Das kleine Streichholz
Spirit Knights. So nennt man uns in dieser Welt. Wir sind Tamer – auserwählte Personen, die durch einen Bund mit mächtigen Elementarwesen verschmolzen sind, um die menschlichen Siedlungen und großen Städte an vorderster Front gegen die unbarmherzigen Horden der Monster zu verteidigen. Jeder, der hier etwas erreichen will, braucht einen Spirit an seiner Seite, der wie eine zweite Seele in der Brust brennt. Und vor allem braucht man ihn, um nicht von der Akademie zu fliegen, denn ein Tamer ohne Partner ist hier schlicht nutzlos.
Heute stand das wöchentliche, gemeinsame Training auf dem Hauptplatz der Königlichen Ritterakademie an. Die Sonne brannte unbarmherzig vom blauen Himmel herab, doch die Hitze, die von den beschworenen Wesen ausging, war von ganz anderer Natur. Überall auf dem weitläufigen Platz glühten Flammen auf, zischten Windhosen und schlugen Blitze ein, während die Spirits förmlich um die Aufmerksamkeit der Elite-Kadetten buhlten.
Mein Bruder Viek war einer von ihnen. Ein leuchtendes Beispiel für Disziplin und rohe Kraft. Er war groß, muskulös, und wenn er auch nur ansatzweise sein Mana fließen ließ, glichen seine Flammen einem ungezähmten Flächenbrand, der alles verschlang. An seinem Rücken entfalteten sich stolz feine Feenflügel, die von Natur aus mit lebendigen, lodernden Feuerstrukturen durchzogen waren – ein atemberaubender Anblick, wie er für unsere Elfennation typisch war, in der jeder stolz seine ganz eigene, farbige Markierung trug. Viek war der unumstrittene Stolz der Akademie, der Musterschüler, auf den alle Dozenten große Stücke hielten.
Ich hingegen existierte nur am äußersten Rand dieses Spektakels.
Isoliert, vergessen von der Masse und mit eingezogenem Kopf stand ich an der hintersten Begrenzung des Trainingsplatzes. Vor mir ragte eine alte, von Brandspuren gezeichnete Zielscheibe aus Holz auf. Mehrere hundert Meter trennten mich von ihr. Ein eisiger, tückischer Seitenwind fuhr mir durch die langen silbernen Haare, zerrte an dem Stoff meiner schnöden Akademie-Uniform und ließ meine zarten, glasartig reinen Elfenflügel unwillkürlich leicht aufzucken. Während jeder andere Elf farbige, stolze Muster in seinen Flügeln trug, war ich ein Albino – völlig farblos, durchsichtig und ohne einen einzigen Hauch von Leben darin. Ein optischer Makel, der den Wind jeden regulären Schuss zu einem Glücksspiel machen ließ.
Ich schloss die Augen und versuchte, die Geräusche um mich herum auszublenden – das Lachen der anderen Kadetten, das Brüllen der Elementarwesen, das stolze Rufen in der Ferne. Ich konzentrierte mich ganz auf mein Inneres. Ich zwang das rebellische, unruhige Mana in meinen Adern zur erzwungenen Ruhe.
Doch es war jedes Mal dasselbe. Sobald das Mana in Richtung meines Herzens strömte, prallte es gegen eine unsichtbare, eiserne Wand. Die Manablockade, die wie ein Fluch auf mir lag. Sie schnürte mir die Luft ab, dämpfte meinen Puls und erlaubte es mir schlicht nicht, Magie jenseits von Level 3 zu wirken. Mehr war für mich in diesem Körper einfach nicht vorgesehen. Ein erbärmlicher Witz für einen Elf, der von Natur aus eigentlich eine Affinität zu den elementaren Kräften besitzen sollte.
Ich atmete tief durch, schluckte den Kloß aus Frust und Verzweiflung hinunter, visierte den winzigen roten Punkt im Zentrum der Scheibe an und flüsterte die Worte leise vor mich hin:
„Flame Arrow.“
Auf der Sehne meines magischen Bogens manifestierte sich ein winziger, fast schmächtiger Feuerpfeil. Kein prunkvolles Inferno, keine gigantische Explosion, die jemanden beeindrucken konnte. Nur ein Hauch von Hitze. Ich ließ die Sehne los.
Der Pfeil zischte fast lautlos durch den heftigen Wind. Er tanzte kurz mit den Böen, korrigierte sich wie von Zauberhand selbst und traf mit einer absolut unerbittlichen, mechanischen Präzision voll ins Schwarze. Mitten ins Herz der Zielscheibe. Ein leises Knacken, als das Holz splitterte.
„Schon wieder diese elende Pfeilnummer, Liam?“
Eine tiefe, vertraute und doch Schmerz auslösende Stimme durchschnitt die Luft. Viek trat aus dem dichten Pulk der Kadetten hervor, die Hände lässig in die Hüften gestützt, seine feurigen Flügel summten leicht im Takt seines Atems.
„Wen willst du mit diesem Kindergarten eigentlich beeindrucken?“ Vieks Blick war so scharf wie eine Klinge. „Die Spirits hier wirken eher gelangweilt von deinen mickrigen Funken. Sie lachen innerlich über dich. Du brauchst doch nur einen ganz normalen, netten Partner, um die Mindestanforderungen zu erfüllen und nicht zu fliegen. Aber mit diesem Level-Drei-Geklimper... du machst es dir selbst nur schwer. Gib die Akademie endlich auf und geh nach Hause.“
Seine Worte trafen mich tiefer als jeder physische Hieb. Sie brannten sich in mein Gedächtnis, schwer und vernichtend.
Viek wollte nicht, dass ich hier bin. Das war der einzige Grund für seine Härte. Er wollte mich schützen, wollte mich von diesem Schlachtfeld fernhalten, auf dem ich seiner Ansicht nach nur eine Belastung war. Das wusste ich irgendwo tief in meinem verletzten Inneren, wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war. Doch jedes Mal, wenn er es aussprach, wenn er mich vor versammelter Mannschaft so demütigte, fühlte es sich an, als würde er mir eigenhändig das Herz herausreißen.
Ich senkte den Blick, biss mir so fest auf die Unterlippe, bis ich einen Hauch von Eisen auf der Zunge schmeckte, und ballte die Hände zu Fäusten. Ich durfte hier jetzt keine Schwäche zeigen. Ich durfte vor den roten Augen der anderen Kadetten nicht weinen.
„Wie langweilig.“
Der Tonfall war so unerwartet, so jenseitig, dass die Zeit auf dem Platz für einen Herzschlag schien einzufrieren. Es war eine tiefe, samtweiche Stimme, die man nicht bloß mit den Ohren wahrnahm – sie vibrierte direkt in den Knochen, ließ das Mark in meinen Beinen erstarren.
Eine Hitzewelle, so rein, so erdrückend und mächtig, dass sie die gewöhnliche Luft augenblicklich verbrennen ließ, fegte über den Platz. Vieks High-Class-Spirits – die menschenähnlichen Elementarwesen, die sich eben noch stolz an ihn geschmiegt hatten – quiekten plötzlich panisch auf. Ihre feurigen Haare sträubten sich, sie wichen entsetzt zurück und pressten sich dann zitternd und winselnd ganz eng an Viek, unfähig, auch nur einen klugen Gedanken zu fassen.
Sogar Viek, der unerschütterliche Musterschüler, wich unwillkürlich einen ganzen Schritt zurück. Die Farbe wich komplett aus seinem Gesicht, seine Augen weiteten sich vor ungläubigem Schrecken.
Ich riss den Kopf herum und hielt den Atem an.
Durch das schwere, eiserne Haupttor des Trainingsgeländes schritt eine Gestalt, deren bloße Anwesenheit die Gesetze dieser Welt zu sprengen schien. Silbernes Haar, durchzogen von lebendigen, flammenden Strähnen, die wie flüssiges Magma glühten und im Wind tanzten. Augen wie brennendes, flüssiges Gold, die eine Jahrtausende alte, grausame Arroganz ausstrahlten.
Der Gott der Flammen persönlich. Burn.
Ein Raunen ging durch die Menge. Und dann traf mich seine tiefe, samtweiche Stimme, die so unerträglich despektierlich über den Platz hallte:
„Wie langweilig.“
In diesem Moment traf mich die volle Wucht seiner Worte wie ein Schlag in die Magengrube. Das war es also. Mein letzter Funken Hoffnung, doch noch einen ganz normalen, netten Spirit zu finden, um nicht von der Akademie zu fliegen – er war gerade verbrannt. Welcher normale Feuerspirit würde sich jemals freiwillig an mich binden, nachdem der Herr der Flammen höchstpersönlich verkündet hatte, ich sei „langweilig“? Kein Wesen auf dieser Welt würde es wagen, den Zorn des Gottes zu provozieren oder sich mit jemandem einzulassen, den Burn öffentlich als unter seiner Würde abgestempelt hatte.
Er hatte mir nicht geholfen. Er hatte mir jede Zukunft verbaut und mich endgültig zum Gespött gemacht.
In mir brach etwas. Die jahrelange Demütigung, das ständige Gefühl, wertlos zu sein, die Angst vor dem Rauswurf – und jetzt das. Meine Wut kochte über, riss an den Fesseln meiner Manablockade. Respekt, Konsequenzen, Überleben? Scheiß drauf. Mir war in diesem Moment absolut alles egal.
Mit einer abrupten, zornigen Bewegung riss ich meinen Bogen nach oben, zog die Sehne bis zum Zerreißen durch und zielte blind – allein auf das tosende Rauschen in meinen Ohren vertrauend – auf die Quelle dieser arroganten Stimme.
Der Pfeil zischte los. Er schoss mit rasanter, fast rücksichtsloser Geschwindigkeit quer über den Platz – direkt an der makellosen Wange des Gottes vorbei. So knapp, dass die Druckwelle und die Glut des Projektils die Haare an Burns Schläfe versengten und die Luft hinter ihm augenblicklich zu flirren begann.
Erschrecktes, keuchendes Entsetzen riss die umstehenden Kadetten aus ihrer Schockstarre.
Burns goldene Augen weiteten sich für einen winzigen Wimpernschlag vor blankem, ungläubigem Erstaunen, als der Feuerpfeil haarscharf an seinem Gesicht vorbeiraste und tief in die schattige Finsternis hinter der Trainingsmauer einschlug.
„Er... hat er gerade den Gott der Flammen angegriffen?! Ist der komplett dem Wahnsinn verfallen?!“ stammelte jemand aus vorderster Reihe mit schriller Stimme. Panik breitete sich aus.
Doch in genau diesem Moment, während noch alle wie gelähmt dastanden, ertönte ein schrilles, grauenhaftes Kreischen direkt aus dem Schatten hinter Burn.
Ein lauernder, formloser Schatten schoss aus der Deckung hervor – ein Manabeißer. Ein heimtückisches, blinderähnliches Monster, dessen Biss sich wie Gift in den Energiekreislauf frisst und selbst die stärksten Spirits für Wochen komplett außer Gefecht setzt. Und das Biest hatte in blindem Hass direkt auf Burns ungeschützte Flanke gezielt.
Mein Pfeil hatte im Bruchteil einer Sekunde genau das Richtige getan. Mitten im Sprung hatte er den leuchtenden Manakern des Monsters durchbohrt. Das Vieh zerfiel augenblicklich zu feiner, glühender Asche, die vom Wind fortgetragen wurde.
Ich atmete schwer, meine farblosen Feenflügel zitterten wild vor Adrenalin, und ließ den Bogen in meiner Hand sinken. Ich drehte mich langsam auf dem Absatz um und warf dem Gott der Flammen einen eisigen, unnachgiebigen Blick zu, in dem jede Furcht wie weggeblasen schien.
„Gern geschehen“, spuckte ich ihm entgegen, meine Stimme zitternd vor aufgestautem Adrenalin und bitterer Wut. „Ich geh dann mal weiter langweilig sein.“
Ich wandte mich ab, wollte an ihm vorbeigehen. Einfach weg von diesem Platz, weg von Viek, weg von den tausend starrenden Augenpaaren.
Doch ich kam nicht einmal einen einzigen Schritt weit.
Eine Hand – heiß wie geschmolzenes Eisen und schwer wie Blei – schloss sich mit unerbittlicher, eiserner Präzision fest um mein Handgelenk. Die Hitze, die von ihm ausging, schoss augenblicklich durch meinen gesamten Arm, raubte mir mit einem Schlag die Luft zum Atmen und ließ meine farblosen Flügel vor Schreck wild aufzucken.
„Wer hat dir eigentlich erlaubt zu gehen, kleines Streichholz?“
Burns Stimme klang plötzlich völlig verändert. Kein Hauch von Langeweile lag mehr darin. Stattdessen loderte in diesen goldenen Augen ein unersättliches, fast wildes Feuer, das mich augenblicklich an den Boden fesselte. Es war ein Blick, der Besitz ergriff.
Bevor ich auch nur einen Laut von mir geben, geschweige denn nach Luft schnappen konnte, zog er mich mit unwiderstehlicher Kraft an sich heran. Die Welt um uns herum schien in diesem Augenblick zu verschwimmen, die Geräusche der Akademie versanken in einem tiefen, dumpfen Rauschen. In der Ferne schrie Viek meinen Namen – ein panischer, warnender Tonfall, der jedoch vollständig in den Flammen erstickte, die plötzlich explosionsartig und in einem gewaltigen Kreis um uns herum emporschossen.
Burn beugte sich herab, seine Züge gefährlich nah an den meinen.
Und bevor ich auch nur im Ansatz begreifen konnte, wie uns geschah, presste er seine brennenden, weichen Lippen auf die meinen.
Es war kein sanftes Berühren. Es war ein lodernder Eid, ein unauslöschlicher Stempel.
Eine Flutwelle von so reiner, ungezähmter und absoluter Feuerenergie strömte in diesem Moment durch den Kuss direkt in meinen Körper. Sie fegte durch meine Adern, traf auf die eiserne Barriere meiner Manablockade – und sprengte sie mit einem gewaltigen, schmerzerfüllten und doch wundersamen Ruck in tausend Stücke.
Ich stolperte heftig rückwärts, als er mich schließlich knapp losließ, und mein Herz hämmerte wie ein wild gewordener Vogel gegen meine Rippen. Als Nebeneffekt der entfesselten Macht fingen meine sonst so leblos-farblosen Feenflügel plötzlich an, in einem feinen, golden-purpurnen Schimmer zu pulsieren – gezeichnet von der Essenz des Feuergottes.
Der Gott des Feuers... er hatte es tatsächlich getan. Ich konnte es einfach nicht fassen, mein Gehirn lehnte sich gegen die Realität auf. Er hatte eine Spirit-Tamer-Bindung initiiert. Er hatte sich freiwillig an mich gebunden.
An mich – das kleine, schwache, farblose „Streichholz“, das doch eigentlich nur einen ganz normalen, netten Spirit gesucht hatte, um nicht von der Akademie zu fliegen.
Die harten, verblüfften Gesichter auf dem Trainingsplatz wandelten sich in Echtzeit. Aus dem initialen Schock wurde Entsetzen – und aus Entsetzen purer, greifbarer Neid.
Ein Raunen ging durch die Menge der Kadetten, gefolgt von einem beklemmenden, hasserfüllten Raunen. Burn war der mächtigste, begehrteste Feuerspirit des gesamten Reiches. Jahrelang hatten die besten Tamer, die Söhne reicher Adelsfamilien und die stolzesten Elite-Krieger versucht, seine Aufmerksamkeit zu erregen, geschweige denn eine Bindung einzugehen. Und jetzt? Jetzt hatte sich the God of Flames ausgerechnet das schwächste, mickrigste „Streichholz“ der Akademie ausgesucht.
Selbst Viek, der sonst so gefasste Musterschüler, starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an, während sich seine Hände krampfhaft zu Fäusten ballten. Nicht aus Wut auf mich – das spürte ich in diesem Moment tief in meinem Magen –, sondern aus blanker Sorge. Er wusste genau, was das hieß.
Mit diesem Kuss hatte Burn mir kein Geschenk gemacht. Er hatte mir eine Zielscheibe auf den Rücken gezeichnet, die größer nicht sein konnte.








