Die Himmelskette
Dicke, harte Metallketten rissen die sanften Wolken auf.
Ein Beben.
Ein starker Wind wirbelte den Sand auf. Schlapp fiel die Kette weiter nach unten, wurde jedoch plötzlich straff, als würde jemand am anderen Ende daran ziehen.
Die Kette war so riesig, dass sie nur einem Riesen gehören konnte, der sein Werkzeug verloren hatte. Mit ihrer Wucht riss sie die Erde auf. Das schwarze Metall wirkte matt, doch die ersten Sonnenstrahlen ließen einzelne Stellen aufblitzen.
Ihr Ende verschwand zwischen den Wolken. Kaum hatten sich die Wolken wieder geschlossen, war nur noch zu erkennen, wie die Kette tief in den Himmel ragte.
Leuchtend graue Augen starrten über die dicke Mauer.
Nackte Füße versanken im kalten, grünen Gras. Staunen hielt seinen Atem fest. Eine Kette aus einer unbekannten Welt lag vor ihm und zog eine tiefe Furche durch den Boden.
Geschützt von einer gewaltigen Mauer lag ein einzelner Garten. In seiner Mitte erhob sich ein mächtiger Baum. Seine Blätter waren so groß wie Boote. Der gewaltige Stamm schützte das heilige Reich. Aus seinen Wurzeln entsprang alles Leben, das innerhalb der Mauern existierte.
Der Wind spielte mit Adams langem grauem Haar. Die Strähnen kitzelten seine weißen Schultern.
Ohne nachzudenken, rannte er los.
„Adam! Wo läufst du hin?“, hallte eine Frauenstimme durch den Garten.
Tiere blickten erschrocken auf und flohen in die Büsche.
Doch Adams Neugier war stärker.
Die Mauer war gewaltig. Er wusste, wie klein er im Vergleich zu ihr war. Trotzdem grub er seine Finger in die schmalen Spalten zwischen den Steinen und begann zu klettern.
Schmerzen kannte er in diesem Reich nicht.
Erneut bebte die Erde.
Noch bevor er Halt finden konnte, verlor er den Griff.
Adam fiel direkt in die Arme einer Frau mit denselben grauen Augen. Ihr langes Haar fiel über ihre Schultern und kitzelte seine Nase, sodass er sofort den Kopf wegdrehte.
„Was hast du dir dabei gedacht, Adam?“ Ihre Stirn runzelte sich. „Hinter der Mauer liegen nur tote Wüsten.“
Sie ließ ihn wieder auf das Gras fallen, als wäre er nur Abfall.
„Eva, du hast das doch auch gesehen!“
Frustriert schlug er mit der Faust auf den Boden.
Eva grub ihre Finger nachdenklich in ihr Kinn. Ihr Fuß klopfte unruhig auf die Erde wie ein Hase.
Seine Worte weckten ihre eigene Neugier. Doch obwohl ihr Körper aus einer seiner Rippen entstanden war, konnte auch sie die Mauer niemals überwinden.
Schnell verdrängte sie diesen Gedanken wieder.
„Nein, Adam“, sagte sie und runzelte die Stirn. „Aber ich bin erstaunt, dass du die Befehle unseres Herrn missachtest. Derselbe Herr, der sogar mir verboten hat, die rote Frucht zu essen.“
Ihre Hände verkrampften sich auf ihren Schenkeln.
„Wirklich, Eva?“
Adam hob eine Augenbraue.
„Hast du die Frucht überhaupt einmal richtig angesehen? Sie pumpt wie ein Herz. Das ist doch nicht gesund für eine Frucht, die Apfel heißt.“
Wütend zeigte er auf den verbotenen Baum.
Selbst seine Wurzeln trugen Adams Namen. Doch nur in einem sterblichen Körper würde dieser Name jemals Bedeutung besitzen.
Einige Blätter besaßen sogar Augen.
Jedes Mal starrten sie Eva an, wenn sie schlief oder dem Baum den Rücken zukehrte.
Eva rieb sich über das Kinn.
Insgeheim musste sie Adam zustimmen, auch wenn sie es niemals zugeben würde.


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