Chapter 1

Der Schnee tanzte in dichten Flocken durch die kalte, trockene Luft. Der starke Nordwind trug den Duft von Veränderung mit sich ... einen Hauch von Sommerwärme und den Geruch blühender Wildblumen. Zwei gewaltige weiße Wölfe schälten sich aus dem Dunkel des Fichtenwaldes und trotteten in gemächlichem Tempo in Richtung der großen Metropole, deren berühmte bunte Türme sich in den wolkenverhangenen Himmel reckten.
Unter ihren mächtigen Pranken knirschte der Schnee leise – abgesehen vom Heulen des Windes das einzige Geräusch. Selbst die Wildtiere, die dieses Wetter gewohnt waren, hatten sich sicherheitshalber in ihre Schlupfwinkel zurückgezogen. Schließlich waren nicht nur der heftige Blizzard, sondern auch die beiden gigantischen Raubtiere eine Gefahr, die just aus dem verschneiten Wald heraustrabten.
Auch wenn die Temperaturen mühelos zweistellige Minusgrade knackten und die eisige Luft beim Einatmen wie Glassplitter in die Lungen biss, schienen sich die beiden Polarwölfe pudelwohl zu fühlen.
Einer von ihnen kläffte einen abgestorbenen Baum an, spannte die mächtigen Muskeln seiner starken Hinterläufe an und hing nur Sekunden später laut knurrend in sechs Metern Höhe an einem dicken Ast, der weder dem Gewicht des Wandlers noch seiner immensen Beißkraft etwas entgegenzubringen hatte. Mit einem müden, trockenen Krachen brach der halbe Baum entzwei, und der Wolf landete sicher wieder auf seinen Pfoten – die oberschenkeldicke, gut fünf Meter lange Beute fest in seinem Maul.
Stolz wie ein Pfau schloss das Tier nun zu seinem Begleiter auf, die Rute vor alberner Spielfreude wie einen Helikopterrotor kreisend, der mit einer seltsam anmutenden, weil eindeutig menschlichen Geste den Kopf schüttelte und die Augen verdrehte.
Schnaufend ignorierte der baumtragende Wolf seinen Partner und zog das Tempo etwas an. Der Schneefall hatte noch weiter an Fahrt aufgenommen, und mittlerweile konnten selbst scharfe Wandleraugen nicht weiter als eine Handvoll Meter sehen. Dennoch fanden die beiden mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg zurück.
Sie trotteten in den Innenhof eines riesigen Herrenhauses, schüttelten sich grob den Schnee aus dem Pelz und wandelten sich in ihre menschliche Gestalt. Zumindest der eine von ihnen. Sein Zwilling hatte den halben Baum fallen lassen und begonnen, laut grollend und unsäglich fauchend das mittlerweile recht morsche Holz in seine einzelnen Moleküle zu zerlegen.
Der bereits verwandelte Mann beobachtete mit einem entgeisterten Kopfschütteln das mächtige Seelentier, das gerade einem zugegebenermaßen großen Stück Feuerholz den Krieg erklärt hatte.
Dann sagte er: „Dima ... lass gut sein! Wir sind beide frustriert, aber Splitter im Maul helfen jetzt auch nicht wirklich weiter, wenn es darum geht, unseren Vätern zu verklickern, dass sie sich zum Teufel scheren sollen!"
Maulend und meckernd ließ der Wolf schließlich von dem Sägemehl am Boden ab, schüttelte sich erneut und wandelte sich ebenfalls. Nun standen sich die beiden gegenüber. Zwillinge. Beide gut einen Meter fünfundneunzig groß. Eisblaue Augen, blonde Haare und eine Physis, bei der jeder griechische Gott vor Neid den Freitod gesucht hätte.
Der Mann, der auf den Namen Dima – die Kurzform von Dimitri – hörte, fuhr sich durch die militärisch kurzen Haare und stemmte dann die Fäuste in die Hüften.
„Ich versteh nicht, wie du so ruhig bleiben kannst, Alexej! Ich liebe unsere Väter, aber mal ehrlich ... im Moment könnte ich sie echt unangespitzt in den Erdboden rammen!"
Alexej seufzte genervt und schlug seinem Bruder mit der Faust gegen die muskulöse Schulter, die – wie ein Großteil seines kräftigen Oberkörpers – von ineinander verschlungenen Tätowierungen geziert wurde.
„Seit sie das Rudel in Sankt Petersburg übernommen und uns Moskau überlassen haben, versteifen sie sich auf eine Verbindung mit Jekaterinburg. Für dieses Rudel spricht die kleine Omega, die sie haben."
Dimitri schnaubte abfällig und marschierte in Richtung der weit geöffneten Tür, aus der goldenes Licht schien und den weißen Schnee glitzern ließ.
„Du glaubst doch allen Ernstes nicht, dass ich auf dieses kleine, blasse Mädel stehe! Himmel, Göttin ... Alex ... Omega hin oder her. Sie ist erst vierzehn! Ich bevorzuge da schon jemanden Erwachsenen und habe echt null Bock drauf zu warten, dass das Kindchen erwachsen wird!"
Alexej stöhnte über die Begriffsstutzigkeit seines Zwillings und stapfte hinter ihm her ins Warme. Der Schnee schmolz in seinen etwas längeren Haaren und ließ sie nass an seinem Kopf kleben, sodass Dimitri ein leises, schadenfrohes Kichern von sich gab, als er sich umdrehte und den völlig durchnässten Wandler hinter sich ansah.
Alexej war der Seriöse von ihnen beiden. Derjenige, der im schwarzen Armani-Dreiteiler und mit seiner goldenen Prince-Charming-Frisur der Schwarm sämtlicher Wölfinnen Russlands war, während Dima als Rebell verschrien wurde. Die schwere dunkle Bikerkluft und die dazugehörige riesige und ebenfalls tiefschwarz lackierte Harley waren in dieser Hinsicht schließlich nicht unbedingt hilfreich, um entsprechende Gerüchte zu zerstreuen.
Alexej nahm dankbar ein angewärmtes Handtuch von Andrej, dem Beta des Moskauer Rudels, entgegen und antwortete seinem Bruder schließlich, nachdem er sich abgetrocknet hatte:
„Ich meinte doch nicht, dass wir uns auf Ekaterina konzentrieren sollen! Du hast völlig recht, sie ist viel, viel zu jung für uns. Mein Wolf ist unruhig ... er will sich jetzt fortpflanzen, ein Weibchen an seiner beziehungsweise unserer Seite haben. Und wenn wir ehrlich sind, ist der Mindlink, der eine Omega-Gefährtin erzeugen kann, für ein Rudel von unschätzbarem Wert."
Dimitri hüpfte gerade auf einem Bein durch die Gegend und versuchte auf diese Weise schneller in seine geliebten schwarzen Lederhosen zu schlüpfen, was die beiden anderen Männer nur mit verständnislosem Kopfschütteln quittierten.
„Klingt wirklich romantisch, Bruderherz", schnaufte Dima, hielt in seinem haltlosen Rumgehopse inne und fixierte die beiden Skeptiker in einer erstklassigen Flamingo-Pose mit einem langen, bemüht würdevollen Blick.
Alex versuchte gar nicht erst, sein breites Grinsen zu verstecken, während der Beta das unangemessene Glucksen hinter einem gekünstelten Husten verbarg.
„Komm schon, Dima. Uns wurde praktisch jede Omega Russlands vorgestellt, und unsere Seelentiere waren derart uninteressiert, dass es fast schon einen Affront gegen die Ladys darstellte. Vielleicht ist Liebe einfach nicht für uns bestimmt und wir sollten uns stattdessen um eine Gefährtin bemühen, die dem Wohl unseres Rudels dienen kann."
Dimitris Antwort bestand aus einer eindeutig rüden Geste mit beiden Mittelfingern. Anschließend hüpfte er ins große Kaminzimmer, um den Versuch, sich anzuziehen, später noch einmal zu starten – nachdem die prasselnden Flammen ihn aufgewärmt und die letzten feuchten Überreste des Schnees beseitigt hatten.
Andrej musterte seinen Alpha nachdenklich. Dann schloss er die Tür und ließ den heftigen Blizzard draußen vor sich hin toben.
„Ich fürchte, mit einer Vernunft-Gefährtin wird Dima sich nicht anfreunden. Auch wenn er wie die Personifizierung eines Bad Boys aussieht – tief im Herzen ist er zwar wirklich ein Bad Boy, aber einer, der sich nach Liebe und Romantik sehnt."
Alexej nickte bedrückt und rieb sich mit der Faust über die Brust, um seinen inneren Wolf zu beruhigen, denn auch sein Seelentier meckerte ihn gerade an, als bekäme es das Ganze bezahlt.
Der Wolf war ziemlich ungehalten und machte seine Stimmung dem Alpha sehr deutlich, indem er sich immer wieder gegen dessen Rippen warf.
Die Seelentiere hatten eindeutig etwas gegen die vorgeschlagene Vernunft-Gefährtin, wie Andrej es so treffend ausgedrückt hatte. Und ohne die Zustimmung der Biester würde eine Vereinigung und das daraus resultierende Welpenbekommen schwierig bis unmöglich werden.
BLYAT!









oh .... ein neues Buch. freue mich total. Als großer Fan von Dir und Deinen Geschichten werde ich nun wieder eintauchen , in die Werwolfwelt 🥰😘