Kapitel 1
Die drei Gefährten waren ebenso erschöpft wie ihre Pferde, deren schweißbedeckte Flanken zitterten und die sich mühsam Schritt für Schritt über den schlammbedeckten schmalen Pfad vorarbeiteten, der die weiten Wälder des Nordens durchlief.
Links und rechts von ihrem Weg ragten die uralten Stämme ewiggrüner Nadelbäume empor, und über ihnen türmten sich dunkle Gewitterwolken, deren kühle Schauer ihren Weg begleitet hatten und die die Dämmerung vor der Stunde eingeleitet hatten.
Schon hatte Lyriene nicht mehr erwartet, ihr Ziel vor Einbruch der Nacht zu erreichen, als sich das Dickicht mit einem Male lichtete und den Blick auf eine Siedlung freigab, die, eingebettet in eine langgestreckte Senke, vor ihnen lag.
Ein Dutzend schmuckloser Holzhäuser bildete das Dorf, in dem sie zu übernachten geplant hatten, ehe sie am frühen Morgen weiterreiten würden, denn die Skribe war nach Gai-Karresch zurückgerufen worden, und so jagte sie mit ihren beiden Begleitern seit mehr als einer Woche ihrer Heimatstadt entgegen, und die Strapazen dieser Reise forderten ihren Tribut von der jungen Frau ebenso wie von ihren Freunden.
Agur Niver, der Elf, beugte sich im Sattel vor und spähte auf das Dorf, das am Fuße eines sachten Abhangs vor ihnen lag. Lyriene wusste, dass er sie mit gemischten Gefühlen hierhergeführt hatte, denn obwohl die Siedlung ausschließlich von Menschen bewohnt war, lag sie doch in jenen Wäldern, die von den Elfen beansprucht wurden und die von der unsterblichen Rasse Aseira „Grünes Meer“ genannt wurden. Noch war Agur Niver nicht bereit, zu seinem Volk zurückzukehren, und so fühlte er sich an der Grenze zu seiner Heimat ebenso als Fremder, wie er sich in den Städten der Menschen fühlte.
Von unten drang das Gebell der Wachhunde zu ihnen, und schweigend ritten sie langsam auf die kleine Ortschaft zu.
Die Behausungen, an denen sie vorbeikamen, wirkten ebenso ärmlich wie ihre Bewohner, die ihnen gleichgültige Blicke zuwarfen. Einige Kinder mit schmutzverkrusteten Gesichtern spielten zwischen den Häusern und sahen ihnen nach, doch die übrigen Dorfbewohner gingen unbeeindruckt ihren Tätigkeiten nach, und so hielt Lyriene neben einer Frau, die mit einem Krug voll Körner einige Hühner fütterte, und beugte sich zu ihr herab.
„Seid gegrüßt, Frau. Mein Name ist Lyriene, und ich suche für mich und meine Begleiter ein Quartier für die Nacht. Wollt Ihr uns verraten, wo wir ein Bett und eine warme Mahlzeit finden können?“, fragte sie die magere Bäuerin.
„Beraga mit Euch, edle Dame“, grüßte die Frau. „Eine Herberge gibt es hier nicht, aber Zelia hat ein Zimmer frei, und sie wird Euch zu essen geben. Reitet einfach zu dem großen Haus dort!“ Und sie wies auf eine zweistöckige Hütte, die in der Mitte der Siedlung stand, ehe sie sich wieder den Hühnern zu ihren Füßen zuwandte.
„Nicht besonders gesprächig!“, murmelte Lyriene zu niemandem im Besonderen, und Galmon, der stumme Sänger, zuckte die Schultern.
„Hoffen wir, dass wir überhaupt ein Nachtlager finden!“, deutete er seiner Freundin müde.
Galmons Bedenken waren unbegründet. Zelia, eine Frau mittleren Alters, die das karge Leben vor der Zeit hatte altern lassen, ließ sofort von ihrer Arbeit ab, als Lyriene und ihre Begleiter das Haus betraten. Ebenerdig lag nur ein einziger großer Raum, von dem eine Stiege in den ersten Stock führte und in dem sich sowohl ein Esstisch als auch eine Kochstelle befanden. Die Hausherrin, deren Haar bereits von weißen Strähnen durchzogen wurde, wischte sich die Hände an ihrer schmutzigen Schürze ab und kam strahlend auf die Drei zu.








