Hochzeit
Wie kann das sein? Mich hässlichen Vogel wollte noch keine haben und nun werde ich diese unglaubliche Frau heiraten.
Wir begegneten uns in einem Autohaus. Meine alte Karre war vom TÜV auf den Schrottplatz verabschiedet worden und es musste ein fahrbarer Untersatz her. Autos machen mich nicht an, das ist kein Fetisch, kein Status. Einfach ein leider notwendiger Gegenstand. Ein mittelalter Corolla hatte das Rennen gemacht und ich bezahlte ihn gerade, als Corinna auftauchte. Sie sprach mich an. Erzählte, dass sie ihren Wagen zu Schrott gefahren hat und nun den Neuen abholen muss. Der Verkäufer kam schon mit dem Schlüssel und weg war sie.
Drei Tage später sehe ich sie bei Rewe. Fast hätte ich sie übersehen, aber sie winkt mir und kommt rüber. Was ich im Korb hätte, will sie wissen. Sie wüsste ja nie, was sie kaufen sollte. Wir gehen einen Kaffee trinken und reden und reden und irgendwas ist passiert.
Heute ist es soweit. Der große Tag! Jede Sekunde hat sie durchgeplant. Ich musste mich um nichts kümmern, als um meinen Anzug.
Ich werde abgeholt. Pünktlich Zehn Uhr hupt eine riesige Limousine vor dem Haus. Ich falle fast die Treppe herunter. Mit Klaus und Uwe, meinen einzigen besten Freunden, steige ich ein und wir versinken in den Polstern. Bis zur Kirche sind es einige Kilometer. Wir fahren vor und steigen aus. Die Familien stehen vor dem Portal bereit. Also eigentlich steht da vor allem ihre riesige Familie. Von der Braut ist nichts zu sehen, aber das soll vermutlich so ein. Unsicher versuche ich souverän zu wirken. Mein Magen grummelt, mein Kreislauf … egal, alles wird gut!
Ein riesiges Fahrzeug kommt herangewalzt. Was ist das? Ein Raumschiff? Die Seite öffnet sich und eine Treppe senkt sich auf das Pflaster. Gleichzeitig erhebt sich ein Baldachin und da steht Sie. Ein weißer Traum von Kleid umhüllt sie. Ein Vermögen in Tüll und Spitze. Ihr Vater eilt zu ihr, sie nimmt seinen Arm und schwebt über den Platz zu uns.
Die Türen der Kirche öffnen sich, Orgelmusik quillt heraus. Die Gäste strömen einwärts. Die Plätze sind beschriftet und bald sitzen alle mucksmäuschenstill in den Bänken.
Wir formieren uns. Ein Zeichen von ihr und wir schreiten den Mittelgang entlang, Klaus, Uwe und ich. Eine Markierung zeigt an, wo wir stehen bleiben sollen. Stille.
Die Orgel. Der Hochzeitsmarsch ertönt und mir kommt es vor, wie das Gewitter des jüngsten Gerichts. Ihr Vater führt sie herein. Es dauert ewig, aber irgendwann steht sie neben mir. Wir gehen gemeinsam einige Schritte weiter und stehen vor dem Pfarrer.
Feierliche Spannung. Die Orgel schweigt.
Die ewigen Formeln werden vorgetragen. Ich bin wie in Trance. Die Stimme des Geistlichen plätschert wie ein Bergbach. Das Licht der bunten Fenster umhüllt mich.
Plötzlich! Laut und deutlich: „Ich!“
Was war das? Wer?
Hellwach. Mir bricht der Schweiß aus.
Ein Mann ist aufgestanden. Ganz hinten im Halbdunkel. Festen Schritts kommt er nach vorn.
„Ich erhebe Einspruch!“
Corinna wird ohnmächtig.
Sprachloses Schweigen. Tödlicher Zorn funkelt aus den Augen des Brautvaters. „DU?“
„Ja, ich. Ich erhebe Einspruch und Du weißt, warum das hier nicht sein darf.“
Er dreht den Kopf zu mir. Ich sehe Tränen in seinen Augen, Trauer, Verzweiflung und Mut. Die Kraft eines Riesen.








