Kapitel 1 - Redline Reaper


– and all I have is rage.” - Naethan Apollo -

Lyra Colson spielte nicht unfair. Sie spielte nur näher an der Grenze als andere.Zumindest sagte sie sich das, als sie knapper als nötig an ihrem verhassten Erz-Kontrahenten abbremste und ihm ein eisiges Grinsen zuwarf.
Als sie bei den Redline Titans anfing, war sie Left Wing, Power Forward – dort, wo Aggression keine Schwäche, sondern eine Voraussetzung darstellte. Heute war sie noch immer Left Wing, aber sie spielte irgendwo zwischen Power Forward und Enforcer. Genau in jener Grauzone, in der Siege gezählt wurden – oder Karrieren endeten.
Zu Anfang hatte ihre aggressive, unnachgiebige Spielweise beeindruckt, ohne einzuschüchtern. Damals war es ihr Kumpel Rowan, der sie scherzhaft „Iron Lyra” oder „The Wall” nannte. Das war ein Lob aus seinem Mund, denn der breitschultrige Stay-at-Home-Defender wurde von allen respektvoll „Brick” genannt.
Wall und Brick.
Das Dreamteam.
Tja. Heute nannte man sie „Redline Reaper“ und lachte dabei nicht mehr. Zumindest niemand aus den gegnerischen Teams.
Wut war ihr Treibstoff. Lyra sah darin kein Problem. Andere schon.
Vielleicht lag es daran, dass Lyra als Wolflose vor allem unter den anderen Wölfen nie gelernt hatte, Raum einzunehmen, ohne ihn erkämpfen zu müssen. Als sie und ihre Mutter ihr altes Rudel verließen und sich in die Welt der Menschen schlugen, bestand ihr Verständnis der Welt schon darin, ihren Platz mit Klauen und Zähnen zu sichern.
Lyras Körper war nicht für Haute-Couture-Mode gemacht, sondern für Geschwindigkeit, abruptes Abbremsen und harte Kollisionen. Sie war kein zartes Püppchen oder eine der Frauen auf dem Campus, die genauso gut in einer Modezeitschrift modeln konnten und mit einem Augenaufschlag die Blicke auf sich zogen – egal, ob von Menschen oder Wölfen.
Klar, sie hatte lange Beine, aber auch kräftige Oberschenkel, stabile Schultern und athletische Muskulatur. Diese mussten nicht schön sein, sondern funktional. Also war sie vieles, aber sicher nicht weich oder fluffig. Lyra störte sich nicht daran. Sie besaß einen Körper, der wusste, wie es sich anfühlte, getroffen zu werden – und trotzdem stehen zu bleiben.
Das würde ihr auch heute von Vorteil sein; darin bestand für sie kein Zweifel. Lyra schnaufte und bließ sich eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr schwarzes Haar fiel ihr in widerspenstigen Strähnen in die Stirn, ganz egal, wie oft sie versuchte, es zu bändigen. Selbst jetzt, im grellen Licht der Arena, schien es sich nicht zwingend an Regeln halten zu wollen.
Genau wie sie.
Aber Lyra war auch nicht hier, um fair zu sein – sie war hier, um zu gewinnen.
Der Coach sagte, sie solle ihre Strafminuten reduzieren, doch bislang fehlte ihr die nötige Motivation, diesem Rat zu folgen. Klar, Wut war unbequem und hatte keinen guten Ruf. Sie passte nicht in Konzepte, nicht in Förderprogramme und ganz sicher nicht in die hübsche, glattgebügelte Vorstellung davon, wie eine Sportlerin mit Stipendium aufzutreten hatte. Aber ihre Wut war ihr Schlüssel zum Erfolg im Hockey.
Also nervte man sie mit Worten wie Kontrollverlust, fehlende Disziplin oder, wenn der Ton schärfer wurde,mangelnde Reife. Als ließe sich ihre Aggression wie schlechtes Benehmen therapieren, glätten oder zumindest entschuldigen. Ein Problem, das nur lange genug benannt werden musste, damit es verschwand. Lyra wusste: Das war eine billige Lüge.
Und wie jede bequeme Lüge begann auch diese, ein Eigenleben zu entwickeln. Zunächst zeigte sie sich in kleinen, greifbaren Momenten – einer gebrochenen Nase, dann einer Rippe –, doch bald verlagerte sich das Urteil weg vom Eis und hinein in die Gänge der Halle. Dort, wo keine Schiedsrichter pfiffen und keine Regeln galten, wurden aus Kommentaren ein Flüstern, aus Blicken ein Ausweichen und aus Respekt vorsichtige Distanz.
Und am Ende? Großen Augen auf der Tribüne, das Getuschel hinter vorgehaltener Hand und das hastige Ausweichen auf dem Gang, als nähere sich ein Raubtier – und schon suchten die meisten feigen Hasenfüße das Weite. Feiglinge.
Aber bitte. Sollten sie reden. Immerhin spielte für den Sieg, nicht für Sympathie.
Am Ende lief es immer gleich ab. Mit einem halbherzigen Lächeln versicherte Lyra jedes Mal, dass sie daran arbeiten würde – und beim nächsten Spiel stand sie wieder auf dem Eis.
Durch sie punktete das Team, weil sie bereit war, die Rolle zu übernehmen, vor der alle anderen zurückschreckten. Sie fuhr die Checks, die wehtaten, zog die Strafen, die den Rhythmus brachen, und tat, was nötig war, damit andere glänzen konnten. Niemand wollte es zugeben – aber das Team brauchte ihren Biss.
Und heute würde es nicht anders ablaufen.
Das Eis war glatt, die Gegner zahlreich und Lyras Selbstkontrolle dünn wie frisch geschliffene Kufen.
„Reiß dich zusammen und konzentrier dich!“, hatte Coach Hargreaves, genannt „Harg“, vor weniger als fünf Minuten geknurrt. Das Problem an der ganzen Sache war ... Lyra wusste ziemlich genau, wie man ein Breakaway stoppte – bei sich selbst war sie allerdings leider weniger erfolgreich.
„Na, Hübsche? Du siehst mich an, als wolltest du mich gleich umfahren“, raunte Cassian. „Mach’s ruhig. Ist nicht das erste Mal, dass du lieber Körperkontakt suchst als den Puck.” Und dabei zwinkerte der Mistkerl ihr auch noch zu!
„Du überschätzt dich“, erwiderte sie und lächelte zurück – aber eigentlich war es nur ein verstecktes Zähnefletschen. „Ich fahr einfach nur um, was im Weg steht. Nicht, dass du ein großes Hindernis wärst.”
Während um sie herum die Zeit stillzustehen schien und Cassians viel zu arrogantes Grinsen nahe vor ihrem Gesicht schwebte, war die Rechnung für sie simpel.
Plus– sie hatte ihre Stärken. Im Powerplay war sie zum Beispiel gefährlich, im Penalty Kill unausstehlich.
Minus– sie hatte Schwächen. Ihr Ruf eilte ihr voraus – leider meistens in Richtung Strafbank. Zugegeben: Lyra hatte mehr Zeit dort verbracht als andere auf der Ersatzbank.
Das Ergebnis blieb unter dem Strich: Das hier war kein Spiel, sondern ein Faceoff – und Lyra verlor nicht gern.
Vor allem nicht gegen Cassian Hale.
Die junge Frau atmete tief ein und zog die kalte Luft in ihre Lunge. Es fühlte sich an, als wolle man versuchen, ein Buschfeuer mit einem kleinen Luftzug zu kühlen.
Dort standen sie, Auge in Auge.
Im Faceoff-Kreis und im Zentrum der Zone. Das Eis war glatt wie ein Versprechen und kalt wie eine Drohung. Perfekt für die Stimmung zwischen ihnen. Aber Lyra wusste es besser – gleich würde es ziemlich hitzig werden.
Die Luft in der Arena war ein Gemisch aus dem eigenwilligen Ton von Eis und Schnee, Schweiß und altem Gummi. Und dem Atem von Menschen, die zu dicht beieinander saßen. Über ihnen strahlte das grelle Licht, das jede Bewegung verriet, und um sie herum erklang das Rufen der Menge wie ein Puls, der ihnen förmlich durch die Rippen bis tief in die Brust kroch, als wolle er dort mitklopfen.
Vielleicht lag es aber auch an diesem Bastard ihr gegenüber.









