Kapitel 1
Ein warmes Licht weckte Garofeis aus seinen Träumen. Träge blinzelnd öffnete er die Augen. Die Sonne stand bereits so hoch, dass sie durch das bunte Bleiglasfenster seines Balkons schräg durch das Schlafzimmer fiel und ihn in einen grün schimmernden Schein tauchte. Sein Blick wanderte vom Fenster zur Person neben ihm, und dort ruhte er auf dem Gesicht eines Engels, kaum eine Handbreit entfernt, von goldenem Morgenlicht umsäumt. Ein breites Lächeln wuchs in seinem von Bartstoppeln geprägten Gesicht.
»Wie wunderschön du bist, meine Geliebte«, hauchte er ihr sanft ins Ohr.
Zärtlich strich er ihr eine Strähne ihres güldenen Haares aus dem Gesicht und presste behutsam seine Lippen auf ihre Stirn.
Ihre Augen öffneten sich, und auch sie lächelte, als sich ihre Blicke trafen. »Mmmhh … guten Morgen«, flüsterte sie.
»Guten Morgen, Walorie, mein Schatz«, erwiderte er.

»Ist es gestern wieder spät geworden, Garo? Ich habe auf dich gewartet, doch bin ich irgendwann eingeschlafen.«
»Ja, ich …« Garofeis stoppte abrupt und richtete sich ruckartig auf, sodass Walorie erschrocken zusammenzuckte.
»Garo, was ist mit dir? Was ist geschehen?«, fragte sie mit leiser Stimme.
Er griff nach ihrem Gesicht, umfasste es mit beiden Händen und drückte ihr einen hastigen, beinahe überschwänglichen Kuss auf die Lippen.
»Ich habe es geschafft, weißt du!«, rief er.
»Was?« Walorie runzelte die Stirn.
»Heute Nacht. Ich habe eine Lösung gefunden. Es ist unglaublich, es funktioniert endlich.«
Seine Stimme klang überdreht, wie die eines Kindes, das zum ersten Mal ein unmöglich geglaubtes Kunststück vollbracht hatte.
»Du meinst …?«
»Ja, genau das!«, fiel er ihr ins Wort. »Und wenn der Graf heute Mittag aus Devenhier zurück ist, werde ich es ihm verkaufen. Wir werden reich sein, Walorie. Niemand hielt es für möglich. ‚So etwas ist nicht machbar, Garofeis. Das ist ein Hirngespinst. Das wird niemals funktionieren.‘ Doch sie alle haben sich geirrt.«
»Das ist unglaublich«, hauchte sie. »Du bist unglaublich.«
Sie setzte sich auf seinen Schoß und küsste ihn innig. Voller Freude verlor er sich in dem Moment, und Walorie klammerte sich an ihn, als wolle sie ihn verschlingen.
Schweißnass glitt sie schließlich von ihm herunter, legte sich neben ihn und flüsterte mit einem erschöpften Lächeln: »Wow … Du bist der Wahnsinn, Garo. Und der Graf, der wird dir das heute auch noch sagen.«
»Verdammt!«, fluchte er. »Er kommt sicher jeden Moment zurück. Ich muss zu ihm!«
Garofeis sprang auf, trat an den Tisch gegenüber dem Bett und rollte hastig ein Pergament zusammen.
»Garo … Garofeis!«
»Ja, was denn?«, fragte er überreizt.
»Eine Hose wäre, denke ich, angebracht.«
Beide lachten.
»Und sich vorher etwas frisch zu machen, wäre auch von Vorteil«, fügte sie schmunzelnd hinzu.
Er nickte, band sich seine Hose zu, gab ihr einen kräftigen Kuss und strich zärtlich über ihre rosige Wange.
Dann verließ er den Raum. »Du hast recht. Ich bin gleich zurück.«
Sie schmunzelte, doch ihr Blick glitt an ihm vorbei, als würde sie bereits woanders sein.
Noch mit nassem Haar eilte er in das Schlafzimmer zurück, stieß die Tür auf und sagte hastig: »Ich werde sofort hinübergehen und Graf Eron meine Erkenntnisse mitteilen. Ich werde wohl den Rest des Tages damit verbringen, alles zu erklären und umzusetzen. Also warte nicht auf mich, es wird ganz sicher spä …« Garofeis hielt inne.
Sein Blick glitt durch den Raum. Walorie war nicht da. Auch seine Unterlagen fehlten. Ein kaltes Gefühl kroch ihm die Wirbelsäule hinauf. Etwas stimmte nicht.
»Walorie!«, rief er laut.
Ihr Parfüm hing noch in der Luft. Süß. Vertraut. Doch von ihr fehlte jede Spur. Das Laken war zerknittert, aber längst kalt. Wo ist sie? Er rief erneut nach ihr, zuerst zögerlich, dann lauter. Keine Antwort. Sein Blick huschte rastlos umher. Ihre Kleider. Ihre Schuhe. Alles verschwunden. Doch dann glitzerte etwas zwischen den Laken. Er zog es hervor und sein Atem stockte. Das Medaillon. Sein Geschenk an sie. Seit dem Tag, an dem er es ihr anlegte, hatte sie es niemals abgenommen. Sein Herz begann wild zu schlagen. Hastig stürmte er aus dem Raum, eilte die Treppe hinunter und rief erneut nach ihr, nun panisch. Statt einer Antwort drangen Stimmen und metallisches Klirren von draußen an sein Ohr. Er öffnete die Tür zum Hof. Soldaten des Grafen. Er trat einige Schritte hinaus und sah Walorie. Sie stand neben Graf Eron und sprach mit ihm. Ein ganzes Gebirge fiel von seinem Herzen. Erleichtert eilte er auf sie zu.
»Walorie! Ich habe dich gesucht, mein Schatz.« Ein erleichtertes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich dem Grafen zuwandte. »Mein Herr, ich habe es gelöst! Ihr kommt genau zur rechten Zeit.«
Freudig stapfte er auf sie zu.
»Wir können heute direkt beginnen. Es gibt viel zu tun, aber nun steht uns nichts mehr im Wege.«
»Uns?« Graf Eron lachte kalt. »Ihr meint wohl, mir steht nichts mehr im Wege.«
Wachen! Ich will diese erbärmliche Jammergestalt nicht mehr sehen!«
Die Soldaten setzten sich sofort in Bewegung. Ein gleichmäßiges Scheppern hallte über den Hof. Garofeis Blick schnellte zwischen ihnen und dem Grafen hin und her, der bereits den Arm um Walories Schulter gelegt hatte und sich von ihm abwandte. Was geschieht hier? Ich verstehe das nicht. Erst jetzt sah er die Schriftrolle in der Hand des Grafen. Wie versteinert blieb Garofeis stehen. Das muss ein Alptraum sein. Als die Wachen ihn packten, schrie er ihren Namen.
Langsam drehte sie den Kopf zu ihm. Für einen flüchtigen Augenblick glaubte er, ihr Blick würde den seinen finden, doch dann wandte sie sich ab und verschwand an der Seite des Grafen. Garofeis tobte. Er riss sich los, versuchte, ihr nachzusetzen. Ein harter Schlag von der Seite schleuderte ihn zurück in den eisernen Griff der Wachen. Er wütete wie eine Furie, doch jedweder Widerstand war vergebens. Je mehr er sich wehrte, desto brutaler wurden die Schläge. Eine Faust traf seine Schläfe, ließ ihn rücklings taumeln. Er sank auf die Knie. Ein metallischer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Die Welt schwankte, wurde dunkel und schließlich brach er blutend zusammen und blieb reglos liegen. Eine der Wachen spuckte auf ihn.
»Verschwindet von hier! Wenn wir euch noch einmal sehen, werdet ihr es den Rest eures erbärmlichen Lebens bereuen.«
»Los, Männer«, befahl der Hauptmann. »Sehen wir nach, was er Schönes besaß. Alles, was glänzt, gehört mir.«
Garofeis konnte sich nicht mehr rühren. Sein Körper schmerzte, doch Herz und Verstand waren weit schwerer verletzt.
Unter Tränen röchelte er: »Warum habt ihr das getan? Gerade ihr zwei … euch habe ich vertraut. Ich dachte, es wäre Liebe, Walorie.«
Die ersten Soldaten trugen bereits Teile seines Hab und Guts an ihm vorbei. Der Hauptmann kniete sich noch einmal zu ihm und packte ihn grob bei den Haaren.
»Vergesst nicht. Ihr verschwindet. Und kommt besser niemals zurück.«
Er stieß Garofeis Gesicht in den Dreck und bemerkte das Medaillon in dessen Faust. Mit dem Absatz seines Stiefels trat er auf Garos Handgelenk, bis sich die Finger unter Schmerzen öffneten. Mit von Blut und Tränen verschwommener Sicht sah Garofeis zu, wie ihm das Medaillon entrissen wurde. Alles, woran er geglaubt hatte, war auf einen Schlag verloren. Er wollte schreien, doch seine Kehle blieb stumm.









Damit hab ich wahrlich nicht gerechnet. Starker Twist. Love it