Das Mädchen im Wald

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Summary

⚠ Triggerwarnung Dieses Buch enthält Darstellungen von sexuellen Handlungen und Missbrauch, physischer und psychischer Gewalt gegen Menschen und Tiere, psychischen Erkrankungen, Alkoholmissbrauch sowie Selbstverletzung. Bitte nur lesen, wenn du dich emotional dazu in der Lage fühlst. Der Wald – uralt, tief und geheimnisvoll. Für manche ein Ort der Ruhe. Doch dieser Wald birgt etwas Kaltes, etwas Böses. Was bei Licht friedlich wirkt, wird im Dunkeln zu einem Ort, an dem Albträume Wurzeln schlagen und das Unaussprechliche geschieht. Hier lebt Maggie. Sechs Jahre alt, mit einem Blick, der zu viel gesehen hat. Ihre Kindheit ist kein sicherer Ort, sondern ein Sturm. Ihr Vater herrscht voller Wut und Unberechenbarkeit über das Haus. Ihre Mutter ist zerbrechlich, klammert sich an das, was längst verloren ist. Und da ist noch der Fremde – ein Schatten, der sich durch Maggies Leben zieht und tiefe Narben hinterlässt. Hier beginnt ihre Geschichte. Oder endet sie? „Das Mädchen im Wald“ ist ein psychologischer Roman über den Verlust der Unschuld und das Überleben in einer Welt ohne Schutz. Und doch erzählt er leise von einem Funken Licht in der Dunkelheit.

Status
Ongoing
Chapters
29
Rating
n/a
Age Rating
18+

Die Lichung

Es war bereits Abend, als der schwarze, rostfleckige Wagen vom Asphalt der Landstraße auf den matschigen Waldweg bog. Die Scheinwerfer schnitten sich durch die beginnende Dämmerung, warfen flackernde Lichtkegel zwischen die knorrigen Bäume. Im Inneren des Fahrzeugs saß ein kleines Mädchen – ihre Wangen an die kühle Fensterscheibe gepresst, die Augen groß und starr, als suchten sie Halt an der Dunkelheit draußen.

Maggie.

Sechs Jahre alt, mit verfilztem Haar und einem alten Teddybär auf dem Schoß, dessen Gesicht vom Schmutz der letzten Jahre kaum noch zu erkennen war. Sie sagte kein Wort. Kinder in diesem Alter stellen normalerweise tausend Fragen. Doch Maggie war still. Nicht aus Müdigkeit. Nicht aus Trotz. Sondern weil sie gelernt hatte, dass Stille sicherer war als jedes Wort.

Am Steuer saß ihr Vater, Ben. Seine Hände umklammerten das Lenkrad, knochig, schwielig, mit Nägeln, die vom ständigen Kratzen an Flaschenhälsen und Türrahmen eingerissen waren. In seinem Gesicht zuckte kein Muskel. Der Blick war leer, nur ab und zu huschte ein Schatten darüber – als würde ein Gedanke aufblitzen, den selbst er nicht zu fassen bekam.

Der Himmel verdunkelte sich. Ein Gewitter kündigte sich an. Der Wind rüttelte an den Ästen, ließ das Auto schwanken wie ein Boot auf aufgewühltem Meer. Blätter und kleine Zweige tanzten durch die Luft. Ben schien das nicht zu kümmern. Im Gegenteil – er fuhr weiter, tiefer in den Wald hinein, mit der Entschlossenheit eines Mannes, der längst keinen Weg zurück mehr kennt.

Dann, plötzlich, stoppte er. Die Reifen schrammten über Wurzeln, das Auto neigte sich zur Seite. Vor ihnen tat sich eine Lichtung auf – halb überwachsen, fast vergessen. In der Mitte: ein altes Autowrack. Moos überzog das Dach wie ein grüner Teppich, die Scheiben waren eingeschlagen, das Innere voller Laub und Dreck.

Ben stieg aus. Ohne ein Wort öffnete er die Beifahrertür und hob Maggie auf den Arm. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, sie war zu leicht für ein Kind ihres Alters. Er trug sie durch das kniehohe Gras, seine Stiefel hinterließen tiefe Spuren. Vor dem Wrack blieb er stehen, zögerte einen Moment, dann setzte er sie vorsichtig auf den zerfetzten Sitz. Ihre kleinen Beine baumelten ins Leere.

Er beugte sich zu ihr, sah ihr in die Augen. Seine Stimme war ruhig, beinahe sanft, doch in ihr lag ein Schatten:

„Bleib hier sitzen, bis ich wiederkomme.“

Dann drehte er sich um und verschwand zwischen den Bäumen.

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Rückblende: Ein Zuhause aus Angst

Noch vor wenigen Stunden hatte Maggie auf dem kalten Küchenboden ihres Elternhauses gesessen, während ihre Mutter, Gina, versuchte, mit zittrigen Händen eine Suppe zu kochen, obwohl die Vorratskammer fast leer war. Die Luft roch nach Schweiß, Alkohol und alter Angst. In der Ecke lag ein zerbrochenes Glas. Ben war aufgewacht. Und wütend.

Wieder einmal.

Die Regel war einfach: Wenn Ben das Haus betrat, musste alles perfekt sein. Das Essen fertig. Das Haus sauber. Das Kind still. Wenn eines davon fehlte – krachte es.

Gina hatte schon oft versucht, sich ihm entgegenzustellen. In jenen ersten Monaten der Schwangerschaft, als sie ihm sagte, sie wolle das Baby behalten. „Ich kann es nicht töten, Ben. Es ist ein Teil von mir.“ Da hatte er sie zum ersten Mal geschlagen. Nicht aus Affekt. Sondern langsam. Berechnend. Mit dem Hass eines Mannes, der das Gefühl hatte, seine Welt verliere die Kontrolle.

Nach Maggies Geburt wurde es schlimmer. Die Schreie des Kindes raubten ihm den letzten Rest Vernunft. Eines Nachts, als Maggie fieberte, als sie zitterte vor Kälte und Krankheit, als ihre kleinen Lungen verzweifelt nach Luft suchten, war es geschehen: Die Bierflasche. Ginas Schrei. Das Blut auf dem Fliesenboden.

Und dann – die Flucht. Die Straße. Das Krankenhaus. Hoffnung.

Zwei Tage lang lag Gina dort, im weißen Bett, an Maschinen angeschlossen, während Maggie in einem Inkubator um ihr Leben kämpfte. Zwei Tage. Und dann kam Ben. Nahm sie einfach mit. Niemand stellte Fragen. Niemand hielt ihn auf.

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Zurück in der Gegenwart

Die Lichtung war still. Kein Vogel sang, kein Insekt summte. Nur das gelegentliche Knacken eines Astes im Wind. Maggie saß regungslos im Auto. Ihre kleine Hand hielt den Körper ihres Teddys so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Ihre Augen starrten hinaus, in die Richtung, in die ihr Vater verschwunden war.

Er hatte nicht gesagt, wann er zurückkehren würde.

Vielleicht war es diesmal anders. Vielleicht kam er nicht zurück.

Und irgendwo in ihr – tief, tief drinnen – flackerte etwas auf, das sie längst verloren glaubte.

Hoffnung.