Flavia
Sonnenlicht fiel mir ins Gesicht, warm und hell. Ich blinzelte mehrmals, bis sich meine Augen langsam an das Licht gewöhnten. Ein tiefer Atemzug hob meine Brust, als würde mein Körper erst jetzt begreifen, dass er wieder wach war.
Langsam richtete ich mich ein Stück auf und sah mich um. Das Zimmer, in dem ich lag, war mir fremd. Große Fenster ließen das Licht ungehindert herein, die Vorhänge wehten leicht im Wind. Möbel aus hellem Holz standen ordentlich an ihren Plätzen, und die weißen Wände verstärkten das Gefühl von Ruhe und Leichtigkeit. Es sah aus wie aus einem Einrichtungskatalog, makellos und freundlich – doch in mir breitete sich Unruhe aus.
Das war nicht das Zimmer, in dem ich die letzten Tage geschlafen hatte. Mein Herz begann schneller zu schlagen.
Noch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, hörte ich plötzlich eine Stimme ganz nah bei mir:
»Göttin sei Dank, du bist wach, Flavia.«
Ich zuckte so heftig zusammen, dass mir fast das Herz stehen blieb. Neben meinem Bett stand eine Frau – einfach so! Blond, schön, fremd. Sie starrte mich an, als sei es das Normalste der Welt, dass ich gerade aus dem Schlaf gerissen wurde.
Ein Schrei entfuhr mir, kurz und schrill, bevor ich mit weit aufgerissenen Augen nach Luft schnappte. »Heilige Scheiße!«
Die Fremde blinzelte verdattert, hob die Hände, als wolle sie mich beschwichtigen. »Ich bin Ana«, sagte sie schnell, ihre Stimme warm und erstaunlich ruhig, »und ich bin eine Hexe. Gerade bricht draußen das Chaos aus. Kannst du dich erinnern, was passiert ist?«
Ich starrte sie an, immer noch halb panisch, halb verwirrt. Meine Finger krallten sich in die Decke, als könnte sie mich vor… ja, vor was eigentlich? Vor einer Fremden, die es offenbar für absolut okay hielt, wildfremde Leute direkt nach dem Aufwachen zu befragen.
Ich blinzelte, betrachtete noch einmal das Zimmer, dann wieder diese blonde Frau mit ihren großen, ernsten Augen. Und das Einzige, was mir über die Lippen kam, war ein hilfloses: »Ähhhh…«
Mein Kopf legte sich schief, und ich runzelte die Stirn. »Sag mal… bist du immer in fremden Schlafzimmern unterwegs und stellst Leuten, die du nicht kennst, gleich so existenzielle Fragen?« fragte ich, halb genervt, halb perplex.
Ana setzte ein schiefes, entschuldigendes Lächeln auf und hob beide Hände, als wolle sie mir zeigen, dass sie harmlos war. »Es tut mir so leid, dass du mich so kennenlernen musst«, begann sie sanft. »Eigentlich bin ich die liebevolle und die sanfte Hexe. Die durchgeknallte Hexe ist Larissa.« Ein glucksendes Lachen hüpfte aus ihrer Kehle, als könne sie die Spannung im Raum einfach wegwischen.
Ich starrte sie immer noch an. Kein Blinzeln, keine Bewegung. Nur meine Gedanken rasten. »Aha«, brachte ich schließlich heraus und zog eine Augenbraue hoch.
Doch ihr Lächeln schwand, ihre Stimme wurde fest, fast scharf, als sie einen Schritt näher kam. »Du musst mir jetzt zuhören, Flavia.«
Etwas in ihrem Ton ließ mich augenblicklich still werden.
»Du wurdest mit Elena entführt«, fuhr sie fort, ihre Augen suchten meine. »Ihr wurdet zu einem Hexenzirkel gebracht. Sie haben euch gefangen gehalten. Diese Hexen… sie waren ausgestoßen, Verräter. Einer von ihnen hat dir Feengift gespritzt. Seitdem hast du geschlafen. Lange geschlafen.« Ihre Stimme wurde wieder sanfter, fast zärtlich, doch die Worte hallten wie Donnerschläge in mir nach.
Mein Herz schlug plötzlich so laut, dass ich es in meinen Ohren hörte. Bilder flackerten in meinem Kopf, verschwommen und fragmentiert – Hände, Stimmen, Schmerz. »Verdammt…« Meine Finger krallten sich ins Bettlaken. »Wie konnte ich das nur vergessen?!«
Ich sprang auf. Viel zu schnell. Mein Körper reagierte, bevor mein Gehirn hinterherkam. Ich war schon auf den Beinen, rannte los – und knallte mit voller Wucht gegen den Schrank. Mit einem dumpfen Schlag landete ich auf dem Boden.
»Verdammt!« knurrte ich, meine Hand an der Stirn. »Warum bin ich so unfassbar schnell?!« Ich setzte mich auf, starrte auf mein Bein und sah, wie ein dünner Blutstreifen die Haut hinablief.
Ana kauerte sich sofort zu mir herunter, legte eine beruhigende Hand auf meine Schulter und lächelte schief. »Oh Süße«, sagte sie mit einer Mischung aus Mitleid und einem Hauch von Stolz, »du bist nicht mehr nur ein Mensch. Du bist jetzt eine Fee – mit Vampir-Spezialeffekten.«
Ich starrte sie an, mein Mund klappte auf. »Ähhhh???« war alles, was ich hervorbrachte.
Doch Ana redete einfach weiter, als hätte ich nichts gesagt. »Wir müssen unbedingt zum Rudelhaus. Alle sind gerade dort, und es bricht Chaos aus. Amaro und die anderen sind mitten in einer Diskussion mit dem Feenkönig, und es steht kurz davor, dass alles in die Luft fliegt.«
Bevor ich überhaupt etwas erwidern konnte, packte sie meine Hand und zog mich mit einem Ruck hoch.
Mein Bein brannte noch, ich sah an mir herunter. Kurze Shorts, langes T-Shirt – mein Schlaflook war alles andere als kampfbereit. »Verdammt, was für ein Morgen…«, murmelte ich und rieb mir das Knie.
Da passierte es. Mitten aus dem Nichts begann mein Körper zu leuchten. Ein goldenes Schimmern kroch über meine Haut, wie eine zweite Haut, die pulsierte und glitzerte. Ich erstarrte, mein Herz schlug schneller. »Ähm… Ana?«
Noch bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, flackerte das Licht, und mein Pyjama war verschwunden. Stattdessen trug ich plötzlich einen engen schwarzen Rock, ein weißes Top und beigefarbene Sandalen. Ich starrte an mir hinunter, blinzelte heftig. »Was… zum…?«
Ana strahlte, als wäre das alles ein ganz normaler Dienstagmorgen. »So! Jetzt bist du ready! Du musst jetzt bitte mitkommen«, sagte sie sanft, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Ich stand immer noch wie angewurzelt da, mein Herz raste, mein Mund war trocken. »Ich… ich starte gerade mein neues Leben in einem Outfit, das nicht mal ich ausgesucht habe«, murmelte ich und warf ihr einen halb entnervten, halb beeindruckten Blick zu.
Doch Ana ließ mir keine Zeit. Sie zog mich einfach aus dem Schlafzimmer, als wäre ich ein verlorener Koffer, den sie abholen musste. Wir liefen den Flur hinunter, ihre Hand fest um meine, bis wir vor dem Aufzug standen.
Die Türen öffneten sich mit einem leisen Klingeln. Sie schob mich hinein, drückte einen Knopf und ließ die Türen schließen. Der Lift setzte sich in Bewegung.
Ich starrte sie immer noch an, während mein Herz schlug wie verrückt. »Du…« Ich zeigte mit einem Finger auf sie. »Du bist die netteste Psychohexe, die ich je getroffen habe.«
Ana grinste breit, ihre Augen funkelten. »Warte nur, bis du Larissa triffst.«
Dann plötzlich fiel mein Blick in die glänzende Metallwand des Aufzugs und ich erstarrte. Ich starrte mein Spiegelbild an, als hätte jemand eine komplett neue Version von mir in den Lift geschmuggelt.
»Heilige…« Ich beugte mich näher. Meine Haare, die sonst stumpf und widerspenstig waren, glühten jetzt in einem tiefen, glänzenden Rot, das bei jeder Bewegung funkelte, als hätte jemand tausend kleine Flammen hineingewebt. Meine Augen waren so grün, dass selbst ein Smaragd daneben blass gewirkt hätte, und meine Haut war makellos, glatt, ohne einen einzigen Pickel, ohne die kleinsten Schatten. Und dann, ich blinzelte heftig. »Ich schwöre, meine Wimpern sind doppelt so lang!«
Mit offenem Mund drehte ich den Kopf zu Ana. »Hast du mir… Lashes verpasst?« fragte ich verdattert.
Ana brach sofort in schallendes Lachen aus, warf den Kopf zurück, als hätte ich den besten Witz ihres Lebens erzählt. Ich starrte sie immer noch ungläubig an.
»Süße, du bist eine Natur-Schönheit«, brachte sie zwischen Kichern hervor und wischte sich sogar eine Lachträne aus dem Augenwinkel. »Und nein, ich habe dir keine Lashes verpasst!« Sie schüttelte immer noch lachend den Kopf, während der Aufzug mit einem leisen Ruck stoppte.
Die Türen glitten auf, und ohne mir eine Chance zu geben, das alles zu verarbeiten, packte sie meine Hand und zog mich schon wieder mit einem energischen Schwung hinaus. Meine Beine stolperten hinterher, als wäre ich nur Gast in meinem eigenen Körper.
Wir liefen über den hellen Flur, und sofort erkannte ich die Umgebung. Das Rudelhaus. Und nur ein paar Schritte weiter: das Büro. Ich kannte den Weg, auch wenn meine Gedanken gerade so laut rasten, dass sie fast alles andere übertönten.
Da blieb Ana plötzlich stehen. Sie drehte sich zu mir, biss sich kurz auf die Lippe und hob warnend den Finger. »Ah, verdammt! Da ist noch etwas, das ich dir wohl besser jetzt gleich sage.«
Ich hob eine Augenbraue und starrte sie erwartungsvoll an. In meinem Kopf rauschte es schon. Ich schwöre, ich hatte geglaubt, Werwölfe seien verrückt. Aber diese Hexe hier? Die spielt in einer ganz eigenen Liga.
Ana seufzte und hob dann beide Hände, als müsse sie mich auf eine schlechte Nachricht vorbereiten. »Also… dein Großvater ist der Feenkönig.«
Mein Herz setzte kurz aus.
»Und«, fuhr sie unbeirrt fort, »er hat sich geweigert, dir zu helfen. Er hat uns kein Gegengift für dich gegeben.«
Meine Augen weiteten sich. Mein Herz raste jetzt so laut, dass ich sicher war, Ana musste es hören.
»Und«, sagte sie mit einem schiefen Grinsen, als wäre das jetzt nur die Kirsche auf dem Drama-Eisbecher, »dein Gefährte ist außer sich vor Wut. Dein Großvater und der Vampirprinz haben sich im Büro komplett zerfetzt. Wenn wir nicht gleich reingehen, fliegen vermutlich Möbel.«
Mir stockte der Atem. Zum einen hatte ich plötzlich einen Großvater. Und nicht irgendeinen, sondern einen verdammten König. Ich fühlte mich, als hätte man mir die Hauptrolle in einem Drama aufgedrängt, für das ich nie vorgesprochen hatte. Mein eigener Großvater wollte mir einfach nicht helfen. Kein bisschen. Ich lachte innerlich bitter auf. Was hatte ich mir auch gedacht? Ich war in einem beschissenen Heim aufgewachsen. Nach meiner Familie hatte ich wirklich niemals gesucht. Ich hatte abgeschlossen. Fertig. Aus.
Doch dann raste mein Herz noch schneller. Nicht wegen des Königs. Sondern weil Stefano hier war. Verdammt, Stefano. Ich hatte ihn kurz in der Zelle gesehen, bevor alles eskaliert war. Die Hexen hatten Elena in diese Zelle geschmissen und Stefano lag auf dem Boden, halb bewusstlos. Ich hatte ihn sofort erkannt, dieses Gesicht, das mich seit Tagen in meinen Träumen verfolgte. Ich wollte zu ihm, wollte auch in diese Zelle, egal was es kostete. Aber sie hatten mich gepackt, weggezerrt, als wäre ich nur ein Gegenstand. Ich hatte gehört, wie sie darüber sprachen, Elena zu verkaufen und Stefano zu töten. In diesem Moment war irgendetwas in mir explodiert. Ich war ausgerastet, hatte dieser Hexe meinen Laserstrahl um die Ohren gejagt – was auch immer das war. Und die dumme Kuh hatte sich dann aufgeregt, mir dieses Gift gespritzt.
Plötzlich wurde ich aus meinem eigenen Strudel gerissen. Eine Stimme dröhnte aus dem Büro, tief, kalt, so laut, dass sie durch die Wände vibrierte. Ich fuhr zusammen, das Geräusch durchzuckte mich wie ein Stromschlag.
»Mir ist es verdammt noch mal egal, ob sie meine Enkelin ist oder nicht!« donnerte die Stimme. »Ich werde sie auf keinen Fall retten. Sollte sie meine Enkelin sein, soll sie sterben!«
Mein Körper fror ein. Es war, als würde mein Blut in den Adern zu Eis werden. Meine Finger krallten sich automatisch in den Stoff meines Tops, während mein Herz so schnell schlug, dass ich dachte, es müsste aus meiner Brust springen. Ich konnte kaum atmen. Mein Blick wanderte unwillkürlich zur Tür des Büros, hinter der sich dieser Mann befand, mein Großvater – der Feenkönig.
Ich schluckte hart. Meine Kehle war trocken wie Sandpapier. Ein einziger Gedanke bohrte sich wie ein Messer durch meinen Kopf: Das ist meine Familie?