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Die Fluchbrecherin

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Summary

*Sie wurde geschickt, um einen Fluch zu brechen. Vor der Hexe, die ihn ausgesprochen hat, hatte sie niemand gewarnt.* Als Nora den Esoterikladen einer älteren Dame übernimmt, erwartet sie ein ruhiges neues Leben – ein bisschen Räucherwerk, nette Nachbarschaft, vielleicht ein paar exzentrische Stammkundinnen. Was sie nicht erwartet, ist Mira: die geheimnisvolle Frau, die nachts arbeitet, seltsame Kräuter anpflanzt – und ihr vom ersten Abend an den Kopf verdreht. Dann meldet sich ein geheimer Orden bei Nora. Sie besitze eine seltene Gabe: Flüche aufzuspüren. Ein Mann leidet, angeblich zu Unrecht verflucht, und Nora soll die Hexe finden, die diesen Fluch ausgesprochen hat. Während ihre Gefühle für die Nachbarin stärker werden, führt ihre Suche sie durch die ganze Stadt – bis alle Spuren auf einen Ort hinweisen, den sie niemals erwartet hätte. Denn die Hexe, die sie jagen soll, ist kein Monster. Und der Mann, dem sie helfen soll, ist nicht das wirkliche Opfer. Nora muss sich entscheiden – zwischen einem Auftrag, der sie in einen mächtigen Orden zwingt, und einer Liebe, die alles infrage stellt, was sie zu wissen glaubte. *Eine queere Slow-Burn-Romance über Vertrauen, Gerechtigkeit und die Frage, wie weit man für die Wahrheit gehen sollte.*

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
4.0 1 review
Age Rating
16+

Kapitel 1


Der Schlüssel klemmte im Schloss, so wie Frau Arnusch es mir angekündigt hatte.

„Man muss ihn erst nach links drücken und danach drehen“, hatte sie gesagt und mir dabei die Hand getätschelt. So wie es ältere Frauen bei jüngeren machten, denen sie fast schon mütterlich einen Rat mitgaben.

Ich hatte genickt, ohne wirklich zuzuhören. Ich war viel zu aufgeregt gewesen. Immerhin übernahm man nicht jeden Tag einen kleinen, gemütlichen Laden, weil die Besitzerin in Rente ging. Das war ein Abenteuer für mich. Eine Reise ins Leben einer Geschäftsfrau. Ich konnte noch immer nicht ganz glauben, dass Frau Arnusch mir den Zuschlag vor allen anderen Bewerbern gegeben hatte.

Und jetzt stand ich hier im Regen und kämpfte mit einem Schloss, das offenbar seine eigenen Gesetze hatte. Zu heftig wollte ich nicht drehen, nachher brach der Schlüssel ab. Doch mir ging sofort durch den Kopf, dass ich unbedingt das Schloss auswechseln musste.

Als ich schon das Gefühl hatte, vom warmen Sommerregen komplett durchnässt zu sein, machte es endlich Klick und die Tür war offen. Erleichtert zog ich sie auf und betrat das Innere des Ladens.

Es roch nach getrockneten Blumen und altem Holz und irgendetwas, das ich nicht benennen konnte – süßlich, ein bisschen bitter, wie verbrannter Zucker. Frau Arnusch hatte fünfunddreißig Jahre lang hier ihre Kerzen und Räucherstäbchen verkauft, ihre Tarotkarten gelegt, ihren Kundinnen zugehört, die eigentlich nur reden wollten und dafür ein bisschen Magie als Vorwand brauchten. Jetzt gehörte der Laden mir. Mir und den Regalen voller vertrockneter Sträuße, die ich noch nicht wegzuwerfen übers Herz brachte, und einem Geruch, der sich wahrscheinlich erst in einem Jahr aus den Wänden verabschieden würde.

Ich stellte die erste Kiste auf die Theke – Bücher, Kabel, ein Kaktus, der den Umzug bislang tapfer überlebt hatte – und sah mich um. Zwischen den leeren Regalen an der Rückwand klebte noch ein handgeschriebenes Schild: Alles hat seine Zeit. Auch das Loslassen.

Ich nahm es nicht ab. Noch nicht.

Stattdessen zog ich die Schublade unter der Kasse auf, halb aus Neugier, halb weil ich hoffte, dort den alten Ladenschlüssel für den Hintereingang zu finden. Frau Arnusch war sich nicht sicher gewesen, wo sie ihn deponiert hatte. Und ich hatte nicht nachgebohrt. Leider war er nicht dort. Also musste ich wohl doch alles von der Straße aus hereinholen und einmal quer durch das Geschäft schleppen. Aber wenn ich irgendwann eine größere Lieferung von was-auch-immer erhielt, brauchte ich den Schlüssel.

Vorsichtshalber tastete ich die Schublade ab. In Büchern und Kriminalfilmen gab es geheime Verstecke. Davon wusste diese Schublade offensichtlich nichts. Zwischen vergilbten Quittungen und einem Bündel getrockneter Lavendelstängel lag ein kleines, in braunes Papier gewickeltes Päckchen ohne Etikett oder Notiz – nur eine dünne Schnur, fest verknotet, so als hätte jemand nicht gewollt, dass es sich von selbst öffnete. Ich drehte es in den Händen und überlegte, ob ich es aufmachen sollte. Schließlich entschied ich mich dagegen. Es gehörte nicht mir. Selbst wenn es nun mein Laden war, hatte ich dennoch das Gefühl, es müsse Frau Arnusch gehören. Also würde ich es ihr zu gegebener Zeit zurückgeben. Ich legte es wieder in die Schublade und schob sie zu.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich damit, Kisten zu schleppen, während der Regen gegen das Schaufenster trommelte. Ein älterer Herr aus dem Haus gegenüber blieb stehen und musterte das neue Schild. Ich hatte es noch gar nicht aufgehängt, sondern nur auf die Dekorationsfläche gelegt.

Er blickte kurz zu mir herein. „Sie wissen hoffentlich, worauf Sie sich hier einlassen.“

Ehe ich auf den seltsamen Gruß reagieren konnte, ging er schon weiter. Kauziger Kerl. Ich schrieb es seiner Laune zu und arbeitete weiter.

Zunächst putzte ich die zwei Hinterzimmer. Das eine war voller Regale und eindeutig der Lagerraum. Das andere hatte Wasseranschluss und eine kleine Küchenzeile, um Tee zu kochen. Frau Arnbusch hatte ihr Besteck und Geschirr in den Schränken belassen, sodass die älteren Kunden aus dem Viertel sich gleich heimisch fühlen würden.

Ich wischte den Boden, putzte Regale und lüftete auch trotz des Regens. Der ließ heute einfach nicht nach. Dennoch wollte ich es nicht als schlechtes Zeichen werten. Kaum war ich hinten fertig, trug ich die Kisten ins Lager und machte vorn weiter. Aber mit dem Auspacken wollte ich noch warten. Für heute war ich erledigt. Außerdem musste ich noch so einiges in meine neue Wohnung nach oben tragen.

Stöhnend rieb ich meinen Rücken, pustete eine blonde Haarsträhne zur Seite und verschloss alle Fenster. Ich schaltete das Licht aus, ging hinaus und schloss ab. Wieder machte mir das alte Schloss Probleme. Ich sollte wirklich so schnell wie möglich für Ersatz sorgen!

Dann wandte ich mich dem zweiten Hauseingang zu, der wesentlich moderner wirkte als die Ladentür. Hier hatte ich auch keine Probleme mit dem Aufschließen. Ein schmales Treppenhaus führte nach oben zu den zwei Wohnungen, die sich direkt über dem Laden befanden, und weiter hoch zu zwei weiteren Wohnungen, bevor die letzten Stufen zum Dachboden führten. Kurz sah ich zur Kellertür. Dort unten befanden sich der Waschkeller, ein Trockenraum und ein Fahrradkeller. Frau Arnusch hatte mir ihre Waschmaschine überlassen, die zum Glück nicht so alt wie die Frau war. Aber jetzt musste ich erst noch ein paar Kartons in meine neue Wohnung hoch schleppen.

Ich drückte die Haustür zu, griff mir die zwei Umzugskisten und kämpfte mich die schmale Treppe hoch. Zum Glück wohnte ich im ersten Stock direkt über dem Laden. Noch ein Stockwerk höher alle Kisten schleppen zu müssen, hätte mir gerade noch gefehlt.

Meine neue Wohnung hatte drei frisch renovierte Zimmer und ein hübsches kleines Bad. Ein Zimmer und das Bad hatten Fenster, die zum Hinterhof gingen. Die Wohnküche und das zweite Zimmer, wahrscheinlich als Kinderzimmer geplant, hatten Fenster zur Straße.

Als ich mich die Treppe hochkämpfte, stieß ich fast mit einer Frau zusammen, die mit einem Wäschekorb zur Treppe kam. Das war dann wohl meine Nachbarin.

„Oh.“ Sie machte einen Schritt zurück, als hätte sie den Zusammenstoß längst kommen sehen. „Sie müssen die Neue sein.“

„Schuldig.“ Ich balancierte den obersten Karton neu, der gefährlich zu kippen drohte. „Ich bin Nora. Ich übernehme den Laden unten.“

„Ich weiß.“ Sie sagte es nicht unfreundlich, eher amüsiert, so, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass sie das wusste. „Frau Arnusch hat schon erzählt, dass jemand kommt, der ‚frischen Wind‘ reinbringt.“

Mit den Fingern ihrer freien Hand machte sie Anführungszeichen in die Luft, und dabei sah ich sie zum ersten Mal richtig an.

Anfang dreißig, schätzte ich, also in meinem Alter. Dunkles Haar, das ihr in losen Strähnen über die Schulter fiel, als hätte sie es nicht gebürstet, sondern war nur mit den Fingern durchgefahren. Ein Gesicht, das unglaublich hübsch und zart wirkte, zudem etwas Interessanteres hatte. Wache Augen, ein Mund, der aussah, als würde er öfter spotten als lächeln.

Sie lächelte auch jetzt nicht. Nur beinahe. Dennoch reichte es, um mir ein wohliges Gefühl zu vermitteln. Sie gefiel mir. Aber das lag wahrscheinlich auch daran, dass ich den dunkelhaarigen Typ mochte.

„Mira“, sagte sie und stellte den Wäschekorb ab, um mir die Hand zu reichen. Ihr Griff war fest, ihre Haut kühl. Für einen Moment – lächerlich kurz, ich hätte es fast selbst nicht bemerkt – blieb mein Blick an ihren Fingern hängen. An den kleinen, verblassten Narben an den Fingerkuppen. Verbrennungen, vielleicht. Oder Schnitte.

„Was machen Sie eigentlich beruflich?“, fragte ich, mehr um etwas zu sagen als aus echter Erwartung auf eine Antwort.

„Ich arbeite viel nachts“, sagte sie ausweichend. „Beratung, könnte man sagen.“ Sie ließ die Formulierung stehen wie eine Tür, die man einen Spalt offenlässt, ohne die Absicht zu haben, jemanden hereinzulassen.

„Klingt geheimnisvoll.“ Spontan musste ich bei ihrer angenehm dunklen Stimme, die einen überaus erotischen Klang hatte, an Telefonsex denken. Aber das würde ich sie auf gar keinen Fall fragen. Zumindest nicht gleich bei der ersten Begegnung.

„Ist es nicht.“ Ihr Mundwinkel zuckte. „Nur unregelmäßig.“

Einen Moment blickten wir einander an. Sie löste ihre Hand von meiner, und ich errötete. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich sie noch immer festgehalten hatte. Meine Wangen glühten sicherlich. Und da ich honigblonde Haare und helle Haut hatte, sah sie das bestimmt. Das war mir gleich noch peinlicher!

„Willkommen in unserem Viertel“, sagte sie dann. „Die Heizung im zweiten Stock funktioniert nie vor Dezember, der Nachbar im Haus neben mir übt Tuba, und unser Treppenhaus hasst jeden, der nach zweiundzwanzig Uhr noch nach Hause kommt. Aber der Kaffee bei Fatima an der Ecke ist gut, und wenn Sie mal was brauchen ...“ Sie hielt inne, musterte mich, als würde sie kurz überlegen, ob sie den Satz überhaupt beenden wollte. „... klopfen Sie einfach.“

„Mach ich.“ Ich zögerte. „Ich mache am Samstag eine kleine Neueröffnung. Nichts Großes. Wein, ein paar Kerzen, die Nachbarschaft kennenlernen. Kommen Sie gern vorbei – und besser noch, herein.“

Etwas huschte über ihr Gesicht – zu schnell, um es zu deuten. Vielleicht Belustigung. Vielleicht etwas anderes.

„Mal sehen“, sagte sie nur, nahm ihren Wäschekorb wieder auf und verschwand die Treppe hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ich stand da mit meinen Kartons und dachte: Exzentrisch. Das war das Wort, das mir einfiel, wenn ich an ihre rauchige Stimme, die dunklen Locken und das graue Longshirt dachte, das ihre gebräunten, schlanken Beine kaum verbarg. Exzentrisch, ein bisschen unnahbar, mit einem Lächeln, das mehr versprach, als es hielt.

Als ich auf meine Wohnungstür zuschritt, merkte ich, dass ich lächelte. Und dass ich mich dabei ertappte, wie ich mir ausmalte, ob sie am Samstag wirklich kommen würde.



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