Prolog
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Stille.
Nicht diese normale Stille, die entstand, wenn Musik kurz stockte oder jemand im Raum den Faden verlor.
Nein.
Diese Stille war schwer. Dicht.
Als hätte jemand die Luft aus dem Coffeeshop gezogen und alle gezwungen, für einen Moment nicht mehr zu atmen. Ein paar Sekunden lang bewegte sich niemand. Kein Löffel klirrte gegen Porzellan. Keine Kaffeemaschine zischte. Kein Stuhl kratzte über den Boden. Nur Regen, der dumpf gegen die großen Fenster prasselte.
Und mein Herz. Viel zu laut in meiner Brust. Dann richteten sich die Blicke auf ihn. Auf den Mann, der gerade hereingekommen war, als würde ihm die Welt gehören. Groß. Breite Schultern. Schwarze Kleidung.
Nasse Haare, die ihm leicht in die Stirn fielen. Ruhig. Gefährlich ruhig.
Seine Jacke spannte über seinen Armen, als hätte sein Körper längst gelernt, was Kraft bedeutete. Nicht die Sorte Kraft, die man zeigen musste. Sondern die, die man spürte, noch bevor sie sich bewegte.
„Wer ist das?“, flüsterte jemand hinter mir. „Keine Ahnung”, kam zurück.
Ich wusste es auch nicht. Aber irgendetwas in mir reagierte auf ihn, noch bevor mein Kopf überhaupt verstand, was passierte. Mein Magen zog sich zusammen, während meine Finger sich fester um das feuchte Tuch in meiner Hand krallte.
Er ignorierte sie alle. Die Gäste mit ihren neugierigen Blicken. Den Typen an der Theke, der noch immer viel zu nah bei mir stand. Sein Blick lag nur auf einer Person.
Auf mir.
Und irgendetwas an der Art, wie er dastand ließ keinen Zweifel zu:
Das hier war kein Junge mehr. Und ganz sicher niemand, mit dem man sich anlegen sollte. Seine Augen glitten langsam über mich. Nicht auf diese widerliche Art, wie es andere Männer manchmal taten.
Nicht hungrig. Nicht billig. Sondern prüfend.
Als würde er in Sekunden jedes Detail erfassen. Meine Schultern sind angespannt, meine Hände zitterten. Der verschütteten Kaffee auf meiner Schürze. Den Schritt, den ich unbewusst zurückgewichen war.
Und dann seinen Blick. Den Blick des Mannes neben mir. Sein Kiefer spannte sich an. Nur ganz leicht. Aber ich sah es. Oh Gott, ich sah es. Etwas Dunkles huschte über sein Gesicht. Kein Ausbruch. Keine laute Wut. Etwas viel Schlimmeres. Kontrolle. Er ging los. Langsam. Jeder Schritt ruhig. Sicher. Bedrohlich.
Die schwarzen Stiefel trafen auf den Boden, und obwohl er nicht laut war, hörte ich jeden einzelnen Schritt bis in meinen Brustkorb.
Der Typ neben mir lachte leise.
„Alles gut, Prinzessin”, murmelte er und beugte sich wieder ein Stück näher zu mir. Sein Atem roch nach Alkohol und kaltem Rauch. „Wir unterhalten uns doch nur.”
Meine Haut zog sich zusammen. Ich hasste dieses Wort. Prinzessin. Aus seinem Mund klang es nicht süß. Es klang wie eine Hand um mein Handgelenk. Wie ein Befehl. Wie ein Besitzanspruch. Ich wollte etwas sagen. Wirklich. Aber meine Stimme steckte fest. Er blieb direkt vor ihm stehen. Nicht zu nah. Nicht aggressiv. Und genau das machte es schlimmer. Er musste nicht schreien. Er musste nicht drohen.
Seine bloße Anwesenheit reichte, um den Raum kleiner wirken zu lassen. „Sie hat Nein gesagt.” Seine Stimme war tief. Ruhig. Rau.
Und sie traf mich irgendwo, wo ich es nicht erwartet hatte.
Der Alki drehte langsam den Kopf zu ihm. Sein Blick wanderte an Ihm hoch. Von den Stiefeln über die schwarze Hose, die breite Brust, bis zu seinem Gesicht.
Für einen Moment flackerte Unsicherheit in seinen Augen. Dann grinste er. Dumm. Viel zu dumm. „Und wer bist du? Ihr Aufpasser?” Er blinzelte nicht einmal. „Heute? Ja.” Mein Atem stockte. Heute.
Dieses eine Wort legte sich zwischen uns wie ein Versprechen, das niemand ausgesprochen hatte.
Der Typ lachte wieder, aber es klang jetzt anders. Dünner. Unsicherer. „Ach komm. Die Kleine braucht bestimmt keinen Bodyguard." Sein Blick wurde kälter. „Doch.” Nur ein Wort. Mehr nicht. Aber es schnitt durch den Raum. Ich spürte, wie meine Knie weich wurden. Nicht, weil ich Angst vor Ihm hatte.
Sondern weil mein Körper plötzlich begriff, dass er nicht mehr alleine kämpfen musste. Dass da jemand stand.
Zwischen mir und allem, was mir gerade zu nah kam. Der Alki machte einen Schritt auf Ihn zu. Ein Fehler. Ein richtig beschissener Fehler. Er bewegte sich kaum. Nur seine Hand hob sich. Schnell. Präzise.
Er packte nicht grob zu. Er legte seine Finger lediglich an die Brust des Mannes und stoppte ihn damit, als wäre er nichts weiter als ein Gegenstand, der ihm im Weg stand. Der Typ erstarrte. Er beugte sich minimal vor.
„Noch ein Schritt”, sagte er leise, „und du bereust es.”
Mein Puls hämmerte. Nicht wegen der Drohung. Sondern wegen der Art, wie er sie sagte. Nicht laut. Nicht gespielt. Ehrlich. Der Mann schluckte. Ich sah es. Alle sahen es. Dann hob er beide Hände und trat zurück.
„Schon gut, Alter. Kein Grund, direkt auszurasten.” Er sah ihn weiter an. „Raus.” „Was?” „Raus.” Diesmal war seine Stimme dunkler. Endgültig.
Der Typ presste die Lippen aufeinander, murmelte irgendwas, das ich nicht verstand, und schob sich dann an Ihm vorbei Richtung Tür.
Für einen kurzen Moment dachte ich, es wäre vorbei. Dann blieb er neben mir stehen. Zu nah. Schon wieder.
„Wir sehen uns, Prinzessin.” Ich erstarrte. Er drehte den Kopf. Langsam.
Und der Blick, den er ihm zuwarf, ließ selbst mir einen Schauer über den Rücken laufen. Der Typ sagte nichts mehr. Er ging.
Die Tür fiel erneut ins Schloss. Diesmal lauter. Der Regen verschluckte ihn. Niemand sprach. Ich stand da. Mit brennenden Augen. Zitternden Fingern. Und einem Körper, der nicht wusste, ob er fliehen oder zusammenbrechen sollte.
Er drehte sich zu mir. Alles Harte in seinem Gesicht blieb. Aber seine Augen veränderten sich. Nur ein kleines bisschen. Genug, dass ich es merkte. „Hat er dich angefasst?” Meine Kehle war trocken. Ich schüttelte den Kopf. Dann nickte ich.
Dann schüttelte ich wieder den Kopf, weil ich selbst nicht wusste, was die richtige Antwort war.
Sein Blick fiel auf mein Handgelenk. Ich folgte ihm. Rote Fingerabdrücke. Nicht stark. Nicht schlimm. Nicht schlimm genug, um daraus etwas zu machen. So hätte ich es zumindest vor fünf Minuten noch gesagt. Er sah das anders. Sein Gesicht wurde reglos.
„Natascha.”
Mein Name aus seinem Mund traf mich viel zu hart. Viel zu tief. „Hat er dich angefasst?” Diesmal klang seine Stimme leiser. Aber nicht weicher. Kontrollierter. Gefährlicher. Ich schluckte. „Nur kurz.” Er atmete durch die Nase aus.
Langsam. Als würde er etwas in sich zurückhalten, das besser niemand sehen sollte. Dann griff er nach meiner Hand. Nicht fest. Nicht besitzergreifend. Vorsichtig. Seine Finger waren warm. Rau.
Und als sein Daumen einmal über die gerötete Stelle strich, zog sich mein Bauch schmerzhaft zusammen.
Ich hasste, dass ich darauf reagierte.
Ich hasste, dass mein Körper sich in diesem Moment nicht nur sicher fühlte.
Sondern wach. Viel zu wach. Seine Nähe war anders als die des anderen. Nicht bedrängend. Nicht ekelhaft. Sondern gefährlich auf eine Art, die mich nicht wegstoßen ließ. Sondern näher ziehen wollte. Und genau das machte mir Angst. Er hob den Blick. „Du kommst mit mir.” Ich blinzelte. „Was?” „Nach hinten.”
Seine Augen wanderten kurz durch den Raum. Zu den Gästen. Zu meiner Kollegin hinter der Theke. Zu all den Menschen, die so taten, als würden sie nicht zuhören.
Dann wieder zu mir. „Du brauchst eine Minute.” Ich wollte widersprechen. Natürlich wollte ich das. Ich war nicht schwach. Ich brauchte niemanden.
Schon gar keinen Mann, der einfach auftauchte, den Raum beherrschte und entschied, was besser für mich war.
Aber dann zitterten meine Finger wieder. Verräterisch. Er sah es. Natürlich sah er es. Sein Blick wurde dunkler.
Nicht vor Wut. Vor etwas anderem. Etwas, das sich fast wie Sorge anfühlte. „Natascha”, sagte er noch einmal. Diesmal leiser. Und ich hasste es.
Ich hasste, wie mein Name in seiner Stimme klang. Wie etwas, das er nicht fallen lassen würde. Wie etwas, das ihm gehörte, obwohl es das nicht tat. Noch nicht.
Ich zog meine Hand aus seiner. Nicht, weil ich seine Berührung nicht wollte. Sondern weil ich sie zu sehr wollte. „Ich kann selbst laufen.” Ein Hauch von etwas zog über sein Gesicht. Fast ein Lächeln. Aber nicht ganz. „Hab ich nie bezweifelt.” Dann trat er zur Seite. Gab mir Platz. Ließ mich entscheiden.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum ich ging. An ihm vorbei. In Richtung Mitarbeiterraum. Mit klopfendem Herzen. Mit brennender Haut. Mit dem Gefühl, dass ich gerade nicht nur einem betrunkenen Arschloch entkommen war.
Sondern direkt in etwas hineingelaufen bin, das viel gefährlicher werden könnte.
Er folgte mir. Nicht zu nah. Aber nah genug, dass ich ihn spürte. Hinter mir. Ruhig. Wachsam. Wie ein Schatten. Wie eine Warnung. Wie ein verdammtes Versprechen.
Und als die Tür zum kleinen Flur hinter uns zufiel, wusste ich mit erschreckender Klarheit: Dieser Abend würde etwas verändern. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht nicht laut. Aber irgendwann.
Irgendwann würde ich auf diesen Moment zurückblicken und verstehen, dass alles hier angefangen hatte. Mit Regen. Mit Angst. Mit seiner Stimme.
Und mit einem Mann, der mich ansah, als wäre ich kein Problem, das er lösen wollte. Sondern ein Feuer, das er bereit war brennen zu lassen.








