Erster Tag - I
„Fuck!“
Sie presste die Worte leise und genervt zwischen den Zähnen hindurch. Ihr dröhnte der Schädel, als ob sie ordentlich eins übergebraten bekommen hätte. Vermutlich hatte sie das auch. Über ihren Kopf war ein Sack gestülpt und erschwerte ihr neben dem Schwindelgefühl zusätzlich die Orientierung. Sie kniff die Lider fest zusammen, atmete einige Male tief durch und öffnete schließlich einen Spalt breit ihre Augen. Es drang nur wenig Licht durch den dicht gewebten, kratzigen Stoff. Doch es war eindeutig Tag. Das Gras, auf dem sie mit gefesselten Handgelenken wie ein Embryo zusammengerollt lag, war noch feucht. Es musste noch sehr früh am Morgen sein.
Sie fühlte sich beobachtet und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen. Bin ich bereits umzingelt? Durch den groben Stoff hindurch konnte sie nicht erkennen, wie hoch das Gras stand, doch sie hoffte, es würde ihr vorerst ausreichend Deckung bieten. Schaudernd stellte sie sich vor, wie gierige Augenpaare, die über ihre Gestalt wanderten, auf die geringste Regung lauerten. Ein Zucken, eine Bewegung, ein Laut. Irgendein Lebenszeichen, das sie als potenzielle Gefahr zu erkennen gab. In ihrer Vorstellung unterdrückten sie nur mühsam ihr hämisches Grinsen und warteten, bis sie sich endlich den Sack vom Kopf schüttelte. Nur um festzustellen, dass sie bereits tot war, bevor ihre letzte Prüfung richtig begonnen hatte.
Natürlich wurde es ihr immer schwerer gemacht als allen anderen. Doch die Frustration saß tief. Es wäre ihr unerträglich, wenn sie nur deshalb, nur wegen dieses Extras, das sie immer mehr leisten musste, gepaart mit Pech, verlieren würde, wenn sie nur deshalb von einer dieser unwürdigen Kreaturen besiegt werden würde. Sie stellte sie sich messerwetzend und geifernd grinsend vor, darauf wartend, dass sie erkennen würde, wer sie vernichtete. Doch sie würde eher sterben, als aufzugeben. Verlieren war keine Option. Diese letzte Übung war nicht darauf ausgelegt, dass sie sich gegenseitig umbrachten, aber es war auch nicht explizit verboten. Die anderen würden das Töten sicher eher vermeiden, doch Unfälle passieren und die eine oder andere Rechnung war womöglich noch offen. Sie hingegen würde alles daransetzen, keinen einzigen am Leben zu lassen. Nicht aus persönlichem Groll oder ähnlichen emotionalen Motiven. Im Grunde kannte sie die anderen kaum. Während der Ausbildung hatte sie sich kaum dazu herabgelassen, mehr als unbedingt notwendig gewesen wäre, mit ihnen zu reden oder gar Beziehungen aufzubauen. Und das schien immer auch im gegenseitigen Interesse gewesen zu sein. Die anderen mieden sie ebenso, ohne dass sie sich offen feindselig zeigen musste. Ihre Stellung und Arroganz hatten immer ausgereicht. Sie hatte die anderen jedoch stets beobachtet, ihre Entwicklungen, Charakterzüge, Stärken und Schwächen studiert und auch Freundschaften oder Allianzen untereinander registriert. Insgeheim traute sie keinem von ihnen ernsthaft einen Mord zu. Und den meisten fühlte sie sich in jeder Hinsicht überlegen.
Sie schloss die Augen, atmete bewusst tief und langsam durch die Nase ein und brachte sich in einen Zustand höchster Konzentration. Meditativ lauschte sie, ließ ihren Atem ebenso langsam wieder durch die Nase entweichen und nahm ihre Umgebung mit allen Sinnen in sich auf. Jedes Geräusch, jeden Geruch, jedes Gefühl. Blätter rauschten in einer leichten, kühlen Brise. Vögel zwitscherten in der Ferne. Die Luft roch frisch und nach feuchtem Gras. Da war nirgendwo ein leises, verhaltenes Einatmen oder Luftanhalten zu hören, keine knackenden Zweige oder raschelndes Laub unter schweren Stiefeln. Keinerlei verdächtige Geräusche. So weit, so gut.
Ihre Handgelenke waren straff auf ihrem Rücken zusammengebunden. Die Kälte der Nacht und die schleichende Feuchtigkeit waren in ihre Glieder gekrochen. Jeder Muskel schmerzte und ihre Arme und Beine fühlten sich taub und steif an.
Wann haben sie mich geholt? Es ließ sich schwer schätzen. Sie besaß keine Uhr. Kaum jemand besaß noch eine funktionierende Uhr und noch weniger wussten, wie sie zu reparieren wäre. Die Nacht war bereits fortgeschritten gewesen, als sie, unruhig vor Aufregung und unfähig, einzuschlafen, schon eine gefühlte Ewigkeit an die Decke gestarrt hatte. Irgendwann war sie dann doch eingenickt. Sonst hätte es niemand geschafft, sich anzuschleichen. Sie wusste nicht, wie sie es angestellt hatten, doch plötzlich hatte ein dumpfer Schmerz alles schwarz und still werden lassen.
Und hier hatte man sie nun abgesetzt. Dem Pochen in ihren schmerzenden Gelenken nach lag sie schon Stunden ohne jede Deckung unter dem freien Himmel. Wie lange genau …? Sind die anderen auch gefesselt …? Sie schnaubte und beantwortete sich die Frage selbst. Nein, ganz sicher nicht! Warum sollte es auch fair sein?
Sie hörte noch einmal konzentriert und rollte sich dann mühsam auf den Rücken. Mit Schwung, der ihre gefesselten Hände schmerzhaft gegen ihren Rücken drückte, brachte sie sich schließlich in einen aufrechten Sitz und streckte langsam die Beine nach vorne. Sie rollte die Schultern einige Male, um die steifen Muskeln zu lockern, und wartete einen Moment auf heranstürmende Gegner. Als sich noch immer nichts um sie herum regte, zog sie die Beine an, um sich hinzuknien. Ihre Beine waren frei und nicht zusammengeschnürt. Sonst hätten sie mich auch gleich an einen Baum binden können, mit Zielscheibe auf der Brust …
Das Mädchen beugte sich kopfüber und schüttelte sich den derben Stoff vom Kopf. Als sie sich schließlich davon befreit hatte, stellte sie erleichtert fest, dass sie tatsächlich allein war. Ihr dunkles Haar hatte sie sich vor dem Schlafen zu einem festen Zopf geflochten. Etwas zerzaust standen einige statisch aufgeladene Haare weit von dem langen Zopf ab, der über ihre Stirn vor ihren Augen baumelte. In einer fließenden Bewegung warf sie ihren Zopf zurück auf den Rücken und pustete sich die widerspenstigen Strähnen aus dem Gesicht. Endlich konnte sie sich richtig umsehen. Sie befand sich in nahezu hüfthohem Gras, kauernd auf einer kleinen Lichtung, mitten in einem sommergrünen Laubwald. Es war hell, doch die Sonne hatte sich noch nicht bis über die hohen Kronen der Eichen und Eschen erhoben und die Hitze der vergangenen Tage mit sich gebracht. Vielleicht war doch noch nicht so viel Zeit seit dem Transport vergangen. Sie blieb geduckt und bewegte den Kopf nur langsam, während sie aufmerksam den Blick über jeden Baumstamm, jedes Gebüsch, jeden Schatten und jede Lücke in der Vegetation schweifen ließ. Wie sie es gelernt hatte. Das üppige, grün, weiß und gelb schimmernde Unterholz schien im Augenblick niemanden zwischen seiner wild wuchernden Vegetation zu verstecken. Ein sanfter Wind brachte das Laub zum Rascheln, die hohen Gräser um sie herum wogten sanft, während die kühle Luft über ihre nackten Arme und Beine strich. Fröstelnd wurde ihr bewusst, dass sie mit nichts als dem überlangen T-Shirt und ihrer Unterwäsche, in der sie eingeschlafen war, dem derben Sack und ihren Fesseln bekleidet war.
„FUCK!“, schimpfte sie erneut, deutlich lauter. Das ist doch nicht euer Scheißernst! Sie ließ sich auf ihren Hintern sinken, streckte die eingeschlafenen Beine durch und wackelte mit den kribbelnden Füßen und Zehen. Reiß dich zusammen! Nachdem sie die dumpfe Kälte vertrieben hatte, erhob sie sich wackelig wie ein neugeborenes Rehkitz. Noch etwas unsicher stand sie schließlich mit bloßen Füßen im kühlen, taufeuchten Gras. Ich fasse es nicht! Nicht mal Schuhe!
Verdrießlich ließ sie sich wieder auf den Boden plumpsen, drehte und dehnte den Oberkörper zu beiden Seiten, soweit sie konnte, und ließ ihre Wirbelsäule knacken. Sie rollte noch ein paar Mal die Schultern, dehnte auch Nacken und Hals und bog schließlich die Arme weit nach hinten. Sie formte ein ungleichmäßiges Oval über ihrem Po und zwängte erst ihren Hintern, dann die nackten Beine, eins nach dem anderen, durch ihre gefesselten Arme. Sie biss die Zähne fest zusammen und verbat sich jedes Geräusch. Das Seil schnitt schmerzhaft in ihre Handgelenke und gab um keinen Millimeter nach. Es rieb über die wunde Haut, doch sie riss sich zusammen. Schmerzen ertragen war nichts Neues. Und dank des täglichen Trainings mit seinen zahllosen Dehnungsübungen gelang es ihr, die Arme, soweit es die Fesseln zuließen, zu öffnen und erst unter sich und schließlich vor ihren Körper zu biegen, ohne ihre Muskeln zu überdehnen oder sich die Schultern auszurenken.
Dieser kleine Erfolg fachte ihren Zorn mehr an, als ihr Gemüt zu besänftigen. Schnaubend kam sie wieder auf die Beine, sah sich erneut um. Ziellos ging sie auf die Bäume im Westen zu. Mit der Morgensonne im Rücken beeilte sie sich, um von der Lichtung zu verschwinden, bevor sie ihr doch noch zum Verhängnis werden konnte. Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihre Hände befreien sollte. Auf Zehenspitzen trat sie bedacht über den mit altem Laub aus vergangenen Wintern und abgestorbenen Ästen bedeckten Waldboden, zwischen mächtigen Eichen und jungen Eschen hindurch, über hohe Schlüsselblumen und dichte, goldgelbe Hahnenfußbüschel.
Sie achtete genau auf ihre Schritte und darauf, wohin sie ihre Füße setzte, damit sie weder Blumen noch Kräuter platttrat, nicht auf spitze Zweige trat und keine unnötigen Geräusche durch knacksendes Geäst oder schmerzerfülltes, lautes Fluchen verursachte. Ständig lauschend nahm sie ihre Umgebung in sich auf. Sie bewegte sich langsam und ohne jede Eile, suchte Deckung hinter dicken graugrünen Baumstämmen und spähte durch die dichte Vegetation voller brusthoher Sträucher, Gräser und zahlreicher unberührter weißer und gelber Waldblumen, um keinen verräterischen Schatten zu übersehen, der natürlicherweise nicht in diesen Wald gehörte.
Ob es schon Wettkämpfe gegeben hat? Ob schon jemand raus ist? Sie brannte innerlich seit Wochen darauf, endlich hier zu sein. Egal, wer der oder die Erste war, sie würde sie alle zur Hölle schicken – sobald ihre Handgelenke frei waren. Aber sie musste es schnell hinter sich bringen.
Obwohl sie alle seit Jahren gemeinsam ausgebildet worden waren, zusammen gegessen hatten und einige Jahre sogar im gleichen Schlafsaal geschlafen hatten, waren sie auch immer wieder dazu angehalten worden, keine ernsthaften Freundschaften oder Schlimmeres entstehen zu lassen. Und obwohl jeder wusste, dass an diesem Tag, hier in diesem Wald, jeder nur für sich und die eigene Zukunft kämpfte, geschah genau das natürlich in jeder Generation trotzdem. Aber ihr nicht. Vor dieser letzten Herausforderung wurden die Rekruten, wie es das Protokoll verlangte, offiziell ermahnt, einander nur kampfunfähig zu machen und so zur Aufgabe zu zwingen. Denn sie waren eine endliche Ressource. Trotzdem war im Prinzip alles erlaubt. Es gab keine echten Regeln. Vorübergehende Allianzen waren genauso möglich wie das erfolgreiche Verstecken und Ausharren, bis sich alle anderen gegenseitig rausgekickt hatten. Auch wenn diese Taktik als wenig ehrenhaft und sogar feige verpönt war. Und wenn im Eifer des Gefechts mal jemand draufging, dann war das zwar bedauerlich, aber die Überlebenden hatten keine Konsequenzen oder Sanktionen zu fürchten. Im Gegensatz zu den anderen Rekruten war ihre Aufgabe jedoch etwas spezifischer und war selbstredend nicht öffentlich bekannt gegeben worden.
Sie hielt Ausschau nach Wegen und Wildpfaden, obwohl es eher unwahrscheinlich war, dass es welche gab, die größer als die eines Waschbären waren. Das Areal war eingezäunt. Schon seit einer Ewigkeit. Die vier Zugänge, durch die sie gebracht worden waren und durch die sie diesen Ort wieder verlassen würde, waren üblicherweise abgeschlossen, wenn keine Prüfungen stattfanden. So konnte sich nie Wild ansiedeln, wenn es nicht ausgezeichnet klettern oder einen Zaun untergraben konnte.
Sie suchte nach irgendetwas, das sie später zur Orientierung nutzen konnte, wie markante Bäume, auffällige Pflanzen, Steine oder etwas Ähnliches. Im dichten Unterholz fiel es ihr jedoch schwer, etwas Passendes zu finden. Allmählich wurde es deutlich wärmer, obwohl die Sonne nur zaghaft durch das üppige Laub glitzerte. Die Steifheit ihrer Glieder war verflogen und die gewohnte Geschmeidigkeit in ihren Bewegungen war zurückgekehrt. Sie musste endlich diese verfluchten Fesseln loswerden. Hoffnungsvoll ließ sie ihre Augen über den Waldboden flackern. Weiche, frische Erde, braunes Laub, Totholz und überall saftige Kräuter- und Blumenbüschel, doch keine scharfen Steine, um damit einen lästigen Strick durchwetzen zu können.








