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Beresford Empire - Buch 1 - Eine Andere Welt

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Summary

Sie glaubt, ihr Leben verpasst zu haben. Er steht an der Spitze eines Imperiums. Eigentlich hätte es zwischen ihnen nie passieren dürfen. Mit 29 hat Lina Cap längst aufgehört, große Erwartungen an ihr Leben zu stellen. Sie hat Marketing studiert, arbeitet als Managerin in einem kleinen Teesalon und kann sich auf ihre Freunde verlassen. Und trotzdem fühlt sie sich festgefahren. Als würde ihr eigenes Leben längst ohne sie weiterlaufen. Bis Daniel Beresford auftaucht. Daniel ist Erbe eines mächtigen Wirtschaftsimperiums, ein brillanter CEO, kontrolliert, loyal — und anders, als Lina es erwartet. Seine Welt folgt festen Regeln. Ihre nicht. Mit ihrer direkten Art, ihrem Chaos und ihrer Unberechenbarkeit bringt Lina etwas in ihm durcheinander, das er längst unter Kontrolle geglaubt hat. Doch sie will nicht gerettet werden. Und sie versteht schnell, dass Daniel zu lieben nicht nur bedeutet, sich auf ihn einzulassen, sondern auch auf eine Welt, die sie verschlucken könnte. Also läuft sie weg. Immer wieder. Doch egal, wie sehr Lina versucht, Abstand zu nehmen, etwas führt sie jedes Mal zu ihm zurück. Zwischen Macht, Leidenschaft und alten Wunden muss Lina sich entscheiden, ob sie weiter vor allem davonläuft — oder endlich herausfindet, wer sie wirklich sein will. Eine intensive Contemporary Romance über Liebe, Macht und den Mut, sich selbst neu zu begegnen.

Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 – Die Begegnung

Lina betrachtete sich im Spiegel. Ein verschwommenes Bild. Ihr Blick blieb an diesem Gesicht hängen, das ihr kaum noch ähnelte.

Sie hatte keine Zeit zum Nachdenken, noch weniger zum Zweifeln. Zu viel zu regeln, eine Zukunft aufzubauen, Träume, die sich irgendwo noch festklammerten.

Und doch ließ diese Stimme, tief in ihrem Inneren, sie nicht los.

„Er ist es … er ist es …“

Diese leise Stimme, die ihre Ängste flüsterte — genau jene, die sie nicht hören wollte.

„NEIN! Er ist es nicht! Niemals!“, schrie sie plötzlich.

Lina atmete tief ein, versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, sich nicht überwältigen zu lassen.

Ihr Handy vibrierte. Sie zuckte zusammen. Diesmal wusste Lina Bescheid. Vor dieser Wahrheit konnte sie nicht länger fliehen.

Alles, was sie sich aufgebaut hatte, war gerade in sich zusammengestürzt. Wie hatte sie nur so weit kommen können?

Mit geschlossenen Augen ließ Lina, ob sie wollte oder nicht, den ganzen Faden dessen wieder aufsteigen, was sich von Anfang an abgespielt hatte …


Der Tag neigte sich sacht über der Stadt und legte ein goldenes Licht über die Straßen. Im Veranstaltungssaal des Hilton atmete alles Eleganz. Die Kristalllüster spiegelten sich an den Wänden und auf den sorgfältig eingedeckten Tischen, während sich Stimmen und Lachen mit der Melodie eines Streichquartetts vermengten.

Lina Cap rückte sich geistesabwesend die Schürze zurecht. Brünett, ein Meter sechzig und ein paar Rundungen, die sie sich immer wieder abzunehmen versprach … „morgen“. Ihr Alltag glich keinem Märchen, doch sie war glücklich.

Ihr größter Stolz? Dieses kleine Apartment, das sie sich gerade erst gekauft hatte. Ein echtes Nest … zumindest am Anfang. Denn unter der hübschen Farbe hatte Lina rasch die Überraschungen des Eigentums entdeckt: eine bröckelnde Wand, eine Wasserleitung, die sich gern in Szene setzte … Zum Glück hatte Tom, einer ihrer beiden besten Freunde, immer „einen guten Plan“, um ihr ein paar Nebenjobs als Kellnerin zu verschaffen.

„Hast du gesehen, was die servieren?“

Éloïse, Linas andere beste Freundin, strahlte wie immer. Für gewöhnlich fiel ihr langes rotes Haar frei über die Schultern. An diesem Abend hatte sie es dem Protokoll zuliebe zu einem eleganten Chignon hochgesteckt, der ihr ebenso gut stand.

Bei Lina war es umgekehrt: jeden Morgen offener Krieg gegen ihre Locken. Ihr Haar hatte seinen eigenen anarchistischen Terminplan, fest entschlossen, ihr das Leben zu vermiesen. Doch an diesem Abend hatte die Mähne einen Waffenstillstand geschlossen. Ein tadelloser Chignon, den Umständen würdig. Nun ja … fast. Zwei verräterische Strähnen bestanden hartnäckig darauf, sich aufzulehnen.

Éloïse dagegen strahlte jene Selbstsicherheit aus, die Lina so schmerzlich fehlte. Besonnen, ehrgeizig, mit beiden Beinen fest im Leben, ging sie ihren Weg, ohne zu zittern.

Trotz ihrer Unterschiede gab es ein Feld, auf dem sie sich immer einig waren: Partys, die richtigen. Linas Wohnung diente denn auch als Hauptquartier fürs Zechen. Die Toilette hatten sie sogar in „die Wohlfühlecke“ umgetauft. Denn ja, die Abende endeten sehr oft, allzu oft, mit einem verlorenen Duell gegen den Alkohol. Wer verlor, wechselte. Aber Lina hatte sich schließlich darauf eingestellt, um den anderen echten Komfort zu bieten: eine Decke und ein Kissen, in dieser kleinen Ecke schon bereitgelegt, für alle Fälle. Ihr Motto brachte es gut auf den Punkt: Eine beste Freundin ist die, die dir die Haare hält, wenn du kotzt. Doch ihre Freundschaft beschränkte sich nicht auf diese nächtlichen Marathons. Wie oft hatten sie einander als Alibi gedient, wenn ein Ex ein bisschen zu aufdringlich wurde? Sich gegenseitig Mut zu machen, wenn das Leben schwer wurde …

Éloïse hatte dieselben Durststrecken durchgemacht wie Lina: die Gelegenheitsjobs, die knappen Monatsenden. Doch das Blatt wendete sich endlich. Éloïse hatte gerade bei einer Kommunikationsagentur unterschrieben. Ein kleines Einstiegsgehalt, aber die erste echte Tür zu dem, was sie schon lange anpeilte. Der einzige Wermutstropfen: Die Agentur zog in wenigen Wochen nach Portugal um. Die hübsche Rothaarige hatte ohne eine Sekunde des Zögerns Ja gesagt. Für Éloïse war die Entfernung nur ein Detail, ja sogar eine Chance. Nach all den Jahren bei ihren Eltern hatte der Gedanke ans Fortgehen den köstlichen Geschmack von Freiheit.

Für Lina war das eine ganz andere Geschichte. Der Gedanke, dass ihre beste Freundin sich entfernte, schnürte ihr die Kehle zu, doch sie zwang sich, nicht daran zu denken.

„Also ich hätte bei so einem verrückten Abend eher mit Kaviar und dem ganzen Kram gerechnet“, ließ Lina fallen.

In Wahrheit war ihr Humor nur eine Fassade. Die Größe des Ereignisses verunsicherte sie ebenso sehr wie Éloïse. Sie hatten schon bei prestigeträchtigen Empfängen serviert … aber als Aushilfe bei einem Empfang zu arbeiten, den R.B.H. ausrichtete, eines der mächtigsten Unternehmen der Welt, übertraf alles, was sie bis dahin gekannt hatten. Doch Lina weigerte sich, sich aus der Fassung bringen zu lassen, und fügte in noch spielerischerem Ton hinzu:

„Außerdem hab ich schon probiert, und ehrlich, das ist nicht mal der Hammer.“

Éloïse zog eine Augenbraue hoch, eine Mischung aus Belustigung und Nüchternheit.

„Lass den Blödsinn, Linou. Denk dran, wo wir sind.“

„Ist ja gut, Élo — was denn, kommen jetzt Agenten und nageln mich am Boden fest, damit ich meinen Toast wieder ausspucke?“, spottete sie.

Ihrer Freundin entwischte ein Lächeln. Im nächsten Moment jedoch fand sie wieder in ihre Haltung als vernünftige große Schwester zurück. Diese Rückkehr zur Ordnung erinnerte Lina daran, dass ihre Freundin vielleicht gar nicht so übertrieb. Sie nickte, nun disziplinierter, und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

Ein gewisser Monsieur Hocq, der Oberkellner, erwies sich an diesem Abend als besonders anspruchsvoll: Die kleinste Unregelmäßigkeit schien ihn zu alarmieren. Also gab Lina sich Mühe, das Protokoll haargenau zu befolgen.

Der Abend war schon fortgeschritten, als Lina sich endlich eine Pause gönnte. Unauffällig schlüpfte sie nach hinten hinaus, zur Rückseite des Hotels. Die frische Nachtluft tat ihr gut nach der drückenden Atmosphäre des Empfangs.

Lina starrte auf den Boden, ohne ihn wirklich zu sehen, in Gedanken verloren. Ihr Geburtstag lag gerade hinter ihr, doch es fiel ihr schwer, sich daran zu freuen. Neunundzwanzig Jahre. Das Alter, in dem sich die Dinge, so heißt es, allmählich einpendeln.

Anscheinend nicht für alle: Aushilfsjobs als Kellnerin, ein Single-Dasein, das langsam Wurzeln schlug … In diesem Tempo überlegte Lina, sich eine Katze zuzulegen, nur um das Klischee zu vervollständigen. Eine haarlose Katze, so richtig hässlich, die genauso allein und ausgehungert in der Wohnung sitzen würde.

Erinnerungen an die Feier kamen ihr bruchstückweise zurück: Gelächter, ein Kuchen, ein — nein, eher ein gutes Dutzend Gläser zu viel. Und dieses verdammte, falsch gesungene Happy Birthday. Sie seufzte.

„Neunundzwanzig, Lina. Es wäre langsam Zeit, erwachsen zu werden!“, hallte die vertraute Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf wider, das jüngste Telefonat, fest verankert.

Immer bereit, sie daran zu erinnern, dass man selbst mit einem guten Abschluss durchaus nichts aus seinem Leben machen kann. Und in ihren Augen war Lina der lebende Beweis dafür. Ein wandelndes Scheitern.

Danke, Mama!

Lina biss die Zähne zusammen und verscheuchte den Gedanken mit einer inneren Geste. Sie griff nach ihrem Handy und versank im mechanischen Scrollen über den Bildschirm.

An eine der beiden Diensttüren gelehnt, navigierte sie mit dem Daumen, die Zigarette in der anderen Hand. Trainingsvideos zogen vor ihren Augen vorbei. Wieder mit Sport anzufangen, das wäre schon mal ein Anfang, um etwas zu ändern. Na ja … vorerst nur im Kopf. Die Anmeldung im Fitnessstudio war erledigt — Beweis genug, dass sie zumindest in Erwägung zog hinzugehen.

Blieb nur, die Schwelle auch wirklich zu überschreiten. Bis dahin die Übungen anzugaffen … oder eher die Sportler … das war ein erster Schritt. Dann wanderten ihre Augen immer weiter nach unten.

Ich bin viel zu ausgehungert, verdammt!

Eine Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit.

Eine Gestalt schoss aus dem Schatten. Groß, gebaut wie ein Athlet und im Jogginganzug. Er kam raschen Schrittes auf die Tür zu, was Lina erlaubte, ihn genauer zu mustern: zerzaustes braunes Haar, stoßweiser Atem, als wäre er gerade gerannt.

Endlich mal nicht ich die Letzte … Gar nicht übel, der Typ …

„Du bist mega spät dran. Geh da lang, sonst fällt Hocq über dich her“, sagte sie und wies mit dem Kinn auf die andere Diensttür.

Der Mann kam weiter auf sie zu, ohne langsamer zu werden, als hätte er sie gar nicht gehört. Kein Blick, kein Zeichen von Interesse. Nur völlige Gleichgültigkeit, selbst als er auf ihrer Höhe ankam. Lina fühlte sich gekränkt.

„Alter, du stinkst nach Schweiß und glaubst, diese Schickeria lässt sich von dir bedienen?!“

Er blieb abrupt stehen, als zerlegte er jedes Wort, ganz langsam.

Der Fremde drehte sich zu ihr um und musterte sie. Sein direkter, aufdringlicher Blick traf Lina mit voller Wucht. Da war keine Verachtung, nur eine eisige, methodische Analyse.

Was macht der da?

Lina wich einen Schritt zurück, unbehaglich.

„Ich glaube nicht, dass das der Fall ist“, sagte er ruhig.

Der Unbekannte machte eine Pause, bevor er in beinahe klinischem Ton fortfuhr.

„Genau genommen hängt Körpergeruch nicht unmittelbar mit der Menge des produzierten Schweißes zusammen, sondern mit dem bakteriellen Abbau der apokrinen Sekrete. Solange die Hautflora keine Zeit hatte, die Lipide zu verstoffwechseln, entsteht kein Geruch. Selbst beim Schwitzen ist der Geruch, den Sie mit Schweiß verbinden, im Moment also gar nicht vorhanden.“

Hä?!

Sein Blick glitt zu der Zigarette, die sie zwischen zwei Fingern hielt.

„Tabakrauch dagegen setzt mehrere Hundert flüchtige Verbindungen frei, die sich dauerhaft in Textilien festsetzen.“

Lina blinzelte.

„Und ich bin kein Kellner“, schloss er.

Verdammt, wie kann man gleichzeitig so schön und so seltsam sein? … Moment, was? Wieso „kein Kellner“?

„Was bist du dann?“

Keine Antwort. Nur Schweigen, ein bisschen zu lang. Dann wandte der Fremde den Blick ab und setzte seinen Weg fort, als existierte sie bereits nicht mehr.

Verarscht der mich?!

Lina ballte die Fäuste.

„Ich wollte dir eigentlich nur helfen … Arschloch!“

Er verlangsamte kaum den Schritt, fuhr sich mit einer Hand in den Nacken und ging dann weiter, bis er im Gebäude verschwand. Lina drückte ihre Zigarette mit einer knappen Bewegung aus und seufzte entnervt.

Idiot.

Zurück im Saal versuchte Lina, wieder in Stimmung zu kommen. Der Wortwechsel mit diesem Typen hatte sie geärgert.

„Übrigens, Süße, es gibt heute noch Schlimmere als mich“, warf sie ihrer Freundin mit einem schiefen Lächeln zu.

„Wie meinst du das?“, erwiderte Éloïse und sammelte leere Gläser ein.

„Da ist gerade noch so ein Kellner aufgetaucht.“

Sie machte eine Pause, kostete ihre Wirkung aus, bevor sie fortfuhr.

„Der Typ taucht im vergammelten Jogginganzug auf, drei Stunden zu spät, ganz entspannt. Ich sag ihm, er soll Hocq und diesem fetten Idioten aus dem Weg gehen — und er verpasst mir die Abfuhr des Jahrtausends.“

Éloïse schüttelte belustigt den Kopf.

„Sein Pech. Sein Problem, wenn er rausgeworfen wird.“

„So was von!“, ereiferte sich Lina, vielleicht ein bisschen zu sehr. Sie hätte das zu gern miterlebt. Ein echtes Kind.

Lina begann wieder, mit dem Tablett in der Hand zwischen den Gästen hin und her zu lavieren, das Lächeln fest auf die Lippen geklebt — und doch schweiften ihre Gedanken ab.

Er war echt nicht übel …

Sie biss sich verärgert auf die Lippe. Dieser Typ, mit seiner überheblichen Miene und diesem Blick … diesem Blick …

Die junge Frau schüttelte den Kopf, um das Bild zu verscheuchen.

Er hat dich nicht mal wahrgenommen, meine Liebe. Komm wieder runter.

Sie stieß die Luft durch die Nase aus.

Und du redest von Freunden … Hätten sie mir diesen verdammten Womanizer geschenkt, würde ich hier nicht von einem Kerl fantasieren, dem alles am Arsch vorbeigeht!

Dann durchlief plötzlich eine unerwartete Stille den Saal, ein Schauer der Erregung glitt zwischen den Gästen hindurch. Alle Blicke richteten sich auf die Bühne.

Lina bemerkte den Wandel und drehte unauffällig den Kopf. Auf der Bühne hielt eine atemberaubende Frau ein Mikrofon. Mit beherrschter Stimme kündigte sie den Ehrengast an.

Da trat er ein.

Ein Mann Anfang dreißig stand auf der Bühne, mit verschlossener Miene. Sein Blick blieb starr, als analysierte er alles, ohne die Menschen wirklich zu sehen.

Sein tadelloser schwarzer Anzug verlieh ihm Statur, doch das war nicht das Erste, was ins Auge fiel. Es war seine Ruhe, diese Intensität, die mühelos Stille gebot. Keine überflüssigen Gesten, kein Versuch zu verführen. Nur … er.

Lina sah ihn einen Moment lang an. Er hatte nicht das übliche Charisma der Männer, die zu gefallen wissen, sondern etwas anderes: Dieser Mann war hypnotisch. Und man muss ehrlich sein — er war schön. Wirklich schön. Aber von einer Schönheit, die er selbst nicht zu bemerken schien.

Dann weiteten sich Linas Augen angesichts der Wahrheit. Er war es. Der Mann im Jogginganzug.

Sie spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich, und wandte sich abrupt zu Éloïse.

„Er ist es …“, flüsterte sie mit zittriger Stimme.

„Wer ist es?“, fragte Éloïse neugierig.

Lina konnte den Blick kaum von der Bühne lösen.

„Der Typ im Jogginganzug …“, hauchte sie fassungslos.

Éloïse sah sie verwirrt und fast belustigt an.

„Nein, das ist Daniel Beresford.“

„Beresf…“

Lina brachte es nicht zu Ende.

Daniel Beresford. „Beresford“ von „Robert Beresford Holding“ …

„Das ist der CEO von R.B.H.!“, fügte Éloïse mit offenem Mund hinzu, als hätte Lina das Offensichtliche übersehen.

Lina riss die Augen auf, durchlebte im Zeitraffer noch einmal ihren Wortwechsel — der Boden schien unter ihr nachzugeben. Sie legte die Hand auf den Tisch, um das Gleichgewicht zu halten.

„Aber was hab ich jetzt schon wieder angestellt, verdammt!?“, murmelte sie, während sich Kälte in ihrem Bauch ausbreitete. Warum kann ich einfach nicht die Klappe halten?

Sie wandte sich erneut der Bühne zu, in der Hoffnung, all das sei nur ein übler Scherz.

Verdammt … er war es wirklich.

Ihr Herz schlug viel zu heftig, während Daniel Beresford seine Rede unter den aufmerksamen Blicken der Gäste fortsetzte.

Éloïse, die die Panik ihrer Freundin beobachtete, musterte sie zusehends besorgter.

„Warte, mit dem hast du wirklich geredet?“

Lina antwortete nicht.

„Und … was genau hast du ihm gesagt, dass du in so einem Zustand bist?“, fragte Éloïse verblüfft.

Lina knabberte an ihrer Wange, verloren, die Gedanken im Wirbel. Sie hätte alles gegeben, um die Zeit zurückzudrehen und diesen Moment auszulöschen.

„Nichts Schlimmes, keine Sorge.“

Éloïse war von dieser Antwort ganz offensichtlich nicht überzeugt.

„Lina“, fragte Éloïse bestimmter, „was genau hast du ihm gesagt?“

„Ich … nichts, ich schwör dir, dass …“

Ihre Stimme verriet die Wahrheit. Éloïse glaubte ihr kein Wort und bohrte mit dem Blick weiter. Lina seufzte.

„Ich hab ihm nur gesagt, dass er stinkt. Und … ich hab ihn vielleicht ein bisschen als … Arschloch beschimpft“, gestand sie und nahm entsetzt den Kopf in die Hände.

„WIE BITTE?! Was hast du gesagt? Du hast ihm ‚nur‘ gesagt, dass er stinkt, und ihn ‚ein bisschen‘ als Arschloch beschimpft?“

Éloïse riss die Augen auf, vollkommen fassungslos, und Linas Beklemmung stieg um eine weitere Stufe, doch sie versuchte, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

„Woher hätt ich denn wissen sollen, wer das ist!“

Éloïse blieb stumm und begnügte sich damit, sie anzusehen, als hätte Lina den Verstand verloren.

„Außerdem, ist der nicht eigentlich alt, verdammt?!“, verteidigte sich Lina.

Um sie herum warfen ihnen schon einige Gäste finstere Blicke zu, genervt von ihrer Aufregung.

Als sie den Kopf hob, erspähte Lina die Frau von der Bühne, in ein angeregtes Gespräch mit einem blonden Mann vertieft. Sie lächelte, und Lina meinte, ihren Blick einen Augenblick lang aufzufangen, doch Éloïse holte sie sogleich zu ihrem Problem zurück.

„Alt?!“, wunderte sich Éloïse. „Du redest von Robert Beresford, seinem Großvater.“

„Sein … Großvater? …“

Diesmal verlor Lina die letzten Reste ihres Muts. Éloïse sah es und fing sich wieder.

„Lina, bitte darum, in die Küche zu dürfen“, befahl sie ihr. „So läufst du nicht Gefahr, ihm noch einmal über den Weg zu laufen.“

Lina nickte. Das war die beste Lösung, davon war auch sie überzeugt.

Nach einer Stunde im Gespräch mit Noë, einem Konditor, der ganz in die Feinheiten seiner süßen Kreationen für den Abend versunken war, gelang es Lina, sich zu entspannen und wieder einen erträglichen Herzschlag zu finden. Beinahe vergaß sie ihre peinliche Begegnung mit Daniel Beresford. Sie wartete nur noch auf das Ende ihres Dienstes, um endlich mit Éloïse nach Hause zu gehen.

Dann erregte ein Raunen ihre Aufmerksamkeit. Geflüsterte Stimmen, verborgen zwischen dem Klappern des Geschirrs.

„Hast du gesehen? Daniel Beresford ist in der Küche, um sich bei allen zu bedanken.“

What the fuck!

Lina erstarrte. Sie hoffte, sich verhört zu haben. Doch als sie den Blick hob, sah sie ihn: Daniel Beresford, am Eingang der Küche, mit dem Rücken zu ihr, ganz gelassen mit Monsieur Hocq plaudernd. Ihr Herz machte einen Satz.

Nein! …

Aber es war zu spät.

Sie machte einen Schritt zurück, zu schnell, und stieß gegen die Arbeitsfläche hinter sich, wodurch ein Tablett zu Boden fiel und sofort kippte. Es traf mit der Kante zuerst mit einem lauten, metallischen Schlag auf die Fliesen, schwang dann wild vor und zurück, wobei jede Schwingung ein neues, schrilles, hastiges Klirren erzeugte, immer durchdringender, als weigerte es sich beharrlich zu verstummen.

Lina hielt den Atem an.

Endlich, nach einer scheinbaren Ewigkeit des Geklappers, schwankte das Tablett ein letztes Mal und sackte flach zu Boden — mit einem metallischen, schweren, endgültigen Ausatmen.

Kann ich jetzt bitte sterben?

Schlagartig fiel Stille. Alle Blicke richteten sich auf sie. Ein einziger jedoch durchbohrte sie wie eine Klinge.

Daniel Beresford.

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