1. Die Legende
Laila
Ich wachte vom Zwitschern der Vögel auf. Ein warmer Lichtstrahl fiel durch die halb geöffnete Gardine und kitzelt meine Nase.
Es war einer dieser seltenen Morgen, an denen die Welt friedlich klang. Mein Zimmer duftete nach Kamille und Erde – zwei offene Töpfe mit Pflanzen standen am Fensterbrett, die ich gestern umgetopft hatte. Draußen schimmerten die Dächer golden und der Wind trug den Duft von frisch geschnittenem Gras herein.
Auf meinem Schreibtisch lag ein aufgeschlagenes Buch: „Anatomie und Wirkstoffe giftiger Pflanzen“ Daneben stapelten sich Notizen, lose Blätter und kleine Skizzen. Ich war bis spät in die Nacht wach geblieben und habe die Strukturen von Belladonna-Blättern verglichen. Manchmal verlor ich mich darin – in der Logik, der Ordnung, dem stillen Wissen, dass selbst Gift seine Gesetze hatte.
Ich lächelte leise, bis mein Blick auf das Foto auf meinem Nachttisch fiel. Mama und ich, am See. Sie lachte, während ich ihr eine Blume ins Haar steckte. Das Bild war leicht verblichen und der Rahmen hatte einen kleinen Sprung. Ich strich mit dem Daumen vorsichtig über das Glas.
„Morgen, Mama“, murmelte ich. „Ich bin spät dran, oder?“
Meine braunen Haare standen in alle Richtungen und meine Augen sahen aus, als hätten sie die halbe Nacht wach gelegen – was auch stimmte.
Ich riss mich los, warf mir eine Strickjacke über und ging Richtung Küche. Alles wirkte lebendig, echt und sicher. Der Duft von Kaffee erfüllte meine kleine Küche, noch bevor die Maschine fertig war. Ich lehnte mich gegen die Arbeitsplatte, zählte leise die Tropfen, die in die Tasse fielen und ließ den Geruch auf mich wirken – warm, vertraut und beruhigend. Anschließend ging ich, mit der Tasse in der Hand, hinaus auf den Balkon. Die Luft war frisch und das Sonnenlicht fiel durch das Gitter aus Efeu, das sich über das Geländer rankte und tanzte in grünen Flecken über meine Haut.
Ich setzte mich auf den alten Stuhl neben dem kleinen Tisch, auf dem sich unzählige Töpfe drängten. Jasmin, Rosmarin, Eisenhut, Belladonna – dicht nebeneinander, in einer unperfekten, aber lebendigen Ordnung. Ich berührte eine der Blätterspitzen und ließ sie zwischen meinen Fingern gleiten.
„Du würdest lachen, Mama“, murmelte ich. „Ich habe es geschafft – alle leben noch.“
Die Erinnerung kam hervor, bevor ich sie aufhalten konnte. Ich sah ihre Hände – schlank, immer ein bisschen erdverschmiert, mit winzigen Kratzern von Dornen. Ich hörte ihre Stimme, ruhig und geduldig, während sie mir beibrachte, den Unterschied zwischen einer giftigen Pflanze und heilender Kräuter zu erkennen.
„Jede Pflanze hat zwei Gesichter, Laila,“ hatte sie gesagt, während wir durch den Garten gingen. „Das eine heilt, das andere zerstört. Es kommt nur darauf an, wie du sie behandelst.“
Ich erinnerte mich, wie sie mir beigebracht hatte, welche Kräuter halfen, wenn man sich vergiftet hatte. Abgesehen von der heutigen Medizin. Wie sie mir das Belladonna-Blatt gezeigt hatte, das so harmlos aussah – bis man es in den Mund nahm. Ich erinnerte mich an ihren Geruch – Erde, Kräuter, Regen. An das Lachen, das so hell war, dass es selbst die trübsten Tage erleuchtet hatte.
Mein Herz zog sich bei der Erinnerung zusammen. Ich nahm einen Schluck Kaffee, nur um etwas anderes zu fühlen als das. Plötzlich klingelte mein Handy, das mich mich aus der Erinnerung riss. Ein Name leuchtete auf dem Bildschirm: Chloe.
Ich zögerte, bevor ich den Anruf annahm. Ein Teil von mir wusste genau, dass es ein Fehler ist. Chloe rief nie morgens an – außer sie hatte irgendeine Idee, die garantiert in Ärger endete. Der andere Teil freute sich trotzdem über ihre Stimme.
„Na endlich! Lebst du noch?“, dröhnte es mir direkt entgegen. Ich lachte leise. „Guten Morgen, Chloe. Ja, ich lebe noch. Kaum zu glauben, oder?“
„Kaum!“ Sie klang übertrieben empört. „Ich dachte schon, du bist irgendwo zwischen deinen Giftpflanzen zusammengebrochen. Oder du hast dich in deinem grünen Dschungel eingeschlossen und redest jetzt mit deinen Blumentöpfen.“
Ich grinste und warf meinen Pflanzen einen kurzen Blick zu. „Nur mit denen, die zuhören.“ Chloe kicherte am anderen Ende, bis ihre Stimme sanfter wurde.
„Hör zu, ich wollte dich was fragen. Heute Abend steigt eine kleine Party bei Mike. Thomas bringt Musik, Julia sorgt für Drinks … und du kommst auch.“
Ich rollte mit den Augen, auch wenn sie es nicht sehen kann. „Chloe, ich weiß, was bei Mikes Partys passiert. Letztes Mal hast du versucht, mich zu überreden, auf ein Dach zu klettern.“
„Das war Romantik, nicht Wahnsinn!“
„Es war ein Sturz mit Ansage.“
Sie lachte wieder, doch dieses Mal klang es ein bisschen gehemmt. „Ich will nur, dass du rauskommst, Laila. Ein bisschen Ablenkung, verstehst du? Ich weiß, was für ein Tag bald ist.“
Ich schwieg für einen Moment. Mein Blick fiel auf das Foto neben der Balkontür – Mama, lachend in der Sonne, mit einem Strauß wilder Blumen in der Hand. Der Schmerz war noch da, leise, aber unnachgiebig.
„Chloe…“
„Hey, kein großes Ding.“ Ihre Stimme wurde wieder etwas heller. „Nur ein Abend. Ein paar Freunde, Musik, vielleicht tanzen wir, vielleicht reden wir über alles – oder über gar nichts. Wie du willst.“
Ich seufzte. „Und wo ist der Haken?“
„Kein Haken!“ Ich hörte ihr Grinsen durch das Telefon. „Na gut, vielleicht gibt’s später noch etwas Lustiges. Thomas hat da was über diesen alten Friedhof erzählt –“
„Aha.“
„Was?“
„Ich sag’s gleich: Wenn es wieder irgendwas mit Kerzen, Flüchen oder Geistern zu tun hat, bin ich raus.“
„Versprochen.“ Sie klang zu unschuldig. Ich kannte sie lange genug, um zu wissen, dass versprochen bei ihr nichts bedeutete. „Na gut. Ich überlege es mir.“
„Nein, du überlegst nicht. Du kommst. Ich hol dich um acht ab.“ Bevor ich widersprechen konnte, hatte sie bereits aufgelegt. Ich wusste, dass Chloe recht hatte. Ich sollte rausgehen, Menschen sehen, lachen und irgendetwas anderes unternehmen, als mich in alten Erinnerungen zu vergraben. Und trotzdem regte sich tief in mir dieses leise Unbehagen.
Das Taxi hielt mit einem leisen Ruck und durch das Fenster sah ich die Auffahrt zu Mikes Haus – oder besser gesagt: zu dem, was aussah wie das Ergebnis einer Wette zwischen einem Architekten und einem Rockstar: Hohe Fenster, zugezogen mit dunklen Vorhängen, eine breite Treppe, die zum Eingang führte und irgendwo drinnen dröhnte schon Musik, dumpf und vibrierend, als würde das Haus selbst atmen. Ein paar bunte Lichter flackerten hinter den Scheiben, warfen kurze Farbflecken in die Nacht.
Chloe zupfte ihren Rock zurecht, bevor sie ausstieg. Sie trug ein silbernes Top, dass bei jeder Bewegung glitzerte und eine schwarze Lederjacke. Ihre Lippen waren dunkelrot geschminkt und ihre Augen mit Glitzer umrahmt. Sie sah aus, als wäre sie aus einem Musikvideo entsprungen. Ich dagegen… Ich trug ein schlichtes schwarzes Kleid, knielang und mit dünnen Trägern. Dazu eine Jeansjacke– alt, aber bequem – und einfache Vans. Ich fühlte mich nicht unwohl, aber neben Chloe fühlte ich mich immer ein bisschen wie der ruhige Hintergrund zu ihrem Feuerwerk.
„Na los“, sagte sie. „Wir sind eh schon spät dran. Mike wird sich freuen, dich endlich mal wieder zu sehen.“
Der Abend war mild, aber es lag etwas in der Luft, dass ich nicht richtig einordnen konnte. Ein Geruch nach feuchtem Gras und Rauch, gemischt mit einem Hauch Parfüm, Alkohol und Hitze. Das Geräusch der Stimmen kam uns entgegen, während wir über die Auffahrt gingen.
„Sieht aus, als hätte Mike endlich wieder zu viel Geld in Lichterketten investiert“, murmelte ich, als wir die Treppe hinauf liefen.
„Und in Bier“, fügte Chloe lachend hinzu.
Drinnen empfing uns eine Welle aus Musik, Stimmen und Bewegung. Der Bass pulsierte durch den Boden, die Luft roch nach Zigaretten, Schweiß und irgendetwas Süßem – vielleicht verschütteter Alkohol oder ein billiges Parfüm.
„Laila!“ Mikes Stimme dröhnte durch das Stimmengewirr, kurz bevor er aus der Menge auftauchte – ein breites Grinsen, zerzauste Haare und ein Shirt, das vermutlich mal weiß war. „Ich dachte schon, du bist endgültig zur Einsiedlerin geworden!“
„Nur in Teilzeit“, erwiderte ich trocken. Er lachte, klopft mir auf die Schulter und reichte mir ein Glas. Ich lehnte es dankend ab. Chloe dagegen nahm ihres sofort entgegen und prostete uns beiden zu.
Ich erkannte Thomas an der improvisierten Anlage, Julia auf dem Sofa mit einem Drink in der Hand, halb am Lachen, halb am Einschlafen. Alles wirkte normal. So, wie es immer war. Und doch … als ich meinen Blick durch die breiten Fenster warf, hinaus in den Garten, sehe ich, wie sich Nebel zwischen den Bäumen sammelte. Ganz leicht. Fast unsichtbar. Ein grünlicher Schimmer, der sich in der Dunkelheit verlor.
Ich blinzelte. Vielleicht war es nur das Licht der Party, das sich spiegelte. Vielleicht.
Die Stunden verschwammen zwischen Musik, Stimmen und dem Klirren der Flaschen. Lichter flackerten an den Wänden, bunte Schatten tanzten über Gesichter und der Geruch von Alkohol, Parfüm und Rauch hing schwer in der Luft. Ich hatte irgendwann aufgehört, mitzuzählen, wie oft Chloe mich zum Tanzen aufgefordert hatte. Sie lachte, drehte sich, stieß eine Vase um, fing sich und rief: „War Absicht!“
Mike lief mit einer Schale Chips durch die Gegend, Thomas hantierte mit der Musik und Julia hatte sich auf der Couch breitgemacht, um sich mit mir über belanglose Dinge zu unterhalten.
Mit jeder Stunde leerte sich das Haus ein bisschen mehr, bis irgendwann nur noch wir fünf übrig waren. Die Musik lief leiser, dumpf aus einem Lautsprecher, leere Flaschen standen überall herum und der Geruch von Bier hing in der Luft.
Ich saß mit Julia auf der Couch, während sie träge an ihrem Getränk nippte und ihre Augen halb geschlossen waren. Die Jungs saßen mit Chloe auf dem Teppich, jeder mit einer letzten Flasche in der Hand. Das Licht war gedimmt und nur noch eine schwache, gelbliche Lampe brannte. Draußen hatte sich die Nacht über den Garten gelegt.
„Also“, begann Chloe plötzlich, mit diesem Ton, der immer Ärger bedeutete. Sie lehnte sich vor, ihre Lippen glänzten im Lampenschein. „Wisst ihr, was ich neulich wieder gelesen habe?“ Mike verdrehte die Augen. „Wenn du jetzt wieder mit deinen Geistergeschichten anfängst –“
„Nein, nein! Diesmal ist´s was Richtiges.“
Sie beugte sich näher an uns heran, flüsterte fast. „Die Legende vom Poison King.“
Ich seufzte leise. „Oh, bitte nicht schon wieder. Ich dachte, wir hätten die Geschichte in der Schule schon zehnmal gehört.“
„Ja, aber das war die langweilige Version!“ rief sie und zeigte mit ihrer leeren Flasche auf mich. „Die mit den Daten und Jahreszahlen und komischen lateinischen Namen. Ich meine die echte Geschichte.“
Thomas lachte leise. „Die mit dem Fluch und dem Friedhof?“
„Ganz genau.“ Chloe grinste breit. „Der verfluchte Graf. Der Mann, der seine Frau vergiftet haben soll. Der danach einfach … verschwunden ist. Und angeblich jeden heimsucht, der seinen Namen bei Nacht ausspricht.“
„Wow“, murmelte Julia schläfrig, „klingt nach einem großartigen Gute-Nacht-Geschichte.“
„Lach du nur“, sagte Chloe und lehnte sich zurück. „Aber das Grab soll es wirklich geben. Irgendwo hinter dem alten Kirchwald, auf diesem verlassenen Friedhof. Und laut Legende kann man ihn rufen, wenn man seinen Grabstein berührt – bei Mitternacht, versteht sich.“
„Und was genau passiert dann?“ fragte ich.
„Tja…“ Sie lächelte geheimnisvoll. „Dann soll er erscheinen. Der Poison King. Der, der die Seelen der Neugierigen vergiftet. Und wer Pech hat, wacht nie wieder auf.“
Mike lachte laut auf. „Klingt nach einem tollen Date für Halloween.“
„Nein, wirklich!“ beharrte Chloe. „Ein Mädchen aus der Nachbarschaft hats vor Jahren versucht. Seitdem ist sie verschwunden. Die Polizei meinte, sie sei weggelaufen. Aber manche sagen, sie ist nie vom Friedhof zurückgekommen.“
Ein kurzer Moment der Stille folgte. Draußen streifte der Wind gegen die Fenster. Ich warf einen Blick hinaus und stellte fest, dass der Nebel jetzt dichter über dem Garten lag, als hätte er sich aus dem Boden geschlichen, still und grünlich schimmernd. Ein Schauer lief mir über den Rücken.
„Also,“ sagte Mike nach einer Weile, „wer traut sich?“ Er grinste, halb im Scherz, halb in diesem Ton, der immer nur eins bedeutete: eine Mutprobe.
Ich schüttelte den Kopf. „Ihr seid unmöglich.“
Chloe hob die Brauen, ihr Blick ruhte direkt auf mir. „Na komm schon, Laila. Du bist doch sonst immer die Vernünftige. Wie wäre es, wenn du mal was Verrücktes machst?“
Ich wollte etwas erwidern – aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Vielleicht lags an der Müdigkeit. Oder an dem Blick in ihren Augen.
Oder an dem Nebel draußen, der sich so seltsam bewegte, als würde er uns beobachten...