Kapitel 1 - Ein sonniger Balkon
Samstag. Eine durchschnittliche Großstadt. Die letzte Zählung ergab 221.004 Einwohner*innen. In eben dieser Großstadt existierte eine durchschnittliche Straße, die an dieser Stelle der Stadt von Nord nach Süd führte. 2 Spuren, zu wenige Parkplätze, Geh- und Radweg an den Seiten, die an durchschnittlichen, mehrgeschossigen Mehrfamilienhäusern vorbeiführten. Einzig unterdurchschnittlich: die Anzahl der Wolken am Himmel. Und so strahlte die Sonne an diesem Vormittag an einem fast wolkenlosen Himmel und wärmte die Fassaden und Balkons, die nach Osten zeigten.
Ein von ganz tief innen kommendes, orange-schwarzes, entspanntes Seufzen entwich einem weit geöffneten, mit Reißzähnen bewehrten, herzhaft gähnenden Maul.
Nach Ansicht des Wesens auf diesem Balkon im dritten Stock eines durchschnittlichen Mehrfamilienhauses war es die exakt richtige Uhrzeit, um absolut nichts zu tun.
Das Wesen hob träge die rechte Hinterpranke und kratzte sich hingebungsvoll hinter dem Ohr. Der Kopf legte sich dabei schief und die Augen fielen genüsslich zu während die Krallen den Juckreiz beseitigten. Dann sank die Pranke zurück und das Wesen schüttelte den massiven Kopf und streckte sich. Ein erneutes herzhaftes Gähnen entblößte das eindrucksvolle Gebiss und die Krallen schabten über den Beton.
Kaya Brinkmann sah in Tigergestalt nicht aus, wie jemand, die studiert hatte, einen Universitätsabschluss hatte, jährlich fluchend eine Steuererklärung - mit Beiblatt W für erhöhte Ausgaben für Hausrat und Lebensführung - abgab und sich über den Preis für Kaffeebohnen und Steaks ärgerte. Aber so war das eben, wenn man zwei Körper hatte: In einem Körper konnte man sich hervorragend mit der Hinterpranke hinter dem Ohr kratzen. Der andere verglich Handyverträge und gab Steuererklärungen ab. Die meisten Menschen haben nur einen Körper. Ungefähr jeder sechste zwei. Man nannte sie Wandler. Und Kaya war, seit sie mit vierzehn Jahren auf dem Sofa eingeschlafen und als zweihundert Kilogramm schwerer Tiger wieder aufgewacht war - sehr zum Verdruss des Sofas - eine von ihnen.
Aber: Die Prioritäten an Samstagen waren klar. Erstens: Kein Wecker. Zweitens: Kaffee vor Kommunikation. Drittens: Mindestens eine Stunde in Tigergestalt auf dem Balkon liegen. Augen halb geschlossen, Sonne auf der Schnauze und dabei so tun, als ginge die Welt sie nichts an.
Der Balkon in dem wunderbaren, für Wandler gebauten Altbau zeigte zur Straße. Nach Osten. Morgens Sonne, mittags Schatten, den ganzen Tag perfekt. Sie lag also auf ihrem perfekten Balkon, hatte eine Vorderpranke unter dem verstärkten Balkongeländer hindurchgeschoben und ließ sie entspannt baumeln. Eine Angewohnheit, die ihre Mutter als unkultiviert und sie als Freiheit bezeichnete. Unter ihr: Parkende Autos. Ein ruhiger Samstag. Ein Wolf mit Tennisball im Maul, der neben seinem joggenden Partner herlief. Kaya blinzelte träge. Alles wie immer. Alles perfekt.
Sie dachte einige Minuten darüber nach, ob sie ihr Plätzchen verlassen sollte, um den neu gekauften IKEA MYSIG aufzubauen. Ihre Kollegin hatte ihn empfohlen. Selbst Löwenwandlerin und sehr zufrieden mit der Stabilität. Kaya hatte sie darauf hingewiesen, dass eine Löwin mindestens fünfzig Kilogramm leichter war. Ihre Kollegin hatte mit den Schultern gezuckt. Und Kaya hatte ihn gekauft, da die obere Plattform ihres alten Kratzbaums nach einem bedauerlichen Zwischenfall mit einem Lichtpunkt und ihren Raubkatzenreflexen eine bedenkliche Schieflage aufwies. Nein. Das konnte warten. Ein leichter Luftzug strich über das feine Fell an ihrer Nase. Ja. So konnte man es sich als Großkatze gut gehen lassen. Langsam schoben sich die Nickhäute vor ihre Augen und tauchten die Welt in einen wunderbaren, weißen Schleier. Eine Taube flatterte irgendwo in der Nähe. Unten fuhr ein Fahrrad vorbei. Ein Lieferwagen hielt. Ihr scharfes Katzengehör erkannte an dem Schlagen der Türe, dass es der Transporter von DPD war. Ja. Ein wunderbarer, ruhiger Samstag.
Huf-Geklapper auf der Straße. Sie schreckte hoch. Ihre Ohren richteten sich instinktiv auf das Geräusch. Eigentlich war sie Hufgeklapper von Nachbarn oder Passanten gewöhnt. Dieses Klappern aber unterschied sich. Es klang nicht durchschnittlich. Es klang ...silbrig. Oh nein. Sie weigerte sich, Geräusche nach Farben zu benennen. Aber dieses Geräusch. Dieses sehr spezielle Geräusch wurde ihr regelrecht in ihren Katzenkopf gepresst. Oh nein! Das war kein Pferd. Das war ... ihr Kopf fuhr herum. Sah die Straße hinunter. Und erblickte ein Einhorn, das in einem lockeren, erhabenen Trab die Straße entlang kam. Den Kopf mit dem irisierenden Horn stolz erhoben. Es war - sie hasste das Wort, dass ihr Hirn ungewollt produzierte - prächtig: Das Fell schimmerte in der Sonne. Das Horn glitzerte und funkelte in allen Farben. Alles an dem Einhorn schrie danach, dass jemand unglaublich viel Zeit und Geld in Fell, Schweif, Mähne, Hufe und Horn gesteckt hatte. Der strahlend weiße Kopf bog sich nach links. Dann nach rechts. Und zurück. Und es sah dabei - noch eine ungewollte Kommentierung ihres eigenen Gehirns - elegant aus! Es suchte etwas. Dann ein sehr von sich und Einhörnern im Allgemeinen überzeugter Blick. Ganz offensichtlich war es fündig geworden und fiel vom Trab in einen entspannten Schritt. Das Einhorn stand nun schräg unter ihrem Balkon. Sie sah das teuer wirkende Tragesystem. Ein sündhaft teures, sehr exklusives, - nun - sehr veganes, italienisches Tragesystem. Ihr funktionales Furtex-Tragesystem, mit dem sie die Kleidung für ihren menschlichen Körper transportierte, war dagegen, schlicht. Jede Wandlerin, jeder Wandler verwendete ein solches System. Aber: Ein Einhorn hatte ihren wohlig-warmen Samstagvormittag gestört. Einhörner! Ein Equide störte ihre Samstagsruhe. Sie spürte den Impuls und hörte, wie die Geräusche leiser wurden. Ihre Ohren hatten sich unterbewusst nach hinten gelegt. Eine eigenständige Reaktion ihres Tigerkörpers darauf, wenn ihre Laune sank. Und das tat sie, wenn einer ihrer sehr geschätzten, sonnigen Samstagvormittage gestört wurde. Ein leises Grollen ließ ihr Fell im Nacken, die Tasthaare und die feinen Haare auf der Schnauze zittern.
Dann ein scharfes Klacken. Huf auf Metall. Das Metall des großen Klingelbretts, das auch Pfoten, Pranken oder Hufe bedienen konnten. Das leise, melodische Ding-Dong aus der Wohnung im Erdgeschoss, wo der Vermieter lebte. Das Einhorn würde doch nicht etwa?! Das Klappen einer Tür drang an ihr linkes, exakt ausgerichtetes Ohr. Schritte aus dem Hochparterre hinunter ins Erdgeschoss. Das Klacken der Eingangstür. Das leise Quietschen des oberen Scharniers. Jetzt drehten sich beide Ohren zu dem ungleichen Duo unter ihr: Der Vermieter, eine Person mit nur einem Körper, und der Einhorn-Wandler.
"Guten Tag!", rief der Vermieter und Kaya hörte das Strahlen in dem Gesicht des gutmütigen Mittfünfzigers. Ein Mensch und Nicht-Wandler mit seinem Herz am rechten Fleck, der sich nie für einen guten Plausch bei einem guten Kaffee zu schade war: "Kommen Sie doch herein!", Fußschritte und langsames Geklapper von Hufen auf der Straße, dann auf dem Eingangspodest und dann im breiten Hausflur. Die Stimme des Vermieters kippte und er bedauerte ehrlich: "Das Haus ist so alt, dass wir hier leider keine Wandler-Kabinen für Gäste haben. Sie", eine aufrichtig bedauernde Pause: "müssen sich leider im Keller wandeln."
Ein halb ungläubiges, halb frustriertes Schnauben hallte durch das Treppenhaus. Kayas Lefzen hoben sich, als sie ihr mindestens eindrucksvolles Gebiss bei einem Grinsen entblößte, das jedes Beutetier schnell das Weite suchen ließe. Sie stellte sich amüsiert vor, wie dieses - ihr Gehirn! - prachtvolle Einhorn in einen staubigen, für Equiden grenzwertig niedrigen und mit Spinnennetzen zwischen den Heizungsrohren hängenden Keller hinabstieg. Ein leises entsetztes Wiehern erklang nachdem sie die Hufe auf der Kellertreppe gehört hatte. Stimmt. Sie hatte beim letzten Besuch in ihrem Kellerabteil das große Spinnennetz am Fuß der Treppe bemerkt. Und ignoriert.
Sie schloss wieder die Augen. Genug über Einhörner nachgedacht. Die Minuten liefen dahin und sie glitt in diesen halb wachenden, halb schlafenden Zustand, den ihr Tigerkörper so wunderbar beherrschte. Nur unterbewusst registrierte sie, dass es fast zwanzig Minuten dauerte, bis sie menschliche Schritte hörte, welche die Treppe hochstapften. Dann ein leises Gespräch. Die Türe des Vermieters und endlich: Stille. Die Sonne war nun ein paar Grad weiter gewandert und wärmte nun die Stelle hinter ihrem rechten Ohr. Ein weiches, genüssliches Grollen ließ ihren Körper sanft vibrieren.
Ein viel zu lautes Raubtier-Brüllen - sie mochte ihre elektronische Klingel, auf welche man eigene MP3-Klingeltöne spielen konnte - unterbrach erneut ihren Samstagvormittag. Jemand war an der Türe. Erwartete sie Post? Ja. Eigentlich schon. Aber erst für Montag. Gut. Es kam vor, dass Pakete früher zugestellt wurden. Aber sie hatte kein Fahrzeug der Post gehört. Vielleicht überhört? Egal. Sie scheuchte den Gedanken beiseite und streckte sich kurz: Vorderpfoten nach vorne, Hinterbeine hoch, durchbiegen - und ah! So viel besser. Sie tappte ins Wohnzimmer, stieß ein lautes Brüllen aus - in dieser Welt das Äquivalent zu 'Ich komme gleich' und wandelte.
Es war kein Kampf, eher ein sanftes Nachgeben. Das vertraute Kribbeln breitete sich von der Wirbelsäule aus, als würde eine warme Welle über sie hinwegrollen. Die massiven Pranken wurden weich, die schweren Muskeln ordneten sich mühelos neu, und das dichte Fell schien einfach in die Haut zurückzusickern, wie Tinte in ein Löschblatt. Zurück blieb nur die blasse, glatte Haut einer Frau, die nun in die achtlos auf das Sofa geworfene Freizeitkleidung schlüpfte.
Der erste Schritt auf menschlichen Füßen war wieder ungewohnt und der Körper fühlte sich regelrecht schwerfällig an. Sie gähnte nun noch einmal, drückte die Türklinke hinunter und sah in das Gesicht eines, ihr fremden Mannes.
Sanft stellte er sich vor: "Guten Tag."
"Hallo.", erwiderte sie. Was sollte sie auch sonst sagen? Wieso stand ein wildfremder und sehr gepflegter - nein, übermäßig gepflegter - Mann in sündhaft teuren Kleidungsstücken vor ihrer Tür? An einem Samstagmorgen, der eigentlich für ein - wie sie sehnsuchtsvoll dachte - wunderbares Balkon-Sonnenbad reserviert war.
Er räusperte sich. Ein Hauch von Wiehern klang durch: "Ich werde in vier Tagen in die Wohnung über Ihren einziehen."
Langsam setzten sich Puzzlestücke in ihrem Kopf zusammen. Der Vermieter. Das Einhorn. Der Besucher jetzt. Der Besucher jetzt war das Einhorn! Oh nein!
"Das ... freut mich sehr.", sie versuchte die Contenance zu bewahren und hoffte, dass es überzeugend genug klang. Erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter, die selbst Tigerwandlerin war: 'Behandle auch Wandler mit Beutetier-Körpern gut! Wir sind alle eine große Familie!'. Ok. Nein. Es hatte nicht überzeugend geklungen. Nicht ein bisschen. Dafür hatte sie ihren Sonnenplatz auf dem Balkon aufgegeben?!
Er ging ohne erkennbare Regung darüber hinweg: "Ich möchte mich Ihnen gerne kurz vorstellen.", eine bedeutungsschwangere Pause: "Gestatten: Leander der Achte von Kleindorf."
Ok. Nein. Nicht diese Art von Namen. Wieso mussten alle Equiden Namen tragen, die nach einem Adelsgeschlecht klangen?! Sie suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen von Ironie - und fand nur die unerschütterliche Ernsthaftigkeit eines Wesens, das zwanzig Minuten Zeit im Keller brauchte, um zu wandeln und sich neu zu kleiden.
"Mhm.", machte sie. Es klang mehr nach einem unterdrückten Knurren als nach einer Bestätigung, aber für ein Einhorn musste das als Höflichkeit reichen: "Kaya Brinkmann. Keine Zahlen. Kein Dorf."
Er nickte langsam. Und es sah würdevoll aus. Verdammt! Sie hatte keine Lust auf eine Unterhaltung mit ihm. Nicht ein bisschen. Der Balkon lockte. Die Sonne lockte. Und das blöde Schild im Nacken ihres T-Shirts juckte! Alles Dinge, über die sie nicht nachdenken müsste, wenn sie noch als Raubkatze auf dem Balkon läge. Er schien davon in keiner Weise beeindruckt zu sein und lächelte:
"Ich freue mich auf eine gute Nachbarschaft, Frau Brinkmann"
Sie zwang ihre Lippen in den Winkeln auch nach oben: "Ja. Auf eine gute Nachbarschaft, ...", oh, verdammt, wie sprach man das noch aus? Herr Kleindorf? Herr von Kleindorf? Achter Herr von Kleindorf? Es brauchte eine pragmatische Lösung. Und er nahm sie ihr vorweg - natürlich gönnerhaft:
"Sie dürfen mich gerne Leander nennen."
"... Leander.", sagte sie. Sie brauchte ihre gesamte Willenskraft, um ihre Mundwinkel nicht nach unten sacken zu lassen. Er nickte noch einmal, drehte sich elegant um - was sie an Aufnahmen der Pferde beim olympischen Dressurreiten denken ließ - und ging zu den Stufen, die nach unten führten. Rasch schloss sie die Türe und schlüpfte auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer aus ihrer Kleidung und damit auch dem T-Shirt mit dem kratzigen Schild. Dann: Ein Gedanke, welcher der Steuerung einer bewussten Bewegung ähnelte - und sie spürte, wie ihr Körper schnell, geräuschlos und angenehm die Form, Farbe und Behaarung änderte. Balkon. Sonne. Jetzt.