1. Eine unbescholtene Kindheit
Als Ull im Alter eines jungen Heranwachsenden war, begann er bewusster zu nicken. Nicht mehr wie der kleine, kindliche Ull, der von Großvater gelernt hatte, dass ein Nicken eine stumme Zustimmung bedeutete. Und stumm zu bleiben war gelegentlich von großer Wichtigkeit.
An welchem Tag genau sein Großvater zur Einschätzung gelangte, er müsse Ull nun nicht mehr jedes Mal ins Farmhaus schicken, wenn Fremde am Tor des Grundstücks die Glocke läuteten, wusste Ull nicht mehr. Aber das spielte auch gar keine Rolle. Eines Tages hatte sein Großvater einfach beschlossen, dass er alt genug sei. Bis zu diesem Tag musste Ull sich beim Erklingen der kleinen eisernen Glocke im Keller des Hauses verstecken und den geladenen Revolver aus dem Versteck unter der alten zugeschütteten Kohlerutsche hervorholen.
Er lag schwer in der Hand und war in ein öliges Tuch gewickelt, welches wiederum in einer kleinen Holzkiste lag, von der Großvater immer als Zigarrenkiste sprach. Ull stieg jedes Mal ein aromatischer Duft in die Nase, wenn er sie öffnete; den er erst viele Jahre später als Tabak identifizieren sollte, als Großvater ihm das Pfeiferauchen erlaubte. Auch wenn es viele weitere Waffen im und rund um das Haus versteckt gab, darunter auch viel leichter handzuhabende halbautomatische Pistolen, bestand Großvater darauf, dass im Kellerversteck ein Revolver liegen musste. So eine Waffe sei zuverlässiger, sagte er. War-tungs-freier nannte er das, und treu wie ein alter Kö-ter. Ull kannte Fotos von Köt-ern, die eigentlich Hunde geheißen hatten.
Wenn also die Glocke geläutet wurde und Ull in den Keller geeilt war, die Schusswaffe aus der Kiste geholt und sich durch hin und her wackeln seines Pos in eine bequeme und fest Sitzposition auf dem Lehmboden begeben hatte, sollte er stets den Revolver auf die Kellertür richten und sich leise verhalten. Wenn Opa vor dem Öffnen der Tür etwas anderes rief als abgesprochen, sollte Ull fünf Schüsse auf die Tür abgeben und die letzte Kugel in der Trommel für sich selbst aufsparen.
Wie das funktionierte – auf eine Tür zu schießen und sich selbst in den Kopf – war Bestandteil von Ulls frühesten Kindheitserinnerungen. Es war wichtig zu wissen, wie sich ein feuernder Revolver in den Händen anfühlte, hatte Opa gesagt. Im Arm und in der Schulter. Vor dem Knall nicht zu erschrecken. Und nicht zu zögern. Und zu wissen, dass es in manchen Momenten keine anderen Prioritäten gab, als mit einer Waffe etwas zu zerstören. Ull konnte sich erinnern, dass er das erste Mal, als sein Opa ihm zeigte, wie er seinen kleinen Arm anwinkeln müsste und auf welche möglichen Stellen seines Kopfes er den Lauf des Revolvers richten sollte, nicht zuhören wollte und geweint hatte. Dass er dann doch tot sei, hatte er mit Tränen im Gesicht hervorgestottert. So tot wie ein Tier, in dessen Kopf man mit einer Waffe geschossen hatte. Dass er dann an einen Ort kommen würde, an dem Opa nicht wäre. Einen Ort, an dem er ganz allein sei. Ulls Großvater hatte einfühlsam reagiert. Er hatte nicht geschrien, weil Ull die Übung nicht mitmachen wollte oder weil er weinte. Das tat Großvater selten und wenn er brüllte, dann meist wenn Ull mehrmals etwas ganz einfaches falsch gemacht, zum Beispiel Werkzeug nicht zurückgelegt oder Unordnung im Haus angerichtet hatte. Nein, Großvater war nicht laut geworden. Er hatte Ull über den Kopf gestreichelt, ihn auf seinen Schoß gehoben ihm mit seinen rauen, sonnenbraunen Daumen die Tränen von den Wangen gestrichen. Dann hatte er Ull tief in die Augen geblickt, mit seinen eigenen hellblauen Augen, die inmitten eines dunklen und runzligen und bärtigen Gesichts saßen und hatte ihm mit seiner Brummbärstimme im ruhigsten aller Tonfälle gesagt:
»Mein lieber, lieber Ull. Wenn der Tag kommt, an dem du diese Übung in die Tat umsetzen musst, dann kommst du an einen schönen Ort, an dem niemand allein ist. Und an diesem Tag wird es so sein, dass ich schon dort bin und auf dich warte. Als Kind allein zu sein in dieser Welt, das ist wirklich schlimm. Hast du das verstanden?«
Ull hatte nicht verstanden, aber er hatte genickt. Ull hatte genickt und sich zeigen lassen, wie man den Arm trotz des schweren Revolvers richtig anwinkelt und an welchen Stellen der Lauf dafür sorgen würde, dass er zusammen mit Großvater an einen anderen schönen Ort gehen würde. Er glaubte, er würde den Knall dabei gar nicht hören, auch nicht wenn er so nah an seinen Ohren besonders laut sein musste.
Ull kam nie in die Situation, auf die Kellertür schießen zu müssen. Einmal hatte er aus Versehen einen Schuss ausgelöst, als er dort unten auf dem Lehmboden saß, in der kühlen Luft, bei dem wenigen Licht, das durch die zwei kleinen Schachtfenster drang. Weil er sich doch erschrocken hatte, als er die Geräusche von Schusswaffen hörte. Diese Geräusche kamen jedoch von draußen. Erst aus einer Waffe, dann aus einer anderen und es waren eindeutig unterschiedliche Kaliber, da war Ull ganz sicher. Trotzdem hatte er geübt, nicht zu erschrecken, wenn er selbst schoss oder wenn er gut sehen konnte, dass sein Opa gleich auf ein Übungsziel oder ein Tier schoss. Dies war aber etwas anderes. Das Loch, dass er in die hölzerne Kellertür geschossen hatte, war noch heute dort. Großvater hatte es absichtlich nicht repariert, nachdem er sichergestellt hatte, dass man beim Hindurchsehen vom Erdgeschoss hinab in den Keller nicht erkennen konnte, ob jemand wie Ull dort auf dem Boden sitzt, auch nicht bei Tageslicht. Er hatte es eine lustige Erinnerung genannt und eine Mahnung, dass mit dem Abzugswiderstand einer Waffe nicht zu spaßen sei und ihm nochmal erklärt, dass man den Abzugsfinger nie auf den Auslöser legen solle, wenn man nicht bereits ein Ziel anvisiert hatte auf das man feuern wollte. Bei dieser Lektion war Ull besonders konzentriert gewesen, da er froh war, dass Großvater nichts geschehen war. Es seien gegenseitige Warnschüsse gewesen, hatte er gesagt.
Großvater hatte vieler solcher weisen Sätze in seinem Kopf und Ull nickte stets, wenn er sie herauslies. Auch wenn dies ein wenig daran liegen mochte, dass er kaum andere Menschen kennengelernt hatte, die irgendwelche Weisheiten an ihn vermittelten. Denn nach und nach nickte Ull, weil er wirklich verstand, was ihm gesagt wurde. Und nicht einfach nur, weil ihm gesagt wurde, dass er nicken solle. Von Opa wusste er fast alles, was er überhaupt wusste. Außer einige Kleinigkeiten, die er bei seinen späteren Streifzügen durch den Wald rund um die Farm, die Schluchten und Täler in der Region unternahm.
Als Großvater irgendwann bemerkte, dass Ulls Muskeln schneller wuchsen und Ull ihm berichtete, dass ihm krause schwarze Haare an Körperstellen wuchsen, an denen bisher keine waren, tätschelte Großvater das letzte Mal Ulls Kopf. Dass Ull nun ein Mann werde, sagte er. Das er kein Kind mehr sei. Und Ull bekam andere Aufgaben auf der Farm. Sie waren anstrengender, erschöpfender, aber vieles ging nach und nach schneller voran, als es früher der Fall war. Als Großvater viele der Arbeiten noch allein machen musste, weil sie zu schwer oder gefährlich für Ull waren. Ull lernte beispielsweise, wie man allein eine Säge benutzte, welche Nägel für welches Holz geeignet waren, wie man Wasser aus dem tiefen Brunnen holte, wie man Draht aufwickelte, was beim Einpflanzen und Ernten diverser Pflanzen wichtig war, wie man Kleintiere, Geflügel, Schweine und Kühe schlachtete, ausnahm und das Fleisch mit Rauch haltbar machte und trocknete. Die größte Änderung, die mit Ulls Heranwachsen vor sich ging, bestand aber darin, dass er sich nicht mehr im Keller verstecken musste, wenn jemand am Tor die Glocke läutete.








