Der kleine Karlchen
Strophe 1:
Der kleine Karlchen sitzt ganz allein im Zug,
vor ihm sitzt ne Frau,
so schön wie der helle Tag,
und blaue Augen,
so rein wie der wolkenlose Himmel,
und langes goldenes Haar,
so wellenförmig,
der kleine Karlchen spürt, wie Hitze in ihm aufsteigt,
sein Herz schwebt höher als ein Mauersegler in höhen Flug,
und da ertappte der kleine Karlchen sich dabei,
wie er sich vorstellt, dass die Blicke sich berührt,
wie sie ihn warm, verführerisch anlächelt,
wie er ihre warmen, weichen Lippen küsst,
er stellte sich vor,
wie er seinen schweren Kopf auf ihre leichten Schultern legt,
wie sie ihm Wärme gibt,
seine Stirn sanft küsst,
ihre Arme sich berühren,
der kleine Karlchen lächelt sie schüchtern an,
doch sie merkt nicht, wie er sie anstarrt,
sie merkt nicht mal, dass er direkt vor ihr sitzt,
der Blick dieser wunderschönen Nymphe ist leer,
fast tot,
auf ihrem eigenen,
kleinen,
verstrahlten
Planeten.
Strophe 2:
Der kleine Karlchen stieg aus der Sphäre des Styx,
er geht direkt durch die Tore der Hölle,
der Bahnhof ist ein einziges Fegefeuer,
ein einziges triefendes,
stinkendes
Loch,
lauter zweibeiniges Ungeziefer,
seine Ohren stürzen tiefer ab als Professor James Moriarty,
überall nichts außer laute Geräusche,
überall nur ein Meer aus lauter Köpfen,
überall die grässlichen, höhnischen Fratzen,
überall diese kreischenden Reifen,
sein Schädel explodiert gleich,
der kleine Karlchen will hier nicht mehr sein,
nein,
er will woanders sein,
irgendwohin,
irgendwann,
egal,
nur weit, weit weg
aus dem Albtraumhaften-Filmsteg.
Strophe 3:
Der kleine Karlchen sitzt wieder ganz allein,
und wartet auf den Zug,
da bemerkte er zwei Pärchen,
wie sie Hand in Hand da so stehen,
ne schöne Nymphe,
die ihren Kopf auf ihren Paris legt,
der kleine Karlchen schaut zu,
wie sie sich küssen,
wie sie sich anlächeln,
wie ihre Blicke einander kreuzen,
sie sehen glücklich aus,
zu glücklich,
direkt daneben lag ein Penner,
im Dreck,
ganz allein,
nach Pisse stinkend,
wie ein Spiegelbild seiner selbst,
der kleine Karlchen merkt, wie ihm heiße Tränen über die Wangen laufen,
ob vor Trauer oder vor Freude,
wer weiß das schon,
was spielt das für eine Rolle,
was interessiert uns das,
der kleine Karlchen fragt sich,
wie es wohl wäre,
wenn er sich auf die Gleise hinlegt
und für immer die Augen zuschließt,
und ehe er sich versah,
lag er schon auf den Gleisen,
er hörte noch, wie jemand rief:
„Tu es nicht,
das ist nicht der Weg!“,
doch was er sah,
nachdem das endliche Licht auf ihn zurast,
ist nichts
als das dunkle,
schwarze
Licht.









Your writing is... really impressive. (I have to admit, I cheated a little—I can’t read German, so I used Google Translate (・∀・);; )But even through the translation, I honestly felt like I was sitting in a Western literature class all over again, especially during the final scene of this chapter.
EDIT. well, to be honest, it is my hundredth poem, if you count all my failed love letters, hahahaha