Fake Wife - Bound to him

All Rights Reserved ©

Summary

Grace Bennett hat gelernt, zu überleben – nicht zu leben. Mit Narben auf der Haut und in der Seele kämpft sie sich allein durch New York, immer am Rande des Abgrunds. Liebe? Ein Luxus, den sie sich längst abgeschrieben hat. Bis ein Angebot alles verändert. Heirate ihn. Für ein Jahr. Und dein Leben gehört dir. Liam Jensen ist reich, mächtig – und unnahbar. Ein arroganter Playboy mit gebrochenem Herzen, der niemanden mehr an sich heranlässt. Für ihn ist die Ehe nur ein Deal. Ein Spiel. Ein Mittel zum Zweck. Doch was als kalte Vereinbarung beginnt, wird schnell gefährlich. Zu viele Blicke. Zu viele Berührungen. Zu viele Gefühle, die niemals echt sein sollten. Während Grace versucht, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, holt sie diese brutal ein – und droht, alles zu zerstören. Denn manche Wunden heilen nicht. Und manche Menschen lassen dich niemals gehen.

Status
Complete
Chapters
54
Rating
5.0 2 reviews
Age Rating
18+

Chapter 1

Grace Benett, 22 Jahre alt

Ich wache auf, bevor mein Wecker klingelt.

Wie fast jeden Morgen.

Nicht sanft, nicht ruhig, nicht mit diesem friedlichen Gefühl, das Menschen wahrscheinlich haben, wenn sie ein Leben führen, in das sie gern zurückkehren. Bei mir ist es eher ein kurzes Hochzucken, als hätte mein Körper selbst im Schlaf nie ganz vergessen, wachsam zu bleiben.

Ein paar Sekunden starre ich einfach nur an die Decke meines kleinen Apartments. Das fahle Morgenlicht drängt sich durch die halb kaputten Jalousien, malt helle Streifen an die Wand und lässt den Raum noch leerer wirken, als er ohnehin schon ist. Das alte Heizungsrohr gluckert irgendwo, der Kühlschrank brummt, und von draußen höre ich das dumpfe Rauschen der Stadt, die schon wach ist, lange bevor ich es sein will.

Ich bleibe liegen und versuche, nicht sofort nachzudenken.

Denn sobald ich anfange nachzudenken, wird es gefährlich.

Dann kommen die Erinnerungen.

Dann kommt das alte Gefühl zurück, nie wirklich sicher zu sein.

Also zwinge ich mich, mich aufzusetzen. Mein Rücken zieht sofort, dumpf und vertraut. Ich verziehe das Gesicht und lege automatisch eine Hand an die Seite meines unteren Rückens.

Da, wo es immer wehtut.

Ein Überbleibsel von früher.

Ich stehe auf, gehe ins Bad und greife fast automatisch nach dem kleinen Tablettenröhrchen auf dem Waschbecken. Es ist leichter als es sein sollte.

Fast leer.

Natürlich.

Ich schraube es auf, kippe mir eine Tablette in die Hand und schlucke sie trocken. Einen Moment bleibe ich stehen, die Hand noch am Waschbecken abgestützt, und starre auf das Etikett, auf dem mein Name steht.

Diese verdammten Tabletten sind der Grund, warum ich mir nie wirklich erlauben kann, durchzuatmen.

Die Schläge meines Vaters haben nicht nur Spuren auf meiner Haut hinterlassen.

Einmal hat er mich so heftig in den Rücken getroffen, dass ich wochenlang kaum laufen konnte. Damals dachte ich, es geht vorbei, so wie alles irgendwie vorbeigeht. Aber es ist nie ganz verschwunden. Die Ärzte haben später festgestellt, dass meine Nieren etwas abbekommen haben. Eine bleibende Verletzung.

Nichts, was man sieht.

Aber etwas, das bleibt.

Etwas, das behandelt werden muss.

Für immer.

Ohne die Medikamente würde mein Körper irgendwann einfach aufgeben. So klar haben sie es gesagt. Sachlich. Ruhig. Als wäre es nichts Besonderes.

Ich lache leise, ohne Humor.

Für mich ist es alles.

Die Tabletten sind teuer. Viel zu teuer für jemanden, der jeden Monat darum kämpft, Miete und Essen gleichzeitig bezahlen zu können. Manchmal stehe ich vor der Entscheidung, was wichtiger ist.

Und die Antwort ist immer die gleiche.

Überleben.

Im Spiegel an der Wand sehe ich aus, wie ich mich fühle: müde, erschöpft, älter als zweiundzwanzig. Meine dunklen Haare stehen halb in alle Richtungen, unter meinen Augen liegen Schatten, und mein viel zu großes Shirt hängt lose an meinem Körper. Ein Körper, mit dem ich meinen Frieden nie ganz schließen konnte.

Nicht, weil ich ihn hasse.

Sondern weil man mir früh beigebracht hat, dass ich es tun sollte.

Ich bin weich. Kurvig. Etwas mollig. Schon immer gewesen. Meine Mutter hat nie eine Gelegenheit ausgelassen, mich das spüren zu lassen. Als wäre mein Körper ein persönlicher Angriff gegen sie. Als wäre ich falsch, nur weil ich nicht zart, schmal und hübsch auf die Art war, die sie gern gehabt hätte.

Zu dick.

Zu viel.

Zu schwer zu lieben.

Ihre Worte kleben noch immer irgendwo an mir, egal wie oft ich versuche, sie abzuschütteln.

Ich greife nach meinem Shirt, ziehe es über den Kopf — und wie jeden Morgen streift mein Blick kurz die Narben auf meinem Rücken. Die hellen Linien, die sich über meine Haut ziehen, als hätten sie sich dort eingebrannt.

Ich ziehe den Stoff sofort wieder runter.

Ich habe gelernt, nicht hinzusehen.

Nicht morgens.

Nicht jetzt.

Eine halbe Stunde später stehe ich draußen auf der Straße, ziehe meinen Mantel enger um mich und lasse mich vom Lärm der Stadt umspülen. New York ist laut, hektisch und manchmal einfach zu viel — aber es ist auch der einzige Ort, an dem ich jemals das Gefühl hatte, wirklich frei zu sein.

Zumindest ein bisschen.

Ich bin mit achtzehn hierher gekommen. Einfach weg. Ohne Plan. Ohne jemanden. Nur mit dem festen Gedanken, dass alles besser sein muss als das, was ich hinter mir gelassen habe.

Oklahoma.

Ein kleines Kaff, das auf keiner Karte wichtig genug ist, um es zu markieren.

Ein Vater, der mehr Alkohol im Blut hatte als Anstand.

Ein Vater, der mich geschlagen hat.

Nicht nur einmal. Nicht nur aus Versehen. Sondern immer wieder.

Mit Händen. Mit Dingen, die gerade in Reichweite lagen.

Und eine Mutter, die zugesehen hat.

Oder weggesehen.

Was am Ende auf dasselbe hinausläuft.

Ich schnaube leise, während ich an einer roten Ampel stehen bleibe.

Manchmal frage ich mich, was schlimmer war.

Die Schläge.

Oder die Gleichgültigkeit.

Mein älterer Bruder war der Einzige, der versucht hat, sich zwischen uns zu stellen. Aber auch er konnte mich nicht retten. Wie auch? Er war selbst noch ein Kind.

Und dann…

Ich atme einmal tief durch.

Vierzehn.

Ich war vierzehn, als meine Mutter verschwunden ist.

Mit ihm.

Sie hat ihn mitgenommen.

Und mich dagelassen.

Bei unserem Vater.

Allein.

Ich weiß noch, wie ich morgens aufgewacht bin und das Haus zu still war. Wie ich erst gedacht habe, sie wären einkaufen oder so. Und dann gemerkt habe, dass ihre Sachen weg sind.

Dass sie wirklich weg ist.

Dass ich es nicht wert war, mitgenommen zu werden.

Ich schlucke hart und zwinge mich, weiterzugehen.

Das war vor Jahren.

Ich bin nicht mehr dieses Mädchen.

Ich bin stärker.

Ich muss es sein.

Mit sechzehn hatte ich meinen ersten Freund.

Tyler.

Damals dachte ich, vielleicht wäre das endlich etwas Gutes. Vielleicht jemand, der mich ansah und nicht sofort etwas an mir auszusetzen hatte. Tyler war anfangs charmant, aufmerksam, witzig. Er brachte mich zum Lachen, und ich war so hungrig nach Zuneigung, dass ich jedes nette Wort von ihm aufgesogen habe, als könnte es mich retten.

Er war mein erster Freund.

Mein erstes Mal.

Mein erster richtiger Vertrauensbruch.

Am Anfang waren es nur dumme Sprüche. Kommentare über meine Kleidung. Über andere Jungs. Darüber, mit wem ich sprach und wie lange. Dann wurde sein Ton härter. Seine Hände auch. Das erste Mal, als er mich packte, redete ich es mir noch schön. Das zweite Mal nicht mehr. Als er mich später wirklich schlug, stand ich da und begriff mit einer bitteren Klarheit, dass manche Männer sich am Ende doch erschreckend ähnlich sind.

Mein Vater.

Tyler.

Unterschiedliche Gesichter.

Gleiche Gewalt.

Ich habe mir danach geschworen, mich nie wieder auf einen Mann zu verlassen.

Nie wieder.

Als ich achtzehn war und die Highschool hinter mir hatte, bin ich gegangen. Einfach abgehauen. Mit nichts außer dem Willen zu überleben. In New York habe ich genau das getan: überlebt.

Mehr nicht.

Ich habe auf Parkbänken geschlafen. Meinen Rucksack fest an mich gedrückt, als wäre er alles, was ich noch habe.

Bis Mary mich gefunden hat.

Ich weiß noch genau, wie sie vor mir stand, mich ansah und einfach fragte, ob ich Hunger habe. Kein Urteil. Kein Mitleid. Nur… Hilfe.

Sie hat mich mitgenommen.

Mir ein Sofa gegeben. Dann ein Zimmer. Warmes Essen. Zeit.

Die ersten Jahre habe ich bei ihr gewohnt.

Ohne Mary wäre ich heute nicht hier.

Sie hilft mir bis heute, wenn ich es zulasse. Aber ich nehme nicht viel an. Ich will auf eigenen Beinen stehen. Ich muss das.

Auch wenn es bedeutet, jeden Monat zu rechnen.

Auch wenn es bedeutet, manchmal Angst zu haben, dass es nicht reicht.

Das Morning Ember kommt in Sicht, und ich spüre, wie sich etwas in mir entspannt.

„Du bist spät. Zwei Minuten“, begrüßt Ethan mich trocken.

Ich grinse. „Dann feuern Sie mich wohl.“

„Nach drei Jahren? Niemals.“

Und für einen kurzen Moment fühlt sich alles leicht an.

Die Schicht zieht sich wie immer schnell vorbei.

Bis die Glocke über der Tür klingelt.

Ich sehe auf.

Und da ist er wieder.

Der ältere Mann.

Er kommt regelmäßig. Immer gut gekleidet, immer mit diesem ruhigen, aufmerksamen Blick, der mich jedes Mal das Gefühl haben lässt, dass er mehr sieht, als ich gern preisgeben würde. Er sitzt meistens am Fenster, bestellt fast immer dasselbe und redet mit mir, als wäre ich mehr als nur die Bedienung, die ihm Kaffee bringt.

„Guten Morgen, Grace“, sagt er.

Ich lächle leicht. „Guten Morgen. Das Übliche?“

Er nickt.

Dann sieht er mich einen Moment länger an.

„Ja“, sagt er. „Und vielleicht heute ein Gespräch.“

Ich halte kurz inne.

Etwas an ihm ist anders heute.

„Vielleicht“, sage ich.

Und während ich mich umdrehe, habe ich dieses Gefühl in der Brust.

Als würde sich etwas verändern.