Das Mädchen, das den Tod nicht akzeptierte
Mara Vale hatte gelernt, dass der Tod nicht immer endgültig war.
Sie wusste nur noch nicht, welchen Preis man dafür bezahlen musste.
Draußen tobte ein Gewitter.
Regen prasselte gegen die hohen Fenster der verlassenen Akademie, während der Wind durch die alten Gemäuer pfiff. In den oberen Stockwerken war längst niemand mehr.
Doch tief unter dem Gebäude brannte noch Licht.
Zwölf schwarze Kerzen standen auf dem steinernen Boden.
In ihrer Mitte kniete Mara.
Ihr dunkles Haar fiel ihr ins Gesicht. Ihre Hände zitterten, obwohl sie alles dafür tat, ruhig zu bleiben.
Vor ihr lag ein kleines silbernes Medaillon.
Es war alt.
An den Rändern war es zerkratzt und auf der Rückseite befand sich ein winziger Halbmond.
Mara strich mit dem Daumen darüber.
Sie kannte das Medaillon seit ihrer Kindheit.
Ihre Mutter hatte es jeden Tag getragen.
Bis zu ihrem Tod.
Mara schloss die Augen.
„Ich weiß, dass es verboten ist.“
Der Donner draußen ließ die Wände erzittern.
„Ich weiß, dass die Hexen sagen, dass die Toten dort bleiben müssen, wo sie hingehören.“
Eine Kerzenflamme flackerte.
Mara schluckte.
„Aber sie haben nicht verstanden, dass ich sie brauche.“
Ihre Stimme brach.
Sie öffnete die Augen und sah auf das Medaillon.
„Ich brauche meine Mutter.“
Stille.
Dann begann das Medaillon zu schweben.
Mara hielt den Atem an.
Es funktionierte.
Zum ersten Mal seit drei Jahren hatte sie das Gefühl, dass ihre Mutter vielleicht wirklich zurückkommen könnte.
Mara hob beide Hände.
Sofort veränderte sich die Luft.
Die erste Kraft erwachte in ihr.
Magie.
Warm und dunkel zugleich.
Sie spürte, wie sie durch ihre Finger floss.
Dann kam die zweite.
Der Wolf.
Ihre Muskeln spannten sich an. Ihre Sinne wurden schärfer. Plötzlich konnte sie jeden Regentropfen hören, der gegen das Fenster schlug.
Und dann kam die dritte.
Der Vampir.
Ihr Herz schlug einmal.
Noch einmal.
Dann verstummte es.
Mara öffnete die Augen.
Sie waren goldgelb.
Drei Wesen.
Ein Körper.
Eine Existenz, die eigentlich niemals hätte entstehen dürfen.
Sie hob die Hände höher.
„Bei Blut und Knochen.“
Die Kerzen flackerten.
„Bei Erde und Mond.“
Der Boden begann zu vibrieren.
„Bei allem, was lebt und allem, was gestorben ist.“
Das Medaillon begann schneller zu kreisen.
Mara atmete tief ein.
„Ich rufe dich zurück.“
Nichts geschah.
Eine Sekunde.
Zwei.
Drei.
Mara wartete.
Dann erlosch die erste Kerze.
Sie erschrak.
„Nein.“
Die zweite erlosch.
„Bitte.“
Die dritte.
Mara stand auf.
„Nein.“
Die vierte.
Dann die fünfte.
„Bitte, Mama.“
Die sechste.
Alle zwölf Flammen erloschen gleichzeitig.
Absolute Dunkelheit.
Mara hörte nur ihren eigenen Atem.
Dann kam ein Flüstern.
Ganz leise.
So leise, dass sie zunächst glaubte, es sich nur eingebildet zu haben.
„Mara.“
Sie erstarrte.
Ihre Augen weiteten sich.
„Mama?“
Keine Antwort.
Dann wieder:
„Mara.“
Diesmal kam die Stimme direkt hinter ihr.
Mara drehte sich um.
Niemand.
Doch das Medaillon schwebte noch immer über dem Boden.
Und plötzlich begann es zu glühen.
Ein schwarzer Riss erschien mitten in der Luft.
Mara wich zurück.
Der Riss war nur wenige Zentimeter groß.
Doch dahinter war kein Keller.
Keine Wand.
Keine Dunkelheit.
Dahinter lag eine Straße.
Eine Stadt.
Sonnenlicht.
Mara blinzelte.
„Was …?“
Sie trat näher.
Auf der anderen Seite des Risses ging ein junger Mann über eine Straße.
Er blieb plötzlich stehen.
Langsam drehte er sich um.
Und sah direkt zu ihr.
Mara konnte seinen Blick spüren, obwohl zwischen ihnen eine andere Welt lag.
Der junge Mann war ungewöhnlich blass.
Seine Augen waren golden.
Und als die Sonne auf seine Haut fiel, begann sie zu glitzern.
Mara starrte ihn an.
Der Fremde starrte zurück.
Dann sagte er etwas.
Mara konnte ihn nicht hören.
Der Riss war zu klein.
Sie ging näher.
„Was bist du?“
Der Fremde schien ihre Worte zu verstehen.
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich.
Er antwortete:
„Was bist du?“
Mara wich zurück.
„Du kannst mich hören?“
Er nickte.
„Ja.“
„Bist du ein Vampir?“
Der Fremde sah kurz in den Himmel.
Dann wieder zu ihr.
„Ja.“
Mara zeigte auf die Sonne.
„Du stehst im Sonnenlicht.“
„Ja.“
„Du verbrennst nicht.“
„Nein.“
Mara sah auf ihren eigenen Ring.
„Das ist unmöglich.“
Der Fremde lächelte schwach.
„In deiner Welt vielleicht.“
Mara erstarrte.
„Was meinst du?“
Er trat näher an den Riss.
„Du bist nicht in meiner Welt.“
Mara sah ihn an.
„Dann wo bin ich?“
Der Fremde antwortete nicht sofort.
Sein Blick fiel auf das schwebende Medaillon.
Dann wurde er ernst.
„Du hast die Schleuse geöffnet.“
Mara spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Welche Schleuse?“
Der Fremde sah hinter sich.
Zum ersten Mal wirkte er wirklich verängstigt.
„Die, die niemals geöffnet werden durfte.“
Hinter ihm begann der Himmel dunkler zu werden.
Mara sah eine Bewegung.
Dann noch eine.
Schatten erschienen am Horizont.
Hunderte.
Vielleicht Tausende.
Der Fremde drehte sich wieder zu ihr.
„Schließ sie.“
„Wie?“
„Ich weiß es nicht.“
Mara starrte ihn fassungslos an.
„Das ist nicht gerade hilfreich.“
Er sah sie direkt an.
„Dann solltest du besser schnell herausfinden, wie.“
Der Riss begann sich zu vergrößern.
Mara wich zurück.
„Wer bist du?“
Der Fremde sah sie ein letztes Mal an.
„Elias.“
Dann wurde der Riss schwarz.
Mara stand allein im Keller.
Das Medaillon fiel zu Boden.
Sie hob es auf.
Ihre Finger zitterten.
„Elias.“
Sie flüsterte den Namen.
Dann hörte sie etwas hinter sich.
Ein Atemzug.
Mara drehte sich langsam um.
Eine Frau stand am anderen Ende des Raumes.
Dunkles Haar.
Grüne Augen.
Ein silberner Ring an ihrer rechten Hand.
Mara hörte auf zu atmen.
„Mama?“
Die Frau lächelte.
„Du bist groß geworden.“
Mara konnte sich nicht bewegen.
Denn sie wusste, dass ihre Mutter seit drei Jahren tot war.
Und trotzdem stand sie vor ihr.
Lebendig.
Doch hinter ihrer Mutter bewegten sich Schatten.
Sehr viele Schatten.
Und aus der Dunkelheit kam eine männliche Stimme:
„Endlich.“
Mara sah an ihrer Mutter vorbei.
Ein Mann trat ins Licht.
Seine Augen waren vollkommen schwarz.
Er lächelte.
„Du hast die Tür für mich geöffnet.“
Mara hob langsam die Hand.
Ihre Augen wurden golden.
„Wer bist du?“
Der Fremde lächelte noch breiter.
„Das wirst du früh genug erfahren.“
Dann erlosch das letzte Licht.
Und irgendwo zwischen zwei Welten begann etwas zu erwachen.
![The Moon's Weapon : the cursed mate [ MOVING TO GALATEA]](https://cdn-gcs.inkitt.com/vertical_storycovers/ipad_123f31099804e79c6de11657975bcaae.jpg)







