3904 | Kapitel 1
Das Erwachen war ein langsamer und schmerzhafter Prozess. Odd fühlte sich, als tauche er aus einem dunklen See auf, während dornige Ranken versuchten, ihn weiter hinabzuziehen. Gestalten trieben neben ihm, lange vergessen. Seine drei Mütter und die beiden Väter, Armistead, der Kapitän des Schiffs, auf dem Odd seine ersten Raumflüge mitgemacht hatte. Fisnik von der Akademie. Die schweigsame Iwonna ...
Dann war da die Skeemo. Dora. Elsbetta und Rynne. Tomara Gubler. Das sternförmige Wesen von der Zwei-Sonnen-Welt. Er hörte ein feines Summen und schlug die Augen auf.
Schloss sie sofort, geblendet.
Vorsichtig öffnete er sie wieder. Er hing in den Gurten auf seinem Kommandosessel und vor ihm war die Instrumentenkonsole in rotes Licht getaucht. Sein Kopf war noch nicht ganz klar, aber er sah auf einen Blick, dass es Warnlampen waren. Der Reaktor war in die Notabschaltung gegangen, Lebenserhaltung lief auf Batteriestrom. Und die Hüllenstruktur war kritisch.
Er schloss die Augen wieder. Die Skeemo war ein Wrack.
"Sieht nicht gut aus, Käpt'n." Das war Rynnes matte Stimme. "Der Ruck war ein bisschen viel für die alte Skeemo."
Odd nickte und spürte Schmerzen am ganzen Körper. Er löste die Sicherheitsgurte und versuchte aufzustehen.
"Bleib einen Augenblick sitzen", erklang Elsbettas Stimme hinter ihm. Sie trat aus dem Halbdunkel des Brückenraums und reichte Odd einen Trinkbeutel. "Wasser", sagte sie und gab auch Rynne einen Beutel. "Die Kombüse gibt im Notfallmodus nur Wasser und Konzentratriegel her."
Odd nahm einen Schluck. "Ihr seid in Ordnung?", fragte er dann.
"Ein bisschen durchgeschüttelt", meinte Rynne. Sie klang schon munterer. "Das war ein ziemlich riskantes Manöver, Odd."
"Entschuldigung. Schien mir besser, als von einem Torpedo zerfetzt zu werden."
"Ich denke, es war eine situationsbedingt angemessene Entscheidung", stellte Elsbetta fest. Odd lächelte.
"Dora?", rief er dann. Es kam keine Antwort. Er drehte sich um. Dora stand bewegungslos in einer Ecke, ihre Antennen drehten sich nicht, auch das kaum hörbare Sirren, das sie sonst umgab, war verstummt.
"Oh, nein", murmelte er.
Elsbetta trat einen Schritt auf Dora zu und streckte die Hand aus.
"Nein!", rief Odd, doch es war zu spät. Sie alle sahen den dünnen Lichtblitz, der von Doras metallenem Körper auf Elsbetta übersprang. Die ehemalige Majorin sah einen Augenblick verblüfft aus, dann brach sie lautlos zusammen. Der Geruch von Ozon und verschmortem Kunststoff erfüllte den Raum.
"Großer Korrum!", fluchte Odd, sprang auf, ohne auf seine Schmerzen zu achten und beugte sich über Elsbetta. Sie atmete, ihr Puls war schwach, aber regelmäßig.
"Beim Fell der Göttin, was war das?"
Odd sah auf. "Dora." Sein Lächeln war gequält. "Sie verträgt es nicht, ausgeschaltet zu werden."
Sie hatten Elsbetta in Odds Kabine untergebracht. Sie schien äußerlich nicht ernstlich verletzt, lediglich ihre Fingerspitze wies einen kleinen Brandfleck auf. Odd hoffte, dass sie bald aufwachen würde. Aber ohne Zugriff auf den Bordcomputer und die Diagnosesysteme von Dora konnte er nichts für sie tun.
Auf der Brücke überprüfte Rynne systematisch die Fehlermeldungen, dabei achtete sie darauf, Dora nicht zu nahe zu kommen.
"Schlimmer als ich dachte", sagte sie. "Die Halteklammern haben den Rumpf beschädigt, als sie aus der Station herausgerissen wurden. Und zwar an allen sechs Haltepunkten. Wenn wir jetzt in den Hnum gehen, reißen sie vermutlich ab und die Skeemo hat sechs große Löcher im Rumpf."
Odd nickte nur. "Ein Problem nach dem anderen. Ohne Energie müssen wir uns keine Gedanken um einen Transfer machen. Konzentrieren wir uns darauf."
"Die Batterien halten noch knapp zwei Tage. Dann geht das Licht aus. Auf dem Schiff – und bei uns." Sie zuckte die Achseln. "Das war's dann. Wenn wir aber den Reaktor hochfahren und nicht springen können ...?"
"Sitzen wir hier fest, bis die Vorräte ausgehen. Und das ist eine lange Zeit."
Odd setzte sich auf den Kommandosessel und rieb sich die Augen. "Ich bin überzeugt, dass wir mit genug Zeit eine Lösung finden ..."
Rynne grinste. "Das wollte ich hören, Käpt'n."
Odd sah sie dankbar an. "Kannst du dich um den Reaktor kümmern? Dann ... sehe ich mir Dora an. Wenn ich sie starten kann, sind wir schon halb hier raus."
"Geht klar, Käpt'n. Aber sei bloß vorsichtig." Die Pilotin öffnete eine Serviceklappe neben der Aufzugstür und blickte vorsichtig in den rund fünfzig Meter tiefen Schacht. Im rötlichen Licht der Notbeleuchtung führten Metallsprossen hinunter. Sie nickte Odd zu, dann kletterte sie behände hinab.
Kragne war wieder zurück auf der Gigant. Zusammen mit Orval Drogan und Kapitän Mike Mergot saß er in einem kleinen, nüchtern eingerichteten Besprechungsraum. Die Deckenleuchte warf ein hartes, weißes Licht auf die drei Männer.
Mergot wirkte nervös. Seine langen Finger spielten unruhig mit einem Datenpad, das vor ihm lag. Sein Blick war unstet.
Drogan dagegen war mehr als entspannt. Er war zufrieden. Der Hauptmann erkannte es an der Art, wie er sich auf dem unbequemen Stuhl zurückgelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt hatte.
"Meine Herren", begann Kragne. "Wir befinden uns in einer ungewöhnlichen Situation."
Mergot nickte, Drogan grinste.
"Wir sind uns einig, dass Halkerk nicht mehr in der Lage ist, das Schiff zu führen? Die Aktion mit dem Torpedo war eindeutig, denke ich." Er sah den Kapitän an. "Du hast ihn gerade noch rechtzeitig gesprengt, ehe er Odd gefährden konnte."
"Und die achthundert Menschen auf Ilias14", warf Mergot ein.
Kragne blickte ihn einen Augenblick verständnislos an, dann nickte er. "Natürlich. Die auch." Dann sah er auf das Pad vor sich. "Ich übernehme das Kommando aufgrund meiner Befugnisse als ranghöchster Offizier des Sicherheitsdienstes. Du, Mergot, hast das operative Kommando über das Schiff, wie bisher."
Mergot nickte langsam.
"Und du, Drogan, leitest weiter die Wissenschaftsabteilung und speziell die Forschung an unserem ... Projekt."
"Du willst damit weitermachen?", fragte Mergot entsetzt. "Ich denke, wir sollten uns sofort auf den Rückweg zur Erde machen. Dort unsere Ergebnisse präsentieren. Und ... Halkerk abliefern."
Kragne sah ihn eisig an. "Nicht denken, Mergot. Das übernehme ich. Drogan", sagte er dann, ohne seinen Blick vom Kapitän abzuwenden. "wie weit bist du?"
"Ich komme voran. Bis wir das nächste Artefakt gefunden haben, ist die Technik sicher."
Der Hauptmann nickte. "Gut."
Odd hatte Dora von der Wand weggeschoben. Nun versuchte er, irgendwo die kleine Klappe zu finden, von der er wusste, dass sie da war. Doch so sehr er auch zog und drückte, nichts rührte sich. Er hatte es mit seinen Fingern versucht, mit Werkzeug, mit Fluchen. Nichts half.
"Großer Korrum!", rief er schließlich frustriert, während sein Schraubendreher erneut abrutschte und quietschend über Doras glänzende Metallhülle schrammte. "Wo ist dieser dreimal verfluchte Knopf nur ..."
Er setzte sich auf den Sessel und betrachtete die Drohne misstrauisch. Dann flammte das Deckenlicht auf, grelle Helligkeit nach dem Dämmer der Notbeleuchtung.
Das Schiff erwachte, ein tiefes Brummen erfüllte den Raum, das Gurgeln der Lebenserhaltung, die wieder auf Normalbetrieb ging. Die Instrumente der Kommandokonsole sprangen an, leise Töne erklangen, Bildschirme flackerten.
Odd drehte sich und sah auf die Kontrollen. Dann huschte ein leises Lächeln über sein Gesicht, er stand auf und ging zur Robotkombüse.
Als Rynne aus dem wieder funktionierenden Aufzug trat, wartete eine dampfende Tasse Tee auf sie. Odd kam aus seiner Kabine, in der Hand das kleine Diagnosegerät.
"Sie ist in Ordnung, Rynne. Ein bisschen Ruhe, dann ist sie wieder da." Er wirkte erleichtert und grinste sie an. "Und: gute Arbeit mit dem Reaktor."
Sie nickte und nahm einen Schluck Tee. "Er hat das gut überstanden. Ein Neustart und alles lief wieder. Auch sonst scheint da unten alles in Ordnung zu sein ..."
Ihr Blick fiel auf Dora. "Kein Glück?"
Odd schüttelte den Kopf, das Lächeln verschwand.
"Aber du kannst sie anfassen?"
"Ja. Konnte ich immer. Ihre Verteidigungssysteme reagieren nicht auf mich, glaube ich."
"Verteidigungssysteme?"
Er verzog das Gesicht und nickte. "Sie ist ... ungewöhnlich."
Sein Blick fiel auf den Ortungsbildschirm. Er war schwarz. "Das System ist etwas eigen", meinte er entschuldigend. "Braucht vermutlich einen kleinen Schubser."
Er öffnete eine Klappe unter der Konsole. Kabelstränge kamen zum Vorschein, Metallkästen, halbtransparente Energieleiter. Ein muffiger Geruch machte sich in der Kabine breit. Odd spähte kurz in das Halbdunkel, dann griff er mit einer Hand hinein und zwischen den Kabeln hindurch. Tastend fand er, was er suchte – und drückte. Einen Moment lang flackerte das Licht, dann mischte sich ein neuer Ton in die Geräuschkulisse. Er zog den Arm zurück, und schloss sorgfältig die Klappe. Ein Blick auf die Instrumente, er nickte. "Läuft wieder."
Nach ein paar Minuten lieferte die Ortungsanlage verwertbare Daten. Odd und Rynne saßen auf den Sesseln und starrten auf die Holoschirme.
"Wie groß ist die Chance, dass wir hier draußen auf irgendetwas stoßen?" Rynnes Frage war sehr leise.
"Null", erwiderte Odd ebenso leise. "Der Transfer war bewusst auf den Leerraum programmiert. Hier gibt es nichts."
"Bis auf das da." Rynne deutete auf den grünen Punkt, der unverrückbar im Zentrum des Schirms stand. "Kaum 300.000 Kilometer entfernt ..."
Odd lehnte sich zurück und strich sich über den kahlen Schädel. "Das ist kein Zufall, oder?"
Rynne schüttelte den Kopf. "Im Leben nicht."
Er sah sie an. "Fliegen wir trotzdem hin?"
"Was sollen wir sonst tun? Vielleicht ... vielleicht finden wir da etwas, mit dem wir die Skeemo wieder flott kriegen."
Er hörte die Verzweiflung in ihrer Stimme. Sie wussten beide, wie schwierig es sein würde, das Schiff wieder überlichttauglich zu machen. Ohne Raumdock war es fast unmöglich.
Er nickte entschieden und gab einen Kurs ein.