Die Marquise: Der Aufstieg

All Rights Reserved ©

Summary

Die Marquise ist die mächtigste Nekromantin, die die Welt von Elthrayn je gesehen hat. In dieser Geschichte begleitet ihr eine Frau ohne Skrupel. Eine Frau, bei der der Zweck jedes Mittel heiligt. Eine Frau, die den Aufstieg zur Göttlichkeit plant und alles vernichtet, was in ihrem Weg steht.

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Prolog

Des Nachts sie kommt – welch großer Schreck,

sie nimmt dir deine Liebsten weg,

in schwarz gehüllt – die Haut gar weiß,

sie bringt sie in ihr Königreich,

ein Avatar der Grausamkeit,

in Strömen fließen soll das Leid.

Die Verse des Gedichtes klangen mit engelsgleicher Stimme durch das spärlich beleuchtete Zimmer. Die Kerzen flackerten lieblich im Luftzug und beleuchteten das kleine Schminktischchen am Ende des Raumes. Der süßliche, betörende Duft von Lilien lag in der Luft und die Frau – die Marquise – trug das Puder aus Alabaster auf Gesicht und Dekolleté auf, was ihrer noblen Blässe den adeligen Hauch verlieh, den sie verdient hatte. Der Lidstrich – eine Mischung aus Kohle und Öl – wurde fein säuberlich mit einem Stäbchen aus Silber, welches sie zwischen Zeigefinger und Daumen hielt, gezogen. Dabei spreizte sie aus Gewohnheit den kleinen Finger ab, wie es sich für eine Dame ihres Standes gehörte. Für den Lidschatten strichen ihre zarten Finger gefühlvoll über ihre Lider, was einen rauchigen, dezenten Schatten aus Kohlepulver zurückließ. Ihre purpurfarbenen Augen betrachteten sich zufrieden im Spiegel und ihre Finger strichen verspielt und selbstverliebt über ihr Schlüsselbein. Ihr huschte der Anflug eines Lächelns über die vollen Lippen, ehe die Paste aus Cochenillläusen mit eleganter Präzision – mithilfe eines Metallstäbchens – aufgetragen wurde, was ihnen einen tiefroten Glanz verlieh. Sie griff nach ihrer Bürste, um sich das pechschwarze, schulterlange Haar zu bürsten, damit es seine gewohnte, elegante Glätte erhielt. Durch die zärtlichen Striche fiel es locker an den Seiten ihres Kopfes herab und bog sich am Ende leicht nach innen.

Die Marquise warf sich selbst einen Kuss im Spiegel zu, ehe sie aufstand, um sich anzukleiden. Nach dem vorangegangenen, entspannenden Bad legte sie erst ihre Unterkleider an, gefolgt von einer leichten Corsage, welche mit schwarzer Spitze verziert war. Das Festzurren der Bänder erfolgte mit berechneter Kraft, als wolle sie jemandem die Kehle abschnüren, und stand in starkem Kontrast zu dem grazilen Binden, das so sanft und langsam wie ein zartes Streicheln ausgeführt wurde. Auf die Corsage folgten schwarze Strümpfe, die mit gekonnter Eleganz und einem verführerischen Blick in den Spiegel an ihren Beinen hochgezogen wurden. Im Anschluss kleidete sie sich in ein schwarzes, spitzenbesetztes und mit goldenen Stickereien – die im Kerzenschein schimmernd von Wohlhaben erzählten – verziertes Seidenkleid. Das Kleid schmiegte sich eng an ihren zierlichen Körper und betonte ihre grazile Figur und das Schnüren des Kleides folgte dem Muster der Corsage. Zu guter Letzt und beim Verlassen des Raumes wurden noch goldene, fein verzierte Fingerkrallen – elegante sowie ominöse Schmuckstücke – über den Zeige- und Mittelfinger jeder Hand gestreift. Mit einem selbstsicheren Lächeln verließ die Marquise zufrieden die spärlich beleuchtete Kammer und trat in den nächsten Raum.

Dort schwang der betörende Duft von Lilien in den süßlichen Duft der Verwesung um. Beim Anblick der verstümmelten Moderleiber huschte der Marquise erneut ein zufriedenes Lächeln über die vollen, blutroten Lippen. Die Luft war schwer und der Geschmack von Eisen schlug sich beim Atmen auf der Zunge nieder, während der mit Blut vollgesogene Holzboden bei jedem Schritt ein feuchtes Schmatzen von sich gab. Die Frau schritt grazil über den blutbesudelten Boden, ein Schritt eleganter als der vorherige, bis sie vor einer übel zugerichteten Leiche zu stehen kam.

Die Gräfin ist – und wird auch sein,

Herrscherin über das Gebein,

dein Leben sie dir kalt entreißt,

in toter Horde du verweilst,

der Avatar der Grausamkeit,

in Strömen fließen wird das Leid.

Mit einem Fingerschnippen, das ebenso spielerisch einfach wie auch fordernd war, unterbrach sie erneut die Verse des Gedichtes. Das Aas erhob sich aus seinem Frieden, wie eine Marionette in das Unleben gescheucht. Wabernde Rückstände purpurner Energie zogen wie Rauchschwaden um den sich erhebenden Körper. Ein Residuum von gotteslästerlicher, bösartiger Magie – welche mit einer eleganten Handbewegung auf den nächsten Leichnam übertragen wurde, der sich mit einem Ächzen und knackenden Gelenken und Knochen in einer grotesken Verrenkung erhob. Mit einem unzufriedenen Gesichtsausdruck und einem Blick, der eine Mischung aus Ekel und Unverständnis widerspiegelte, schritt die Marquise zum zweiten Körper, der seine Verrenkungen noch immer nicht ganz vollzogen hatte.

»Welch schändliches Verhalten.«

Die Empörung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

»Für solch minderwertige Exemplare habe ich keine Verwendung.«

Mit einer abweisenden, verächtlichen Handbewegung und ohne den Kadaver eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte sich die Frau um und schritt zurück zum ersten Leichnam, während der zweite hinter ihrem Rücken zu Staub zerfiel. Vor dem ersten Wiedergekehrten angekommen, blieb sie stehen. Ihre Augen verengten sich, während sie ihre Hände in die Hüften legte, den Kopf leicht zur Seite neigte und das Geschöpf eingehend musterte.

»Ja, das sieht gut aus.«

Sie deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den blutbesudelten Boden und ein hämisches Lächeln huschte über ihre tiefroten Lippen, während ihre Augen aufleuchteten.

»Knie.«

Der Kadaver tat, wie ihm befohlen, und fiel vor der Dame auf die Knie, die Hände in Richtung ihrer Füße ausgestreckt, so dass die fleischigen, aufgedunsenen und von Maden zerfressenen Finger ihre Stiefel berührten. Mit leicht gerümpfter Nase, kaum merklich nach unten gezogenen Mundwinkeln und erhobenem Haupt, mit einem Blick, der nichts anderes als absolute Abscheu zeigte, trat die Marquise einen Schritt zurück.

»Ebenso erbärmlich wie noch zu Lebzeiten. Doch ich bin selbst schuld, immerhin habe ich mit der Reanimation keine drei Glockenschläge gewartet. Erhebe dich, Aas.«

Der Untote erhob sich mit einem kehligen, gutturalen Stöhnen und blickte die Frau mit fahlen, grauen Augen an. Nachdenklich legte die Marquise ihren Zeigefinger an ihre Lippen, ehe wieder ein bösartiges Lächeln über ihr makelloses Gesicht huschte.

»Ich führe.«

Sie zog den Kadaver heran und begann, sich mit ihm um die eigene Achse zu drehen, einen Schritt nach dem anderen. Erst der rechte Fuß einen Schritt nach vorn, danach folgte der linke Fuß zur Seite, wonach der rechte nachgezogen wurde. Der aufgequollene Boden schmatzte unter jedem Schritt, während Blut daraus hervorsuppte und in alle Richtungen spritzte. Der linke Fuß nach hinten, der rechte Fuß zur Seite, der linke hinterhergezogen. Ein makaberer Tanz, ein grotesker Walzer – eine boshafte Erniedrigung – der in einem Höhepunkt gipfelte, als die Marquise den Moderleib losließ und mit einer grazilen Drehung zum Stillstand kam, während der Körper hinter ihr zu Staub zerfiel. Lilié lächelte höhnisch, denn sie war zufrieden.