Zwischen Feuer und Abgrund

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Summary

Lia Morels Leben in den schottischen Highlands sollte eigentlich gewöhnlich sein – bis sie Kael Noir kennenlernt. Verschlossen, unnahbar und umgeben von einem Netz aus Geheimnissen, stellt Kael Lias Welt vom ersten Moment an auf den Kopf. Während er versucht, sie auf Distanz zu halten, findet sie ausgerechnet in seinem Bruder Elias einen Verbündeten. Elias, das charakterliche Gegenteil von Kael, erkennt schnell, dass Lia eine Wirkung auf seinen Bruder hat, die dieser selbst nicht kontrollieren kann. Doch je näher Lia den beiden kommt, desto tiefer wird sie in eine Welt hineingezogen, die sich ihrem Verständnis entzieht – eine Welt, in der die Grenzen zwischen Verlangen, Gefahr und einer unheimlichen Macht längst verschwommen sind. „Ist das eigentlich eure persönliche Spezialität?“, fragte ich schließlich geradeaus, während ich skeptisch zwischen den beiden Brüdern hin und her sah. „Diese permanenten, unterschwelligen Psychospielchen?“ Elias grinste schwach, doch seine Augen blieben kühl. „Nur, wenn er in Reichweite ist.“ Kael antwortete sofort, ohne auch nur ansatzweise in unsere Richtung zu sehen: „Nur, wenn er den Mund aufmacht.“ Ich ließ den Kopf genervt in den Nacken sinken und starrte nach oben, wo die dichten Baumkronen den grauen Himmel fast vollständig verschluckten. „Ich bereue diese gesamte verdammte Wanderung jetzt schon“, murmelte ich erschöpft.

Status
Complete
Chapters
33
Rating
n/a
Age Rating
18+

Der ganz normale Wahnsinn


Es gab eine Zeit, da hätte ich das alles als Märchen abgetan. Nichts weiter als verstaubte Geschichten, die man sich erzählt, um Kinder vor dem Einschlafen zu ängstigen. Wer hätte jemals gedacht, dass jene Mythen, die in den Schatten unserer Welt lauern, der bitteren Wahrheit entsprechen? Dass Vampire tatsächlich unter uns wandeln. Dass Wölfe keine Legenden sind, sondern hungrige Realität.


Vor einem Jahr hätte ich schallend darüber gelacht. Hätte jeden verspottet, der auch nur den Hauch einer Sekunde an so etwas geglaubt hätte. Doch heute weiß ich es besser. Heute kenne ich das Gewicht dieser Wahrheit. Und vielleicht ist genau diese Erkenntnis mein größter Fehler gewesen. Aber beginnen wir am Anfang – dort, wo das Übel seinen Lauf nahm.


Es war ein Montag. Ein absolut beschissener, durch und durch verregneter Montag. Wie fast jede Woche begann er damit, dass ich grandios verschlief. Mein Wecker – ein nervtötendes Ding, das ich am liebsten gegen die Wand gepfeffert hätte – hatte das Zeitliche gesegnet oder war einfach unter einem Berg aus ungelesenen Büchern begraben. Fluchend sprang ich aus dem Bett, verlor prompt das Gleichgewicht und segelte im Tiefflug auf die Badezimmertür zu. Ich sah mich schon unsanft das harte Holz küssen, doch im letzten Moment fing ich mich mit einem unbeholfenen Satz ab. Ausnahmsweise schienen die Götter heute ein Fünkchen Mitleid mit meiner chronischen Tollpatschigkeit zu haben.


Erleichtert atmete ich aus und stürmte ans Waschbecken. In Windeseile putzte ich mir die Zähne und versuchte, meine blonde Mähne zu bändigen, die sich bei dem schottischen Nieselregen ohnehin sofort in ein unkontrollierbares Nest verwandeln würde. Beim hastigen Anziehen fluchte ich leise über meine eigenen Lebensentscheidungen. In den Highlands zu studieren und ganz alleine in diesem alten, knarzenden Gebäude zu wohnen, war definitiv nicht meine beste Idee gewesen.


Ich lebte erst seit drei Wochen hier, und meine Bude sah aus, als hätte ein Sturm darin gewütet. Die Schmutzwäsche stapelte sich meterhoch und bildete kleine, wackelige Monumente meiner Faulheit. Aber das musste warten – heute galt es erst einmal, den allerersten Tag an der Uni zu überstehen.


Ich war nie wie die anderen gewesen. Keine Fashion-Trends, keine endlosen Gespräche über den neuesten Klatsch, kein Interesse an dem ganzen Kosmos aus Beziehungen und Drama. Während andere sich hinter einer Fassade aus Make-up und falschen Lächeln versteckten, vergrub ich mich lieber in weiten Hoodies, ausgetragenen Jogginghosen und dicken, vergilbten Büchern. Ein Freak, wie die meisten sagen würden. Für mich war das okay. Ich mochte meine Ruhe. Für andere offenbar nicht.


„Shit!", entfuhr es mir, als mein Blick zufällig auf die Uhr an der Wand fiel. 7:30 Uhr. Mein Herz machte einen schmerzhaften Hüpfer.

Ich riss meine Tasche unter einem Klamottenberg hervor, warf mir den Mantel über und stürzte aus der Wohnung. Die Treppe nahm ich fast im freien Fall, fing mich im Taumeln am Treppengeländer ab und rannte hinein in die graue Wand aus schottischem Nieselregen. Die Luft war eiskalt und schmeckte nach feuchter Erde und Torf. Keine zweihundert Meter später war ich bereits bis auf die Haut durchnässt. Ich hasste Sport, auch wenn man es meiner Figur dank meiner Gene vielleicht nicht ansah. Ich war der geborene Couch-Typ – Filme, Serien, Bücher. Das war meine Welt. Dort war ich sicher. Dort war ich jemand.


Nach drei quälenden Häuserblocks tauchte endlich das imposante Unigelände vor mir auf. Ein wogendes, buntes Meer aus Regenschirmen verschluckte fast die komplette Sicht auf die altehrwürdigen Gebäude. *Alles Mimosen*, dachte ich und musste trotz der beißenden Kälte kurz grinsen. Als ob ein bisschen Wasser irgendwen umbringen würde.


Unter dem alten, steinernen Vordach des Haupteingangs knubbelte sich die Masse; die schweren Eichentüren waren noch geschlossen. Ich flüchtete unter eine riesige, knorrige Eiche, deren dichtes Blätterdach die Welt für einen Moment ausgrenzte und mir das Gefühl gab, in einer eigenen, privaten Festung zu stehen. Doch ich war nicht allein.


„Alter, dieses Wetter bringt mich noch um!", zischte eine schrille Frauenstimme direkt neben mir. Ich starrte stur geradeaus auf das nasse Kopfsteinpflaster und ignorierte sie.


„Naja, hier in den Highlands ist das normal. Gewöhn dich besser dran, Angela", erwiderte eine zweite Stimme, die klang, als hätte sie Honig im Mund, aber Gift im Herzen.


„Letztes Jahr war es nicht so schlimm! Ich stehe extra früher auf, um gut auszusehen, und dann das ..."


Ich verdrehte innerlich die Augen. Oberflächlich. Wie immer. Könnten sie nicht einfach über Quantenphysik oder den Untergang des Abendlandes reden? Nein, natürlich nicht.


„Da ist Tony", raunte die erste Stimme plötzlich wieder, und ich spürte förmlich, wie sich ihre Aufmerksamkeit verschob. „Schau nicht hin, aber Lyla hängt schon wieder wie eine Klette an ihm. Diese Bitch."


„Das wird sie noch bereuen", kam die giftige Antwort.


Ich zog die Stirn kraus. Immer dasselbe Spiel. Drama, Besitzdenken, Eifersucht. Als wäre das der Nabel der Welt. Ich verstand es nicht – und ich wollte es auch gar nicht. Als sich die massiven Universitätstüren endlich ächzend öffneten, nutzte ich die plötzliche Bewegung in der Menge, um mich wie ein Schatten hineinzuwuseln. Drinnen empfing mich die wohlige, stickige Wärme des Gebäudes, doch ich fröstelte trotzdem. Mein Mantel war schwer vor Nässe, die Kälte saß mir bis auf die Knochen.


Während des Gehens nestelte ich meinen zerknitterten Stundenplan aus der Tasche und steuerte die Treppen an. Links den breiten Flur entlang, vorbei an den rempelnden Studentenmassen, die sich wie ein lebender Organismus durch den Gang schoben.

Und dann passierte es. Ein Stoß traf mich von hinten. Nicht bloß ein Streifen – ein harter, gezielter Stoß.


Mein Gleichgewicht verabschiedete sich endgültig, die Welt drehte sich um mich, und ich knallte der Länge nach auf den harten, glatten Boden. Meine Tasche rutschte davon und entließ ihren Inhalt – Stifte und Notizblöcke verteilten sich großzügig auf dem Linoleum.


„Pass doch auf, ey!", gellte eine krächzende Frauenstimme über mir.


„Sorry ... hast du dich verletzt?", folgte auf den Fuß eine zweite Stimme, diesmal deutlich näher und mit einem Unterton, der tatsächlich Besorgnis vermuten ließ.


Ich hob mühsam den Kopf, die Haare klebten mir im Gesicht. Ein kräftiges Mädchen mit wachen, aufmerksamen Augen stand vor mir und streckte mir die Hand entgegen.


„Ich konnte nichts dafür, Dalia, ehrlich!", jammerte ein Typ im Hintergrund, der mich offenbar umgerannt hatte.


„Halt die Fresse, Kai!", herrschte das Mädchen – Dalia – ihn an, während sie genervt die Augen rollte. „Komm, ich helf dir auf."


Ihre direkte, ungefilterte Art gefiel mir augenblicklich. Aber genau das machte Menschen in meinen Augen so gefährlich. Sie war scheinbar nett. Aufrichtig. Bis sie es eben nicht mehr war. Erfahrung hatte mich gelehrt, dass man nur so lange sicher war, wie man niemandem zu nahe kam.


„Danke. Ich muss weiter", murmelte ich knapp, ergriff ihre Hand, zog mich hoch und wandte mich sofort ab, ohne ihr wirklich in die Augen zu sehen.


Zu viele Blicke brannten auf meiner Haut. Zu viele Menschen. Zu viel Energie, die mich erstickte.

Mit gesenktem Kopf schlüpfte ich durch die nächstbeste Tür in den Hörsaal und steuerte zielsicher die letzte Reihe an. Fensterplatz. Der einzige Ort, an dem man den Überblick behielt, ohne selbst gesehen zu werden. Meiner – zumindest für den Moment.