Wie es weiter ging…
Meyra sah mich mit großen Augen abwartend an. Ich lächelte, weil sie mich in diesem Augenblick so an ihre Mutter erinnerte.
Auch Alice hatte früher nie genug von den Geschichten bekommen.
»Also ist Malum Noir gar nicht böse?«, fragte sie und ich seufzte.
»Weißt du, niemand ist nur böse oder nur gut. Wir alle machen Fehler, oder Dinge, die andere als böse bezeichnen würden«, erklärte ich.
»Na ja… aber Malum Noir… also Dean wurde ja nur böse, weil ihm alles genommen wurde und Morgana seine Familie zerstört hat«, gab Meyra zurück. »Und selbst Esmeralda hat sich gegen ihn gestellt.«
»Hat sie das wirklich?«, fragte ich und Meyra zögerte.
Ich sah, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete und sie nach der richtigen Antwort suchte. So als säße sie im Unterricht und Miranda hätte ihr eine Frage gestellt.
»Dean hat Esmeralda nie erzählt, was er herausgefunden hat. Hätte er ihr die Beweise gezeigt, hätte auch Esmeralda sich dafür eingesetzt, dass Morgana ihre gerechte Strafe erhält. Nicht auf die Art, wie Dean es gewollt hat, aber immerhin hätten die Geschwister Gerechtigkeit bekommen«, sagte ich und Meyra runzelte die Stirn.
»Aber er hat ihr nicht länger vertraut«, sagte sie und ich nickte.
»Dean war irgendwann so in seinem Hass und seiner Wut gefangen, dass er nicht mehr ausbrechen konnte. Er entwickelte einen solchen Hass auf Morgana und auch auf den Rat und auf sich selbst.«
»Wieso auf sich selbst?«
»Tief in seinem Inneren, gab er sich die Schuld am Tod seines Vaters und auch am Tod seiner Mutter«, sagte ich und Meyra schüttelte den Kopf.
»Aber er war doch gar nicht schuld!«
»Natürlich nicht. Aber er fühlte sich so, denn in seinem Kopf hat er sich ausgemalt, dass er seinen Vater hätte aufhalten können, das Haus zu verlassen. Als seine Mutter verstarb, war er nicht da gewesen. Er hat viel gearbeitet und war nie da. In seinen Augen, hätte er es verhindern können.«
»Hätte er aber nicht. Jaro hätte Morgana auch wann anders zur Rede gestellt und es wäre aufs Gleiche hinausgelaufen. Loelia hätte dann trotzdem aufgegeben«, sagte Meyra und ich seufzte leise.
»Wahrscheinlich«, sagte ich und Meyra blickte einen Moment nachdenklich drein.
»Woher weißt du das alles?«, fragte sie mich dann. »Ich meine… nirgendwo steht das aufgeschrieben und du warst ja nicht wirklich dabei.«
»Du kannst deiner Grandma glauben. Sie hat eine einzigartige Verbindung zu Esmeralda und ihrer Familiengeschichte. Und in der Meisterrangabteilung findest du irgendwann auch diesen Teil der Geschichte.«
Ich drehte mich um und lächelte, während Meyra schon aufsprang.
»Grandpa!«, rief sie und warf sich ihm sofort in die Arme. »Wie lange bist du schon da?«
»Eine Weile. Ich kam pünktlich zum Teil mit der Bannung«, antwortete er und sah mich grinsend an. »Nächstes Mal sagst du mir bitte Bescheid, wenn du die Geschichte erzählst. Ich habe noch nie den Anfang gehört!«
Ich lachte. »In der Meisterrangabteilung steht ein Buch, wo alles drinsteht«, sagte ich und er ließ sich seufzend auf den Sessel fallen.
»Aber ich hasse es zu lesen. Du erzählst das viel spannender!«
»Ich erzähle es genauso, wie es auch im Buch steht. Immerhin ist das Buch von mir«, gab ich zurück und Meyra kicherte.
»Kannst du auch noch den Rest erzählen? Also was danach passiert ist? Nachdem Malum Noir gebannt wurde?«
Ich zögerte. Meyra war 16 Jahre und ich wusste, dass sie die Geschichte sowieso bald im Unterricht durchnehmen würden.
Aber auch Alice hatte ich damals die Geschichte schon vorher erzählt. Damit sie wusste, was die Rolle ihrer Eltern dabei gewesen war.
Ich sah zu Carter, der gedankenverloren und nachdenklich auf einen Punkt in der Ferne sah, den nur er sehen konnte.
»Weißt du Meyra… im Unterricht nehmt ihr dieses Thema bald durch. Da wird Miranda euch noch genaustens erzählen, was geschehen ist«, sagte ich und meine Enkeltochter verzog schmollend das Gesicht.
»Aber ich kann dir die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erzählen. Was hälst du davon?«, fragte ich und Meyra sah mich mit großen Augen an.
»Aus welchem?«, fragte sie und ich wechselte einen kurzen Blick mit Carter. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem kurzen Lächeln, als er nickte.
»Aus der Sicht von Malum Noir«, sagte ich und sah Meyra an. »Ich erzähle dir, was in ihm vorging. Was seine Beweggründe waren und wieso es am Ende so geendet ist, wie es geendet ist.«
Meyra riss die Augen weit auf. »Das kannst du?«
»Wie gesagt, deine Grandma hat eine einzigartige Verbindung zu ihrer Familiengeschichte«, sagte Carter und nahm meine Hand.
Ich lächelte leicht und sah unsere Enkeltochter an. »Willst du die Geschichte hören?«
»Ja!«, sagte sie und sah mich gespannt an.
Ich sah noch einmal zu Carter und gab ihm zu verstehen, dass er auch gerne gehen konnte. Aber er lächelte nur kurz und lehnte sich zurück.
Er wusste, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Und er war bereit dafür.
Also fing ich an zu erzählen…
Er spürte es. Seine Kräfte. Sie wurden stärker. Er wurde stärker.
Irgendwo auf der Welt musste ein Bluthexe geboren worden sein. Eine Bluthexe aus Esmeraldas Linie.
Es war nur ein winzig kleiner Funken, aber er war da. Noch hatten sich die Kräfte nicht wirklich manifestiert. Aber sie würden sich manifestieren.
Er würde frei sein. Nach all den Jahren Gefangenschaft, wäre er endlich wieder frei.
Malum Noir spürte, wie auch Esmeraldas Kräfte wieder anschwollen. Nach all der Zeit, war sie noch immer an seiner Seite.
Aber er würde nicht zulassen, dass sie sich ihm in den Weg stellte. Nicht noch einmal.
Dieses Mal würde er gewinnen. Dieses Mal würde er keine Gnade haben.
Die Welt sollte erzittern, wenn er aus seinem Gefängnis ausbrach. Er würde die Welt im Sturm erobern.
Aber er hatte aus seinen Fehlern gelernt.
Er würde sich seine Untergebenen dieses Mal besonders gut aussuchen. Er spürte, dass es da draußen noch einige Magier gab, die seinen Namen kannten.
Die wussten, dass Malum Noir sie in eine neue Welt führen würde.
Er konnte die dunkle Magie spüren, die angewendet wurde. Er spürte die Vernichtung. Die Wut.
Er musste diese Magier zu sich rufen. Ihnen Anweisungen erteilen. Sie mussten diese Bluthexe finden und sie zu ihm bringen.
Malum Noir spürte, wie Esmeralda sich wehrte. Wie sie versuchte seine anwachsende Magie zu zügeln. Sie ihm zu entziehen, um selbst stärker zu werden.
Aber Malum Noir würde das nicht zulassen. Er würde genauso kämpfen, wie sie es tat. Und er würde siegen.
Er würde aus seinem Gefängnis ausbrechen.
Aber noch musste er sich gedulden. Noch musste er warten, bis die Kräfte der Bluthexe stärker wurden. Sie brauchbar wurde.
Und solange würde er seine Untertanen zu sich rufen. Sie anweisen, was zu tun war. Er wollte, dass alles für seine Rückkehr vorbereitet und perfekt war.
Malum Noir spürte, wie seine Kräfte wieder schwächer wurden. Er verlor an Macht. Dafür wuchsen Esmeraldas Kräfte und sofort konzentrierte er sich darauf, seine Kräfte zurückzubekommen.
Sie würde nicht gewinnen. Nicht noch einmal. Nie wieder.
Malum Noir wusste nicht, wie lange er nun schon gegen die Bluthexe ankämpfte. Waren es zehn Jahre? Hunderte? Tausende?
Er wusste nur, dass es viel zu lange war. Es war ein ständiges Hin und Her. Ein Hin und Her, zwischen gewinnen und verlieren. Leben oder sterben.
In vielen Momenten war es aber auch ein Gleichgewicht. Ein Gleichgewicht, in dem er und Esmeralda gemeinsam kämpften und nicht gegeneinander.
Dann, wenn ihre Kräfte gleichmäßig waren, dann spürte er, dass sie nicht gegen ihn kämpfte, sondern mit ihm.
Dass sie, genauso wie er, aus diesem Gefängnis ausbrechen wollte.
Wann immer er schwächer wurde, versorgte sie ihn mit Magie, das konnte Malum Noir spüren. Doch jetzt, hatte sich etwas geändert.
Jetzt kämpfte sie wieder gegen ihn. Stärker als jemals zuvor.
Jetzt, wo auch sie spüren konnte, dass eine Bluthexe aus ihrer Linie das Licht der Welt erblickt hatte.
Und sie wusste, dass nur eine Bluthexe ihrer Linie ihn befreien konnte. Und Malum Noir würde alles daransetzten, dass dies geschah.





![The Moon's Weapon : the cursed mate [ MOVING TO GALATEA]](https://cdn-gcs.inkitt.com/vertical_storycovers/ipad_123f31099804e79c6de11657975bcaae.jpg)



Guter Einstieg mit Olivia und Carter als Großeltern....🥰🥰🥰
Hier wird deutlich, wer wem die Geschichte erzählt. Wie Petra schon vermutet hat, habe auch ich das am Anfang der Geschichte von Esmeralda. Ich hätte mir gewünscht, das es im ersten Buch deutlicher ersichtlich wäre.
Schön, das sie ihrer Enkelin alles erzählt. Carter und Olivia haben es also geschafft, ihre Liebe war stark genug. Schön ❤️
Dann sind die Geheimnisse von Morgana doch noch irgendwie ans Tageslicht gekommen?!🤔