Die Tretmine.
Nachdem Yuto mit seiner Mama vom Spielplatz in den Supermarkt ging, merkte er, dass etwas unter seinem Schuh klebte. Es war nicht irgendetwas, es war Hundekacke. Doch wie bekam er sie weg von seinem Schuh und wann war er überhaupt reingetreten?
Yuto starrte auf die braune Masse. Wenn Mama das sieht, ist er erledigt, denn dann müsste er aufwändig die Kacke vom Schuh waschen. Panisch ließ er die letzten Minuten Revue passieren. War es beim Schaukeln? Beim Klettergerüst? Oder dieser fiese, unscheinbare Grashügel direkt vor den automatischen Schiebetüren? Egal. Das Problem war hier und jetzt.
Mitten im Gang für Dosenwaren versuchte Yuto, die Beweise unauffällig zu vernichten. Er verlagerte sein Gewicht und begann, die klebrige Schuhsohle wie beiläufig über das blitzblank polierte Linoleum zu schleifen. Schritt, ziehh, Schritt, ziehhhh. Es sah aus, als würde er einen stark fehlerhaften, leicht humpelnden Moonwalk aufführen - der allerdings eine markante, unappetitliche Bremsspur quer durch den Gang zog.
Seine Mutter drehte sich irritiert um. „Yuto, was machst du da für einen seltsamen Tanz?“
Er riss die Augen auf und wollte sich gerade eine harmlose Ausrede ausdenken. Hastig stellte er sich so hin, dass sie die Spur hinter ihm nicht sehen konnte, doch sein rechter Fuß - dem durch die Rutschpartie nun jegliche Bodenhaftung fehlte - glitt unkontrolliert zur Seite weg. Er ruderte wild mit den Armen, strampelte in der Luft und krachte mit einem dumpfen Schlag gegen eine gigantische Angebotspalette voller akkurat gestapelter Tomatensuppen-Dosen und passierter Tomaten.
Yuto atmete hörbar aus. Der gigantische Turm aus Tomatensuppe und passierten Tomaten wackelte zwar bedrohlich, aber er hielt stand. Physik sei Dank.
Doch die Erleichterung hielt genau eine Sekunde.
„Guck mal, Mama! Der Junge liegt auf dem Boden!“, dröhnte eine allzu bekannte, unfassbar nervige Stimme durch den Gang.
Es war Leon. Der Junge, der vorhin auf dem Spielplatz schon die ganze Zeit die beste Schaukel blockiert hatte und Yuto vom Klettergerüst schubsen wollte. Neben ihm stand seine ätzende Mutter, die ihre Nase rümpfte und sich angewidert umsah, als hätte sie gerade etwas sehr Unangenehmes gerochen - was streng genommen ja auch stimmte.
Mit einem triumphierenden, schadenfrohen Grinsen stolzierte Leon auf Yuto zu, um ihn aus der Nähe richtig schön auszulachen. Er plusterte sich auf, hob den Finger auf Yuto... und übersah dabei völlig die feucht-fröhliche, braune Rutschbahn, die Yuto kurz zuvor so kunstvoll auf den blitzblanken Boden gezeichnet hatte.
Leon trat mit voller Wucht genau auf das Ende der Bremsspur.
Ein nasses Quiiietsch ertönte, als sein linker Turnschuh jegliche Reibung verlor. Leons Gesichtsausdruck wechselte in Millisekunden von arroganter Überlegenheit zu absoluter Todespanik. Seine Arme begannen zu rudern wie wild gewordene Windmühlen, während seine Beine sich physikalisch unmöglich in die Luft schwangen. Er segelte rückwärts in Richtung des Regals…
Shizuka versuchte ihn schnell aufzufangen und stellte sich ihm wie ein LKW im Weg. Doch leider bouncte er an ihrem Busen ab und rutschte seitwärts mit dem Gesicht in Yutos Schuhsohle.
Ein sattes, feuchtes Klatschen hallte durch den Gang für Dosenwaren.
Für einen Bruchteil einer Sekunde schien die Zeit im Supermarkt völlig stillzustehen. Leon hing förmlich mit dem Gesicht an Yutos Schuhsohle fest - mit einer geradezu unheimlichen Präzision genau an der Stelle, an der sich der Großteil des biologischen Minenfeldes befunden hatte.
Shizuka blinzelte nur einmal langsam, zupfte ihr Oberteil völlig unbeeindruckt wieder zurecht und blickte auf den Jungen herab, der gerade wie ein weicher Flummi an ihr abgeprallt war. „Alles in Ordnung, Kleiner?“
Leons Mutter stieß einen spitzen, hysterischen Schrei aus, der fast das Glas der nahegelegenen Senfgläser zum Platzen brachte.
Leon löste sich in Zeitlupe von dem Schuh. Sein Gesicht zierte nun ein unverkennbarer, flächendeckender brauner Abdruck, der fast aussah wie eine sehr unglücklich platzierte Kriegsbemalung. Er blinzelte verwirrt, dann traf der Geruch seine Nase. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des puren Grauens.
Yuto hingegen zog langsam sein Bein zurück und betrachtete fasziniert seine Sohle. Der Schuh war blitzblank durch die offene Zunge gereinigt. Das Problem hatte sich also auf geradezu magische - und für Leon extrem eklige - Weise komplett von selbst gelöst.
Ein leichtes, zufriedenes Lächeln huschte über Yutos Gesicht.
Yuto stand auf und ignorierte Leon völlig. Es war ihm nun herzlich egal, da der Zwölfjährige ihn gerade noch ausgelacht hatte. Dessen Mutter kreischte derweil wieder wie eine Furie - ganz genau so, wie sie es vorhin schon auf dem Spielplatz getan hatte.
Shizuka seufzte. Eigentlich wollte sie dem Jungen helfen und die braune Masse mit einem Feuchttuch aus seinem Gesicht wischen. Doch bei dem ohrenbetäubenden Geschrei der Mutter verging ihr schlagartig jegliche Hilfsbereitschaft. Schulterzuckend griff sie nach Yutos Hand und spazierte mit ihm entspannt den Gang weiter.
„Du, Mama? Ich habe Lust auf Pizza morgen. Kannst du welche machen?“, fragte Yuto und lächelte sie glücklich an, heilfroh, das eklige Zeug am Schuh endlich los zu sein und wieder ordentlich laufen zu können.
„Ja sicher“, antwortete Shizuka, völlig unbeeindruckt von dem Chaos hinter ihnen. „Nur haben wir keine Tomaten mehr. Hol doch eben noch eine Dose.“
Mit einem breiten Lächeln im Gesicht drehte der Achtjährige um und federte zurück zu der gigantischen Angebotspalette. Leon lag noch immer wimmernd auf dem Boden, während seine Mutter ununterbrochen weiterzeterte und wild gestikulierte.
Yuto trat an den Rand der Palette, zog zielsicher eine Dose passierte Tomaten exakt aus der Mitte des wackeligen Stapels und lief zufrieden zurück zu seiner Mutter.
Hinter ihm ging ein tiefes, bedrohliches Ächzen durch die Angebotspalette. Für den Bruchteil einer Sekunde schien die Schwerkraft gnädigerweise noch zu zögern, doch ohne die tragende Stütze aus der Mitte gab die Physik nun endgültig auf.
Mit einem ohrenbetäubenden Rumpeln und Scheppern kollabierte der gesamte Turm.
Hunderte Dosen Tomatensuppe und wackelige Tetra Paks mit passierten Tomaten regneten in einer erbarmungslosen Lawine haargenau auf Leon und seine keifende Mutter herab. Das hysterische Kreischen der Frau wurde abrupt von einem satten, nassen Pflatsch! erstickt, als eine Familienpackung Tomatenpüree exakt auf ihrem Kopf aufplatzte und sich wie klebriger, roter Schlamm über ihre Haare und ihr Gesicht ergoss.
Leon, der gerade noch weinend mit dem traumatischen Geruch von Yutos Schuhsohle gekämpft hatte, verschwand fast komplett unter einem scheppernden Berg aus Konserven. Rote Soße spritzte wie bei einer Explosion in alle Richtungen quer über den blitzblanken Boden und vermischte sich auf höchst unappetitliche Weise mit der feuchten, braunen Bremsspur.
Yuto blickte nicht ein einziges Mal über die Schulter. Ruhig reichte er Shizuka die unversehrte Dose, schob seine Hand wieder in ihre und schlenderte mit ihr seelenruhig den Gang hinunter in Richtung Kasse, während hinter ihnen das absolute Supermarkt-Armageddon wütete.
Morgen würde es Pizza geben. Und sie würde absolut hervorragend schmecken.
Auf dem Heimweg freute sich Yuto tierisch darauf, gleich endlich mit seiner Mutter eine Partie Tekken zu spielen. Doch dann geschah etwas, das er absolut nicht erwartet hätte. Wie zur Hölle konnte ein einzelner Mensch an nur einem Tag so unfassbar viel Pech haben?
Er blieb abrupt stehen und zog angewidert die Nase hoch. Nicht schon wieder.
Shizuka drehte sich um, schaute auf die unverkennbare braune Bescherung unter seiner Sohle und sah ihren Jungen an. „Also, heute hast du ja echt Pech. Zweimal in Folge in Kacke zu treten, ist schon echt unangenehm, was? Macht nichts, nimmst gleich einfach den Gartenschlauch und machst den Schuh sauber.“








