1 Die Libelle
Das Steinhaus thronte auf einem HĂŒgel am Rande des Waldes, sein Dach moosbedeckt, die Mauern grob und ungeschliffen wie Erinnerungen, die man nicht loswird. Verwachsene Stufen fĂŒhrten zur kleinen Terrasse, wo sich KrĂ€uter in den Fugen der Steine festgesetzt hatten. Lavendel, Salbei und Rosmarin wuchsen wild und duftend, als hĂ€tte der Garten einen eigenen Willen. Das Haus schien halb vergessen, halb bewacht. Von den BĂ€umen, vom Wind und vielleicht von etwas, das nur die Tiere spĂŒrten.ï»ż
Anne hatte das Haus vor einigen Jahren bei einem ihrer seltenen AusflĂŒge entdeckt. Damals war es verlassen gewesen, das Dach von Moos ĂŒberwuchert, die FensterlĂ€den verschlossen, der Garten ein wucherndes Labyrinth aus wilden KrĂ€utern und verwitterten Steinpfaden. Und doch war da dieses GefĂŒhl gewesen, als sie zum ersten Mal die verwachsenen Stufen hinaufgestiegen war.
Hier gehöre ich hin.
Ein schwarzer Kater hatte mitten auf dem Weg gesessen und sie angesehen.
Mehr hatte es nicht gebraucht.
Mit ihren letzten Ersparnissen kaufte Anne das Haus. Marie, eine ihrer wenigen engen Freundinnen, und deren Freund halfen ihr bei der Renovierung. Zimmer fĂŒr Zimmer brachten sie das Leben zurĂŒck. Jetzt, nach all den Jahren, war es beinahe fertig.
Heimelig.
Und mehr wollte Anne nicht.
Nur das schmale Fenster an der Nordseite hatte ihr von Anfang an RĂ€tsel aufgegeben. Von drauĂen lag es deutlich sichtbar zwischen den beiden oberen Fenstern, blind vor Staub und Alter. Doch im Inneren des Hauses fĂŒhrte kein Zimmer dorthin.
Anne hatte nachgemessen. Mehr als einmal.
Jedes Mal war sie bei derselben Wand im oberen Flur gelandet.
âVermutlich ein zugemauerter Hohlraumâ, hatte Maries Freund gemeint. âEin Ăberbleibsel frĂŒherer Umbauten.â
Anne hatte sich mit dieser ErklÀrung zufriedengegeben. Zumindest beinahe. Denn manchmal, wenn sie abends vom Garten zum Haus hinaufsah, glaubte sie, hinter der matten Scheibe einen schwachen Lichtschein zu erkennen.
Sobald sie genauer hinsah, war er verschwunden.
Der schwarze Kater war geblieben. Anne hatte ihn Kuro genannt, wegen seines Fells, so schwarz, dass es das Licht zu schlucken schien. Nur seine Augen widersprachen ihm. Ein tĂŒrkises Leuchten, das Ă€lter wirkte als alles andere im Haus, Ă€lter sogar als die Steine.
Manchmal, wenn Anne schrieb, saĂ er stundenlang reglos neben ihr, als wĂŒrde er nicht schlafen, sondern wachen.
Anne saĂ auf der kleinen Terrasse ihres verwilderten Steinhauses, hoch ĂŒber dem Meer. Tief unten peitschten die Wellen gegen die Felsen. In ihrem Kopf war die Brandung lauter, wilder, beinahe bedrohlich. Wie ein Herzschlag, der sich nicht beruhigen wollte.
Mit geschlossenen Augen stellte sie sich vor, wie jeder Aufprall Gischt in den Himmel schleuderte. Das unaufhörliche Rauschen war wie ihr Leben. Ein ewiges Kommen und Gehen, das keine Ruhe kannte.
Als sie die Augen wieder öffnete, lag das Meer friedlich da, als wĂ€re es eben nicht noch ein wĂŒtendes Tier gewesen. Der Wind trug Salz und Rosmarin herauf und lieĂ die BlĂ€tter der KrĂ€uter leise aneinanderreiben.
Der Laptop auf ihrem SchoĂ summte, als wolle er sie daran erinnern, dass die Welt noch wartete. Doch ihre Finger ruhten still auf der Tastatur, gefangen zwischen Notwendigkeit und Widerstand.
Um sie herum lagen Notizzettel. FlĂŒchtige SĂ€tze, halbe TrĂ€ume und Fragmente aus einer Nacht, in der sie zu lange wach geblieben war.
Einer der Zettel trug ein Wort, das sie nicht bewusst geschrieben hatte.
Rachel.
Anne starrte es an, als hĂ€tte jemand anderes ihre Hand gefĂŒhrt. Sie knĂŒllte den Zettel halb zusammen, lieĂ ihn dann aber doch liegen.
Ihr Blick glitt ĂŒber den Horizont.
Alles war still.
Zu still.
Aus dem Augenwinkel meinte sie eine Bewegung zwischen den KrÀutern zu sehen. Doch als sie den Kopf drehte, war da nur ein Schmetterling, der ins Leere flatterte.
Am Waldrand, dort, wo die BĂ€ume dichter standen, erschien fĂŒr einen Atemzug eine Gestalt.
GroĂ.
Zu groĂ.
Die Schultern breit wie ein TĂŒrrahmen. Reglos auf eine Art, die kein Mensch lange durchhielt. Anne meinte, den Saum eines schweren, dunklen Mantels zu erkennen. Er bewegte sich nicht im Wind, obwohl ringsum Zweige und BlĂ€tter zitterten.
Ein Geruch wehte zu ihr herĂŒber. Kalt und mineralisch. Wie nasser Stein tief unter der Erde.
Anne blinzelte.
Da war nur ein alter Baumstumpf, von Efeu ĂŒberwachsen.
Kuro war aufgesprungen. Sein Fell strÀubte sich, und aus seiner Kehle drang ein tiefes Knurren, das Anne noch nie von ihm gehört hatte.
Dann erklang ein leises Sirren.
Eine Libelle setzte sich direkt auf ihr MacBook. Ihre FlĂŒgel schimmerten wie flĂŒssiges Glas.
FĂŒr einen Herzschlag glaubte Anne, die Zeit bliebe stehen. Im Schimmer der FlĂŒgel meinte sie Spiralen zu erkennen, verschlungen wie alte Gravuren.
Als sie blinzelte, war es nur noch gebrochenes Licht.
Ein Laut, beinahe wie ein geflĂŒsterter Name, wehte durch ihren Kopf. Er war fort, noch bevor sie ihn begreifen konnte.
Ein scharfes Ding-Dong riss sie aus der Starre.
Anne zuckte zusammen.
Die TĂŒrklingel.
Heute?
Hierher verirrte sich nur selten jemand.
Auf der Schwelle stand der Postbote. Sein Gesicht war gerötet, seine Uniform vom Schweià durchtrÀnkt.
âMein Auto ist verrecktâ, murmelte er. âUnd jetzt muss ich den ganzen Weg hochlaufen.â
In seinen HĂ€nden hielt er ein nasses Paket, aus dem Wasser tropfte.
âDas muss ja aus Atlantis kommenâ, sagte Anne, nahm es entgegen und stellte es vorsichtig auf den Tisch.
âKalte Zitronenlimonade?â, fragte sie, ohne nachzudenken.
Er nickte dankbar und wischte sich ĂŒber die Stirn.
Wenige Minuten spĂ€ter saĂ er auf der Terrasse und kaute Kirschkuchen. Ihren Kirschkuchen, fĂŒr den man in der Nachbarschaft angeblich sogar bei dreiĂig Grad mit Winterjacke vor ihrer TĂŒr warten wĂŒrde, nur um ein StĂŒck zu ergattern.
âWas ist denn da drin?â, fragte er und deutete auf das triefende Paket.
Anne betrachtete den Absender.
Ein Antiquariat.
Nocturum.
Der Name weckte in ihr ein undeutliches GefĂŒhl von Vertrautheit. Sie wusste nur nicht, woher. Sie war sicher, dort nie etwas bestellt zu haben.
Sie löste das aufgeweichte Papier. Es riss beinahe von selbst unter ihren Fingern auseinander.
Darin lag ein altes MĂ€rchenbuch.
Der Einband bestand aus dunklem, vom Wasser gezeichnetem Leder. Darauf waren Nixen eingeprÀgt, deren Körper sich zwischen Wellen und verschlungenen Pflanzen bewegten. Feine goldene Linien zeichneten ihre Haare und Flossen nach. Im wechselnden Licht wirkten sie so lebendig, dass Anne beinahe glaubte, leises Lachen zu hören.
Ăber ihnen stand ein Titel in goldgeprĂ€gten Buchstaben. Halb Latein, halb in einer Sprache, die sie nicht kannte.
Cantus Sirenarum.
MĂ€rchen und Lieder der Nixen.
Anne strich mit den Fingerspitzen ĂŒber den Einband. Das Leder war kĂŒhl und ĂŒberraschend schwer. In den Vertiefungen glĂ€nzte Feuchtigkeit, obwohl sie das Buch lĂ€ngst aus der nassen Verpackung genommen hatte.
Es roch nach Salz.
Nicht nach dem hellen, offenen Meer unterhalb ihres Hauses.
Nach tieferem Wasser.
Aus den Schatten am Rand der Terrasse glommen zwei tĂŒrkise Augen.
Kuro.
Er sprang auf den Tisch und nĂ€herte sich dem Buch. Seine Nase schwebte nur wenige Millimeter ĂŒber dem Leder, ohne es zu berĂŒhren.
Dann erstarrte er.
Nicht aus Vorsicht.
Aus Wiedererkennen.
Als hĂ€tte er auf genau dieses Buch gewartet, seit er zum ersten Mal die Schwelle des Hauses ĂŒberschritten hatte.
Anne sah ihn an.
âKennst du das etwa?â
Kuros Ohren zuckten. Sein Blick blieb auf den eingeprÀgten Nixen liegen.
Die KrĂ€uter im Garten neigten sich im Wind, als wĂŒrden sie auf etwas antworten, das nur sie verstanden. Anne zog das Buch nĂ€her zu sich.
FĂŒr einen Moment glaubte sie, tief in seinem Inneren Wasser rauschen zu hören.
Der Postbote erhob sich schwerfĂ€llig. Er bedankte sich und warf einen letzten sehnsĂŒchtigen Blick auf den Kirschkuchen, bevor er den Weg hinabging.
Anne blieb zurĂŒck.
Mit dem Buch.
Mit dem Sirren der Libelle in den Ohren.
Mit einem Kater, der das Cantus Sirenarum nicht aus den Augen lieĂ.
Und mit einem Namen, der noch immer auf dem Zettel neben ihrem Laptop stand.
Rachel.








