Prolog
Die Sonne scheint hell über diesen warmen Frühlingsmorgen. Es ist der erste, wirklich warme Tag seit Herbst und das ganze Rudel scheint ihn zu genießen. Viele Familien, auch die, die außerhalb des Rudelhauses wohnen, gehen gerade im Blumengarten spazieren. Ich kann verstehen wieso, um diese Jahreszeit blühen manche Pflanzen schon in voller Pracht.
Das warme Wetter bedeutet zwar, das die Hitze-Season bald wieder anfängt, aber wir sind gut vorbereitet. Unsere Fliederernte – so nennen wir es wirklich, wenn wir den Flieder für die nächste Hitze sammeln – ist dieses Jahr prächtig ausgefallen. Also muss ich mir keine Sorgen machen, dass irgendjemand während der Hitze durchdreht.
Sorgen machen will ich mir sowieso nicht. Dieses Jahr hat perfekt angefangen. Meine zwei Kinder haben sich kurz vor ihrem sechsten Geburtstag das erste Mal verwandelt. Das war zwar sehr anstrengend, sowohl für sie als auch für uns, aber inzwischen lieben sie ihre Wolfformen und machen schon jede Menge Ärger damit. Ich meine, versucht doch mal, zwei Sechsjährige mit zu viel Energie davon abzuhalten, sich ständig in ihre Wölfe zu verwandeln und ihre Kleidung dabei zu zerfetzen.
Apropos Kinder.
„Dad? Und wie heißt diese Pflanze?“ fragt mein kleines Mädchen mit weiten Augen, die vor Ungeduld und Neugier glänzen. Sie kniet vor einem der großen Blumenbeete am Boden und kräuselt ihre kleine Stupsnase. Dabei zeigt sie auf eine Pflanze mit eher spitzeren, gesägten Blättern. „Und wieso hat das keine Blüten?“ fügt sie enttäuscht hinzu.
„Das ist eine Dahlie, Schätzchen!“ lache ich und knie mich neben sie und meinen Sohn, der daneben steht und ungefähr genauso verwirrt dreinschaut. „Die blühen erst im Juli.“
Das Gesicht meiner Tochter hellt sich auf und sie jubelt: „Die heißt ja so ähnlich wie ich!“
„Tja, Dali, du bist auch nach dieser Pflanze benannt.“ Ich streiche ihr sanft mit der Hand über den schwarzhaarigen Kopf, während sie mich mit ihren großen, dunklen Augen ansieht. Tatsächlich ist Dahlia das Ebenbild meiner Mutter, als sie noch klein war. Nur denke ich fast das die Augen meiner Tochter noch eine Spur mehr rot in der Iris haben.
Eine andere kleine Hand legt sich auf meine Schulter. Aster kniet sich eifrig neben mich und blinzelt lächelnd zu mir hoch. „Bin ich auch nach einer Pflanze benannt?“ will er wissen und ich nicke. „Dort drüben. Siehst du diese hellen, lilanen Blüten? Es gibt sie auch in hellblau, so wie deine Augen. Man nennt sie Alpen-Astern.“
„Woooow, die sind ja voll schön!“ ruft mein Sohn entzückt und ich lache. Wie so ziemlich alle Kinder in meiner Familie, stehen die beiden sehr auf Blumen. Ich war auch so, in diesem Alter, auch wenn ich eher damit beschäftigt war, die Blütenblätter einzeln von den Pflanzen zu zupfen. Meinen Vater hat das immer wahnsinnig gemacht.
Dahlia zieht inzwischen eine Schnute und jammert: „Wieso sind seine Blüten schon da und meine nicht? Das ist unfair!“ „Süße, so funktioniert eben die Natur. Gedulde dich noch einen Monat und die Dahlien blühen auch“, tröste ich sie, kann mir aber mein Grinsen kaum verkneifen.
„Na, machts Spaß da unten?“ kommt es auf einmal spöttisch von hinter mir und ich stehe schnell auf. Violas Stimme habe ich sofort erkannt. „Ich weiß nicht, was du meinst…“ murmele ich, verstumme jedoch recht schnell. Viola sieht umwerfend aus. Sie trägt ein langes, weißes Kleid mit silber-blauen Blüten aufgestickt. Ihre blauen Iriden glänzen rötlich im Licht und ihre wunderschönen weißen Haare bewegen sich in der sanften Brise, die durch den Blumengarten weht. Kann sein, dass ich die Hitze schon spüre, aber die Liebe, die ich zu dieser Frau spüre, ist unbeschreiblich.
„Gefällt dir das Kleid?“ flüstert Viola liebevoll und ich nicke lächelnd. Meine Arme schlingen sich um ihre Taille und ziehen sie näher zu mir. „Mom, du siehst so hübsch aus!“ schwärmt Dahlia unter uns. Sie greift sich den langen Rock des Kleides und wickelt sich darin ein. „Ich will auch weiße Haare, übrigens!“ kommt es leicht gedämpft durch den hellen Stoff.
Violas Augenbrauen heben sich, als ob sie nicht wissen würde, wie sie antworten soll. Selbst nach 7 Jahren ist es wohl immer noch schwer für sie zu verarbeiten, dass Leute ihre Albinomerkmale schätzen, anstatt sie zu verachten.
Noch dazu sind wir beide nicht bereit der kleinen Dahlia zu erklären, dass man ihr nicht einfach weiße Haare zaubern kann. Aster hat ja Glück, was das angeht, zumindest wenn man nach Dahlia-Sichtweise geht. Denn die Haare meines Sohnes sind platinblond. Sie grenzen fast an weiß, was dazu führt das seine kornblumenfarbenen Augen extra herausstechen. In seiner Wolfform hat er die Musterung einer Siamkatze, seine Pfoten sind dünkler, während der Rest seines Pelzes die blass-blonde Farbe beibehält.
Zu unserem Glück muss keiner von uns auf Dahlia antworten, weil in diesem Moment Sophia und ihre beiden Kinder in den Garten kommen. Mirella und Silas. Mirella ist Sophias leibliches Kind, das sieht man ihr auch an. Silas wurde als Säugling seiner Mutter, einer Streunerin, abgenommen, als diese gedroht hat ihn zu töten, nachdem sie von einer unserer Patrouillen auf unserem Gebiet erwischt wurde.
Eigentlich wollte Viola das Baby noch in unserer Familie aufnehmen, aber sie hatte mit den Zwillingen schon genug zu tun. Und so kam es, dass Sophia und Carlo sich bereit erklärt haben, den kleinen Silas zu adoptieren.
„Dürfen wir spielen gehen?“ fragt Aster neben mir aufgeregt und läuft schonmal voraus zu Silas. Die beiden sind unzertrennlich, vor allem seit sie beide ihre Wölfe haben. „Sicher…“ murmle ich und breche ab, als Dahlia ebenfalls davon stürmt. „Zieht euch eure Kleidung aus, bevor ihr euch verwandelt, die ist ganz neu!“ ruft Viola noch schnell hinterher.
„Keine Sorge, ich passe auf die Vier auf.“ Sophias Stimme hallt sanft und hilfsbereit zu uns rüber. Sie folgt den Kindern, die um das Rudelhaus rennen, bis sie hinter einer Ecke verschwindet.
„Danke dir!“ Viola sieht ihr nach und dreht sich dann wieder zu mir um, jetzt etwas ernsthafter. „Ich wollte dir übrigens noch etwas mitteilen. Gerade kam ein Informationsbrief vom Ashwood-Rudel an. Ich und Anne haben ihn gelesen.“
„Scheiße…“ seufze ich, ich befürchte sofort das es wieder irgendwelche Streitigkeiten geben wird. Dabei hatten wir jetzt so lange Frieden! „Ist es was Schlimmes?“
„Kommt drauf an, wie du es siehst.“ Viola zögert, dann erzählt sie endlich: „Anscheinend ist Grayson als Alpha zurückgetreten. Hat sich verletzt und kann nicht mehr richtig gehen oder irgend sowas. An seine Stelle…tritt jetzt seine Tochter, Selene.“
Ich hebe überrascht die Augenbrauen. Dass Grayson endlich keinen Ärger mehr machen kann ist natürlich erfreulich zu hören, aber es verwundert mich, dass er seine Tochter, eine Frau, als nächste Alpha wählt. Gerade das Ashwood-Rudel hat ja einen Ruf in Sachen Sexismus. „Naja, ich meine…entweder Selene ist eine gute Alpha und versteht was von Frieden, oder sie ist genauso schwachköpfig wie ihr Vater.“
„Ja, das sehe ich auch so“, nickt Viola. Auf einmal hören wir lautes Kinderlachen von der anderen Seite des Rudelhauses sowie das Jauchzen von Welpen. Violas Mund zieht sich zu einem Lächeln und sie greift nach meiner Hand. „Komm, wir sollten Sophia bei der Aufsicht helfen.“
Ich folge ihr nur allzu gerne. Dieser Frühlingstag ist viel zu schön, um ihn an Politik zu verschwenden.








