VIK-TO’RIA
VIKTORIA
Es sei ein galaktisches Erbe, hatten sie gesagt. Eine unschätzbare strategische Allianz für das Haus van Bergen.
Die Reise hierher war furchtbar. Injektionen vor jedem Sprung, kotzen hinterher. Die Stasis hier war noch das Angenehmste. Aufzuwachen, sich die Seele aus dem Leib zu kotzen, um dann zu erfahren, dass alles umsonst war, war dennoch unangenehm.
Niemand hatte mir gesagt, dass Warlord Voss das emotionale Spektrum eines frisch gegossenen Betonblocks besaß, vergeben war und dass die anderen Warlords mich ansahen, als wäre ich ein besonders lästiges Ungeziefer, das man versehentlich auf seinen polierten Obsidianboden geschleppt hatte.
„Der Nährwert dieser Zubereitung tendiert gegen null“, erklang eine tiefe, resonant geschliffene Stimme hinter mir.
"Das ist mir neu."
„Sie verschwenden organische Ressourcen, um Moleküle in einer ästhetischen Form anzuordnen, die keinerlei energetischen Mehrwert bietet. Eine typisch menschliche Ineffizienz.“
Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen, bevor ich mich langsam umdrehte. Das Dessert war mein letzter Versuch, Voss doch noch für mich zu gewinnen.
Er schon wieder. Ich hatte seinen Blick beim ersten Lunch mit Voss ertragen. Mir blieb wirklich nichts erspart.
Neben mir stand Commander Solon, der von dem Lady Mei sagte, sein Haus ist so arrogant wie ihres, reine Zeitverschwendung. Der läßt sich nicht mit Menschen ein. Sie musste es wissen. Meine Familie bezog alle Informationen von ihrer.
Mittlerweile war mir fast alles egal. Ich zeigte zumindest genügend Engagement, falls meine Familie doch noch einen Wert in mir sah.
Seine hellblaue Haut schimmerte kalt. Sie war, genau wie die von Voss, durchzogen von den silbernen, geometrischen Glyphen. Er war riesig, breitbeinig und trug seine Arroganz zur Schau.
Seine strahlenden, eisblauen Augen sahen mich abwertend an. Das war nichts Neues für mich. Alle in meiner Familie taten es immer, wenn ich einen Fehler machte. Man stumpft ab über die Zeit.
„Es ist ein Dessert, Commander Solon. Die Effizienz besteht darin, es zu genießen und nicht über sie nachzudenken“, sagte ich und zwang meine Stimme in den geschulten, samtigen Tonfall der mir beigebracht wurde.
Ich strich mir eine Strähne meines blonden Haares hinter das Ohr und faltete meine Hände vor meinem roten Seidenkleid.
„Es geht nicht um den Nährwert. Es geht um Genuss. Eine Kategorie, die in Ihrer Welt vermutlich als Systemfehler gilt.“
„Genuss ist eine biochemische Illusion zur Belohnung primitiver Überlebensinstinkte“, erwiderte er gleichgültig. Er trat näher, und mit jedem seiner schweren, lautlosen Schritte zog sich mein Magen etwas enger zusammen.
"Sicher", erwiderte ich und sah rüber zu Voss, bei dem Vespera stand. Die Glückliche. Es war sowieso sinnlos, etwas hinterherzutrauern, dass ich nie wollte.
„Name: Vik-to’ria van Bergen. Aktueller Status: Anwerben eines Warlords. Identifizierte Qualifikation: Ernährungswissenschaften. Eine Disziplin zur Dekoration von Nahrungsmitteln wie es scheint."
Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg.
Atmen, Vik. Denk an Regel Nummer eins.
Lass dir von niemandem anmerken, dass du kurz davor bist, den Verstand zu verlieren und nicht weißt, was du hier eigentlich tust.
„Es heißt Viktoria“, korrigierte ich ihn. „Der Name läßt sich ganz kurz aussprechen. Meine Familie...”
„Ihre Familie hat ein minderwertiges humanoides Exemplar auf diese Station geschickt, in der naiven Hoffnung, Warlord Voss durch orale Nährstoffvariationen zu ködern“, unterbrach er mich eiskalt.
Ich hätte es ähnlich, aber anders formuliert. Sie schickten mich, weil ich noch nicht verheiratet war, aber alt genug.
Er blieb knapp einen Meter vor mir stehen. Die schiere Hitze, die von seinem blauen Körper ausging, widersprach seiner frostigen Ausstrahlung auf eine Weise, die mich wütend machte.
„Commander Voss befehligt ein Spire. Er benötigt keine Köchin mit einem Diplom in dekorativer Molekularbiologie.“
„Ich bin keine Köchin!“, zischte ich, und die sorgfältig gepflegte Fassade der perfekten Aristokraten-Tochter bekam einen gewaltigen Riss. „Ich habe an der Elite-Akademie von Genf studiert! Ich verstehe die biochemische Zusammensetzung von...”
„Sie sind Unzulänglich“, sagte er schlicht. Sein Ton klang nicht einmal wie eine Beleidigung. Für ihn war es eine mathematische Gleichung. Ein Fakt.
2 + 2 = Viktoria ist wertlos.
„Eine Fehlkalkulation der Erde. Und Sie stehen mir im Weg.“
Er sah an mir vorbei zu Voss. Ich hatte die letzten zwei Stunden damit verbracht, mich in Voss’ Sichtfeld zu positionieren, jedes Lächeln zu timen und meine Worte wie eine erfahrene Diplomatenschachspielerin zu setzen.
Dieser blaue Bürokrat in Rüstung machte alles mit drei Sätzen zunichte. Weil er recht hatte. Mein Vater hatte mir vor dem Abflug kalt in die Augen gesehen und es gesagt.
„Komm nicht ohne ein Bündnis zurück, Viktoria. Du bist nur eine von vierzehn Kindern. Enttäusche uns, und die Erde hat keinen Platz mehr für dich.“
Es gab keine Option für einen Rückflug. Sie hatten mir alle Konten gesperrt, bevor ich überhaupt abgereist war. Wenn Commander Voss mich nicht nahm, war ich gestrandet. Auf einem Eisplaneten. Mit einem Diplom für Essen.
„Treten Sie zur Seite", befahl Solon leise, aber mit einer Macht, die die Luft um uns herum vibrieren ließ. „Ich habe taktische Berichte mit dem Commander zu besprechen. Ihre Anwesenheit senkt den Effizienzindex dieses Raumes um vierzehn Prozent.“
Ich bewegte mich keinen Millimeter. Ich starrte ihn an, die Zähne so fest aufeinandergepresst, dass ich mir auf die Lippe biss.
„Nein“, flüsterte ich.
Solon hielt inne. Seine Augen verengten sich und die Glyphen an seinem Hals begannen zu leuchten.
„Was haben Sie gesagt?“
„Ich habe Nein gesagt“, wiederholte ich, während das Selbstmitleid in meiner Brust sich breitmachte, um dann in reine, verzweifelte Wut umzuschlagen. „Gehen Sie um mich herum, Commander Solon. Oder ist Ihr effizienter Körper nicht in der Lage, zwei Schritte nach links zu machen?“
Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte absolute Stille zwischen uns. Solon bewegte sich nicht. Aber die Luft zwischen uns wurde augenblicklich heiß und stickig.
Jetzt verstand ich, was Vespera sagen wollte, als sie meinte, das ihr Commander den Stoff meiner Kleidung in Brand stecken konnte. Es war so heiß, dass ich es mir vom Leib reißen wollte.
Die silbernen Glyphen auf seinem Hals flackerten in einem unruhigen, kalten Weiß auf.
„Ihre verbale Reaktionszeit ist bemerkenswert für ein Wesen mit einem derart limitierten neuralen Netzwerk“, erwiderte er, und seine Stimme triefte nur so vor Hochmut. „Allerdings korreliert Ihre Hartnäckigkeit in keiner Weise mit Ihrem tatsächlichen Nutzen. Sie blockieren mir immer noch den Weg. Treten Sie zur Seite.“
„Ich blockiere gar nichts“, entgegnete ich und machte absichtlich einen Schritt näher an ihn heran, bis ich die unverschämte Hitze unerträglich wurde, die von seiner hellblauen Haut ausstrahlte. „Ich interagiere. Ich knüpfe Kontakte. Das, was man tut, bevor man Verträge unterschreibt. Aber vermutlich ist Ihr Spektrum so überhitzt von all den Logik-Protokollen, dass Sie den Unterschied zwischen Diplomatie und einem Hindernis nicht mehr deuten können.“
Seine eisblauen Augen kniffen sich zusammen. Er beugte sich leicht vor, bis seine Lippen nur noch Zentimeter von meinem Gesicht entfernt waren.
„Sie knüpfen keine Kontakte, Vik-to'ria“, stellte er mit einer Präzision klar, die mich ihn am liebsten anschreien lassen wollte. „Sie strahlen verzweifelte, biochemische Signale in Richtung Commander Voss aus. Es ist ein biologisches Trauerspiel. Ihre Spezies investiert sechzig Prozent ihrer Energie in die Paarungsanbahnung, nur um am Ende festzustellen, dass die genetische Kompatibilität gegen null tendiert. Effizienzgrad: Erbärmlich. Sie sind Unzulänglich.“
„Oh, glauben Sie mir, bei Ihnen würde ich nicht mal die Kompatibilität Ihres Magens mit einer Tasse Kaffee testen“, zischte ich.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, eine Mischung aus purer Wut und der schleichenden Panik, dass er durchschauen könnte, dass ich auf Reserve lief.
„Ein irrelevanter Vergleich. Kaffee ist eine toxische Röstung, die Ihre Nerven nur künstlich stimuliert, um die permanente Erschöpfung Ihrer mangelhaften Physis zu kaschieren. Genau wie dieses Gespräch.“ Er sah demonstrativ auf mich herab. „Ihr Stresslevel steigt. Ihre Herzfrequenz liegt bei einhundertfünfzig Schlägen pro Minute. Sie sind kurz vor einem emotionalen Systemabsturz.“
„Ich fühle mich sehr gt, Commander Solon“, log ich. Ich spürte den Blick von Lady Mei im Nacken, spürte das unsichtbare Gewicht meines Vaters, das mir die Luft abschnürte. Wenn ich hier scheiterte, war ich erledigt. Aber ich würde mich nicht von diesem wandelnden blauen Taschenrechner demütigen lassen.
Ich maß ihn mit einem Blick, der so voller aristokratischer Verachtung war, wie ich es von meinen Eltern gewohnt war. Dann lächelte ich, ein kaltes, süßes, absolut tödliches Lächeln.
„Wissen Sie was? Sie haben absolut recht. Dieses Gespräch senkt meine persönliche Effizienz.“ Ich trat einen Schritt zurück und strich mein rotes Seidenkleid mit einer theatralischen Geste glatt. „Ich spüre eine erhebliche Akkumulation von Überschussspannung. Da mein emotionaler Systemabsturz laut Ihren Berechnungen kurz bevorsteht, werde ich jetzt den einzig logischen Schritt tun.“
Commander Solon hob eine Augenbraue. „Und der wäre?“
Ich legte den Kopf schief, sah an ihm vorbei zu einer Gruppe von Offizieren und ließ meine Stimme absichtlich in ein sanftes, laszives Schnurren abfallen.
„Ich werde mich jetzt umdrehen, zu ihrem Fussvolk dort drüben gehen und ein wenig Energie abbauen. Meine Physis verlangt nach einer sofortigen, intensiven Entspannung. Und die sehen aus, als könnten sie das übernehmen. Ich mache Ihnen den Weg frei. Ersticken Sie an Ihrer Effizienz! Ich bin dann mal beschäftigt.“
Ich wirbelte herum, bereit, ihn mit der verächtlichsten Drehung meines Lebens stehenzulassen.
Ich kam genau einen halben Schritt weit.
Das nächste, was ich spürte, war seine massive, glühend heiße Hand, die sich um meinen Oberarm schloss. Der Griff tat nicht weh, aber er war absolut unnachgiebig.
Solon riss mich herum.
Als meine Augen ihn wieder ansahen, war das Eisblau verschwunden. Seine Pupillen brannten in einem grellen, blendenden Weiß, und die silbernen Glyphen auf seiner Brust pulsierten so heftig, dass mir beim Anblick schwindelig wurde.
Die Luft um uns herum schien zu knistern, geladen mit einer kinetischen Elektrizität, die mir die Haare auf den Armen aufstellen ließ.
Nicht nur ich hatte die Beherrschung verloren.





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Ausgerechnet Solon 😅😂 das wird bestimmt lustig ❤️