Prolog
Bushy House, Mai 1835
„Ich bin so aufgeregt!“
Unruhig zappelte die blutjunge Lady Cavendish auf ihrem Platz in der Kutsche, die von vier prächtigen Schimmeln gezogen, eben die Durchfahrt zum Bushy House passierten. Sie hatte es kaum geschafft, die Fahrt nach Teddington hinter sich zu bringen, was ihre Anstandsdame, Lady Beatrice immer wieder zu einem tadelnden Naserümpfen veranlasste.
„Margaret, halte deine Füße still!“, kam auch schon die nächste Ermahnung, die das andere Mädchen in belustigtes Kichern ausbrechen ließ.
Sie zwinkerte der Gescholtenen zu. „Ja, Maggie – hörst du nicht? Hör auf zu zappeln!“ Dabei schaffte sie selbst es kaum, stillzuhalten. Louise Grosvenor war Margarets beste Freundin; sie waren gleich alt, und schon ihre Mütter waren Freundinnen. Die Familienresidenzen des Duke of Amberly, Maggies Vater, und des Marquess of Ashford lagen nur wenige Kilometer auseinander.
Heute war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen die beiden Mädchen tatsächlich ohne die strenge Aufsicht der Eltern unterwegs waren. Sie waren ins Bushy House geladen worden – von König William IV. höchstpersönlich – zum 16. Geburtstag seiner Nichte Victoria. Ein – wie es hieß – großes Ereignis, bei dem die gleichaltrigen Töchter des Adels gern gesehene Gäste waren. Margaret und Louise waren beide ebenfalls sechzehn Jahre alt; sie hatten die Prinzessin schon öfter bei offiziellen Anlässen getroffen und freuten sich auf ihre Gesellschaft, da sie sich gut mit ihr verstanden.
Der Kutscher zügelte die temperamentvollen Schimmel mit einem beruhigenden Zuruf, die Kutsche rumpelte kurz über eine Unebenheit. Maggie warf einen schnellen Blick aus dem Fenster und entdeckte bereits die braune Backsteinfassade des Bushy House. Sie hatten den Hof erreicht, die Pferde wurden exakt vor dem Eingang angehalten. Diener eilten herbei, um den Insassen beim Aussteigen zu helfen.
Leise ermahnte Lady Beatrice ihre beiden Schützlinge noch einmal, sich zu benehmen — da wurden sie auch schon von der Hausherrin in Empfang genommen: Queen Adelaide, die Gemahlin von König William IV. Die Königin war bekannt für ihre freundliche Zurückhaltung und galt als eine der wenigen Hofdamen, die sich mit Prinzessin Victoria gut verstanden. Gewohnt herzlich begrüßte sie die jungen Gäste, bevor man sie auf ihre Zimmer geleitete.
Während ihr Gepäck ausgepackt wurde, bekamen sie Gelegenheit, sich auszuruhen oder sich frischzumachen, und am Nachmittag traf man sich im großen Salon zum Tee.
Gänzlich unbekümmert und natürlich plauderten sie mit dem Geburtstagskind, und bald hallte der Salon von dem ungezwungenen Gelächter der jungen Mädchen wieder, die sich blendend miteinander verstanden.
Der erste Abend dieses langen Wochenendes stand zur freien Verfügung; der Ball würde erst am nächsten Abend stattfinden. So verabredete man sich nach dem Essen für den folgenden Tag zu einem Ausritt. Maggie konnte es kaum erwarten — das Reiten war ihre größte Leidenschaft. Louise war da etwas zurückhaltender, doch Prinzessin Victoria versprach ihr, ein ruhigeres Pferd auszusuchen.
Als man sich endlich für die Nacht verabschiedete und Maggie sich fürs Bett bereit gemacht hatte — und sich auch Lady Beatrice zurückgezogen hatte —, dauerte es gar nicht lange, bis es leise an ihre Tür klopfte und Louise ins Zimmer huschte. Kichernd verkrochen sie sich zusammen im Bett und plauderten über den aufregenden Tag. Wie es in ihrer Natur lag, konnte Maggie den Ritt am nächsten Morgen kaum erwarten; Louise hingegen fieberte mehr dem abendlichen Ball entgegen.
„Es heißt, der König hat wieder etliche seiner Marine-Freunde eingeladen“, schwärmte sie. Louise war ein absoluter Fan der wagemutigen Seefahrer in ihren schneidigen Marineuniformen, und sie war fest entschlossen, einmal einen von ihnen zu heiraten. „Vielleicht läuft mir ja morgen Abend mein künftiger Ehemann über den Weg“, seufzte sie verträumt.
Maggie entlockte das nur ein Grinsen. Sie war sich natürlich darüber im Klaren, dass sie als Töchter zweier so hochrangiger Adeliger selbst überhaupt kein Mitspracherecht in der Wahl ihrer Gatten hatten. Vermutlich waren schon kurz nach der Geburt entsprechende Vereinbarungen getroffen worden, die ihnen zu gegebener Zeit mitgeteilt würden. Aber sie schwieg — sie wollte ihrer besten Freundin die Vorfreude nicht nehmen.
Die beiden Mädchen plauderten, bis die Augen schwer wurden und sie einschliefen.
Schon früh am Morgen wurden sie vom Gezeter ihrer Anstandsdame geweckt, die sich darüber empörte, die beiden wieder einmal im selben Bett vorzufinden. Sie hielt ihnen eine ewige Standpauke, was sich für Damen ihres Standes gehörte, und was nicht, doch das waren die beiden schon gewohnt.
Lächelnd ließen sie sich von ihren Zofen ankleiden, und als sie die Treppe hinunter in den Speisesaal eilten, trugen sie schon ihre Reitkleidung. Die Prinzessin hatte darauf gedrungen, dass sie gleich nach dem Frühstück losreiten wollte.
Stimmen summten durch den Raum, während sich die Gäste am Büfett bedienten und einen Platz am großen Tisch suchten. Maggie und Louise warfen sich immer wieder verstohlene Blicke zu. Louises Hoffnung hatte sich erfüllt: Unter den anwesenden Herren befanden sich mehrere Marineoffiziere — und sogar ein Admiral, der sich ungezwungen mit dem König unterhielt. Die beiden waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie das respektvolle Knicksen der Mädchen gar nicht wahrnahmen.
Maggie und Louise setzten sich in die Nähe der Prinzessin, die ihnen bereits entgegenlächelte. Während Louise und Victoria sich angeregt darüber unterhielten, welche Roben sie am Abend tragen würden, ließ Maggie ihre Blicke über den Tisch schweifen.
Da trafen sich ihre Augen mit dem forschenden Blick eines jungen Adeligen. Unwillkürlich errötete sie. Er sah sie bewundernd an — aber auch mit einem Ausdruck, den sie nicht recht deuten konnte.
Maggie war es gewöhnt, angestarrt zu werden — etwas, mit dem sie sich schon vor einiger Zeit hatte abfinden müssen. Man sagte, sie sei eine ausgesprochene Schönheit und würde, sobald sie voll erblüht und erwachsen sei, gewiss die schönste Frau im Königreich werden. Das war ein Druck, mit dem sie früh hatte umgehen lernen müssen, sonst wäre sie von einer Peinlichkeit in die nächste gestolpert.
Sie selbst fand an sich nichts Besonderes. Ihr Haar war kastanienfarben, die Augen grünbraun. Viel lieber wäre sie eine dieser strahlenden Blondinen gewesen — wie etwa Louise, die auch noch mit himmelblauen Augen gesegnet war.
Doch immer wieder sagten Männerblicke ihr, dass sie schon jetzt auffiel. Und was sie davon halten sollte, das wusste sie noch nicht. Mit ihren sechzehn Jahren dachte sie nicht an später, wenn sie alt genug wäre, um zu heiraten und mit einem Mann das Bett zu teilen. Auch wenn sie nach außen hin temperamentvoll und lebhaft wirkte, war sie insgeheim eher zurückhaltend und stets darauf bedacht, nicht unangenehm aufzufallen.
Meistens ging sie einfach darüber hinweg — so hatte man es ihr anerzogen. Doch einer machte es ihr beinahe unmöglich, so zu tun, als hätte sie nichts bemerkt. Wo immer sie aufeinandertrafen, verfolgte Graham Clifford, Viscount of Fairhaven, sie mit seinen Blicken. Und die waren eindeutig anzüglich — sogar ihr, in ihrer Unschuld, fiel das auf.
Auch an diesem Morgen starrte er sie regelrecht an, bis sie in glühender Röte schwamm und keinen Bissen mehr herunterbrachte. Sie war unendlich froh, als die Tafel endlich aufgehoben wurde und man sich für den Ausritt bereitmachte.
Sofort war sie wieder abgelenkt: Die Prinzessin war in ihrem Element, als sie Maggie und Louise hinüber zu den Ställen geleitete.
Stolz präsentierte Victoria ihnen ihr Geburtstagsgeschenk: einen rassigen, rabenschwarzen Vollblüter namens Remus, der ungeduldig auf dem Fleck tänzelte und mit den Ohren spielte.
Lächelnd wies sie Louise eine sanfte, schneeweiße Araberstute zu — Nanah — und versprach ihr, dass die Stute sie sicher durch das Gelände tragen würde.
Maggie hingegen bekam eine temperamentvolle, dunkelbraune Vollblutstute namens Kalliope zugeteilt, die keine Sekunde stillstehen konnte und aufgeregt mit den Hufen scharrte.
Gerade als Maggie sich mit ihrem Pferd bekanntmachte, fiel ein Schatten auf sie. Überrascht sah sie hoch, und entdeckte ausgerechnet den Viscount of Fairhaven neben sich stehen.
„Lady Cavendish, vielleicht sollten Sie um ein anderes Pferd bitten“, teilte er ihr unverhohlen mit.
Überrascht sah Maggie zu ihm hoch, für den Moment völlig sprachlos. Doch dann regte sich Zorn in ihr.
„Sir, ich kann Ihnen versichern, dass ich sehr wohl in der Lage bin, dieses Pferd zu reiten“, versetzte sie schnippisch. „Die Prinzessin und ich sind gut bekannt — sie kann meine reiterlichen Qualitäten bestens einschätzen.“
„Das ist kein Pferd für ein so junges Mädchen, wie Sie es sind“, verkündete er herrisch und machte Anstalten, ihr die Zügel aus der Hand zu nehmen.
Erbost schnappte Maggie nach Luft, instinktiv hob sie die Gerte.
„Nehmen Sie Ihre Finger weg!“, empörte sie sich, für den Moment vergessend, dass sie nicht allein waren. „Was erlauben Sie sich?“
Etwas blitzte in den grauen Augen des Viscounts – Zorn. Doch er fasste sich schnell und trat einen Schritt zurück. „Verzeihen Sie, Lady Cavendish, ich wollte nicht anmaßend sein“, knirschte er. Er unterbrach den Blickkontakt erst, als sich Hufschlag näherte.
„Gibt es Probleme?“, erkundigte sich Victoria, die mit sicherer Hand ihren doch recht aufsässigen Rappen zügelte.
Maggie schüttelte nur den Kopf, dann ächzte sie erschrocken, als der Viscount sie um die Taille fasste und in den Sattel hob.
„Nein, ich habe Lady Cavendish nur geholfen“, erklärte er, dann wandte er sich ab und ging auf sein eigenes Pferd zu.
Mit einem tiefen Durchatmen setzte Maggie sich zurecht. Sie wich dem fragenden Blick Louises aus. Doch Victoria ließ sich davon nicht abhalten und hielt mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Natürlich hatte sie die vorausgegangene Szene beobachtet, bevor sie eingeschritten war.
„Nimm dich in Acht, Margaret“, warnte sie leise. „Der Mann ist auf der Pirsch.“
„Wie meinst du das?“ Hörbar schluckte Maggie.
„Man munkelt, er habe sich vorgenommen, dich an diesem Wochenende zu erobern!“
Verwirrt riss sie die Augen auf. „Mich?“
„Ja“, nickte Victoria, und trotz ihrer Jugend wirkte sie weise. „Graham Clifford muss sich dringend gut verheiraten, sein Vater hat das gesamte Familienvermögen verspielt.“
„Danke für die Warnung“, murmelte Maggie noch, dann wandten die drei ihre Pferde ab und schlossen sich dem Pulk Reiter an, die eben den Hof verließen.
Es war die Prinzessin, die das Tempo für den Ausritt vorgab. Da sie es stürmisch und schnell mochte, jagte die Truppe im Galopp über die Wiese, als würden sie sich auf der Jagd befinden. Der Tag war für den Mai ungewöhnlich trüb, Nebel lag noch über der Landschaft, doch das störte niemanden.
Maggie war in ihrem Element, sie gab ihrer Stute die Zügel frei und hielt sich dicht hinter der Prinzessin, und Kalliope konnte mühelos mit Remus mithalten. Doch nach einer Weile sah sie sich nach Louise um, und sie zügelte ihre Stute wieder. „Alles in Ordnung bei dir?“
Tapfer lächelnd nickte Louise. „Ja, Nanah und ich sind schon beste Freundinnen“, keuchte das Mädchen. „Sie hat mir versprochen, dass sie gut auf mich aufpasst und mich nicht abwerfen wird.“
Sie wurden abgelenkt, als es vorne zu einem kleinen Tumult kam. Victoria diskutierte heftig mit ein paar Männern, sie wollte unbedingt eine Jagdstrecke nehmen – der Hindernisse wegen. Nicht jeder war dafür, manche äußerten sich besorgt. Einige der Reiter kehrten um, darunter auch Louise. Maggie aber gefiel die Aussicht, mit Kalliope ein paar Sprünge zu nehmen, doch als sie ihre Stute in die entsprechende Richtung lenkte, wo die Wagemutigen schon beinahe im Nebel verschwunden waren, tauchte vor ihr ein Schatten auf. Ein grobknochiger Grauer drängte sich gegen ihre Stute, und ehe sie sich versah, hatte Graham Clifford die Zügel ihrer Stute ergriffen und zerrte sie mit sich. Bis Maggie sich gefasst hatte, war es schon zu spät, er hatte sie in ein kleines Wäldchen geführt, wo die Bäume sie vor den Blicken der anderen verbargen.
„Lassen Sie sofort mein Pferd los!“, faucht sie ihn an.
Der Viscount war die Ruhe selbst. „Endlich habe ich die Gelegenheit, unter vier Augen mit Ihnen zu sprechen, Lady Cavendish!“
„Ich habe aber nicht die Absicht, dergleichen zu tun“, wehrte sie sich verbissen, sie brachte ihre Stute zum Tänzeln. Graham hatte zu tun, damit Kalliope ihn nicht aus dem Sattel zerrte. Hastig stieg er ab.
„Kommen Sie, lassen Sie uns ein wenig laufen. Dann können wir uns besser unterhalten.“
„Haben Sie mich nicht verstanden? Ich will mich nicht mit Ihnen unterhalten!“, fuhr Maggie auf, am Ende ihrer Geduld.
Bevor sie nachdenken konnte, schwirrte ihre Gerte durch die Luft — sie traf die Hand des übergriffigen Viscounts, der mit einem erbosten Aufschrei zurückwich.
Kalliope aber, die erschrak, bäumte sich wiehernd auf.
Mit harter Hand riss Maggie sie noch in der Aufwärtsbewegung herum, dann zog sie ihr die Gerte über die Kruppe, und mit einem zweiten, schrillen Wiehern galoppierte die dunkelbraune Stute aus dem Steigen heraus los. Maggie sah nicht zurück zu dem erbosten Mann, sie duckte sich tief über den Hals der Stute und jagte, so schnell sie konnte, zum Haus zurück.
Sie wusste nicht genau, was dieser Clifford vorhatte, aber dass es nichts Gutes sein konnte, dessen war sie sich natürlich bewusst. Es schickte sich nicht, mit einem Mann alleine zu sein, das hatte man ihr von Klein auf eingetrichtert.
Bis zum Abend hatte sie den unangenehmen Zwischenfall bereits wieder verdrängt. Louise und sie hatten sich ausführlich darüber ausgelassen, und die Freundin meinte besänftigend, der Viscount habe sich vielleicht wirklich nur Sorgen um sie gemacht. Doch das konnte — und wollte — Maggie nicht glauben.
Die düsteren Gedanken verflüchtigten sich, als sie begannen, sich für den Geburtstagsball der Prinzessin vorzubereiten. Louises Robe war von tiefem Blau, während Maggie sich für ein moosgrünes Kleid entschieden hatte, dessen Säume mit Goldstickerei und Perlen verziert waren. Beide Farben harmonierten vortrefflich mit ihren Augen.
Ihr Haar ließ sie sich kunstvoll hochstecken, und als sie an der Seite ihrer Freundin die Treppe hinunterschritt, klopfte ihr das Herz bis zum Hals.
Es war das erste Mal, dass sie ohne die Eltern an einer so großen Veranstaltung teilnahmen. Und auch wenn Lady Beatrice ein wachsames Auge auf sie hatte, fühlten sie sich in diesem Moment erwachsen.
Sie beide erregten Aufsehen — doch in ihrer Aufregung nahmen sie es kaum wahr. Lächelnd gesellten sie sich nach einer Weile, als die offizielle Begrüßung vorüber war, zu der Prinzessin. Verehrer scharten sich um die drei jungen Damen, und im Nu waren ihre Tanzkarten gefüllt.
Maggie fühlte sich selbst wie eine Prinzessin, als sie am Arm ihrer Tanzpartner über das Parkett schwebte. Nur gelegentlich spürte sie die düsteren Blicke des Viscount of Fairhaven, dem sie einen Tanz verweigert hatte, indem sie behauptete, ihre Karte sei bereits voll.
In einer Pause, als sie sich etwas zu trinken bringen ließen, beugte sich Victoria zu ihr und flüsterte: „Nimm dich vor ihm in Acht. Ich habe ein seltsames Gefühl bei ihm.“
Es erstaunte die Freundin, dass der Prinzessin das überhaupt aufgefallen war — sie schien ihre Aufmerksamkeit ganz den Gästen zu widmen, scherzte mit den Offizieren und ließ sich von den Damen bewundern. Doch offenbar entging ihr nichts. Maggie spürte, dass Victoria mehr wahrnahm, als sie zeigte — und dass sie Margaret nicht nur als Gesellschaft, sondern als Verbündete betrachtete.
Die Nacht war bereits fortgeschritten, als einer ihrer Tanzpartner stolperte und in seiner Ungeschicktheit den Saum ihres Kleides einriss. Er entschuldigte sich tausendfach, doch Maggie winkte lächelnd ab. Es sei kein Drama, versicherte sie, sie würde einfach ihre Zofe aufsuchen und den Schaden beheben lassen.
Beschwingt verließ sie den Ball, summte leise vor sich hin und eilte durch die Halle zur Treppe, um ihr Zimmer aufzusuchen.
Doch bevor sie sie erreichte, spürte sie plötzlich harte Hände an ihrem Körper. Eine Hand legte sich über ihren Mund, erstickte ihren Schrei, und sie wurde rücklings einen dunklen Gang hinuntergezerrt. Ehe sie sich versah, stieß man sie in ein fensterloses Zimmer.
Schockiert wandte sie sich um — und erkannte im fahlen Licht, das durch die hohen Fenster fiel, den Viscount of Fairhaven.
Er sagte kein Wort. Das machte alles nur noch schlimmer.
Noch bevor sie irgendwie zu Gegenwehr ansetzen konnte, war er bei ihr und zog sie an sich. Sie erschauderte, als sich sein Mund grob auf den ihren presste, und er sie unaufhaltsam nach hinten zwang, in Richtung eines Sofas vor dem Kamin.
Verzweifelt biss sie zu, und schrie auf. „Nein! Lassen Sie mich los!“, doch sie verstummte jäh, als ein harter Schlag sie auf die Wange traf. Er war so heftig, für den Moment war sie ganz benommen, und als sie wieder klar wurde, lag er schon halb auf ihr und sie unter ihm. Verbissen begann sie sich zu wehren, immer wieder schlug sie nach dem Viscount, sie kratzte und biss, aber es war, als würde er ihre Gegenwehr gar nicht wahrnehmen. Schon war er unter ihrem Rock, er drängte sein Knie zwischen ihre Beine und öffnete sie. Seine Hände taten ihr weh, er berührte sie an Stellen, an denen er sie nicht berühren durfte und sollte, schlimmer noch, er drückte sich in sie und fügte ihr noch mehr Schmerzen zu.
Panisch schrie sie wieder auf, rief gellend um Hilfe, und erneut schlug er sie. Stoff ratschte, als er ihr Kleid zerriss, sie bekam kaum Luft, weil sie so eng geschnürt war. Doch er entblößte sie, und wieder schrie sie. Sie konnte gar nicht aufhören zu schreien, voller Angst und Verzweiflung.
Und dann war es so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Seine lange Gestalt wurde von ihr heruntergerissen, wütende Stimmen erklangen. Maggie nahm alles nur wie durch einen Nebel wahr. Sie ließ sich vom Sofa zu Boden gleiten und rollte sich zusammen, um ihre Blöße zu bedecken — schluchzend und wimmernd, in Schmerz und Entsetzen gefangen.
Kampfgeräusche. Dann ein schwerer Körper, der fiel.
Aus weit aufgerissenen Augen starrte Maggie in den leer werdenden Blick des Viscounts, der in einer Lache Blut lag, die sich rasch ausbreitete.
Und sie begann zu schreien. Immer lauter. Sie konnte einfach nicht damit aufhören.
Erst als hilfreiche Hände sie in eine Decke hüllten und ihr auf die Beine halfen, um sie auf ihr Zimmer zu bringen, verstummte sie endlich.