Kapitel 1
Der Morgen dämmerte, und aus dem Dunkel einer sternlosen Nacht schälte sich inmitten des Meeres die langgezogene Silhouette der Insel Karsina, und ihre Hügel und Gebirge waren noch nicht mehr als Schemen, vage Konturen am Horizont, wenngleich auch mit freiem Auge bereits deutlich sichtbar. Lyriene stand gemeinsam mit dem Kapitän am Bug des großen Handelsschiffes, noch schlaftrunken rieb sie sich die Augen und zog den weiten Umhang enger um ihren Körper, denn mit dem Lichte musste auch die Wärme erst die Reste der Nacht vertreiben, wie es die Sonne jeden Tag tat, Beraga sei Dank. Der Kapitän strich sich über den dichten Bart und beugte sich vor, um das verbliebene Dunkel besser mit seinem Blick durchdringen zu können.
„Hm, wir sind näher dran als ich dachte“, murmelte er. Lyriene hörte ihn, doch galt ihre Aufmerksamkeit nur zur Hälfte den Worten des alten Seemannes, zum anderen genoss sie die Kühle des anbrechenden Tages, spürte den Wind in ihrem Gesicht und das Salz auf ihren Lippen. Es war wohl Zeit, ihre Gefährten zu wecken, Galmon, den stummen Sänger, und Agur Niver, den Elfen, wie sie ein Suchender. Eine Windbö zerrte an ihrem Kopftuch, und Lyriene fröstelte.
„Wie lange wird es dauern, bis Ihr uns absetzen könnt?“, fragte sie. Der Kapitän überlegte. „Ich denke, wir haben noch drei oder vier Stunden Zeit, ehe wir nahe genug an der Küste sind.“ Der Gedanke, die Reise zu unterbrechen, um seine Passagiere an Land zu bringen, schien ihm nicht zu gefallen. Das konnte Lyriene deutlich an seiner Mine ablesen, auch wenn das Gesicht noch großteils im Schatten lag.
Das Schiff war beladen mit allerlei Gütern, die in den Städten im Süden gegen deren Kostbarkeiten eingetauscht werden sollten, und ein Halt auf Karsina war dabei nicht vorgesehen. Dennoch hatte der Kapitän der Versuchung, mit dem Transport der drei Reisenden zusätzlich Geld zu machen, nicht widerstehen können. Allerdings hatte er von Anfang an klargestellt, dass er sie nicht in Agbala, dem größten Hafen der Insel, aussteigen lassen könnte.
„Und warum nicht?“, hatte Agur Niver gefragt und seine Stirn in Falten gelegt. Ein Elf, der unzufrieden wirkt, ist alles andere als ein beruhigender Anblick. Doch den Kapitän hatte der harte Blick aus Agurs pechschwarzen Augen nicht beeindruckt.
„Wir segeln nach Süden, und um Agbala zu erreichen, müssten wir um den Ausläufer der Insel herum segeln. Die Strömungen dort sind nicht nur sehr stark, sondern auch tückisch und kaum berechenbar. Wir würden mindestens einen halben Tag verlieren, vielleicht sogar mehr. Aber keine Sorge, wir rudern euch an Land, und von dort, wo wir euch absetzen, sind es keine zwei Stunden zu Fuß nach Agbala. Mehr kann ich euch nicht anbieten.“
Also hatten sie akzeptiert.
„Ihr wollt nicht anhalten, um die günstigen Winde zu nutzen, nicht wahr?“, fragte Lyriene mit leichtem Lächeln, das ihren silberfarbenen Augen besonderen Glanz verlieh.
Der Kapitän zuckte die Schultern. „Wir haben einen Vertrag, und ich werde ihn einhalten, wie vereinbart“, brummte er, und der Verdruss in seiner Stimme ließ Lyriene noch breiter lächeln.
Dann ging sie in ihre Kajüte, um ihre Freunde zu wecken und das Gepäck für die Überfahrt vorzubereiten.
Sie saßen zu fünft in einem kleinen Boot, und gegen die drei Reisenden, den großgewachsenen, schlanken Elfen, den hageren, schmächtigen Galmon und Lyriene, die ebenfalls von hohem Wuchs war, erschienen die beiden Ruderer wie Kinder, wenngleich sowohl ihre muskulösen Arme als auch die Geschwindigkeit, mit denen sie den Kahn durch die Wellen gleiten ließen, jeden Gedanken an Schwäche ausschloss.
Je kleiner das ankernde Handelsschiff hinter ihnen wurde, umso deutlicher trat die Insel hervor. Schon sah man den Strand, das Grün der umliegenden Felder, jetzt sogar schon deutlich den Bauernhof, zu dem Ställe, Scheunen und ein Wohnhaus gehörten. Das Grün teilte sich in Weiden und Wälder, gelbes Korn stand in voller Reife und süßer Blütenduft drang über das Wasser zu der kleinen Gruppe.
„Karsina ist eine wunderschöne Insel.“
Lyriene konnte nicht sagen, ob Agur dies bloß als Feststellung meinte, denn der Elf sprach meist ohne besondere Betonung, oder vielmehr war ihr Ohr zu ungeschult, um die feinen Nuancen, in denen die Elfen ihren Worten Wirkung verliehen, zu unterscheiden.
„Tja, mag sein, aber der Süden ist reicher, und drum zieht es unsren Käpt’n nicht besonders stark hierher“, sagte einer der Ruderer.
„Ay, und außerdem halten sich die Gerüchte, dass er in Agbala nicht mehr gern gesehen wird, seitdem er die Tochter eines Händlers beglückt und sich dann aus dem Staub gemacht hat“, erwiderte der andere grinsend, und beide brachen in schepperndes Gelächter aus.
Lyriene wandte sich wieder dem Ufer zu. Nur noch einen Steinwurf entfernt lag das Ufer. Ein schmaler Kieselstrand, eine kleine Anhöhe und dahinter die beginnenden Wiesen, die sich scheinbar endlos erstreckten, selbst über die Hügel hinweg, die die gesamte Insel durchzogen. Das Boot verlangsamte seine Fahrt, und die Gefährten machten sich bereit, um endlich, nach drei Tagen und drei Nächten, wieder festes Land zu betreten.
Agur sprang als Erster ans Ufer, Galmon folgte, während Lyriene den Matrosen noch ein paar Kupfermünzen in die Hand drückte. „Ich wünsche euch und eurem Schiff eine gute und sichere Reise!“
„Euch auch, und denkt dran: Vielleicht solltet Ihr in Agbala den Käpt’n nicht erwähnen!“ Und unter dem Gelächter der beiden Seeleute machte sich das Boot auf den Weg zurück.
Während Lyriene das Gepäck verteilte – vor allem Proviant, aber auch nützliche Gegenstände, die auf einer Reise unentbehrlich sind, Feuersteine etwa, Fackeln und Verbandmaterial – und Galmon sich Bogen und Köcher umhängte, musterte der Elf die Umgebung und nutzte die Gelegenheit, sich wieder an den festen Boden zu gewöhnen.
„Wie ich das Meer hasse“, murmelte er. Vergeblich versuchte er, bei den ersten Schritten das nach Seereisen übliche Schwanken zu unterdrücken.
Lyriene lachte über Nivers stolpernde Schritte, weder ihr noch Galmon machte das Meer so zu schaffen wie dem Elfen.
Hier, an Land, nahm Lyriene das Kopftuch ab, und ihr schulterlanges, leicht gewelltes Haar fiel sacht auf ihre Schultern herab. Die Farbe war schwer zu bestimmen, dunkelblond vielleicht, wobei aber vor allem die bronzefarbenen Strähnen, die es durchzogen, die Aufmerksamkeit auf sich lenkten.
Sie schulterte ihren ledernen Beutel und zwinkerte Galmon zu.
„Also los, alter Freund! Wenn wir uns beeilen, sind wir in ein paar Stunden in Agbala. Was meint ihr, sollen wir dort übernachten? Dann ist es noch ein Tagesmarsch bis...“
„Seltsam.“
Lyriene seufzte. Agur hatte noch nie Rücksicht darauf genommen, dass gerade ein anderer sprach. Eine Unart, die von Galmon nicht zu erwarten war, denn ihm fehlte die Zunge – herausgeschnitten vor Jahren, als er erst in die Hände von Barbaren und dann in Sklaverei gefallen war.
„Was ist seltsam, Agur?“, fragte sie den Elfen, der seinen Blick umherschweifen ließ.
„Hier ringsum liegen saftige Weiden.“
„Und?“
„Aber siehst du irgendwo Vieh?“
Lyriene sah sich um, obwohl sie bereits wusste, dass sie kein Rind und kein Schaf sehen würde. Eigentlich hätte es ihr selbst auffallen müssen, dachte sie, verärgert über sich selbst.
„Und nicht nur das. Es ist auch kein Mensch zu sehen. Niemand, der auf den Feldern oder am Haus arbeitet. Ungewöhnlich.“
Agur gab seinen Worten einen nebensächlichen Klang, aber er stand angespannt da, und seine Augen waren hellwach und aufmerksam.
An Galmons überraschtem Blick erkannte Lyriene, dass auch ihm diese Ungereimtheiten nicht aufgefallen waren. Aber die Insel war ihnen so idyllisch und ruhig erschienen, dass der Lärm von Tieren und Menschen den Eindruck höchstens gestört hätte. Nur das Singen der Vögel passte zu diesem Bild, aber plötzlich schien es keinen so frohen Klang zu haben wie bisher.
„Es stimmt. Außerdem muss den Bewohnern des Guts aufgefallen sein, dass ein Schiff vor ihrer Küste ankert. Aber niemand ist erschienen, um uns zu begrüßen oder herauszufinden, was wir wollen.“
„Ob sie Angst haben und sich verstecken?“
Lyriene dachte nach. „Wohl kaum. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Tier oder einen Menschen gesehen zu haben, seitdem die Sonne aufging. Ihr etwa?“
Das Schweigen ihrer Gefährten gab ihr die Antwort.








