie mit schiefen Blicken als Schattenmann bezeichnet wird. Seine Kapuze macht das Ganze nicht gerade leichter.

Wir vier verbreiten viel zu viel Aufregung und vor allem Aufmerksamkeit.

Der Weg klappert unter den Hufen der Pferde und nachdem Seph, als unser Schlusslicht das Tor passieren kann, wird es bereits wieder geschlossen und mit ihnen die Rufe und neugierigen Blicke.

“Ruhig mein Großer." Ich lasse mein Pferd zum Stehen kommen und tätschel ihm sanft den Hals. Unter meinen Finger spüre ich den rasenden Puls des Tieres, die Situation war nicht nur für mich erdrückend. Auch die Pferde von den anderen drei wirken aufgewühlt und unruhig, weshalb wir schnell absteigen um sie den bereitstehenden Stallburschen zu übergeben.

Ich drehe mich kurz zu meinen Männern um, doch die schauen bereits an mir vorbei, sogar Seph hat seinen Blick gehoben und seine dunkelgrünen Augen leuchten aufgeregt.

“Hallo meine Freunde.” Schnurrt die anmutige Frauenstimme hinter mir.

Sie und ich sind eindeutig keine Freunde, da bin ich unter den schwanzgesteuerten Vollidioten, aber auch die Einzige. Mit einem ausdruckslosen Gesicht schaue ich über die Schulter in die Fratze von Kalia. Die rechte Hand des Königs seit ungefähr zwei Monaten. Eine Frau, die mir so graust, dass ich mich lieber von der Burgmauer stürzen würde, als nur ein längeres Gespräch mit ihr zu führen.

Aber wie gesagt, da bin ich die Einzige.

Die anderen drei finden sie nämlich ganz ganz toll.

Man könnte ihr wahrscheinlich die Augenbrauen abrasieren und einen Kartoffelsack überziehen uns sie würde immer noch aussehen wie von einem Gemälde. Ich beschreibe sie mal so: Kalia hat gruselig gelbe Katzenaugen, denen nichts entgeht. Sie ist vielleicht 1,70 groß, hat Kurven da wo sie sein sollten, glänzendes blondes Haar und ein zuckersüßes kleines Gesicht.

Zum reinschlagen.

“Kommt, König Luomier erwartet euch bereits.” Haucht sie uns entgegen, dem Drang sie nachzuäffen, gebe ich noch nicht nach. Vielleicht wenn ich drei oder vier Bier intus habe, mal schauen, wie spendabel der König heute ist. Elegant dreht sie sich einmal um ihre eigene Achse und gleitet über den Boden in Richtung Haupteingang.

Vielleicht sollte ich ihr einen Gehfehler geben? Die Burgmauer schaut aber auch verlockend aus…

Das Schloss ist atemberaubend. Bunte Blumen ziehen sich über den Innenhof, ein angenehmer Trubel umgibt den frühen Abend, als Mägde, Zofen und Diener über den Platz eilen. Von der einen Metalltür zur anderen. Wahrscheinlich wird mit unserem Eintreffen das Abendessen serviert.

Die hohen Backsteinwände der Burg spiegeln den Rest der Sonne wieder, alles schimmert rot. Soldaten und Wachen beobachten uns scharf in ihren schwarzen Rüstungen, auch wenn sie uns schon lange kennen. Wir haben noch nie dazugehört. Die massiven Stufen, die links und rechts zum Haupteingang führen, sind mit rotem Teppich bedeckt. Wie der nicht komplett im Dreck versinkt, war mir schon immer ein Rätsel.

“Oh man…” Sabbert Tore vor sich hin, sein Blick am Arsch von Kalia gehaftet. Die anderen beiden Brummen, bestätigend.

Diese Kalia ist mir absolut nicht geheuer. Das Tore so reagiert, ist nichts Neues. Der vergöttert jede Frau und Mann, egal in welcher Form sie auftauchen. Aber Zin ist ein absolut ehrenhafter Typ, er würde es sich nie erlauben, eine Frau als Gegenstand der Begierde zu sehen. Genau so wie Seph. Durch seinen Namen als Schattenmann hat er nicht gerade den Hauptgewinn in gespreizten Beinen gemacht. Dass er sein Gesicht auch immer versteckt, macht es nicht gerade leichter, die Leute wissen gar nicht, was sich darunter verbirgt.

Und das ist nicht gerade was abstoßendes.

Hüftschwingend führt sie uns durch die hell erleuchteten Gänge der Burg. Statt langweiligen Gemälden tanzen bunte Farben über dem Boden und den Wänden. Mein Kopf dreht sich zu den großen Fenstern, die symmetrisch angeordnet verlaufen. Ein Anblick, den ich nie missen möchte. Die Architekten der Burg hatten ein gutes Auge.

Buntglas ziert jedes einzelne Fenster und zeigt die Dörfer, Städte, Wälder und Lebewesen von Orothemia. Es ist eine Geschichte der Entstehung unserer Welt heute und den Geschöpfen, die in ihr Leben. Hasen und Füchse, die durch den Wald flitzen. Fische und Schildkröten, die die Meere durchkreuzen. Falken und Elstern, welche die Weiten unseres Landes bereisen.

“Ich habe gehört, dass ihr in Prozet an der Südküste wart. Dort soll es schön warm sein.” Kalia wirft einen strahlenden Blick über ihre Schultern und ihre weißen Zähne blitzen auf.

Tore springt natürlich sofort zu ihr vor, seine schwarzen Haare hat er sich mittlerweile zu einem langen Zopf gebunden. "Liebste, es war hervorragend. Es gibt dort guten Fisch und eine noch bessere Gesellschaft. Ich nehm dich beim nächsten Mal gern mit!”

Sie kicherte wie ein ungebumstes Fräulein und legt eine Hand auf die Schulter meines Bruders, der aussieht, als ob er gerade einen Orgasmus in seiner Hose hätte.

Bei den Göttern, wieso musste die alte rechte Hand vom König an den Pocken verrecken?

Bevor ich mich noch weiter im Elend meines Hasses gegenüber dieser Frau räkeln kann, kommen wir am Speisesaal an. Die kleinere Frau hält vor den schweren roten Stahltüren, um uns anzukündigen und nur ungern bleib ich hinter ihr stehen. Sie ist wahrscheinlich alles, womit ich mich nicht identifizieren kann. Aufmerksamkeitssuchend und laut, vor allem gegenüber Männern.

Lang lebe die histrionisch-narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Was mich aber wohl am meisten stört, ist ihr Talent, andere für sich zu gewinnen. Ich meine, sogar Seph schaut sie an und das hat bei mir schon Jahre gedauert. Immer wenn sie redet, hängt ihr der ganze Raum an den Lippen und zu gern hätte ich ihr deswegen schon die Stimme genommen.

Ich bin nicht eifersüchtig oder so

Nur ein bisschen.

Ab und zu.

Kalia ist einfach gruselig, ich weiß noch nicht wieso, aber die Tatsache, dass sie ist wie sie ist, macht mir ein unbeschreiblich mulmiges Gefühl.

Mit einem lauten Klack, stoßen zwei Wachen die Türen des Raumes auf.

“Die Roten Wächter sind zurückgekehrt!” Die ohrenbetäubende Stimme von Kalia hallt durch die hohen Wände des Raumes zurück auf meine empfindlichen Ohren.

Der Raum ist hell, Fackeln zieren die Wände zusammen mit großen Wandteppichen voll von feinen Stickereien der Natur. Der Geruch von gebratenen Hähnchen und Kartoffeln legt sich verführerisch um meine Nase. Wasser sammelt sich sofort in meinem Mund und mein Magen knurrt gemeinsam mit den Dreien hinter mir. Unsere letzte Mahlzeit war heute Früh, als wir durch den geheimen Gang vom Schloss geritten sind, um diese Flachwichser abzumurksen.

“Thea, Jungs, setzt euch zu mir!” Lädt uns die angenehm tiefe Stimme von König Luomier ein, seine kleine Gestalt sitzt allein am Ende des langgezogenen Eichentisches. Die ganze Einrichtung in der Burg ist aus Eiche oder rotem Backstein, etwas was in der Gegend üblich ist. Es ist harmonisch und gibt mir ein wohltuendes Gefühl. Eines, das der König seit Jahren für unsere Gruppe bereitstellt und eines, auf das man als Kinder ohne Nachnamen kein Recht hat.

Geborgenheit

Ich bin die Erste, die sich in Bewegung setzt, frecherweise lasse ich dabei Kalia hinter mir. Ihren angewiderten Seitenblick übersehe ich dabei nicht. Mit einem herzlichen Lächeln begrüße ich unseren König “Luomier, es ist schon Euch so heiter zu sehen.” Der Mann greift meine Hände mit seinen schrumpelig warmen. Die Jahre haben ihm ziemlich zugesetzt. Lachfalten bilden sich um seine sanften braunen Augen, ihm fehlen schon vier oder fünf Zähne, was sein Grinsen aber nicht weniger ansteckend macht. Auf seinen grauen Haaren sitzt eine schmale rubinbesetzte Goldkrone, er hat noch nie viel Wert auf Prunk und Luxus gelegt.

Einem nach dem anderen schüttelt er die Hand, sein Blick wird kurz ernster, als er Seph anschaut “Junge, wann wirst du endlich deine Kapuze abnehmen?”

Schulterzucken. Mehr bekommt der alte König nicht, was ihn aber auch nur zum Lachen bringt. Wie immer.

“Bitte Kinder, setzt und bedient euch.” Luomier gestikuliert zu den leeren Stühlen neben sich. Seph und ich nehmen rechts von ihm Platz, während Tore und Zin links von ihm sitzen. Wir sind neben Kalia, die sich an Sephs Seite gesetzt hat, die dumme Kuh, die einzigen Gäste im großen Saal. Auch das ist nichts Neues für uns. Der alte Mann schätzt seine Diskretion und Geheimnisse. So wie jeder große König und Königin.

Wortlos greifen wir alle nach dem Essen, so wie wir es schon immer getan haben.

Eine angenehme Stille breitet sich im Raum aus, bis auf das unangebracht Schmatzen von Tore. Mit etwas viel Liebe trete ich ihm unter dem Tisch ans Schienbein “Aua, du Nuss!”

Entgeistert sieht er mich an, aber ich schieß ihm nur einen Todesblick.

Ich greife mir einen der Hühnerschenkel vor mir, es duftet nach Rosmarin und Oregano, genauso schmeckt es auch. Es zergeht einfach himmlisch auf meiner Zunge. Gierig schlinge ich das Bein runter und spüle es mit einem großen Schluck hellem, herben Bier runter.

Oh ja, der König gönnt uns heute richtig was.

Mit der Gabel greife ich nach den Kartoffeln und Zucchini vor mir, auch Gemüse muss sein. Zin hat uns am Anfang unserer gemeinsamen Zeit fast täglich eingeprügelt, wortwörtlich, wie wichtig Obst und Gemüse ist. Seph und Tore als unsere Süßen, fanden das beide nicht sehr verlockend.

Heimische Wärme breitet sich in mir aus, als ich genüsslich in die verschiedenen Speisen beiße. Es ist schon ein paar Wochen her, dass wir mit dem König essen konnten. Schließlich ist er ein vielbeschäftigter Mann und wir noch viel beschäftigtere Attentäter.

“Habt ihr diese dreckigen Menschenhändler endlich gefunden?” Der König schaut uns erwartungsvoll an, doch ich schüttle den Kopf “Nein, das war nur ein Handlanger. Der wussten natürlich nicht, wo sie sind.”

Wut spiegelt sich in den Augen des alten Mannes, als er seine Faust auf den Tisch schlägt. Ich schrecke hoch von dem plötzlich lauten Geräusch “Seit Jahren sucht ihr jetzt schon nach ihnen, irgendwo müssen sie doch sein!”

“Ja, Luomier. Ihr dürft aber auch nicht vergessen, wer sie sind.” Beschwichtigend lege ich meine Hand auf seinen Arm, etwas, das er nicht von jedem zulässt.

Wir reden hier vom größten Menschenhändlerring, den es jemals gab. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich nur an sie denke.

Er grummelt leise vor sich hin, Schweigen macht sich wieder über den Tisch breit.

Aber unser König hat recht, ich verstehe seine Wut und Verzweiflung nur zu gut.

Wir alle haben so viel Zeit in all das gesteckt. So viel Zeit, in der wir versucht haben, Orothemia wieder zu einem sicheren Ort für Menschen und Wesen zu machen, vor allem aber für die Kinder.

Ich lasse mein Besteck sinken, der Appetit ist mir bei dem Thema eindeutig vergangen. Ein bitterer Geschmack macht sich in meinem Mund breit und auch die anderen rutschen unbehaglich auf ihrem Stuhl umher.

“Zumindest haben diese Kinder endlich ihre Freiheit.” Vorsichtig blicke ich zum König, der mir ein kurzes Nicken entgegenbringt, bevor er leise murmelt “Trotzdem, was bin ich für ein König, der seine vulnerabelsten Untertanen nicht beschützen kann?”

Darauf hat keiner von uns eine Antwort, denn wir selbst waren lang genug Opfer dieser Vulnerabilität.