Kapitel 1
Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht, als der Regen stärker wird und die Buchstaben auf meinem Display zusehends mehr verschwimmen. Mit einem Seufzen stecke ich mein Handy weg und schaue nach oben. Das Wetter erinnerte wirklich an einen Wolkenbruch heute Morgen.
Erleichtert entdecke ich den Bus, der gerade um die Ecke biegt und an der Haltestelle anhält. Ich schiebe mich durch die Menge, der wartenden Menschen und gelange ins Innere. Eine winkende Hand im hinteren Teil erregt meine Aufmerksamkeit und ich lächele, als ich meine Freundin Clara erkenne. „Hi, Grace!“ Mit einem Seufzen lasse ich meinen Rucksack von den Schultern gleiten und setze mich neben sie. „Hey.“ Ich zwinge mich zu einem Lächeln, als ich Clara ansehe. Sie mustert mich, erkennt mit ihren eisblauen Augen jede Lüge. „Was ist los?“ Ich gebe den Versuch auf, einfach so zu tun als wäre nichts – Clara durchschaut mich immer. „Meine Mutter. Sie hat mir Hausarrest gegeben, weil ich im letzten Mathetest eine vier hatte, wenn du´s wissen willst.“, grummle ich. Sie schaut mich geschockt an. „Ist das ihr Ernst? Deine Eltern sind so streng, dabei kannst du nichts dafür, dass du Dyskalkulie hast.“ „Danke für die Erinnerung.“, erwidere ich voller Sarkasmus. „Tut mir leid.“ Clara beißt sich zerknirscht auf die Lippe. „Schon gut“, ich räuspere mich, „was gibt´s Neues?“ Der Bus fährt über ein Schlagloch und ich werde im Sitz hochgeschleudert. Ich merke wie mir mein Frühstück hochkommt – der Schokokuchen zum Frühstück war wohl doch keine gute Idee gewesen. „Also, ich hab gestern mit Ben gesprochen und er hat gesagt, dass er mit seiner Tante telefoniert hat. Uuuund…?“ „Und?“ Wir waren mit Ben seit dem Kindergarten befreundet und seine Tante arbeitete in Stamford in einer kleinen Boutique. Was…? Ooooh. Mein Gesicht hellt sich auf, als ich dem Gedanken folge. „Du…“ „hast endlich ein Thema für das Referat.“, beendet sie meinen Satz. „Bens Tante hat gesagt ich kann ein Praktikum bei ihr machen. Im Anschluss halte ich meinen Vortrag über Mode und die verschiedenen Entwicklungen während der Epochen.“ „Wow, das ist großartig! Mrs Harrison wird bestimmt begeistert sein.“ „Hoffentlich, die Präsentation macht die Hälfte unserer Note.“ Der Bus hält an und ich stehe auf, bleibe abrupt stehen. Clara flucht hinter mir. „Kopf runter.“, zische ich. Oh Gott. Vorne hatte ich gerade Beverley mit ihren beiden Anhängerinnen Kim und Zoe erspäht. Zum zweiten Mal an diesem Morgen, kommt mir das Frühstück hoch.
Endlich hält der Bus an und wir steigen zusammen mit dutzenden anderen Schülern aus. Eilig verabschieden wir uns – seit diesem Schuljahr waren wir in unterschiedlichen Kursen -, dann stehe ich plötzlich alleine vor der Westford Academy New York´s. Es hatte aufgehört zu regnen, also ziehe ich meine Kapuze aus und schiebe mir mein braunes Haar hinters Ohr. Zusammen mit etlichen anderen Leuten ströme ich in das helle Gebäude und laufe an den anderen vorbei. Nach fünf Jahren, finden meine Füße wie von selbst den Weg zu meinem Klassenraum. Es wäre ein wahrer Segen, wenn ich nächstes Jahr endlich den Abschluss machen würde.
Ich mache die Tür auf und stocke, als ich den Jungen ganz hinten sehe, der mit seinen Freunden redet und dabei überheblich grinst. Sobald Jason mich entdeckt nimmt sein Gesicht einen ernsten Ausdruck an. Ich zwinge mich zu meinem Platz zu gehen und nicht nach hinten zu sehen. Seit ich diesen Sommer mit ihm Schluss gemacht hatte, war sein Ego angekratzt und er versuchte mir das Leben schwer zu machen. Ich höre wie er aufsteht und auf mich zu läuft, da kommt gerade Miss Harrison herein – unsere Englisch- und Klassenlehrerin. „Good Morning class.“, fängt sie wie jedes Mal an. Meine Mitschüler verstummen und ich packe meine Sachen aus. Gleichzeitig kann ich nicht dem Drang widerstehen Jason anzulächeln, die Zunge rauszustrecken. Er und seine Freunde, Tyson und Derrick, funkeln mich an. Das würde ich später wahrscheinlich bereuen, aber er hatte es sowieso schon auf mich abgesehen. Er war Anführer des Footballteams und ich hatte ihn vor der gesamten Schule gedemütigt, als ich mich von ihm getrennt hatte. Damals hatte ich endlich eingesehen, was für ein überheblicher Idiot er war.
Da betritt ein Junge den Klassenraum und lenkt meine Aufmerksamkeit nach vorne. „Klasse, das ist Kael West. Willst du etwas über dich erzählen, Kael?“, fragt Miss Harrison den Jungen. Kael steht gelangweilt neben ihr, den Rucksack lässig geschultert, schwarze Stirnfransen fallen ihm in die Stirn. Miss Harrison nickt ihm aufmunternd zu. „Ich bin Kael West und bin 18 Jahre alt. Meine Familie ist aus Florida hierhergezogen.“
„Gut, dann setz dich doch auf den freien Platz neben Grace.“, sie deutet zu mir. Die Klasse beobachtet ihn und ein paar flüstern, aber er scheint es nicht zu hören, oder es kümmert ihn einfach nicht. Wenn ich das restliche Jahr neben ihm sitzen werde, kann ich zumindest ein paar Berührungspunkte schaffen, beschließe ich. „Ich bin Grace.“ Er lässt seinen Rucksack auf den Boden fallen und sieht mich mit zwei dunkel grünen Augen an. „Kael.“ Ich schnaube. Eingebildet.
Kael:
Das ist also meine neue Klasse, stelle ich mit wenig Begeisterung fest, während, sich mir die Lehrerin als Miss Harrison vorstellt. Ich konnte die Frau jetzt schon nicht leiden, mit ihren Dauerlächeln und den klackernden Absätzen. Dann kann ich mich endlich setzen. „Ich bin Grace.“ Ich ziehe den Stuhl zurück und sehe das Mädchen an. „Kael.“ Sie trägt eine schwarze Leggings mit passenden Converse unter denen weiße Socken herausschauen. Ihr Haar fällt ihr offen um den dunklen Hoodie, den sie trägt. Solange sie nicht zu viel redet, scheint sie ganz in Ordnung zu sein.
Lasst mich gerne wissen, was ihr von den Namen Grace Jones und Kael West haltet. :)