Prolog + Das Ende einer langen Reise 1778
Die Schwarze Rose – Lady Kathrina
Prolog
Der unaufhaltbare Sturm
Es gibt bald einen Sturm
Einen Sturm, den niemand aufzuhalten wagt
Er kommt immer näher
Schleichend
Und es wird kein Entrinnen geben
Viele Leben kosten und
Eine Familie ins Unglück stürzen
Der Sturm zieht langsam auf
Nur wenige bemerken es
Was nur ist passiert?
Was wird die Flut auslösen?
Oder wer?
Kann sie aufgehalten werden?
Einen Tsunami kann man nicht aufhalten!!
Kapitel 1
Das Ende einer langen Reise 1778
Eine leichte Sommerbrise durchdringt die engen Straßen von Paris. Es herrscht eine unglaubliche Stille. Die Dunkelheit und der Nebel halten die Menschen in ihren Häusern fest. Es ist eine unruhige Zeit. Sie säuselt wie der Nebel durch jeden Winkel, jede Gasse, jedes Haus.
Nur eine junge Frau, sportlich und schlank von Statur, wandert die gepflasterte Straße entlang. Sie ist von adligem Geschlecht, mit langen hellblonden Haaren, die ihr durch den Wind in alle Richtungen wehen und nicht viel von ihrem schönen Gesicht zeigen. Sie trägt ein bürgerliches Kleid, nicht alt, oder abgetragen, nein, elegant und bürgerlich. Ein Kleid wie es das schon etwas besserverdienende Volk zur Kirche tragen würde, statt bei der harten Arbeit. Auch einen großen Koffer hat sie bei sich und einen großen weiteren Koffer auf dem Rücken. Ihr Weg von Wien ist eine Ewigkeit her.
Seit vielen Tagen durchwandert sie genüsslich die schöne französische Landschaft. Von einem Ort zum anderen, über die Alpen entlang, ohne Eile, ohne Hast. Jeden Abend übernachtet sie in Tavernen oder privat bei Bauern oder in einer Stadt bei Handwerkern und notfalls auch im Freien. Egal wie schwer ihr Weg auch sein mochte, ihr Ziel verlor sie nie aus den Augen. Ja, sie könnte auch mit der Kutsche reisen oder mit einem Pferd, aber sie zieht das Laufen allem Fortschritt vor. Warum, das liegt am Blickwinkel. Sie liebt es, alles in ihrer Umgebung mit vollen Sinnen wahrzunehmen. Die Gerüche, die Tiere, die verschiedenen Geräusche, die Kälte oder Wärme. Alles das könnte sie gar nicht genießen, würde sie in einer schönen warmen Kutsche sitzen oder ein trabendes Pferd bei sich haben. Auch die Menschen würde sie kaum richtig wahrnehmen, wenn sie nur an ihnen vorbeizöge.
Nun hat sie endlich Paris erreicht und atmet tief durch, denn die Luft ist eindeutig selten. Selten eigensinnig. So viele große Städte hat sie schon besucht, aber Paris steht scheinbar noch immer auf der obersten Liste der weniger beliebten Gerüche ihrer Nase. Nun ist es jedoch schon zu spät, um weiter nach Versailles zu gehen. Hunger hat sie auch. Sie hätte gleich nach Versailles gehen können, aber sie wollte vorher Paris besuchen und sich die Stadt ansehen, wie sie sich in den letzten Jahren verändert hat.
An einem Gasthaus am westlichen Stadtrand von Paris ist endlich vermerkt, dass dort ein freies Zimmer ist. Es gab schon einige Gasthäuser, aber sie waren belegt oder nur zum Speisen.
Als die junge Frau den Gastraum betritt, sind alle Blicke auf sie gerichtet. Sofort kommt der Gastwirt auf sie zu und begrüßt sie freundlich und bittet ihr ein Zimmer und einen Platz zum Abendessen an. Sie nimmt dankend an, lässt sich das Zimmer zeigen und stellt ihre Koffer ab. Nur mit ihrer Handtasche und dem Hut auf dem Kopf, kehrt sie erneut ins Lokal zurück und lässt sich die Auswahl der Speisen ansagen. Als ihr Kaffee auf dem Tisch steht und ein Glas abgekochtes Wasser daneben, holt sie sich ein kleines Buch aus der Tasche und beginnt zu lesen, während sie auf das Essen wartet. Nebenbei blickt sie sich etwas im Gastraum um. Sie selbst hat einen perfekten Blick, in einer Ecke mit Blick auf den Eingangsbereich sowie auch zum Ausschank. In ihrer gegenüberliegenden Ecke sitzen ein paar junge Männer, sechs an der Zahl, die sich angeheitert ihr Feierabendbierchen gönnen. Ihren Gesprächen nach zu urteilen, sind sie Soldaten. Alle vermutlich in ihrem Alter. In der Nähe sitzt ein einzelner junger Mann, etwa wenige Jahre älter als sie. Er gönnt sich ein Steak und ein Bier. Kurz schaut er zu ihr auf und ihre Blicke treffen sich. Er hat lange gelockte dunkelblonde Haare und eine edle, aber alltägliche moderne Kleidung an. Er ist wie sie ein Mann von Adel und trägt es deutlich nach außen. Jedoch deutet sie sein freundliches Lächeln und erwidert es seicht aus Höflichkeit.
An einem Tisch sitzen Herren, ebenso von Adel, das ist ihnen deutlich anzusehen. Jedoch sind sie deutlich älter als sie und sie trinken, angeheitert Wein und Bier, sowie den einen oder anderen Gin. Es ist zu merken, dass sie bereits eine ganze Weile anwesend sein müssen, so angeheitert wie sie sind. Einen Tisch weiter sitzen zwei Herren im ähnlichen Alter. Sie haben jeweils nur ein Glas guten Wein stehen sowie eine Schale Nüsse. Sie sitzen sich gegenüber und spielen wie angespannt Schach. Ihre Partie muss sehr aufregend sein. Große Beachtung schenken sie ihr nicht, denn ihre Gedanken und Blicke sind auf das Holzbrett vor ihnen gerichtet. Neben den Herren sitzt am Fenster eine Familie mit drei Kindern. Zwei jugendliche Mädchen und ein kleiner Sohn von etwa vier Jahren. Die Eltern scheinen selbst auf der Durchreise zu sein, denn sie unterhalten sich über die nächste Reiseroute und ob sie sich eine Kutsche bestellen, statt diesmal zu laufen. Sie wollen an die Küste, nach Le Havre. Die Kinder spielen ein Würfelspiel und sind so leise sie sein können. Die Familie macht einen sehr freundlichen Eindruck.
An einem anderen Tisch sitzen fünf Herren, die ebenso Wein und Bier stehen haben und unterschiedlichem Alter sind. Sie unterhalten sich, jedoch nicht so fröhlich wie die anderen Gruppen, sondern es scheint eine ernste Unterhaltung zu sein. Ihre Blicke sind bereits seit ihrem Eintreten ins Lokal hin und wieder auf Kathrina gerichtet. Einige mehr, einige weniger, eher wie aufdringlich. Sie weicht ihren Blicken gekonnt aus und schaut zur Tür, weil in diesem Moment drei weitere Männer hereinkommen und sich neugierig umsehen. Sie tragen einfache gepflegte bürgerliche Kleidung. Als sie fertig mit ihrer Rundschau sind, drehen sie wieder um und gehen. Einer knurrt zum anderen.
„Schon wieder nur diese Aristokraten hier und ein Haufen Soldaten. Nirgends kann man auf dieser Ecke noch hingehen.“
Bevor der letzte das Lokal verlassen will, dreht er sich jedoch nochmal um und schaut zu Kathrina und entdeckt den freien Tisch neben ihr.
‚Wow, die ist hübsch. Und sie ist allein?’
„Männer, wir bleiben doch.“, meint er dann plötzlich zu ihnen.
„Warum denn? Du willst jawohl nicht zwischen denen sitzen?“
„Hm, wir wollen doch nur etwas essen und ein Bier trinken. Heute machen wir eine Ausnahme.“ Er dreht um und die anderen folgen ihm an den freien Tisch. Natürlich kommt er nicht umhin ihr ein freundliches Lächeln zu schenken, in der Hoffnung, sie würde es erwidern. Jedoch bleibt ihre Reaktion, als sie sich neben sie setzen, reglos. In diesem Moment kommt die Bedienung und bringt ihren deftigen Eintopf und das Brot. Sie bedankt sich freundlich, mit einem Lächeln und beginnt zu essen. Neben ihr wird sofort die neue Bestellung aufgenommen. Kurz darauf wird ebenso die Familie mit ihren Speisen bedient. Die Kinder jubeln kurz und der Kleine zappelt dabei unter dem Tisch mit den Füßen.
Kathrina grinst etwas vor sich hin, als sie ihm dabei zusieht, wie er versucht in seiner Größe über den Tisch zu schauen und die Gabel zu benutzen.
‚Der ist ja niedlich. Das erinnert mich auch an meine Kindheit. Ich war auch immer so zappelig und wollte nicht stillsitzen.’
Es vergeht eine Weile und inzwischen haben die Männer neben ihr am Tisch ebenso ihre Suppen mit Brot und ihre eigene leere Schüssel wird abgehoben.
„Hat es Ihnen geschmeckt, Mademoiselle?“
„Ja, sehr gut. Es war alles sehr frisch und gut gewürzt. Vielen Dank. Richten Sie der Küche ein großes Lob aus.“
„Das ehrt mich. Danke sehr. Kann ich Ihnen noch ein Dessert bringen?“
„Was haben Sie anzubieten?“ Er zählt einiges auf und sie entscheidet sich für eine gestockte Eiercreme mit einer gebrannten Zuckerkruste.
Am nächsten Morgen macht sie sich auf den Weg und sieht sich Paris an. An einem Tag ist es natürlich nicht möglich jede Ecke anzusehen, aber das wollte sie auch nicht. Gegen späten Nachmittag kehrt sie ins Gasthaus zurück und speist. Dann verlässt sie wieder zu Fuß die Stadt und macht sich auf den Weg nach Versailles.
Einige Stunden später steht sie vor ihrem Geburtshaus. Es ist bereits die Sommersonne untergegangen und im Haus brennt noch Licht. Eine große herrschaftliche Villa steht vor ihr. Sie steht nachdenklich vor dem Eingangstor und versucht ihre Haare und ihr Kleid etwas herzurichten.
Gerade möchte sie sich bemerkbar machen, da hört sie hinter sich das Traben eines Pferdes und dreht sich um. Beeindruckt betrachtet sie den eleganten Offizier, lange blonde Haare, ähnliche Gesichtszüge wie sie und ein freundliches Lächeln auf den Lippen.
‚Wer ist das? In diesem schlechten Licht ist nichts zu erkennen. Wer will uns um diese Zeit besuchen? Und dann mit so viel Gepäck?’, geht Oscar Francois de Jarjayes, Kommandant der königlichen Garde, durch den Kopf.
„Oscar? Bist du es?“, reagiert Kathrina skeptisch, Oscars nächstältere Schwester. Sie ist die 6. Schwester, die vor ihr geboren ist. Sie steigt ab und geht auf sie zu. Jetzt kann sie die Fremde genauer erkennen, auch wenn sie sich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen haben.
„Bist du es etwa, Kathrina?“
„Ja, kleines wildes Schwesterchen. Ich bin es. Wow, ich bin überwältigt, wie anmutig und schön du geworden bist.“
„Große Schwester, wie sehr habe ich dich vermisst. Wo warst du nur die ganzen Jahre?“ Kathrina hockt sich kurz hin, schnallt den Koffer auf ihrem Rücken ab und richtet sich wieder auf. Beide umarmen sich herzlich und es laufen Freudetränen an ihren Wangen herunter. Wie sehr haben sie sich als Kinder doch gemocht. Sie waren sich immer so ähnlich, aber mussten verschieden sein.
„Wow, lass dich bewundern. Dir müssen ja die Herren wie auch die Damen zu Füßen liegen. Herrje. Und dann so stattlich und edel. Ich habe im Ausland von deiner Beförderung gehört. Nicht zu fassen. Hauptmann, oder Captain? Was sagt man richtig?“
„Beides ist richtig.“ Kathrina lacht.
„Stimmt, Hauptsache die Männer stehen alle unter dir und tanzen nach deiner Pfeife. Sehr schön.“
„Das kann man so sagen, ja. Manchmal denke ich echt, ich bin im Zoo.“, lacht sie beherzigt. Oscar betrachtet ihre Schwester neugierig.
„Meine Güte, wie lange ist das jetzt her? Du bist wirklich sehr schön geworden. Die anderen werden platzen vor Neid.“
„12 Jahre, meine Liebe.“
„Stimmt, wir haben unsere ganze Jugend zusammen verpasst und sind schon Frauen geworden.“ Oscar schnapp sich ihre Hand und zieht sie hinter sich her. „Komm schnell, die werden alle Augen machen.“, strahlt sie über beide Ohren. „Warte, meine Koffer.“
„Ach, stimmt, entschuldige.“ Sie lässt sie los und greift den kleinen von beiden. „Oha. Was schleppst du alles mit dir rum?“
„Das wirst du noch früh genug erfahren, aber das schwere sind dann wohl Bücher.“, grinst sie. Sie schnallt sich den großen Koffer wieder um und greift die Handtasche. Beide betreten das Grundstück, in der anderen Hand hält Oscar ihr Pferd am Zügel und nun stehen sie vor dem Eingang. Die Tür öffnet und der Butler begrüßt beide freundlich. Er macht große Augen, als er Kathrina erkennt.
„Oh, äh. Mademoiselle Kathrina?“ eine freudige Begrüßung folgt im Vorsaal und durch den heiteren Lärm, wird der Rest des Hauses aufmerksam. Auf der Treppe steht André und kommt die Treppe herunter.
„Was ist das für ein Lärm?“ Erstaunt blickt er die Schwester an. Oscar plappert aufgeheitert los.
„Komm doch schnell her, André. Du wirst dich sicher über unseren Besuch freuen.“ Zögerlich geht er auf die ihm noch unbekannte Frau zu.
‚Wer ist das? Sie ist sehr hübsch. Wenn ich die beiden so nebeneinander sehe. Komisch.’
Kathrina fasst erfreut seine Hand und schaut zu ihm auf, direkt in seine blauen Augen. Dann geht sie um ihn herum und betrachten ihn genauer.
„Das kann ich gar nicht glauben. Du bist tatsächlich André? Was für ein schöner, stattlicher Mann du geworden bist. Ich hätte dich auf der Straße einfach als einen Edelmann gehalten. In der passenden Kleidung würde es gar nicht auffallen. Du kannst dich doch sicher nicht vor Avancen retten.“, schmunzelt sie.
„Also wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich mich glatt in dich verlieben. Hast du eine Freundin?“ Er läuft total verlegen rot an und weicht ihrem erneuten Blick in die Augen aus. Sein Puls steigt enorm an und er weiß gar nicht was er darauf sagen soll, ohne unhöflich zu sein. Sein Herz sagt ihm, dass er lieber gar nichts sagen sollte. Das kann nicht schaden. Dann wandert sein Blick wie verstohlen und wie ein Hilferuf zu Oscar.
„Oh, ach so. Entschuldigt mich. Ich Dummerchen.“, flüstert sie ihm leise ins Ohr.Oscar wiederum hält sich den Bauch und lacht sich kaputt.
„Ich glaub das ja nicht. Ach Kathrinchen…kaum bist du da und schon muss ich wieder lachen. Du hast früher immer schon so viele Witze gemacht.“
‚Kathrinchen? Ach so. Das ist Kathrina, das ist eine Ewigkeit her. Sie war eines Tages plötzlich weg.‘, fällt André nun auf. Dann sieht er überrascht zu Oscar. ‚Oscar…warum lachst du denn darüber? Ich verstehe jetzt gar nicht was so lustig sein soll.’
„Was…ist so lustig?“, haut er plötzlich raus.
„Naja…eine Freundin…das ist doch lustig.“, lacht sie weiter und hat bereits Lachtränen in den Augen. Für André fühlt es sich wie ein Stich ins Herz an. Da steht die Frau, die er liebt, nicht weit von ihm weg und lacht ihn aus, weil er keine Freundin hat? Wie soll er das denn verstehen?
‚Empfindest du für mich denn gar nichts? Oscar.’
„Gut, wenn du dich darüber lustig machst, dass ich keine Freundin habe, dann kann ich mir ja eine suchen, aber dann habe ich weniger Zeit für dich.“, brummt er dann plötzlich los.
Oscar blickt bei ihrem Gelache auf und hält sich die Hand noch immer auf ihren Bauch und stützt sich nun zusätzlich auf dem Koffer neben ihr ab.
„Es…tut mir leid…André. Aber…ich kann nicht mehr. Mach was du nicht lassen kannst, aber…bring doch bitte noch mein Pferd in die Box.“, kommt nur weiter lachend aus ihrem Mund.
Kathrina nimmt seinen hohen Herzschlag sehr deutlich wahr, es kommt ihr lauter vor als Oscars herzliches Lachen.
‚Oscar…ich bin erstaunt. Du lachst ihn aus.’ Sie berührt André an der Schulter und lächelt.
„Der Tag war sicher sehr hart. Da ist ein herzliches Lachen genau das Richtige zum Abschalten. Mach dir nichts draus.“








