Prolog
Henry
Wie geht eigentlich Liebe?
Diese vier Worte waren es, die ich mir mit zwölf das erste Mal stellte.
Auf meiner Suche nach Antworten schreckte ich vor nichts zurück. Meine Mutter hatte lediglich mit den Schultern gezuckt und mich mit dem überschwappenden Whiskeyglas in ihrer linken Hand fahrig zu meinem Vater geschickt, als ich ihr an einem regnerischen Abend in den frühen 2000ern diese Frage stellte.
Mein Vater konnte mir auch keine bessere Antwort geben. Still hatte ich Papa angeschaut und dabei wie immer durch ihn hindurchgeschaut. Aber nicht weil es meinem Vater egal war, sondern weil er seit jenem schrecklichen Autounfall vor vier Jahren nicht mehr direkt ansprechbar war. An diesem verhängnisvollen Tag hatte ich beide Eltern auf einen Schlag verloren, obwohl sie noch an meiner Seite waren.
Ich war es gewohnt Mama schon frühmorgens sturzbetrunken in der Küche vorzufinden, während Papa von einer Krankenschwester im Wohnzimmer versorgt wurde.
Mit vierzehn bemerkte ich das erste Mal ein leichtes Ziehen in der Magengegend. Schuld war der neue Nachbarsjunge, Dominik. Mit sechszehn war er zwei Jahre älter als ich und trotzdem in meiner Klasse. Anfangs dachte ich mir nicht viel dabei ...
Als ich sechszehn wurde kamen wir uns nach Papas Beerdigung das erste Mal näher. Dominik trocknete meine Tränen und wir verbrachten den restlichen Nachmittag miteinander.
Als ich achtzehn wurde, verbrachten Dominik und ich eine leidenschaftliche Nacht miteinander.
Am nächsten Morgen jedoch war nicht nur er weg, sondern auch seine gesamte Familie.
Ich habe nichts mehr von Dominik gehört, bis an jenem schicksalshaften Nachmittag vor einem Jahr …