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Die Schmelze

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Summary

Im ewigen Weiß der Antarktis entdeckt ein Forschungsteam Hinweise auf eine Gefahr, die niemand erwartet hat. Und die niemand kontrollieren kann.

Genre
Adventure
Author
Loeys
Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
13+

Die Ankunft

Der Lärm war körperlich.

Er dröhnte nicht nur in den Ohren, er vibrierte in den Knochen, er kroch Lara den Rücken hinauf und setzte sich in ihren Zähnen fest. Die Turbinen des Transportflugzeugs kreischten, als wollten sie die dünne Luft über dem Südpol auseinanderschneiden. Kälte drang durch den Rumpf, trotz Isolation, trotz Heizung. Sie saß am Bullauge, den Sicherheitsgurt zu fest angezogen, und sah hinaus in ein Weiß, das mehr Abwesenheit als Farbe war.

„Das ist sie?“ Amir beugte sich neben ihr vor, um besser sehen zu können. „ARGUS-3?“

Lara blinzelte. Erst war da nur flirrende Helligkeit, dann zeichnete sich etwas Dunkles ab. Rechtecke. Container. Kleine Käferpunkte aus Metall in einer unfassbaren Leere.

„Ja“, sagte sie. Ihre Stimme ging fast im Brummen der Triebwerke unter. „Das ist sie.“

ARGUS-3 lag wie ein zufällig vergessener Fremdkörper weit draußen auf dem Schelfeis, hunderte Kilometer von der nächsten bewohnten Station entfernt. Ein Haufen erhöhter Module auf Stahlstelzen, verbunden durch geschlossene Übergänge, damit man auf den Weg zwischen Küche und Labor nicht buchstäblich erfror. Auf Satellitenbildern sah sie aus wie ein technisches Spielzeug. Aus der Nähe, wusste Lara, roch sie nach Metall, Staub und Menschen, die zu lange aufeinander hockten.

Amir stieß leise die Luft aus. „Kleiner als ich dachte.“

„Die Antarktis ist groß genug.“, murmelte Lara. „Sie will uns nicht.“

Er grinste schief. „Du solltest Zuhause mehr Urlaub machen.“

„Das hier ist mein Urlaub.“

Sie wandte den Blick vom Fenster ab. Der Innenraum der Maschine war vollgestellt mit Kisten, Ausrüstung und Metallboxen. Gurtbänder hielten alles an seinem Platz. An der gegenüberliegenden Seite hockte Elena Morales, die Kapuze ihres Pullovers tief ins Gesicht gezogen und Kopfhörer um den Hals. Sie hatte das Tablet auf den Knien, aber der kleine Bildschirm war schwarz. Seit drei Stunden, seit der Pilot angesagt hatte, dass jegliche Verbindung zur Außenwelt nun endgültig abreißen würde.

„Schon Entzugserscheinungen?“ rief Lara zu ihr hinüber.

Elena schob eine Strähne aus der Stirn und sah mit geröteten Augen hoch. „Ich habe zehn Gigabyte Satelliten-Rohdaten offline. Das reicht mir für ein paar Tage.“

„Wie beruhigend.“

Elena verzog den Mund zu etwas, das entfernt wie ein Lächeln aussah, und zog die Kopfhörer wieder hoch. Musik sickerte leise heraus, irgendwas mit verzerrten Gitarren.

Lara lehnte den Kopf an die kalte Verkleidung und schloss für einen Moment die Augen. Der Flug von Christchurch war lang gewesen. Zu lang, um zu schlafen, zu kurz, um die Gedanken zu sortieren, die wie lose Blätter in einer Turbulenz durch ihren Kopf wirbelten.

ICEWATCH-7.

Der Projektname war harmlos, fast süß, als hätte man einer Atombombe einen Mädchennamen gegeben. Offiziell hieß es: Langfristige Beobachtung der antarktischen Schelfeisdynamik zur Validierung globaler Klimamodelle. Inoffiziell: Wir haben Angst, dass uns ein Stück der Welt auseinanderbricht.

Sie dachte an die E-Mail, die sie vor acht Monaten bekommen hatte. Im Betreff stand: Request for Expertise. Darunter das Logo der Weltorganisation für Klimadienste, die UN-Flagge, das Emblem der ESA. Ein höflicher Text, der zwischen diplomatischen Floskeln etwas drängendes gehabt hatte. Man habe Hinweise auf ungewöhnliche Veränderungen in einem bestimmten Sektor des antarktischen Schelfeises gefunden. Man plane die Einrichtung einer hochspezialisierten Beobachtungsmission. Ihr Name sei in mehreren Gremien gefallen.

„Wir brauchen jemanden, der Instabilitäten erkennt, bevor sie alle sehen“, hatte einer der Koordinatoren am Telefon gesagt. „Und der den Mut hat, es auszusprechen.“

Sie hatte damals gelacht. Heute fühlte sich der Satz wie eine Last an.

Ein Ruck ging durch den Rumpf, die Turbinen heulten auf. Ein Crewman in dicker Jacke, mit Lärmschutz über den Ohren, machte sich zwischen den Kisten zu ihnen durch, hielt sich an Haltegriffen fest.

„Wir gehen in den Sinkflug.“ Er musste brüllen. „Noch zehn Minuten. Dann geht's zum Helikopter-Transfer.“

Sie nickte, obwohl er es kaum sehen konnte. Ihr Magen zog sich zusammen, nicht wegen der Höhe, sondern wegen der letzten Etappe. Das Transportflugzeug konnte nicht direkt auf der Station landen. Dafür gab es den Helikopter. Dieser war kleiner, lauter, verwundbarer.

Sie zog die Jacke enger um sich, obwohl ihr nicht kalt war. Adrenalin war eine eigene Heizung.

Der Helikopter war schlimmer.

Im Transportflugzeug hatte es wenigstens so getan, als gäbe es noch eine Trennung zwischen ihnen und der Atmosphäre. Hier, in dem kleinen, vibrierenden Körper aus Metall und Plexiglas, war von Trennung keine Rede mehr. Der Wind schlug gegen die dünnen Wände, als wolle er sie persönlich prüfen.

Lara saß wieder am Fenster. Diesmal war die Sicht klarer. Unter ihnen zog das Schelfeis vorbei, eine scheinbar glatte, aber trügerische Fläche, durchzogen von Haarrissen und Schmelzwasserrinnen, die wie Adern aussahen. In der Ferne erhoben sich dunklere Konturen. Eisberge, manche so groß wie Städte, andere wie zufällig abgebrochene Zähne.

„Siehst du das?“ Amir beugte sich vor, zeigte auf eine ferne Kante. „Das ist der Bruch von vor drei Jahren, oder?“

Lara folgte seinem Finger. Ja. Ein riesiger, gezackter Rand, an dem das Eis ins Nichts abfiel. Der Abbruch einer Platte, der damals Schlagzeilen gemacht hatte. Wochenlang hatten Medien von „Eismonstern“ und „Welt im Umbruch“ gesprochen. Dann war die Aufmerksamkeit weitergezogen, wie immer, zum nächsten Skandal, zur nächsten Katastrophe.

Nur das Eis war geblieben.

„Wir hätten damals schon zuhören müssen“, sagte sie.

„Damals haben alle gesagt, es sei ein natürlicher Prozess“, erwiderte Amir. „Stichwort innernatürliche Variabilität.“

„Eine schöne Formulierung, um nicht zugeben zu müssen, dass man keine Ahnung hat.“

Er grinste schief. „Darum sind wir ja hier.“

Sie dachte nicht gern darüber nach, warum er hier war. Amir hätte an jeder renommierten Universität lehren können, an jedem Ozeanographischen Institut. Stattdessen saß er in einem wackeligen Helikopter über dem arktischen Nichts, weil er es nicht ertrug, die Welt nur von der sicheren Seite der Küstenlinie aus zu betrachten.

Eine Böe riss an der Maschine. Der Helikopter sackte kurz ab, alles im Inneren sprang einen Zentimeter in die Luft. Elena fluchte, klammerte sich an den Griff über sich.

„Beruhigend, oder?“ schrie sie gegen den Lärm an. „Zu wissen, dass wir in ein paar Wochen die Stabilität von tausenden Metern Eis beurteilen sollen, während dieses Ding nicht mal fünfzehn Minuten lang stabil bleibt?“

„Du wolltest unbedingt persönlich an die Daten ran“, rief Amir zurück. „Satelliten sind doch, unpersönlich, hast du gesagt.“

Elena schnaubte. „Ja, aber die stürzen wenigstens nicht ab, wenn jemand niest.“

Der Pilot deutete nach vorn. „Da!“

ARGUS-3 war jetzt deutlich zu erkennen. Die Module, auf Stelzen, standen in zwei Reihen. Ein Gebäude für Schlafräume, eins für Labore, eins für Lager, eins für Technik und Energie. Über allem thronte ein größerer Container mit Fenstern, das war der Kontroll- und Konferenzraum. Daneben der Helipad, eine dunkle, kreisrunde Fläche auf dem Eis, von Schnee teilweise zugedeckt.

Um das Ganze herum: nichts. Kein anderer Außenposten, keine sichtbaren Spuren von Zivilisation. Nur das Eis, riesig, gleichgültig.

Der Helikopter setzte zur Landung an. Schneestaub schoss in Fetzen hoch und verschluckte die Station für einen Moment. Dann spürte Lara das Aufsetzen, ein hartes, endgültiges Rucken. Die Rotorblätter liefen weiter, der Pilot gab ein Handzeichen.

„Los!“

Die Tür schwang auf. Kälte stürzte herein wie Wasser in ein leckgeschlagenes Boot. Lara zog reflexartig den Schal höher, die Skibrille tiefer. Der erste Atemzug draußen brannte, als hätte jemand ihr die Lunge mit scharfem Glas ausgekleidet.

Sie sprang vom Tritt auf den Helipad. Der Boden war hart, unnachgiebig, mit einer dünnen Schicht aus pulverisiertem Schnee, der bei jedem Schritt wie Mehl aufstob. Der Wind traf sie seitlich, riss ihr fast das Gleichgewicht weg. Der Lärm der Rotorblätter machte jede Kommunikation zur Pantomime.

Vor ihr rannte eine Gestalt in orangener Jacke über das Eis, beugte sich gegen den Wind. Eine Frau, klein, drahtig. Sie wedelte mit den Armen und zeigte auf die nächste Tür. Die Druckschleuse am Fuß des nächstgelegenen Moduls.

Lara griff ihren Rucksack, rannte los. Die Kälte biss sich in jede undichte Stelle ihrer Kleidung. Ihre Zehen spürte sie nach drei Schritten nicht mehr.

Amir war knapp hinter ihr, die Ausrüstungstasche fest im Griff. Elena stolperte, fing sich, fluchte lautlos. Drei Gestalten, die gegen den Sturm ankämpften, hin zu einem grauen, metallenen Rechteck, das heute Abend das einzige war, was zwischen ihnen und dem Nichts lag.

Die Frau in Orange hielt die Schleusentür auf. „Rein! Rein!“

Lara stolperte als Erste durch den Rahmen.

Die Luftschleuse schloss sich hinter ihnen mit einem dumpfen metallischen Schlag, der in Laras Brust nachhallte. Drinnen empfing sie eine Welle aus trockener Wärme, die wie ein zu heiß eingestellter Heizstrahler wirkte. Der Geruch der Station schlug ihnen sofort entgege. En Gemisch aus Metall, Öl, Reinigungsmittel und etwas Unbestimmtem, vielleicht Menschen, die zu lange intensiv zusammengearbeitet hatten.

Dr. Rhea Patel streifte sich die Kapuze zurück und lächelte, nur kurz.

„Ihr habt’s geschafft. Willkommen auf ARGUS-3.“

Lara richtete sich auf, zog die Handschuhe aus und blinzelte gegen das gelbliche Licht. Neben ihr versuchte Amir, sich Eisreste aus dem Kragen zu schlagen, während Elena mit roten Fingern an ihrer Brille nestelte, als könne sie die Kälte davon abreiben.

Sie folgten Patel in den Hauptgang. Die Metallplatten unter ihren Stiefeln gaben federnd nach, jedes Geräusch hallte leicht in dem engen Korridor wider. Die Wände waren mit Notfallplänen und Warnhinweisen bedeckt. An mehreren Stellen klebten vergilbte Sicherheitsplakate aus den frühen 2000er-Jahren. Darauf waren lächelnde Menschen in dicken Jacken, die Sprüche wie „Safety keeps you warm!“ trugen. Elena verzog das Gesicht.

„Der Humor der Station ist ein anderer“, sagte Patel, ohne sich umzudrehen.

Der Flur führte sie in den Aufenthaltsraum. Ein Raum, der verzweifelt versuchte, gemütlich zu sein. Mit einem ausgebleichtenen Sofa, ein durcheinandergestelltes Bücherregal, ein Schachbrett, dessen Figuren fehlten, und eine monströse Kaffeemaschine, die offenbar älter war als die Hälfte der technischen Ausrüstung der Station.

„Die Kaffeemaschine ist unser heiliger Gral“, erklärte Patel. „Der wichtigste Gegenstand der gesamten Station. Manchmal funktioniert sie sogar.“

Amir beugte sich vor. „Sieht nach einer zuverlässigen Beziehung aus.“

„Nicht wirklich“, murmelte Elena, die skeptisch auf das Gerät blickte.

Zwei Stationsmitglieder gingen an ihnen vorbei, ein schmaler Kanadier mit tief liegenden Augenringen und eine hochgewachsene Schwedin mit noch vereisten Wimpern. Beide nickten kaum sichtbar. Die Art von Begrüßung, die man Fremden im Winter am Ende der Welt entgegenbrachte.

„Ihr lernt alle bald kennen“, sagte Patel. „Es dauert nur, bis man hier den Überblick bekommt. Die Leute arbeiten, schlafen, essen und manchmal vergessen sie, in welchem Modul sie eigentlich leben.“

Sie führte die Neuankömmlinge weiter in den technischen Trakt. Die Temperatur stieg, je tiefer sie hineinkamen. Es roch stark nach Hydrauliköl, Frostschutzmittel und heiß gelaufenen Maschinen.

„Hier passieren die Wunder und die Katastrophen“, sagte Patel. „Die Antarktis frisst alles. Kabel, Schrauben, Geduld. Vor allem Geduld.“

Ein Techniker, groß und breitschultrig, arbeitete an einer offenen Schalttafel. Ohne aufzublicken, sagte er „Die Neuen? Hoffentlich seid ihr besser als die letzten.“

„Tommy“, tadelte Patel.

„Ist doch wahr.“ Er betrachtete das Team nun doch, erst Lara, dann Amir, dann Elena. „Ihr seht schlau aus. Das hilft.“

Mit einem Schulterzucken widmete er sich wieder seiner Arbeit.

Der nächste Raum, den Patel öffnete, war die Kommunikationszentrale, sie war das Herz der Station. Bildschirme, Datenströme, piepende Geräte. Zwei Leute mit Headsets arbeiteten konzentriert vor den Monitoren.

Es war warm. Zu warm. Lara spürte einen leichten Druck in der Stirn, wahrscheinlich von der Heizung, die auf Vollleistung lief. Oder vom langen Tag. Oder von der seltsamen Atmosphäre, die sie nicht ausmachen konnte.

Sie gingen weiter in den Wohntrakt. Hier war es leiser. Die Gänge enger.

„Das sind eure Kabinen“, erklärte Patel. „Nicht groß, aber warm, und das ist in dieser Gegend schon Luxus.“

Lara öffnete die Tür zu ihrem kleinen Raum. Ein Bett, ein Spind, ein Tisch, ein bullernder Heizkörper. Das Fenster war dick verglast und klein, aber sie trat sofort davor.

Draußen tanzte der Sturm. Schnee jagte waagerecht über den Boden, peitschte gegen die verbundenen Module. Die Scheinwerfer der Station warfen gelbliche Kegel in die Nacht, die in dem tobenden Weiß zu verschluckenden Inseln wurden.

Amir tauchte im Türrahmen auf. „Ganz schön extrem, oder?“

„Ja“, sagte Lara ruhig, ohne sich loszureißen. „Aber irgendwie… beruhigend.“

„Das ist keine Ruhe.“ Er trat ein Stück näher ans Fenster. „Das ist Gleichgültigkeit. Die Natur ist nicht böse. Sie interessiert sich nur nicht für uns.“

Lara schenkte ihm ein dünnes Lächeln. „Dann passt sie ja gut zu uns.“

„Besprechung morgen früh“, erinnerte er sie. „Patel sagt, wir starten langsam rein. Routinechecks, Datenabgleich, Kennenlernen der Systeme.“

„Ich bin da.“

„Gut zu wissen.“ Er grinste und verschwand wieder.

Als Lara allein war, ließ sie sich auf das Bett fallen. Die Station summte leise, ein mechanisches Atemholen. Einmal vibrierte der Heizkörper, als wäre irgendwo ein Ventil angesprungen. Ein anderer Ton schwang durch das Metall, dumpf, weit entfernt, schwer zuzuordnen, vielleicht der Sturm, vielleicht eine Maschine, vielleicht nichts.

Es war ruhig.

Vielleicht zu ruhig.

Aber sie erklärte es sich mit der Erschöpfung, den neuen Eindrücken, der langen Anreise. Morgen würden sie mit der Arbeit beginnen. Morgen würde sie verstehen, warum man sie und dieses Team genau hierher geschickt hatte.

Heute jedoch war ARGUS-3 nur ein sicherer Zufluchtsort im endlosen Weiß.

Und draußen tobte der Wind, als würde er versuchen herauszufinden, wer die Neuankömmlinge waren.

Lara zog die Decke über sich, schloss die Augen und hörte dem Puls der Station zu.

Für den Moment war dies nur der Anfang.

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