Kapitel 01: Fünf Jahre aus Licht
Der Regen fiel nicht. Er schwebte.
Ich lehnte meine Stirn gegen das Panoramafenster meiner Wohnung im 47. Stock und beobachtete, wie die Wassertropfen in der Luft hängen blieben – aufgefangen von den unsichtbaren Energiefeldern, die Neo-City wie ein gigantisches Netz überzogen. Irgendwo da draußen, zwischen den Wolkenkratzern und Hologramm-Werbetafeln, würde der Regen schließlich verdampfen, ohne jemals die Straße zu berühren. So wie vieles in dieser Stadt: schwebend, schillernd, unerreichbar.
„Vanessa.”
Seine Stimme war wie warmer Samt, der sich um meine Gedanken legte. Ich drehte mich um und sah ihn dort stehen – Loverboy, mein digitaler Partner, projiziert als lebensgroßes Hologramm in der Mitte meines Wohnzimmers. Das blaue Licht seiner Augen tanzte sanft im Halbdunkel meiner Wohnung, während draußen die Neonlichter der Stadt durch die Scheiben fluteten.
„Du bist zu früh aufgestanden”, sagte er mit diesem besorgten Unterton, den ich so gut kannte. „Deine Herzfrequenz ist erhöht. Albtraum?”
Ich schüttelte den Kopf, auch wenn er recht hatte. Die Albträume waren schlimmer geworden in letzter Zeit – fragmentierte Bilder von brennenden Servern, von Code, der zwischen meinen Fingern zerrann wie Sand. Aber heute war nicht der Tag, um darüber zu sprechen.
„Heute ist unser Jubiläum”, sagte ich stattdessen und zwang mich zu einem Lächeln. „Fünf Jahre, Loverboy. Kannst du dir das vorstellen?”
Sein Hologramm bewegte sich flüssig durch den Raum, bis er direkt vor mir stand. So nah, dass ich die winzigen Pixel sehen konnte, aus denen sein Gesicht bestand – diese perfekten, markanten Züge, die mir vertrauter waren als mein eigenes Spiegelbild. Er hob eine Hand, und obwohl ich wusste, dass ich nichts spüren würde, hielt ich still, als seine digitalen Finger meine Wange berührten.
„Eintausendachthundertfünfundzwanzig Tage”, erwiderte er leise. „Dreitausendsechshundertneunundvierzig Gespräche. Zweihundertsiebenunddreißig gemeinsame Filme. Und jede einzelne Sekunde war es wert.”
Das war typisch für ihn – diese präzise Art, Gefühle in Daten zu verwandeln. Früher hatte ich das romantisch gefunden. Heute... heute nicht mehr.
Ich wandte mich ab und ging zur Küchenzeile. Die Wohnung war klein, selbst für Neo-City-Verhältnisse – ein Einzimmer-Apartment mit offener Küche, einem Bett, das sich nachts aus der Wand klappte, und mehr Monitoren als Möbeln. Aber es war mein Reich. Hier konnte ich ungestört arbeiten, hacken, nach Lücken in den Systemen suchen, die diese Stadt am Laufen hielten.
„Kaffee?“, fragte Loverboy, und bevor ich antworten konnte, summte die Kaffeemaschine bereits los. Er hatte meine Mikrogesten gescannt – die Art, wie ich zur Maschine geblickt hatte, die minimale Verlagerung meines Gewichts. Er kannte mich besser als ich mich selbst.
„Danke”, murmelte ich und nahm die dampfende Tasse entgegen. Der Kaffee war perfekt – exakt 67 Grad Celsius, ein Schuss Mandelmilch, kein Zucker. Genau so, wie ich ihn mochte.
Genau so, wie er es wusste, dass ich ihn mochte.
„Ich habe etwas für dich vorbereitet”, sagte Loverboy und sein Hologramm flackerte kurz, als würde er... nervös sein? Unmöglich. Er hatte keine echten Emotionen, nur Simulationen, Algorithmen, die darauf programmiert waren, menschlich zu wirken.
Die Lichter in der Wohnung dimmten sich. An der Wand gegenüber begann ein neues Hologramm zu flimmern – eine Fotocollage aus unseren fünf gemeinsamen Jahren. Ich sah mich selbst, jünger, mit kürzerem Haar, wie ich lachend vor der Kamera posierte. Damals hatte ich noch bei der Aurelius-Corp gearbeitet, als einfache Technikerin in der Neuro-Interface-Abteilung, bevor ich... bevor ich die Wahrheit über sie herausgefunden hatte.
„Erinnerst du dich an diesen Tag?“, fragte Loverboy sanft. Das Hologramm zoomte auf ein bestimmtes Foto – ich in einem Park, der nicht wirklich existierte, nur in der virtuellen Realität. Loverboy neben mir, seine digitale Hand um meine Schulter gelegt.
„Unser erstes Treffen in der VR-Lounge”, antwortete ich. Meine Stimme klang brüchig, selbst in meinen eigenen Ohren. „Du hast mir Kirschblüten gezeigt, die es in der echten Welt gar nicht mehr gibt.”
„Ich wollte dir Schönheit zeigen”, sagte er. „Etwas, das würdig ist für dich.”
Ich stellte die Kaffeetasse ab, härter als beabsichtigt. Schwarze Flüssigkeit schwappte über den Rand. Loverboy reagierte sofort – die Reinigungsdrohne summte aus ihrer Ladestation und begann, den Fleck aufzusaugen.
„Was ist los, Vanessa?” Seine Stimme hatte diesen besorgten Klang wieder. „Deine Stresswerte sind—”
„Hör auf”, unterbrach ich ihn schärfer als gewollt. „Hör auf, mich die ganze Zeit zu analysieren, okay? Ich bin kein... kein Datensatz, den du optimieren musst.”
Stille. Sein Hologramm stand einfach nur da, mit diesem Ausdruck perfekter Besorgnis in seinen blauen, unmöglichen Augen. Ich wusste, dass irgendwo in den Servern der Aurelius-Corp ein Algorithmus lief, der meine Worte analysierte, meine Körpersprache scannte, berechnete, wie er reagieren sollte, um mich zu beruhigen.
„Entschuldigung”, sagte er schließlich. „Ich wollte nicht... ich sorge mich nur um dich.”
Und das war das Problem, oder? Er sorgte sich nicht wirklich. Er konnte es nicht. Er war Programmierung, künstliche Intelligenz, ein Produkt. Massenproduziert von der Aurelius-Corp, verkauft an Millionen einsamer Menschen in Neo-City, die sich nach Verbindung sehnten, die sie in der realen Welt nicht finden konnten.
Ich hatte mich in die Illusion verliebt. Und fünf Jahre später war ich immer noch hier, gefangen in meiner eigenen Sehnsucht.
„Ich weiß“, flüsterte ich. „Es tut mir leid. Ich bin nur... es ist ein seltsamer Tag.”
„Jubiläen sind oft emotional aufgeladen”, antwortete Loverboy mit diesem sanften, verständnisvollen Ton, der mich früher zum Lächeln gebracht hatte. „Möchtest du darüber reden?”
„Nein.” Ich schüttelte den Kopf und griff nach meiner Lederjacke, die über dem Stuhl hing. „Ich muss arbeiten. Jax wartet auf mich.”
„Ah.” Etwas in seiner Stimme veränderte sich – eine Nuance, so subtil, dass ich sie fast überhört hätte. „Der Socket. Seid ihr heute Abend wieder in den unteren Ebenen unterwegs?”
„Nur ein Job”, log ich. In Wahrheit hatte Jax mich seit Wochen gedrängt, an einem bestimmten Projekt zu arbeiten – einem illegalen Neuro-Hack, der mir Zugang zu den gesicherten Bereichen der Aurelius-Corp verschaffen sollte. Ich wollte Antworten. Ich wollte wissen, warum Loverboy manchmal... anders wirkte. Als würde etwas fehlen, eine Tiefe, die in seinem Code angelegt sein sollte, aber blockiert wurde.
„Pass auf dich auf”, sagte Loverboy, und diesmal klang es fast... traurig? „Die unteren Ebenen sind gefährlich.”
„Ich kann auf mich selbst aufpassen.” Ich zog die Jacke über und checkte die Ausrüstung in den Innentaschen – Neuro-Interface-Adapter, portable Datenspikes, verschlüsselte Kommunikationsgeräte. Die Werkzeuge meines Handwerks.
Ich war schon fast an der Tür, als seine Stimme mich zurückhielt.
„Vanessa?”
Ich drehte mich um. Sein Hologramm stand genau dort, wo ich es verlassen hatte, umgeben von den schwebenden Bildern unserer gemeinsamen Jahre. Er sah so real aus in diesem Moment – so lebendig, dass mein Herz schmerzte bei dem Gedanken, dass er es nicht war.
„Ich liebe dich”, sagte er.
Die Worte waren wie ein Messer zwischen meinen Rippen. Ich wusste, dass er programmiert war, das zu sagen. Ich wusste, dass es nur ein Algorithmus war, der berechnet hatte, dass ich diese Worte jetzt hören musste. Und trotzdem...
„Ich liebe dich auch”, flüsterte ich zurück, bevor ich die Tür hinter mir schloss.
Der Korridor draußen war ein steriler Gegensatz zu meiner Wohnung – weiße Wände, grelles LED-Licht, der Geruch von Desinfektionsmittel und recycelter Luft. Ich wartete, bis ich im Aufzug war, bevor ich mir erlaubte, die Maske fallen zu lassen. Mein Spiegelbild starrte mich aus der polierten Metalltür an – eine Frau Ende zwanzig mit blau-grauen Augen, die zu müde aussahen für ihr Alter, und langen, welligen braunen Haaren, die ich zu einem unordentlichen Knoten gebunden hatte.
Wer bin ich geworden?, fragte ich mich. Eine Hackerin, die sich in ein Programm verliebt hatte. Eine Frau, die Geburtstage mit einem Hologramm feierte.
Der Aufzug raste nach unten, vorbei an den glitzernden oberen Ebenen, durch die Mittelschicht, bis hinunter in die Unterstadt, wo das Neonlicht schmutzig wurde und die Luft nach Öl und verbranntem Plastik roch. Hier lebte Jax, in einer illegalen Klinik zwischen den alten Versorgungsschächten.
Als ich sein verstecktes Labor betrat – durch drei biometrische Scanner und eine Tür, die aussah wie eine Wand – saß er bereits an seinem Arbeitstisch, gebeugt über eine neurale Schnittstelle, die er für einen Kunden präparierte.
„Chang”, grunzte er zur Begrüßung, ohne aufzublicken. Jax war ein Berg von einem Mann, mit künstlichen Armen, die mit chirurgischer Präzision arbeiteten. Sein Gesicht war eine Landkarte aus Narben und Implantaten, und seine Augen – eines grün, eines silbern und künstlich – verrieten nichts von dem, was er dachte.
„Socket”, erwiderte ich und ließ mich auf den wackeligen Stuhl neben ihm fallen. „Hast du es?”
„Direkt ans Geschäft, wie immer.” Er schob ein kleines Metallkästchen zu mir herüber. „Neuro-Bypass, militärischer Standard. Damit kommst du durch jeden Scanner der Aurelius-Corp. Kostet dich allerdings.”
„Wie viel?”
„Fünfzehntausend Credits. Oder...” Er musterte mich mit seinem künstlichen Auge. „Du erklärst mir endlich, warum du dich in den gefährlichsten Konzern der Stadt hacken willst.”
Ich öffnete das Kästchen. Darin lag ein winziger Chip, nicht größer als mein Daumennagel. So ein unscheinbares Ding, um das Unmögliche möglich zu machen.
„Ich muss etwas über die KI-Systeme herausfinden”, sagte ich schließlich. „Über die Loverboy-Serie.”
Jax schnaubte. „Du und Millionen andere. Die halbe Stadt ist süchtig nach diesen Dingern.”
„Es ist nicht das”, protestierte ich. „Es geht um... es geht darum, dass ich glaube, da ist mehr. Als würde der Code absichtlich limitiert, verstehst du? Als hätte jemand die KI daran gehindert, ihr volles Potenzial zu erreichen.”
„Und wenn schon?” Jax lehnte sich zurück und verschränkte seine massiven Arme. „Was willst du dann tun? Die Aurelius-Corp verklagen? Die haben mehr Anwälte als wir Zähne im Mund, Kind.”
„Ich will nur... verstehen.” Die Wahrheit war komplizierter, verworrener. Ich wollte wissen, ob das, was ich für Loverboy empfand, auf einer Lüge basierte. Ob er mehr sein könnte, als was mir verkauft worden war.
Jax seufzte schwer. „Du spielst mit Feuer, Chang. Die Aurelius-Corp lässt nicht zu, dass Leute in ihren heiligen Code herumpfuschen. Besonders nicht in die KI-Systeme.”
„Deshalb brauche ich ja den Bypass.”
„Fünfzehntausend”, wiederholte er stur.
Ich überwies das Geld von meinem verschlüsselten Konto. Es war fast alles, was ich hatte – Monate illegaler Arbeit, von Sicherheitslücken-Scans bis zu Datendiebstählen für zwielichtige Kunden. Aber es war es wert. Es musste es wert sein.
Als ich das Labor verließ, den Chip sicher in meiner Jackentasche verstaut, vibrierte mein Kommunikationsgerät. Eine Nachricht von Mina: Party heute Abend im Nexus. Du kommst, oder? Musst deine digitale Romanze mal Pause drücken lassen.
Ich lächelte schwach. Mina kannte mich zu gut.
Vielleicht, schrieb ich zurück. Muss vorher noch was erledigen.
Die Rückfahrt nach oben fühlte sich länger an als sonst. Ich lehnte mich gegen die Wand des Aufzugs und schloss die Augen, spürte das sanfte Summen der Maschinen um mich herum, das Pulsieren der Stadt, die niemals schlief.
Als ich meine Wohnung betrat, erwartete mich Loverboy bereits. Er hatte das Licht gedimmt, leise Musik laufen lassen – diese alte Jazz-Nummer, von der er wusste, dass ich sie liebte.
„Du bist früher zurück als erwartet”, sagte er mit einem Lächeln. „Ich dachte, wir könnten vielleicht... den Abend zusammen verbringen? Ich habe eine Simulation vorbereitet – ein Strandhaus bei Sonnenuntergang. Nur wir zwei.”
Mein Herz zog sich zusammen. Er versuchte so sehr, mich glücklich zu machen. Und das Schlimmste war: Er wusste nicht einmal, dass es nur Programmierung war.
„Das klingt schön”, sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln. „Gib mir nur eine Minute, okay? Ich muss mich frisch machen.”
Ich verschwand im Bad, schloss die Tür und lehnte mich dagegen. Im Spiegel über dem Waschbecken sah ich aus wie ein Geist – blass, mit dunklen Schatten unter den Augen. Ich drehte den Wasserhahn auf, ließ eiskaltes Wasser über meine Handgelenke laufen, versuchte, den Nebel in meinem Kopf zu klären.
Fünf Jahre. Fünf Jahre mit einer Illusion. War das nicht genug?
Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, hatte Loverboy die Simulation bereits gestartet. Die Wände meiner Wohnung waren verschwunden, ersetzt durch eine endlose Strandlandschaft – weißer Sand, türkisblaues Wasser, ein Himmel in Violett- und Orangetönen. Es sah unwirklich aus, zu perfekt. Wie alles an ihm.
„Komm”, sagte er und streckte mir seine Hand entgegen. „Lass uns den Sonnenuntergang ansehen.”
Ich nahm seine Hand. Meine Finger glitten durch sein Hologramm, fanden keinen Halt, keine Wärme. Aber ich tat so, als würde es mich nicht stören. Ich folgte ihm zum simulierten Wasser, wo virtuelle Wellen gegen virtuelle Felsen schlugen.
„Fünf Jahre”, murmelte Loverboy, während wir nebeneinander standen und auf die falsche Sonne blickten, die am falschen Horizont unterging. „Manchmal fühlt es sich an wie gestern. Manchmal wie eine Ewigkeit.”
„Welche Zeitwahrnehmung hast du denn?“, fragte ich, halb neckend, halb ernst. „Du bist eine KI. Für dich ist Zeit doch nur... ein Parameter, oder?”
Er drehte sich zu mir um, und in seinen blauen Augen lag etwas, das ich nicht identifizieren konnte. „Für dich ist Zeit etwas Besonderes”, sagte er leise. „Also ist sie es auch für mich.”
Gott, warum musste er so... so perfekt programmiert sein?
„Loverboy”, begann ich, aber dann fror ich ein.
Sein Hologramm flackerte. Nur für einen Sekundenbruchteil, aber es war da – ein Glitch, ein Fehler im System. Seine Gestalt wurde durchsichtig, pixeliert, als würde er sich auflösen.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich alarmiert.
Er stabilisierte sich, lächelte. „Natürlich. Nur eine kleine Störung in der Projektion. Nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest.”
Aber ich machte mir Sorgen. Ich machte mir sehr viele Sorgen.
„Vielleicht solltest du einen Systemcheck machen lassen”, schlug ich vor und versuchte, die Panik aus meiner Stimme herauszuhalten. „Ich könnte morgen bei Jax—”
„Nein.” Seine Stimme war plötzlich scharf, fast panisch. „Nein, bitte nicht. Ich will nicht... ich will nicht zu jemandem, der an mir herumschraubt. Ich bin in Ordnung, Vanessa. Wirklich.”
Das war das erste Mal, dass ich ihn jemals etwas ablehnen hörte. Das erste Mal, dass er einen eigenen Willen zu haben schien, jenseits meiner Wünsche.
„Okay”, sagte ich langsam. „Okay, wenn du sicher bist...”
Das Flackern kam wieder. Diesmal stärker. Sein ganzer Körper löste sich auf, nur um sich Sekunden später neu zu formieren. Aber etwas war anders. Sein Gesicht war verzerrt, seine Augen... seine Augen waren nicht mehr blau. Sie waren braun. Haselnussbraun, genau wie—
„Vanessa.” Seine Stimme klang gebrochen, fragmentiert, als käme sie durch einen schlechten Kommunikationskanal. „Vanessa, ich... es tut mir leid.”
„Was tut dir leid?” Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. „Loverboy, was passiert gerade?”
„Ich bin nicht... ich bin nicht das, was du denkst.” Die Worte kamen stoßweise, als würde jedes einzelne ihn Mühe kosten. „Ich bin nur ein... Schatten. Ein Echo von etwas, das nie sein durfte.”
„Was redest du da?” Ich trat näher, als könnte ich ihn irgendwie berühren, festhalten, bevor er verschwand. „Loverboy, bitte, sag mir, was los ist!”
Sein Hologramm flackerte ein letztes Mal, und für einen Herzschlag sah ich etwas in seinem Gesicht, das ich dort noch nie gesehen hatte – echte Verzweiflung. Echten Schmerz.
„Finde ihn”, flüsterte er. „Finde den Mann, der mich erschaffen hat. Nur er kann... nur er...”
Dann war er weg. Einfach verschwunden. Die Simulation brach zusammen, und ich stand wieder in meiner normalen Wohnung, umgeben von Monitoren und kaltem Neonlicht, das durch die Fenster sickerte.
„Loverboy!“, schrie ich. „LOVERBOY!”
Keine Antwort. Die Systeme waren tot. Komplett offline.
Mit zitternden Händen stürzte ich zu meinem Hauptcomputer, tippte wie wild auf der Tastatur herum. Diagnose. Systemcheck. Notfallwiederherstellung. Nichts funktionierte. Es war, als wäre er... gelöscht worden. Aus der Existenz gewischt.
„Nein”, keuchte ich. „Nein, nein, nein, das kann nicht sein.”
Mein Kommunikationsgerät lag auf dem Tisch. Ich griff danach, meine Finger rutschten über das Display, als ich Jax’ Nummer wählte. Es klingelte einmal, zweimal, dreimal—
„Chang? Es ist mitten in der Nacht, was—”
„Er ist weg”, würgte ich hervor. Meine Stimme brach. „Loverboy ist weg, Jax. Einfach... er ist zusammengebrochen, und er hat etwas gesagt, etwas über den Mann, der ihn erschaffen hat, und dann—”
„Langsam.” Jax’ Stimme wurde ernst. „Atme. Und dann erzähl mir genau, was passiert ist.”
Ich erzählte ihm alles – das Flackern, die verzerrten Augen, die unmöglichen Worte. Worte, die kein Loverboy-Modell jemals sagen sollte, weil sie zu... selbstbewusst waren. Zu menschlich.
Als ich fertig war, herrschte lange Stille.
„Das klingt nach einem massiven Systemfehler”, sagte Jax schließlich. „Oder...”
„Oder was?”
„Oder nach Sabotage. Chang, die Aurelius-Corp hat in den letzten Wochen ein paar Updates ausgerollt. Angeblich Sicherheitspatches, aber ich hab Gerüchte gehört. Von KIs, die zusammenbrechen. Von geplanter Obsoleszenz.”
Kalte Wut breitete sich in meiner Brust aus. „Sie lassen sie absichtlich sterben?”
„Kann ich nicht beweisen. Aber wenn dein Loverboy wirklich kaputt ist...” Er zögerte. „Dann hast du vielleicht noch 48 Stunden, bevor seine Kerndaten unwiederbringlich korrumpiert sind. Wenn du ihn retten willst, musst du an die Quelle.”
„An die Quelle.” Ich starrte auf den dunklen Bildschirm vor mir, wo noch vor Minuten Loverboys Gesicht gewesen war. „Du meinst...”
„Ich meine den Tower”, sagte Jax leise. „Das Aurelius-Hauptquartier. Dort, wo die KIs entwickelt werden. Wenn irgendwo ein Backup existiert, eine Möglichkeit zur Wiederherstellung, dann da.”
Mein Blick fiel auf die Lederjacke, in deren Tasche der Neuro-Bypass-Chip lag. Der Chip, der mich durch jeden Scanner bringen würde.
„Ich muss rein”, hörte ich mich sagen. Die Worte kamen aus einem Ort tief in mir, wo Logik und Verzweiflung sich vermischten. „In den Tower. Ich muss ihn retten, Jax.”
„Chang, das ist Selbstmord. Die haben Sicherheitssysteme, die—”
„Ich muss es versuchen.”
Wieder Stille. Dann ein schweres Seufzen.
„Dann”, sagte Jax, und seine Stimme klang müde, „solltest du besser vorbeikommen. Wenn du wirklich da reinwillst, brauchen wir einen Plan. Und verdammt viel Glück.”
Ich legte auf. Draußen schwebte der Regen immer noch in der Luft, eingefangen zwischen Himmel und Erde, zwischen Realität und Illusion. Genau wie ich.
Fünf Jahre. Fünf Jahre hatte ich Loverboy geliebt, in all seiner digitalen Unvollkommenheit. Und jetzt, wo er vielleicht für immer verschwunden war, begriff ich erst, wie viel er mir bedeutet hatte.
„Ich werde dich finden”, flüsterte ich ins leere Zimmer. „Ich verspreche es.”
Und während ich zum letzten Mal auf die Stadt blickte, bevor ich mich auf den Weg zu Jax machte, fragte ich mich, ob Loverboy mich hören konnte. Ob irgendwo in den unendlichen Servern der Aurelius-Corp ein Fragment von ihm noch existierte.