Schatten über Lysford - Band 1 (GERMAN Version)

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Summary

 Dark Romance  Enemies to Lovers  {BOOK 1] Aldric hat sein Leben lang in einem kleinen, namenlosen Dorf überlebt – einem unbedeutenden Fleck in Lysford, den kaum jemand beachtet. Harte Arbeit, Verzicht und ein unbeugsamer Wille haben ihn und seine Familie bisher über Wasser gehalten. Doch eines Tages reicht all das nicht mehr aus. Der Hunger wird unerträglich, und zum ersten Mal muss Aldric mit ansehen, wie seine Familie droht, daran zu zerbrechen. Aus Verzweiflung trifft er eine Entscheidung, die ihn alles kosten könnte. Er sucht den einzigen Mann auf, von dem man sich hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass er Lösungen bietet – wenn man bereit ist, den Preis dafür zu zahlen. Was sich zunächst wie ein einfacher Handel anhört – Aldrics Leben im Austausch für den Schutz seiner Familie – entpuppt sich schneller, als ihm lieb ist, als eine weitaus grausamere Wahrheit. Denn hinter den Verträgen verbirgt sich mehr als bloße Abmachungen. Und ein Interesse, das weit über das hinausgeht, was Aldric je erwartet hätte. Gefangen in einem Spiel, dessen Regeln er nicht kennt, wird ihm klar, dass er sich auf etwas eingelassen hat, das ihn nicht nur brechen, sondern verschlingen könnte – wenn er nicht rechtzeitig begreift, worauf er sich wirklich eingelassen hat. Und doch ist es nicht nur die Dunkelheit, die ihn bedroht. Denn aus Angst wird Nähe. Aus Abscheu wächst etwas, das er nicht fühlen dürfte. Was als Opfer begann, wird zu einem grausamen Spiel aus Macht, Abhängigkeit und Verlangen. Und Aldric hätte sich niemals vorstellen können, dass ausgerechnet der Mann, der ihn zerstören will… derjenige sein wird, dem er verfällt.

Status
Complete
Chapters
30
Rating
5.0 3 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Aller Anfang...


Der Wind pfiff durch die alten Holzbalken des Bauernhauses und fand seinen Weg durch jede Ritze, die die Jahre in das Gebäude gefressen hatten. Im Kamin flackerte das Feuer nur noch schwach, sein müdes Knistern war die einzige Wärme, die noch in der kleinen Stube lag.

Aldric saß auf der rauen Holzbank am Tisch, die Ellbogen schwer auf seine Knie gestützt, den Kopf in die Hände gelegt. Für einen langen Moment rührte er sich nicht.

Vor ihm stand Seren. Seine Schwester hatte die Arme vor der Brust verschränkt, ihre schmalen Finger krallten sich in die Ärmel ihres abgetragenen Kleides, als müsste sie sich an etwas festhalten. Schweigend sah sie auf ihn hinab, und die Sorge in ihrem Gesicht war kaum zu übersehen.

Es war wie an fast jedem Abend. Nachdem sie draußen ihre Arbeit beendet hatten – sofern man das überhaupt noch so nennen konnte –, saßen sie hier in der Stube, in diesem kleinen Bauernhaus am Rand ihres Dorfes, das schon immer ihr Zuhause gewesen war.

Doch in den letzten Wochen hatte sich etwas verändert. Es war kälter und leerer geworden. Still auf eine Weise, die sich falsch anfühlte.

Seren betrachtete ihren älteren Bruder, und Aldric wusste nur zu gut, was sie sah.

Ein Gesicht, das eingefallen wirkte. Tiefe Schatten unter den Augen, die sich nicht mehr wegdenken ließen. Einen Mann, der von zu vielen Tagen ohne richtige Nahrung und zu vielen Nächten ohne Schlaf gezeichnet war.

Am Morgen hatte er sein Spiegelbild im Wasserfass gesehen und den Mann darin kaum wiedererkannt.

Doch was hätte er tun sollen?

Die Ländereien rund um ihr Dorf waren noch nie leicht zu bestellen gewesen. Der Boden war hart und karg, und selbst in guten Jahren hatte man sich jeden Sack Getreide mit harter Arbeit verdienen müssen.

Aber dies war kein gutes Jahr.

Es war schlimmer als alles, woran Aldric sich erinnern konnte.

Das Getreide war auf den Feldern verdorrt, lange bevor es richtig reifen konnte. Die Tiere waren schwach geworden, einige waren trotz all ihrer Bemühungen bereits verendet. Und das Wenige, was ihnen noch geblieben war, musste mit jedem Tag dünner aufgeteilt werden.

Am schlimmsten war jedoch, dass es nicht nur ihnen so erging. Überall rund herum hörte man dieselben Geschichten. Eine verehrende Hungersnot zog auf.

Und Hilfe war nirgends in Sicht. Die Hauptstadt reagierte nicht auf Hilfs Gesuche und der Stadthalter ihres Dorfes gab ebenfalls keine Vorräte aus den Speichern ab. Man wusste nicht einmal, ob es überhaupt Notvorräte gab.

Doch auch von dort bekam man nichts als Schweigen.

Schließlich hob Aldric den Kopf.

„Es geht nicht mehr so weiter, Seren“, sagte er, seine Stimme tief und rau vor Erschöpfung. „Der Hof gibt nichts mehr her und ich kann kein Geld herbeizaubern.“

Er stieß einen leisen, bitteren Atemzug aus.

„Wenn wir so weitermachen, verhungern wir.“

Seren presste die Lippen fest aufeinander. Sie wusste, dass er recht hatte. Sie hatten alles versucht. Den Boden noch einmal umgegraben, obwohl er längst ausgelaugt war. Mit den Nachbarn gesprochen, Vorräte getauscht, jede noch so kleine Möglichkeit genutzt, um etwas Essbares aufzutreiben.

Doch nichts hatte geholfen.

Die Felder blieben karg. Die Scheune leer.

„Dann müssen wir eben anders Geld verdienen“, sagte sie schließlich leise. „Ich kann in der Stadt arbeiten gehen.“

Aldric hob den Kopf. Sein Blick traf sie hart, fast zornig.

„Nein. Du bist eine Frau. Niemand wird dich einstellen. Und wenn doch… dann nur zu einem Preis, den ich niemals zulassen werde.“

Serens Kinn hob sich trotzig, auch wenn sich in ihren Augen ein Schatten der Erschöpfung spiegelte.

„Ich bin kein Kind mehr, Aldric. Ich kann helfen. Ich will helfen!“

„Nicht so!“

Er fuhr hoch und sprang von der Bank auf, als hätte ihn etwas gestochen.

In einem Land wie diesem verdiente man selten ehrliches Geld. Die Höfe konnten sich keine Arbeiter leisten. Jeder zusätzliche Mensch bedeutete ein weiteres Maul, das gefüttert werden musste – und Nahrung war bereits jetzt kaum vorhanden. Wer Arbeit suchte, fand sie nur selten auf ehrliche Weise.

Und Frauen… Frauen wurden in solchen Zeiten für ganz andere Dinge gebraucht. Allein der Gedanke ließ Wut in Aldrics Brust aufsteigen.

„Ich weiß genau, woran du denkst“, sagte er scharf. „Und das kommt nicht infrage.“

Seren wich seinem Blick nicht aus.

„Wir müssen irgendetwas tun.“

„Aber nicht das.“

Seine Stimme wurde härter. Er erinnerte sich nur zu gut an das Versprechen, das er an seines Vaters Sterbebett gegeben hatte. Er hatte geschworen, auf seine Schwester Acht zu geben, damit ihr nichts Schreckliches widerfuhr. Und dieses Versprechen würde er niemals brechen.

Er wusste, dass draußen im Umland manche Familien bereits andere Entscheidungen getroffen. Kinder verschwanden aus den Häusern. Jungen wurden als Knechte verkauft und Mädchen… für andere Zwecke. Aldric konnte den Menschen kaum einen Vorwurf machen. Wenn der Hunger kam, sahen viele keinen Ausweg mehr.

Doch für ihn stand eines fest.

Seren würde niemals zu einem Preis verkauft werden, nur damit sie noch ein paar Wochen länger überlebten. Nicht solange er noch atmete.

Seren sah ihn weiterhin fest an, und trotz ihrer harten Worte lag in ihrem Blick eine Verzweiflung, die seiner eigenen kaum nachstand. Sie wollte ebenfalls nur helfen und eine Lösung finden, genau wie er. Doch Aldric wusste bereits jetzt, dass dieses Gespräch nirgendwohin führen würde.

Sie waren beide zu stur. Und beide zu verzweifelt.

Aldric starrte mehrere Minuten lang schweigend in das Feuer, das noch schwach im Kamin brannte. Die Flammen leckten müde über das halbverkohlte Holz, während das Licht über die rußgeschwärzten Steine der Feuerstelle flackerte.

Selbst ein Feuer am Abend würde bald zum Luxus werden.

Holz war knapp geworden. Nahrung noch knapper. Und wenn der Winter wirklich so hart wurde, wie manche behaupteten, würden sie ohne Wärme irgendwann erfrieren.

Die Nächte waren jetzt schon zu kalt.

Seine Finger krallten sich unbewusst in den bröckeligen Stein des Kaminsimses. Ein Stück Mörtel löste sich unter seinem Druck und rieselte auf den Boden.

Irgendwann seufzte er schwer.

„Ich kann den Stadthalter um Arbeit bitten.“

Seren erstarrte.

„Er braucht immer starke Männer“, fuhr Aldric fort und starrte weiter in die Glut, als würde er dort nach einer Antwort suchen. „Ich kann mich nützlich machen.“

Serens Atem stockte. Ungläubig starrte sie ihren Bruder an.

„Du kannst doch nicht ernsthaft in die Dienste dieses Mannes treten wollen!“

Ihre Stimme war plötzlich scharf.

„Aldric, du weißt, was mit den Leuten passiert, die für ihn arbeiten. Hast du vergessen, dass die meisten niemals zurückkommen?

Und wenn doch… dann sind sie nicht mehr sie selbst.“

„Das sind nur Gerüchte“, knurrte Aldric.

Doch selbst für seine eigenen Ohren klang seine Stimme hohl. Er wusste genauso gut wie sie, dass mehr hinter diesen Geschichten steckte.

„Ich kann nicht tatenlos hier sitzen und zusehen, wie du dich aufopferst, während ich nichts tue“, fuhr er fort. „Ich bin der Mann dieses Hauses, Seren. Ich muss eine Lösung finden.“

„Und du glaubst wirklich, der Stadthalter gibt dir eine ehrliche Arbeit?“

Seren trat einen Schritt näher zu ihm, ihre Stimme bebte vor aufgestauter Angst.

„Er wird dich zerbrechen, Aldric. Er wird dich zu etwas machen, das du nicht bist. Und dann verliere ich nicht nur unseren Hof… sondern auch dich.“

Ihre Augen glänzten und Tränen sammelten sich darin.

Aldric schüttelte langsam den Kopf und fuhr sich durch sein zerzaustes Haar.

„Ich habe keine Wahl.“

„Doch, die hast du!“

Seren blieb hartnäckig.

„Wir werden einen anderen Weg finden. Vielleicht kann ich für eine reiche Familie arbeiten. Nähen, putzen, irgendetwas. Oder wir finden doch noch eine Möglichkeit, die Ernte zu retten.“

Aldric schloss für einen Moment die Augen. Diese Gedanken waren ihm nicht fremd. Er kannte sie nur zu gut, hatte sie unzählige Male durchgespielt, in langen Nächten, in denen der Schlaf ihn mied und ihm nichts blieb als das Kreisen seiner eigenen Zweifel.

Und doch kam er jedes Mal zum selben Ergebnis.

Es gab keinen anderen Weg.

Nicht nur Seren und er standen vor dem Abgrund. Die Menschen rund um ihr Dorf litten genauso – Nachbarn, Freunde, ganze Familien, die seit Generationen auf diesem Land lebten und nun ebenso wenig wussten, wie sie den nächsten Winter überstehen sollten. Für Aldric waren sie nicht einfach nur Dorfbewohner. Sie gehörten zu seinem Leben. Und damit auch zu seiner Verantwortung.

Vielleicht gab es wirklich keinen anderen Ausweg mehr.

„Hörst du dir eigentlich selbst zu?“, fragte er heiser, ohne den Blick zu heben. „Du glaubst wirklich, du kannst mit ein paar geflickten Kleidern oder sauber geschrubbten Böden genug Geld verdienen, um uns beide über Wasser zu halten?“

Serens Hände ballten sich zu Fäusten, der Stoff ihres Kleides spannte sich unter ihrem Griff.

„Und du glaubst wirklich, dass du stärker bist als all die anderen Männer, die sich dem Stadthalter unterworfen haben?“

Ihre Augen funkelten ihn an, voller Wut – und etwas darunter, das schwerer wog als Zorn.

„Du glaubst, du kannst einfach ein paar Jahre für ihn arbeiten und dann als derselbe Mann zurückkehren?“

Ihre Stimme wurde leiser, doch genau das machte sie eindringlicher, ließ jedes Wort tiefer gehen.

„Ich kenne dich, Aldric. Du wirst dich ihm nicht beugen. Dafür bist du viel zu stur.“

Sie schluckte, und für einen kurzen Moment brach etwas in ihrem Ausdruck auf.

„Aber wenn du dich ihm widersetzt… dann wird er dich brechen.“

Ein Zittern lag nun in ihrer Stimme, kaum hörbar und doch unübersehbar.

„Und dann… dann wird nichts mehr von dir übrig sein, das zu mir zurückkehren kann.“

Stille senkte sich über den Raum.

Im Kamin war das Feuer inzwischen fast vollständig erloschen. Nur noch glühende Asche lag zwischen den verkohlten Holzstücken und warf ein schwaches, rötliches Licht in die immer dunkler werdende Stube.

Aldric atmete schwer, spürte, wie sich seine Brust langsam hob und senkte, während sich die Worte seiner Schwester in ihm festsetzten.

Er wusste, dass sie recht hatte.

Doch was sollte er tun?

Einfach zusehen, wie sie sich selbst opferte?

„Ich kann dich nicht dieser Welt aussetzen, kleiner Stern“, sagte er schließlich leise.

Seine Stimme klang müde und schwer.

„Du bist hier auf dem Hof sicher.“

Langsam hob er den Blick und sah zu ihr auf.

„Und du bist wichtig, Seren. Die Kinder aus der Nachbarschaft brauchen dich.“

Für einen Moment hielt er inne, als würde ihm das nächste Eingeständnis schwerfallen.

„Ich brauche dich hier.“

Seren trat einen Schritt näher, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

„Dann lass mich auch für dich da sein.“

Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seine rauen Finger, die noch immer am Kaminsims ruhten. Ihre Berührung war sanft, beinahe zögerlich, als hätte sie Angst, dass schon die kleinste Bewegung ihn von ihr fortreißen könnte.

„Lass mich helfen.“

Aldric schloss die Augen.

Für einen Moment musste er gegen etwas in sich selbst ankämpfen. Seine Schultern spannten sich an, sein Atem wurde schwerer, als müsste er eine Entscheidung treffen, die ihm jede Kraft raubte.

Dann zog er seine Hand langsam zurück.

„Lass uns morgen wieder darüber sprechen“, murmelte er schließlich und wandte sich von ihr ab.

Er war zu müde für einen weiteren Streit.

Seren blieb stehen. In ihren Augen lag Schmerz – und eine wachsende Frustration, die sie kaum noch verbergen konnte. Sie wusste genauso gut wie er, dass ihnen die Zeit davonlief, doch Aldric wollte die Angst in ihr nicht noch weiter nähren.

Draußen heulte der Wind und rüttelte an den Fensterläden, als wolle er die angespannte Stille im Raum auseinanderreißen. Die alten Holzbretter des Hauses ächzten unter den Böen.

Aldric starrte in das schwache Glimmen der Glut im Kamin. Die letzten roten Funken zuckten zwischen der grauen Asche, als würden sie sich ebenso verzweifelt gegen das Erlöschen wehren wie er gegen die Gedanken in seinem Kopf.

Er spürte Seren hinter sich, spürte ihre Enttäuschung wie eine schwere Last auf seinen Schultern.

Er hasste solche Momente.

Hasste es, mit ihr zu streiten, wo sie doch nur noch einander hatten. Doch noch mehr hasste er dieses Gefühl der Hilflosigkeit, das sich immer tiefer in seine Brust fraß.

Ein dumpfes Klopfen durchbrach plötzlich die Stille.

Aldrics Kopf fuhr hoch, und ein Schatten huschte über sein Gesicht.

„Wer kann das zu dieser Stunde sein?“

Seren wich unruhig einen Schritt zurück.

Aldric griff instinktiv zur Seite, wo seine alte Axt an der Wand lehnte. Seine Finger schlossen sich fest um den Griff, und das Holz knarzte leise unter dem Druck.

Normalerweise hätte er nicht gezögert zu öffnen. Er kannte jeden Mann und jede Frau, jedes Kind aus der Umgebung. In einem Dorf wie diesem blieb niemand lange fremd, und Gesichter waren so vertraut wie die Felder, die sie bestellten.

Doch seit die Hungersnot drohte, hatte sich etwas verändert.

Immer öfter tauchten fremde Gestalten auf. Menschen, die niemand kannte, mit hungrigen Blicken und leeren Händen, die versuchten, sich an dem festzuhalten, was anderen noch geblieben war.

Mit einem kurzen Blick zu Seren, der ihr verdeutlichen sollte, dass sie hinter ihm bleiben sollte, trat er schließlich zur Tür und öffnete sie.

Kalte Nachtluft strömte in die Stube.

In der Dunkelheit vor dem Haus zeichnete sich die Gestalt eines Mannes ab, in einen speckigen Mantel gehüllt, dessen Stoff vom Regen und vom Leben gezeichnet war. Sein Gesicht wirkte bleich im fahlen Mondlicht, die Haut von Wind und harter Arbeit gegerbt. Seine Augen waren weit aufgerissen und voller Panik.

Aldric erkannte sofort einen seiner Nachbarn Stefan. Langsam lockerte er den Griff um die Axt ein wenig.

„Aldric… du musst kommen… schnell…“

Die Stimme des Mannes zitterte, brüchig und heiser, als hätte er den ganzen Weg hierher kaum Luft bekommen, und selbst die wenigen Worte schienen ihm Mühe zu bereiten.

„Sie… sie haben ihn… er…“

„Ganz ruhig, Stefan. Was ist passiert?“, entgegnete Aldric und bemühte sich, seine Stimme ruhig zu halten, auch wenn sich sein Körper bereits wieder anspannte und seine Hand sich unbewusst fester um den Griff der Axt schloss.

Stefan beugte sich leicht nach vorn, rang nach Luft, als müsste er die Worte erst mühsam zusammensetzen.

„Sie haben Garren…!“

Er schnappte nach Luft, dann presste er die nächsten Worte hervor, als würden sie ihm schwer auf der Zunge liegen.

„Die Männer des Stadthalters… sie haben ihn abgeholt, Aldric. Als er seine Abgaben heute nicht mehr leisten konnte, haben sie ihn einfach mitgenommen.“

Aldric spürte, wie sich etwas in seinem Inneren zusammenzog, während ihm die Bedeutung dieser Worte mit voller Wucht bewusst wurde.

„Scheiße…“, entwich es ihm leise, rau und kaum mehr als ein Atemzug.

Garren war für ihn nie nur ein Nachbar gewesen.

Der alte Müller hatte ihm oft geholfen, mehr, als Aldric je offen zugeben würde, und Stefan wusste das nur zu gut, sonst wäre er nicht in dieser Nacht hierhergeeilt.

Seit dem Unfall, der Garrens Bein vor Jahren zerstört hatte, war jede Arbeit für ihn zur Belastung geworden, und dennoch hatte er nie aufgegeben, hatte sich immer weiter durchgebissen, auch dann noch, wenn es längst keinen Grund mehr dafür zu geben schien.

Aldric und Seren hatten geholfen, so gut sie konnten, hatten versucht, ihm etwas von dem zurückzugeben, was er ihnen einst gegeben hatte, doch sie alle wussten, dass ihre Kräfte begrenzt waren und dass sie die Last eines ganzen Lebens nicht auffangen konnten.

Und doch durfte das nicht so enden.

Für Aldric war Garren mehr gewesen als ein Nachbar, mehr als ein Freund – er war das, was einem älteren Bruder am nächsten kam, und der Gedanke, ihn einfach gehen zu lassen, ohne etwas zu tun, war unerträglich.

Mit einem festen Griff zog Aldric seinen verschlissenen Mantel von der Wand.

„Trommle die anderen zusammen, Stefan“, sagte er ruhig, doch in seiner Stimme lag eine Entschlossenheit, die keinen Widerspruch duldete.

Stefan nickte sofort, als hätte er genau diese Antwort erwartet, und verschwand ohne ein weiteres Wort wieder in der Dunkelheit und dem strömenden Regen.

Bis vor kurzem waren es nur Gerüchte gewesen, kaum mehr als leise geflüsterte Geschichten darüber, dass die Männer des Stadthalters Menschen holten, wenn sie ihre Abgaben nicht mehr leisten konnten. Niemand hatte es wirklich glauben wollen, weil es zu grausam klang, selbst für Zeiten wie diese.

Doch nun war es Realität geworden.

Die Menschen hier draußen hatten schon immer ums Überleben gekämpft, hatten schlechte Jahre überstanden und sich durch Hunger und Kälte getragen, und irgendwie war es bisher immer weitergegangen.

Aber offenbar hatte die Stadt genug gesehen.

Und Aldric wusste, dass sie das nicht einfach hinnehmen konnten, nicht, wenn von dort oben keine Hilfe kam, obwohl sie sie am dringendsten brauchten.

Er griff nach seiner Axt und wollte sich bereits abwenden, als er plötzlich Serens Hand an seinem Handgelenk spürte, die ihn zurückhielt.

„Aldric…“, sagte sie leise, und als er sich zu ihr umdrehte, lag panische Angst in ihrem Blick. „Was hast du vor?“

„Du bleibst hier“, antwortete er ruhig, aber mit fester Stimme. „Verbarrikadiere dich im Haus und geh nicht nach draußen, hörst du?“

Für einen Augenblick zog er sie an sich, hielt sie fester, als er es eigentlich wollte, bevor er sich wieder von ihr löste und ihr direkt in die Augen sah.

„Du wirst sehen. Es wird alles gut.“, sagte er leise, und obwohl seine Worte ruhig klangen, lag darin ein Versprechen.

„Wir holen Garren zurück.“


Hey ihr Lieben,

ich hoffe, Kapitel 1 hat euch neugierig gemacht!

Lasst mir gern ein Like oder einen Kommentar da – ich freue mich riesig darüber.

Viel Spaß beim Weiterlesen! 🖤

Eure Luna

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