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Mehr als nur Ich

Summary

Emma Keller fühlt sich in der Westbridge High School unsichtbar. Während andere Schüler lachen, Freunde haben und scheinbar mühelos durch den Schulalltag gehen, kämpft sie jeden Tag mit Selbstzweifeln und den Blicken der anderen. Für viele ist sie nur „das Mädchen mit dem Gewicht“. Doch hinter ihrer ruhigen Fassade steckt viel mehr: Emma liebt Bücher, zeichnet heimlich in ihre Notizhefte und träumt davon, irgendwann jemand zu sein, den die Welt wirklich sieht. Als plötzlich jemand auftaucht, der sie nicht auf ihr Äußeres reduziert, beginnt Emma langsam zu merken, dass sie vielleicht mehr ist, als die Menschen in ihr sehen. Doch der Weg zu Selbstvertrauen, Mut und echter Liebe ist schwieriger, als sie dachte. „Mehr als nur ich“ ist eine emotionale High-School-Geschichte über Selbstzweifel, Freundschaft, Mut und die Suche nach der eigenen Stärke.

Genre
Romance
Author
TP07
Status
Ongoing
Chapters
16
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 – Unsichtbar

Die Glocke der Westbridge High School durchschnitt den Morgen wie ein scharfer Schnitt durch Stoff. Schrill, ungeduldig, laut genug, dass sie selbst durch die geschlossenen Fenster des Eingangsbereichs zu hören war. Innerhalb von Sekunden füllten sich die Flure mit Stimmen, Schritten, Gelächter und dem metallischen Knallen von Spindtüren. Alles wirkte hektisch, lebendig, zu schnell.

Emma Keller blieb vor der Eingangstür stehen und umklammerte den Gurt ihres Rucksacks ein wenig fester.

Es war ein kalter Herbstmorgen. Die Luft roch nach feuchtem Asphalt, nassen Blättern und diesem typischen Schulgeruch aus Reinigungsmittel, Papier und zu vielen Menschen auf engem Raum. Schüler schoben sich an ihr vorbei, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Manche begrüßten sich laut, andere tippten noch schnell Nachrichten auf ihren Handys, wieder andere eilten mit halb gegessenen Müsliriegeln in den Händen durch die Tür.

Emma atmete einmal tief ein.

Das war ihr Ritual.

Jeden Morgen, bevor sie den Flur betrat, blieb sie für genau diesen Moment stehen. Nicht lang genug, dass es jemandem auffiel. Aber lang genug, damit sie sich innerlich darauf vorbereiten konnte. Auf die Blicke. Auf die halblauten Kommentare. Auf dieses unangenehme Gefühl, in einem Raum voller Menschen gleichzeitig gesehen und doch völlig übersehen zu werden.

Dann setzte sie sich in Bewegung.

Ihr Rucksack war schwer von Büchern, obwohl sie wahrscheinlich die Hälfte davon heute gar nicht brauchen würde. Aber Emma mochte das Gewicht auf ihren Schultern. Es fühlte sich an wie eine Art Schutz. Als würde es sie nach unten drücken, aber gleichzeitig zusammenhalten.

Sie war sechzehn Jahre alt und hatte sich längst daran gewöhnt, dass andere Menschen sie zuerst mit ihren Augen beurteilten und nicht mit ihren Worten. Sie wusste, was sie sahen, wenn sie sie ansahen. Nicht ihre dunkelblonden Haare, die sie morgens meistens zu einem lockeren Zopf band. Nicht ihre ruhigen grauen Augen. Nicht ihre Skizzen, die sie in jedes Heft und auf jeden Rand kritzelte, wenn sie sich langweilte. Und schon gar nicht die Geschichten, die in ihrem Kopf lebten und oft viel schöner waren als die echte Welt.

Die meisten sahen nur eines.

Dass sie zu dick war.

Und an der Westbridge High reichte das schon, um alles andere unsichtbar zu machen.

Emma ging den langen Flur entlang, den Blick gesenkt, ohne wirklich den Boden anzusehen. Sie kannte jeden Schritt auswendig. Rechts waren die naturwissenschaftlichen Räume, links die Spinde der Oberstufe. Die Wände waren mit Bannern in den Schulfarben dekoriert — dunkelblau und silber — und mit Postern für den Herbstball, das Basketballteam und irgendeine Spendenaktion, für die sich sowieso nach einer Woche niemand mehr interessierte.

An einer Gruppe von Cheerleadern vorbei, dann an zwei Footballspielern, die sich gegenseitig gegen die Schultern schlugen und lachten. Emma hörte das Wort „Touchdown“, hörte das Kreischen einer Mädchenstimme und dann das Klacken von Absätzen auf dem Linoleumboden.

Als sie fast bei ihrem Spind angekommen war, hörte sie zwei Mädchen hinter sich.

„Hast du gesehen, was sie heute anhat?“

„Vielleicht passt ihr nichts anderes mehr.“

Beide kicherten.

Emma verlangsamte ihren Schritt nicht. Sie drehte sich nicht um. Sie tat, was sie immer tat: so, als hätte sie nichts gehört.

Es war erstaunlich, wie gut Menschen darin wurden, Dinge zu überhören, wenn sie oft genug verletzt wurden.

An ihrem Spind angekommen, tippte sie den Code ein. 12 – 27 – 6. Die Tür sprang mit einem metallischen Klicken auf. Innen lagen ihre Schulbücher ordentlich gestapelt, ein paar zerknitterte Arbeitsblätter und ihr kleines schwarzes Skizzenheft, das sie überallhin mitnahm. Auf der Innenseite der Spindtür klebte ein alter Postkartenausschnitt mit einer Zeichnung von einem Drachen über einer Burg. Verblasst an den Ecken, aber immer noch schön.

Emma lächelte für einen winzigen Moment.

Drachen waren einfacher als Menschen. In Geschichten wusste man wenigstens, wer das Monster war.

Sie griff nach ihrem Mathebuch und klemmte gleichzeitig ein anderes Heft unter den Arm. Gerade wollte sie die Spindtür wieder schließen, als jemand von hinten gegen sie stieß.

Nicht hart. Aber genug.

Die Bücher glitten ihr aus den Armen und fielen mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Ein Stift rollte quer über den Flur, und das Skizzenheft landete aufgeschlagen direkt vor den Füßen mehrerer vorbeilaufender Schüler.

„Oh verdammt — tut mir leid!“

Emma kniete sich sofort hin, noch bevor sie richtig verstanden hatte, was passiert war. Ihre erste Reaktion war nie Ärger. Immer nur dieses peinliche, hektische Bedürfnis, alles so schnell wie möglich wieder verschwinden zu lassen. Als könnte sie die Szene ungeschehen machen, wenn sie nur schnell genug war.

Sie griff nach ihrem Mathebuch, dann nach dem Heft, doch in diesem Moment erschien eine Hand in ihrem Blickfeld.

Groß. Schmale Finger. Eine leichte Schramme auf den Knöcheln.

„Hier“, sagte eine Stimme.

Emma hob den Kopf.

Für eine Sekunde war der Lärm um sie herum gedämpft, als hätte jemand die Welt leiser gedreht.

Der Junge vor ihr war ihr noch nie aufgefallen. Und Emma war gut darin, Gesichter zu merken. Besonders die, die neu waren. Vielleicht, weil neue Menschen noch nicht entschieden hatten, in welche Schublade sie einen stecken wollten.

Er war groß, größer als die meisten Jungs in ihrem Jahrgang, mit leicht zerzausten dunklen Haaren, als hätte er versucht, sie zu richten und es dann aufgegeben. Seine Augen waren warmbraun und erstaunlich offen. Nicht dieses flüchtige, abtastende Mustern, das sie gewohnt war. Kein kurzer Blick auf ihren Körper, bevor jemand ihr ins Gesicht sah.

Er sah sie einfach an.

Wirklich an.

Und er lächelte.

Es war kein aufgesetztes Lächeln. Kein mitleidiges. Kein höfliches „Ich-bin-ja-so-nett“-Lächeln, das Erwachsene manchmal benutzten, wenn sie glaubten, man merke den Unterschied nicht.

Es war echt.

Emma starrte ihn vielleicht eine Sekunde zu lang an, bevor sie sein Angebot annahm und das Heft vorsichtig aus seiner Hand nahm.

„Danke“, murmelte sie.

„Kein Problem. War meine Schuld.“

Er ging in die Hocke und sammelte ihr Skizzenheft vom Boden auf. Für einen kurzen Moment schoss Panik durch Emmas Körper, weil es offen war. Auf der Seite war eine Zeichnung zu sehen — ein Mädchen mit Rüstung, das auf dem Rücken eines Drachen stand. Nichts Besonderes. Aber genug, dass es sich plötzlich viel zu privat anfühlte.

Der Junge sah die Zeichnung an, dann wieder zu ihr.

„Das hast du gemacht?“

Emma schluckte. „Ja.“

„Wow.“

Nur ein einziges Wort. Aber es klang ehrlich.

Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, also nahm sie ihm das Heft etwas hastiger ab, als beabsichtigt. „Ist nur... irgendwas.“

„Sieht nicht nach irgendwas aus.“

Wieder dieses Lächeln.

Er stand auf und reichte ihr noch ihren Stift, den er offenbar aufgehoben hatte. Erst jetzt bemerkte Emma, dass einige Schüler in der Nähe stehen geblieben waren. Nicht viele. Aber genug, um zu beobachten. Genug, dass sie wieder dieses unangenehme Kribbeln im Nacken spürte.

Der Junge schien es nicht zu bemerken. Oder es war ihm egal.

Er zog ein Blatt Papier aus der hinteren Tasche seiner Jeans. Einen Stundenplan. Leicht zerknittert.

„Okay, ich habe eine vielleicht dumme Frage.“

Emma hob vorsichtig den Blick.

„Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Erster Tag hier.“

Sie blinzelte. „Neu?“

„Offensichtlich, oder?“ Er grinste ein wenig schief. „Sonst würde ich wahrscheinlich nicht aussehen, als hätte ich gegen das Gebäude verloren.“

Trotz sich selbst entkam Emma ein kleines, kurzes Lachen. So leise, dass sie fast hoffte, er hätte es nicht gehört.

Doch er hörte es.

Und sein Blick wurde noch weicher, als wäre dieses kleine Lachen etwas Wertvolles, das man nicht erschrecken durfte.

„Ich bin Liam“, sagte er und hielt ihr kurz die Hand hin, ganz selbstverständlich, als wäre das die normalste Sache der Welt.

Emma zögerte.

Es war nur ein Name. Nur eine Begrüßung. Und doch fühlte es sich seltsam intim an, weil sie nicht daran gewöhnt war, dass jemand sie kennenlernen wollte, ohne einen Grund zu haben.

„Emma“, sagte sie schließlich.

„Freut mich, Emma.“

Sie schüttelten sich die Hand. Seine war warm.

„Weißt du zufällig, wo Raum 204 ist?“ fragte er und warf einen Blick auf seinen Stundenplan.

Emma nickte. „Die Treppe hoch, dann links. Zweiter Flur. Der Raum ist fast ganz am Ende.“

Liam sah in die Richtung, in die sie zeigte, und verzog gespielt das Gesicht. „Klingt, als müsste ich einen kleinen Pilgerweg antreten.“

Wieder musste Emma lächeln. Diesmal etwas deutlicher.

„Du wirst es überleben.“

„Mutige Worte für jemanden, der mich gerade in den sicheren Untergang geschickt hat.“

„Ich bin ziemlich sicher, dass du Mathe meinst. Also ja. Untergang ist möglich.“

Er lachte. Ein echtes, warmes Lachen, das nicht zu laut war und trotzdem sofort Raum einnahm.

Für einen Moment vergaß Emma, wo sie war.

Dann drang der Lärm des Flurs wieder zu ihr durch. Das Knallen von Spinden. Das Gemurmel. Das Geräusch von Schuhen auf dem Boden. Eine Mädchenstimme rief irgendwo Liams Namen — wahrscheinlich hatte schon jemand mitbekommen, dass der Neue gut aussah.

Emma spürte, wie die Realität sie wieder einholte.

Menschen wie Liam sprachen normalerweise nicht lange mit Mädchen wie ihr. Höchstens aus Höflichkeit. Höchstens einmal.

Liam schien ihre plötzliche Unsicherheit nicht zu bemerken. Oder vielleicht bemerkte er sie doch und ignorierte sie absichtlich.

„Danke für die Wegbeschreibung“, sagte er und hob leicht den Stundenplan. „Und fürs Retten meines ersten Schultages.“

Emma zog eine Augenbraue hoch. „Du bist gegen mich gelaufen.“

„Details.“

Sie senkte schnell den Blick, um ihr Lächeln zu verbergen.

„Also... bis dann, Emma.“

„Bis dann“, sagte sie, obwohl sie nicht wusste, warum.

Liam drehte sich um und ging den Flur entlang, eine Hand locker am Rucksackriemen, als würde er sich keine Gedanken darüber machen, wohin er gehörte. Als würde er einfach entscheiden, dass er hier jetzt war und das genug wäre.

Emma sah ihm einen Moment nach.

Nicht lang. Nur kurz.

Dann schloss sie ihren Spind und drückte das Skizzenheft an ihre Brust.

Es war albern, sich wegen so einer kleinen Begegnung anders zu fühlen. Es war nur ein Gespräch gewesen. Ein Missgeschick. Ein neuer Schüler, der freundlich war. Mehr nicht.

Und trotzdem war da etwas.

Nicht Hoffnung — dafür war Emma zu vorsichtig.

Aber vielleicht etwas, das in ihre Nähe kam.

Neugier.

Ein Gedanke, klein und zart, kaum mehr als ein Flüstern in ihrem Kopf:

Was, wenn nicht jeder Mensch sie nur als das sah, was alle anderen in ihr sahen?

Emma schüttelte diesen Gedanken fast sofort wieder ab. So etwas führte nur zu Enttäuschung. Das wusste sie längst.

Sie drückte das Mathebuch enger an sich und ging in Richtung Klassenzimmer.

Doch während sie durch den Flur lief, trug sie etwas bei sich, das am Morgen noch nicht da gewesen war.

Nicht Mut.

Noch nicht.

Aber vielleicht den ersten winzigen Riss in der Mauer, die sie um sich gebaut hatte.

Und manchmal reichte genau das, damit Licht hindurchfiel.

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