Prolog
Die große Glocke, Orynor, dröhnte durch das Höhlensystem. Ihr tiefer Klang vibrierte in Alecs Brust, ein uralter Ruf, der niemanden ausschloss.
Heute entschied sich sein Schicksal.
Alec stand am Rand des Versammlungsplatzes und rieb nervös seine feuchten Hände an der Hose. Gerade erst neun – gerade erst erwachsen. Zu jung, sagten viele. Zu unzuverlässig. Der Sohn des Mannes, der den Menschen vertraut hatte und fast ihr Ende brachte.
Die Menge wuchs, Schatten verdichteten sich. Stimmen flüsterten.
„Der Fehlerhafte.“
„Der Tänzer.“
„Der Sohn des Irrtums.“
Alec schloss die Augen. Ahnen, bleibt bei mir.
Ein kleines Gewicht stieß gegen seine Seite. Eleren, fast drei Jahre alt, die dunklen Augen voller ungefilterter Liebe. Sie griff nach seiner Hand. „Du schaffst das.“, sagte sie mit der Selbstverständlichkeit, die nur Kinder besitzen.
Er zwang sich zu einem Lächeln. Sie war das Beste, was geblieben war. Der Rest – Brüder, Mutter, Vater – vom Virus genommen. Er sah sie noch vor sich, fiebernd, schwindend. „Ich beschütze unser Volk, Nayro. Ich verspreche es.“, waren seine letzten Worte an seinen Vater gewesen. Und nun stand er hier. Vor der letzten Prüfung.
Der Platz füllte sich mit dem Rest des Volkes. Die Lorynir nahmen ihre Plätze ein, viele Blicke kalt und prüfend. Alec fühlte jeden davon wie eine Nadel. Ein Jahr lang hatten sie ihn geprüft, ausgefragt, an Grenzen getrieben. Ein Jahr, nachdem er aus dem Chaos seiner Jugend hervorgekrochen war.
Doch am Ende hatten sie zugestimmt. Nun musste das Volk zustimmen.
Eleren ließ seine Hand los, als der älteste Lorynir sich erhob. Sie flitzte zurück zu ihrer Tante.
„Aen-Oryx tae“, rief der Lorynir. „Heute fragt euch Alec, Sohn von Faonir Moray. Er bestand die Prüfungen. Wir erlauben ihm die Frage zu stellen.“
Ein Raunen. Alec trat nervös vor. Der Stein unter seinen Füßen schien härter als sonst, die Luft dünner.
Er atmete tief ein. „Ihr kennt mich“, begann er. Seine Stimme zitterte kurz, dann fand sie Halt. „Durch meine Familie, die Schule. Viele kennen Geschichten über mich als Kind.“
Stille legte sich über die Menge.
„Dann kam das Virus. Viele starben. Meine Eltern, meine Brüder. Eure Kinder und Eltern. Unsere Freunde. Ich als Kind ist mit gestorben.“
Ein Murmeln. Schmerz. Zustimmung.
„Wir sind hier. Wir müssen leben, aufbauen. Ich stehe hier für unsere Zukunft. Ich bewies: ich höre die Ahnen. Ich bin würdig ihre Tür zu uns zu sein und uns mit und durch sie zu führen.“
Er sah in die Menge, suchte nicht Zustimmung, nur Ehrlichkeit.
„Mein Vater war ein weiser Faonir. Doch er suchte Frieden mit den Menschen. Das war falsch. Es war Hoffnung. Hat er die Ahnen falsch verstanden? Wir werden es nie wissen.“
Ein schweres Schweigen legte sich über die Versammlung.
„Ich bin nicht mein Vater. Ich bin jung, aber nicht das Kind. Ich bin nicht würdig, weil ich wollte, sondern, weil sie Ahnen mir meinen Weg zeigten und ich folgte. Jetzt stehe ich hier.“
Dann tat er, was die Tradition verlangte: Er setzte sich im Schneidersitz auf den nackten Stein, die Hände auf die Knie, den Blick gesenkt. Er durfte jetzt nicht mehr sprechen. Die Augen wurden verbunden. Die Abstimmung begann. Jedes fallende Sandkorn war wie ein Stein, der schwer auf seine Brust sank. Doch Ungeduld, Nervosität durfte er nicht zeigen.
Der älteste Lorynir trat schließlich hinter ihn und legte ihm die Hände auf die Schultern. Die Abstimmung war zu Ende. Alec hielt den Atem an.
„Erhebe dich, Faonir“, sagte der Lorynir.
Alec öffnete die Augen. Vor ihm stand Misyr, der Oberarzt, mit dem tiefblauen Gewand des Faonirs über dem Arm. Seine Stimme bebte vor Stolz.
„Das ist deines.“
Der Druck auf seiner Brust fiel ab. Er wollte erleichtert lächeln, aber das wäre überheblich gewesen. Er stand demütig auf und ließ sich das Gewand anziehen.
Die Morinyr, die Wächter, schlugen ihre Lanzen im alten Rhythmus an den Boden.
Die Wände antworteten mit hallenden Echos.
Die Menge begann traditionell zu summen. Leise erst, dann stärker, dann wie ein warmer Strom, der ihn trug.
Alec stand da, neu geboren in der Rolle, die ihn für immer verändern würde. Für die er geboren worden war. Er hoffte inständig der Rolle gewachsen zu sein. Leichter würde es für ihn ab jetzt nicht mehr werden.








